Lösungen statt Probleme? Das Konzept der systemisch-lösungsorientierten Beratung nach dem Kurztherapiemodell von Steve de Shazer
Möglichkeiten und Grenzen im Kontext der Anwendbarkeit für die psychosoziale Beratungsarbeit mit Klienten
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Tibor Unger
- Abgabedatum: April 2004
- Umfang: 78 Seiten
- Dateigröße: 420,7 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8642-6
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8642-6 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8642-6 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Unger, Tibor April 2004: Lösungen statt Probleme? Das Konzept der systemisch-lösungsorientierten Beratung nach dem Kurztherapiemodell von Steve de Shazer, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Familientherapie, Systemtheorie, Kybernetik, Lösungsorientiert, Beratung
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Diplomarbeit von Tibor Unger
Einleitung:
Die Anregung zur Beschäftigung mit dem Thema entstand durch ein Praktikum in der sozialpädagogischen Familienberatungsstelle, einem Projekt der Freien Universität Berlin. Diese Einrichtung orientiert ihre sozialpädagogische Arbeit an Erkenntnissen, Modellen und Methoden der systemischen Familientherapie, um sie in der psychosozialen Beratung mit Einzelpersonen, Paaren und Familien umzusetzen.
Psychosoziale Beratung erfordert individuumübergreifende (system-)theoretische Konzepte. Selbst wenn ’nur’ ein einzelner Klient in die Beratung kommt, kann man ihn in seinem sozialen Kontext betrachten und gedanklich die für den Klienten wichtigen Systeme mit in die Beratung einbeziehen. Die systemische Familienberatung ist nicht pathologieorientiert, sondern ressourcenorientiert, setzt also bei den in der Familie vorhandenen Ressourcen an, die gemeinsam mit ihr aktiviert werden. Die Klienten bestimmen dabei ihre Ziele selbst und versuchen gemeinsam mit dem Berater , neue Lösungswege zu finden und zu erproben. In diesem Sinne kann Beratung als Hilfe zur Selbsthilfe verstanden werden, in dem sie die Selbstheilungskräfte der Klienten, die in einer akuten Lebenskrise verloren gingen, reaktiviert.
Bei der Auseinandersetzung mit den theoretischen und praktischen Erkenntnissen der systemischen Familientherapie und Beratung wurde ich auf das Konzept der lösungsorientierten Beratung aufmerksam, das auf dem Kurztherapiemodell Steve DE SHAZERs und seinem Team vom Brief Family Therapy Center (BFTC) in Milwaukee (USA) basiert. Einer der wichtigsten Grundsätze besteht hier in der Annahme, dass – entgegen traditioneller Vorstellungen – Ursache, Genese und Art der Aufrechterhaltung von Problemen nicht bekannt sein müssen, um eine Lösung erreichen zu können.
Der Ansatz beinhaltet Vorschläge zur Einteilung des Beratungsprozesses in Phasen sowie zur Gestaltung der Kommunikation mit Klienten. Der Fokus in der lösungsorientierten Beratung richtet sich konsequent auf Informationen über vergangene, gegenwärtige und zukünftige Lösungen und auf das Entdecken zieldienlicher Ressourcen. WALTER/PELLER (1999) beschreiben eine mit diesem Grundsatz korrespondierende Ausrichtung auf das Positive, auf die Lösung und auf die Zukunft. Deshalb soll man sich auf lösungs-orientiertes Sprechen konzentrieren und nicht auf problem-orientiertes (ebd. S. 53).
Ausgehend von dem Zitat DE SHAZERs „Problem talk creates problems, solution talk creates solutions!“ (vgl. Schlippe/Schweitzer 2000, S. 35) entstand der Titel der vorliegenden Arbeit Lösungen statt Probleme? Das Konzept der systemisch - lösungsorientierten Beratung nach dem Kurztherapiemodell von Steve de Shazer. Der Untertitel Möglichkeiten und Grenzen im Kontext der Anwendbarkeit für die psychosoziale Beratungsarbeit mit Klienten wurde hinzugefügt, um der Darstellung und Betrachtung eine kritische Auseinandersetzung innerhalb der vorhandenen Literaturquellen bezüglich dieses lösungsorientierten Modells hinzuzufügen.
Das Ziel dieser Arbeit ist es, die systemtheoretischen Gedanken darzustellen und die Implementierung der vorhandenen Theorien im psychosozialen-beraterischen Kontext mit verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten darzustellen. Im Anschluss daran soll das lösungsorientierte Modell DE SHAZERs eingehend betrachtet und auf Möglichkeiten und Grenzen hin untersucht werden. Im Detail folgt diesem Ziel folgende Logik des Aufbaus:
Nach einer kurzen Einleitung beschäftigt sich zunächst das zweite Kapitel mit den in der Literatur immer wieder synonym verwendeten Begriffe Beratung und Therapie. Diese Unterscheidung erscheint am Anfang dieser Arbeit sinnvoll, da im Folgenden die Begriffe konsequent angewendet werden können und somit Missverständnisse von vornherein verhindert werden.
Das dritte Kapitel widmet sich ausschließlich den systemtheoretischen Grundlagen. Deren Implikationen für die Entwicklung einer systemischen Sichtweise in der Familientherapie und Beratung, sowie weitere ausgewählte Modelle der systemischen Praxis, die für die Darstellung des lösungsorientierten Konzeptes bedeutsam sind, werden im vierten Kapitel vorgestellt. In diesem Kontext werden vor allem das strategische Modell der Palo-Alto-Gruppe um WATZLAWICK und WEAKLAND, sowie das Mailänder Modell von SELVINI PALAZZOLI u.a. vorgestellt.
Im fünften Kapitel wird dann das Konzept der lösungsorientierten Beratung, das auf dem Kurztherapiemodell Steve DE SHAZERs basiert, dargestellt. Hierbei werden folgende Fragen berücksichtigt:
Weshalb scheint es sinnvoll, sich diesem Beratungskonzept zufolge, allein auf Lösungen und Ressourcen zu konzentrieren?
Welche Grundprinzipien und Leitlinien sind – hinsichtlich der Abwendung von der Problemanalyse - mit diesem Konzept verbunden?
Welche methodischen Elemente stellt das lösungsorientierte Modell bereit, um auch lösungs- und ressourcenorientiert vorgehen zu können?
Wie gestaltet sich der lösungsorientierte Beratungsprozess?
Möglichkeiten und Grenzen des lösungsorientierten Konzeptes im Hinblick auf psychosoziale Beratung werden abschließend im Hinblick auf die Fachliteratur im sechsten Kapitel reflektiert.
Den Abschluss dieser Arbeit bildet die Schlussbemerkung im siebten Kapitel, in der eine persönliche Bilanz, die die theoretischen Erkenntnisse mit den Erfahrungen in der praktischen Anwendung verbindet.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 1.1 | Hintergrund der Themenwahl | 1 |
| 1.2 | Aufgabenstellung, Ziel und Gliederung der Arbeit | 2 |
| 2. | Beratung und Therapie | 5 |
| 2.1 | Unterscheidung und Abgrenzung | 6 |
| 2.2 | Fazit | 8 |
| 3. | Systemtheoretische Grundlagen | 9 |
| 3.1 | Historischer Kontext | 9 |
| 3.2 | Merkmale und Regeln von Systemen | 10 |
| 3.3 | Kybernetik | 10 |
| 3.4 | Homöostase | 12 |
| 3.5 | Autopoiese | 13 |
| 3.6 | Konstruktivismus | 15 |
| 4. | Systemische Sichtweisen in der Familientherapie | 18 |
| 4.1 | Das strategische Modell der Palo-Alto-Gruppe | 19 |
| 4.1.1 | Interventionstechnik Reframing | 20 |
| 4.1.2 | Vorgehensweise | 21 |
| 4.2 | Das Mailänder Modell | 23 |
| 4.2.1 | Hypothetisieren, Zirkularität und Neutralität | 24 |
| 4.2.2 | Vorgehensweise | 28 |
| 4.3 | Auf dem Weg zur Lösung | 30 |
| 5. | Modell der lösungsorientierten Kurztherapie und Beratung | 34 |
| 5.1 | Steve de Shazer und das BFTC | 34 |
| 5.1.1 | Therapie als Konversation | 37 |
| 5.1.2 | Der Einfluss Milton Ericksons | 37 |
| 5.2 | Die Leitlinien und Grundprinzipien | 38 |
| 5.2.1 | Lösungen statt Probleme | 42 |
| 5.2.2 | Der humanistische Hintergrund | 42 |
| 5.3 | Methodik des BFTC – der lösungsorientierte Beratungsprozess | 43 |
| 5.3.1 | Teil 1 | – Sequenz 1: Feststellen des Anliegens |
| 5.3.2 | Teil 1 | - Sequenz 2: Exploration der Ausnahmen |
| 5.3.3 | Teil 1 | – Sequenz 3: Die Wunderfrage |
| 5.3.4 | Teil 1 | – Sequenz 4: Die Skalierungsfrage |
| 5.3.5 | Teil 2: Die Konsultationspause | 53 |
| 5.3.6 | Teil 3: Mitteilen der Botschaft | 53 |
| 5.3.7 | Zweite und folgende Sitzungen | 57 |
| 5.3.8 | Abschluss der Beratung | 60 |
| 6. | Möglichkeiten und Grenzen des lösungsorientierten Konzepts | 62 |
| 6.1 | Möglichkeiten | 62 |
| 6.2 | Grenzen | 64 |
| 7. | Schlussbetrachtung | 67 |
| 8. | Literaturverzeichnis | 70 |
Die Berater sollten hierbei in ihrer hierarchisch übergeordneten Position verbleiben und sich nicht von den Versuchen der Familie ablenken lassen, die Kontrolle aufzugeben und sich auf die Position eines Familienmitgliedes zu begeben. Für die Berater ist es von entscheidender Bedeutung, sich aus dem (Familien-) Spiel herauszuhalten, denn „[...] derjenige, der das Spiel mitspielt, hat es schon verloren.“ (Selvini Palazzoli et al. 1977, S. 47). Da das Spiel die ganze Familie in einem Paradoxon gefangen hält, entwickelte das Mailänder Forscherteam die bereits erwähnte Technik des Gegenparadoxons, um Familien zu helfen. Hierbei handelt es sich um Verhaltensverschreibungen, die in sich paradox sind und es so der Familie unmöglich machen, das Spiel nach den bisher gültigen Regeln weiterzuspielen. Mitte der siebziger Jahre kam es - durch den Einfluss der kommunikationstheoretischen Erkenntnisse BATESONs - zu einem Prozess des Umdenkens bei der Mailänder Gruppe. Man begann zu erkennen, dass das entscheidende System, um das es in der Therapie geht, nicht aus Personen, sondern aus Information und Kommunikation besteht. Die Vorstellungen von Macht und Kontrollierbarkeit des Familiensystems in der Therapie verlor an Bedeutung und wurde kritisch hinterfragt. Die Betonung lag von nun an auf der Gewinnung von Informationen, die sich aus der Interaktion der Familienmitglieder während der Sitzungen herauskristallisierten. [...]
(Weakland et al. In: Textor 1998, S. 57f.) Eine Umdeutung besteht also darin, den begrifflichen und gefühlsmäßigen Rahmen, in dem eine Sachlage erlebt und beurteilt wird, durch einen anderen zu ersetzen, der den Tatsachen der Situation ebenso gut oder sogar besser gerecht wird, und dadurch ihre Gesamtbedeutung ändert. Diese Interventionstechnik findet in nahezu allen systemischen Beratungskonzepten ihre Anwendung. „Durch die Darbietung einer neuen Beschreibung der Problemsituation werden die Klienten zu einer neuen Sichtweise der Vorgänge geführt. Diese Sicht mag nützlich an sich sein und/oder nützliche Veränderungen im beobachtbaren Verhalten mit sich bringen.“ (Weakland et al. In: Textor 1998, S. 57) [...]
langen Prozess von Sozialisation und damit verbundener Versprachlichung als real anzusehen gelernt. „Systeme konstruieren gemeinsame Wirklichkeiten als Konsens darüber, wie Dinge zu sehen sind. Die gemeinsame Sichtweise davon, was als ’Wirklichkeiten’ in einem System erlebt wird, ist sehr weitgehend bestimmend für Glück oder Unglück, Zufriedenheit oder Unzufriedenheit.“ (Schlippe/Schweitzer 2000, S. 89). Die Übertragung systemtheoretischer Erkenntnisse auf den therapeutischen Bereich hat in den fünfziger und sechziger Jahren in den USA begonnen. Mehrere Forschergruppen begannen, sich mit Familien zu beschäftigen und entwickelten dabei Vorstellungen von Regelzusammenhängen innerhalb der Familien. Psychische Krankheit wurde nicht mehr als individuelle Problematik, sondern als Ausdruck der Struktur der Beziehungen innerhalb der Familie gesehen. Die Anwendung der Erkenntnisse der systemtheoretischen Ansätze innerhalb des therapeutischen Bereichs wird im nächsten Kapitel eingehend betrachtet. [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832486426
Arbeit zitieren:
Unger, Tibor April 2004: Lösungen statt Probleme? Das Konzept der systemisch-lösungsorientierten Beratung nach dem Kurztherapiemodell von Steve de Shazer, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Familientherapie, Systemtheorie, Kybernetik, Lösungsorientiert, Beratung



