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Literarische Entwürfe zur gesellschaftlichen Stellung der Frau in Frank Wedekinds Dramen "Erdgeist" und "Die Büchse der Pandora"

Literarische Entwürfe zur gesellschaftlichen Stellung der Frau in Frank Wedekinds Dramen "Erdgeist" und "Die Büchse der Pandora"
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Martin Bäumer
  • Abgabedatum: Dezember 1998
  • Umfang: 98 Seiten
  • Dateigröße: 4,9 MB
  • Note: 1,6
  • Institution / Hochschule: Universität Hamburg Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-2667-5
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-2667-5 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-2667-5 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Bäumer, Martin Dezember 1998: Literarische Entwürfe zur gesellschaftlichen Stellung der Frau in Frank Wedekinds Dramen "Erdgeist" und "Die Büchse der Pandora", Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Wedekind, Lulu, Erdgeist, Monstretragödie

Magisterarbeit von Martin Bäumer

Einleitung:

In der vorliegenden Arbeit werden die literarischen Entwürfe zur gesellschaftlichen Stellung der Frau in Frank Wedekinds Dramen 'Erdgeist' und 'Die Büchse der Pandora' untersucht. Zunächst soll eine kurze Definition des Begriffs 'gesellschaftliche Stellung' erfolgen. Danach werden die einzelnen Arbeitspunkte und die Vorgehensweise zur Klärung der Fragestellung erläutert.

Der Begriff der 'Gesellschaft' wird „als Summe von Individuen, die durch ein Netzwerk sozialer Beziehungen miteinander in Kontakt und Interaktion stehen, bzw. als Summe der sozialen Wechselwirkungen“ definiert. Die 'Stellung' oder die 'soziale Position' eines Individuums ist dabei „ein 'Platz' in einer Gesellschaft oder Gruppe [...]; [sie] wird oft als der statische Aspekt einer Rolle bezeichnet; die gesellschaftliche Definition einer sozialen Position impliziert, daß ihre Träger bestimmten Verhaltenserwartungen ausgesetzt sind“. Eine Frau kann damit als Mitglied der Gesellschaft die Erwartungen erfüllen und eine 'angesehene' oder auch 'notwendige' Stellung einnehmen; sie kann sich aber auch den Forderungen verweigern und eine gesellschaftliche Stellung okkupieren, die ihr normalerweise nicht zugestanden wird oder die sie selbst neu definiert.

Die literarischen Entwürfe zur gesellschaftlichen Stellung der Frau sollen mit Hilfe der Hauptfigur der Dramen, Lulu, dargestellt werden. In der Arbeit wird nachgewiesen, dass die Lulu-Figur eine sich selbst bewusste und nach Autonomie strebende Frau repräsentiert, der von den sie umgebenden Männern aber der Status eines Objektes zu- und damit der Status eines Individuums abgesprochen wird. Die Männer beanspruchen die Verfügungsgewalt über das 'Objekt' Frau, wobei Lulu in der Sicht der Männer zunächst Sexualobjekt und später ökonomisches Objekt ist. Dieser Anspruch kollidiert mit Lulus Streben nach Autonomie; sie ist nicht bereit, ihren Anspruch auf Selbstbestimmung aufzugeben und nutzt die verschiedenen von den Männern verlangten Rollen, um ihre eigenen Vorstellungen so weit wie möglich durchzusetzen.

Gang der Untersuchung:

Im ersten Hauptuntersuchungspunkt wird daher die gesellschaftliche Stellung der Frau durch die Darstellung der verschiedenen sozialen Rollen erläutert, die Lulu in den (Ehe)Beziehungen spielt: Kindfrau bei Goll, gesellschaftskonforme Ehefrau bei Schwarz und 'inzestuöse' Geliebte bei Alwa. Lulu versucht durch die Aneignung und Interpretation dieser Rollen ihre gesellschaftliche Stellung im positiven Sinn zu beeinflussen und ihren Anspruch auf Autonomie vor allem im Bereich der Sexualität geltend zu machen. Ein besonderes Augenmerk der Untersuchung liegt dabei auf dem Aspekt, inwieweit Lulu diese Rollen interpretiert, wo Abweichungen und Erweiterungen vorliegen, und wo sich Lulu herkömmlichen Erwartungen in bezug auf die von ihr gespielten Rollen verweigert oder sie vielmehr eine Rolle völlig neu definiert.

Die Beziehung zwischen Lulu und Schigolch soll im Rahmen dieses Arbeitspunktes gesondert unter dem Aspekt der Rolle Lulus als mythologischem Wesen betrachtet werden. Hierbei muss zwischen der realen gesellschaftlichen Rolle, die die Figur im Drama spielt, und der Rolle, die die Rezipienten in die Figur hineinprojezieren, unterschieden werden. In diesem Zusammenhang erfolgt auch eine Analyse des Prologs zum 'Erdgeist' und eine Auseinandersetzung mit der These, Lulu vertrete den dramatischen Typus der 'Femme Fatale'.

Im nächsten Teil der Untersuchung steht das Verhältnis zwischen Lulu und Schön im Mittelpunkt. Am Beispiel dieser Beziehung wird die (Un)Möglichkeit einer gleichberechtigten Beziehung zwischen den Geschlechtern nachgewiesen. Während Schön Lulus Wunschpartner und eine (letztendlich legale) Beziehung zu ihm von Anfang an ihr Ziel ist, begehrt Schön wie die anderen Männer auch das Sexualobjekt Lulu und ist nicht bereit, sie als Individuum anzuerkennen und ihren Autonomieanspruch zu akzeptieren. Auch Schön will seinen Herrschaftsanspruch über Lulu behaupten, was zur Auseinandersetzung mit ihr und letztendlich zur Niederlage Schöns führt. Der Unterschied zu seinen Vorgängern Goll, Schwarz und Alwa besteht darin, dass Schön in der Lage wäre, Lulu und ihre Ansprüche zu akzeptieren und sie damit als Subjekt und nicht als Objekt wahrzunehmen; da er dazu nicht bereit ist, fällt das Scheitern der Beziehung in seine Verantwortung. In der Untersuchung wird bis zu diesem Punkt als Textgrundlage überwiegend der 'Erdgeist' herangezogen; die folgenden Arbeitsschritte basieren hauptsächlich auf der Textgrundlage der 'Büchse der Pandora'.

Im vierten Punkt der Arbeit zeigt sich, daß der Verlust Schöns in bezug auf Lulus gesellschaftliche Stellung eine Zäsur darstellt: war sie vorher gesellschaftlich anerkannte Ehefrau eines von ihr ausgewählten Mannes, so ist sie jetzt eine flüchtige Mörderin. Für Lulu beginnt damit der soziale Abstieg, was sich auch im Wechsel der Sichtweise der Männer in bezug auf das 'Objekt' Lulu äußert; war sie bisher als Sexualobjekt begehrt, so wird sie jetzt als ökonomisches Objekt benutzt. Gleichzeitig erweist sich die Aufrechterhaltung ihres Autonomieanspruches als unmöglich; durch ihre ökonomische Abhängigkeit von den Männern wird Lulu schließlich in die Prostitution und damit verbunden in ihren Untergang gedrängt. Dies wird am Beispiel der Beziehungen Lulus zu Alwa, Rodrigo und Casti-Piani nachgewiesen. Im Rahmen dieses Punktes wird auch auf die im zweiten Aufzug der 'Büchse der Pandora' auftretenden weiteren weiblichen Figuren, insbesondere auf die Figur der Geschwitz, eingegangen, wobei letztere aber nur in ihrer Beziehung zu Lulu und nicht als eigenständige Figur betrachtet wird.

Abschließend wird in diesem Punkt Lulus Begegnung mit Jack analysiert; der Mörder Lulus ist dabei der Mann, der sie sowohl als Sexualobjekt wie auch als ökonomisches Objekt betrachtet und durch den Mord an ihr den totalen Anspruch des Mannes in bezug auf die Verfügungsgewalt über die Frau verwirklicht. Hier soll verstärkt auf die 'Monstretragödie' von 1894 Bezug genommen werden, da Wedekind die Mordszene aus zensurtechnischen Gründen stark zurücknehmen musste. Im Rahmen dieses Punktes wird auch auf die historische Figur des Jack-the-Ripper eingegangen und als zeitgenössische medizinische Abhandlung Krafft-Ebings 'Psychopathia sexualis' herangezogen. Der abschließende Teil der Arbeit wird eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse präsentieren und einen Ausblick auf weiterführende Fragestellungen geben.

Als Textgrundlage wird sich die Arbeit auf die von Wedekind autorisierten Ausgaben von 'Erdgeist' und 'Die Büchse der Pandora' von 1913 beziehen. Auf die älteren Fassungen, insbesondere die 'Monstretragödie' wird nur in besonderen Fällen zurückgegriffen; dies geschieht vor allem dann, wenn die durch den Autor vorgenommenen Veränderungen für die Argumentation von Bedeutung sind. Entsprechende Abweichungen in bezug auf die Textgrundlage werden in der Arbeit ausdrücklich gekennzeichnet, um Missverständnisse zu vermeiden.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
1.1 Gang der Untersuchung 1
1.2 Zur Entstehungsgeschichte der Lulu-Dramen 5
1.3 Soziale Erscheinungsformen der Frau um 1900 10
1.3.1 Die Stellung der Frau in der Familie 10
1.3.2 Sexualität in der Gesellschaft um 1900 12
1.3.3 Formen weiblichen Widerstandes 18
2. Die gesellschaftliche Stellung der Frau am Beispiel der verschiedenen (Ehe)Beziehungen Lulus 21
2.1 Lulus Rolle als Kindfrau am Beispiel der Ehe mit Goll 21
2.2 Lulus Rolle als gesellschaftskonforme Ehefrau am Beispiel der Ehe mit Schwarz 25
2.3 Lulus Rolle als 'inzestuöse' Geliebte am Beispiel ihrer Beziehung zu Alwa 34
2.4 Lulus Rolle als mythologisches Wesen am Beispiel ihres Verhältnisses zu Schigolch 39
3. Die (Un)Möglichkeit der gleichberechtigten Beziehung zwischen Frau und Mann am Beispiel der Beziehung zwischen Lulu und Schön 47
4. Die gesellschaftliche Stellung der Frau am Beispiel der ökonomischen Abhängigkeit Lulus von den Männern 60
4.1 Die ökonomische Abhängigkeit der Frau vom Mann am Beispiel der Ehe zwischen Lulu und Alwa 60
4.2 Die Ausbeutung der weiblichen Arbeitskraft am Beispiel der Beziehung zwischen Lulu und Rodrigo 65
4.3 Die gesellschaftliche Stellung der Frau als Handelsware am Beispiel der Beziehung zwischen Lulu und Casti-Piani 70
4.4 Die Unterdrückung des weiblichen Anspruchs auf Autonomie am Beispiel von Lulus gesellschaftlicher Stellung als Prostituierte 74
4.5 Die gesellschaftliche Stellung der Frau als sexuelles und ökonomisches Objekt am Beispiel der Ermordung Lulus durch Jack 78
5. Die Lulu-Figur - ein literarischer Entwurf zu einer möglichen gesellschaftlichen Stellung der Frau als einem selbstbestimmten Individuum? 82
6. Literaturverzeichnis 87

Arbeit zitieren:
Bäumer, Martin Dezember 1998: Literarische Entwürfe zur gesellschaftlichen Stellung der Frau in Frank Wedekinds Dramen "Erdgeist" und "Die Büchse der Pandora", Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Wedekind, Lulu, Erdgeist, Monstretragödie

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