Lebenswelt Internet - Onlinesucht bei Jugendlichen und mögliche Konsequenzen für die Soziale Arbeit
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Anja Riemenschneider
- Abgabedatum: März 2007
- Umfang: 76 Seiten
- Dateigröße: 421,3 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Evangelische Fachhochschule Hannover Deutschland
- Bibliografie: ca. 50
- ISBN (eBook): 978-3-8366-2547-0
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Riemenschneider, Anja März 2007: Lebenswelt Internet - Onlinesucht bei Jugendlichen und mögliche Konsequenzen für die Soziale Arbeit, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Internetsucht, Onlinesucht, Jugendliche, Soziale Arbeit, Suchtprävention
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Diplomarbeit von Anja Riemenschneider
Einleitung:
‘In China grassiert die Internetsucht’ war eine Schlagzeile der Tageszeitung ‘Die Welt’ am 17. Januar 2007. Natürlich kann man sagen, dass China weit weg und nicht mir der Bundesrepublik Deutschland zu vergleichen ist. Trotzdem denke ich, dass diese Aussage ein Hinweis ist auf eine weltweite Entwicklung, die noch sehr unerforscht ist.
Bei der Internetsucht handelt es sich um eine relativ neue und umstrittene Sucht. Die Meinungen der Fachwelt teilen sich bei der Frage nach der Existenz diese Sucht. Das hat verschiedene Gründe, die im Verlauf meiner Arbeit herausgestellt werden. Das Internet ist nicht das einzige Medium, das ein Suchtpotenzial beinhaltet. In den Bereich der Verhaltenssüchte fallen auch noch andere Süchte nach Medien. Beispiele dafür wären die Nachrichtensucht, Fernsehsucht, Videosucht, Computersucht und die Abhängigkeit von Computer- und Videospielen. Diese Aufzählung hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sie kann beliebig fortgesetzt werden.
Meiner Meinung nach ist ein Zusammenhang zwischen der Computer- und der Internetsucht zu sehen. Auch wenn sich diese unterscheiden, haben sie gemeinsame Ansätze. Es gibt verschiedene aktuelle Bezüge auch in Deutschland zum Themenkomplex Jugend – Computer – Internet. Beispiele dafür wären die immer wiederkehrenden Diskussionen in der Politik mit dem Gegenstand Jugendschutz und Computerspiele. Seit Jahren wird diskutiert, ob die Möglichkeit besteht, diesen effektiver zu gestalten. Außerdem werden meiner Meinung nach andere gesellschaftliche Probleme und Missstände leichtfertig auf einen bestimmten Bereich der Computerspiele geschoben. Auch dieser Aspekt wird in meiner Arbeit kurz erwähnt.
Es gibt verschiedene Studien zum Thema Internetsucht. Allerdings sind diese im Einzelnen nicht miteinander vergleichbar, da sie auf unterschiedliche Gesichtspunkte ausgerichtet sind. Hinzu kommt, dass sie zum größten Teil regional begrenzt sind. Das bedeutet, dass trotz der unterschiedlichen Studien kein internationaler Vergleich möglich ist. Obwohl die erste Studie bereits im Jahr 1996 in den USA durchgeführt wurde, ist die Forschung auf diesem Gebiet noch nicht sehr weit entwickelt. Die meisten Studien beschäftigen sich zudem nur mit dem Anteil der Internetnutzer, die süchtig sind, und nicht mit den Ursachen und Hintergründen der Sucht.
Aufgrund dieser Tatsache habe ich mich entschieden, meine Diplomarbeit zu dem Thema Internetsucht mit der besonderen Beachtung ihrer Auswirkungen bei Jugendlichen zu verfassen. Der Stand der bisherigen Forschung ist vergleichbar mit der Infrastruktur des Hilfesystems in diesem Bereich. Beides befindet sich noch im Anfangsstadium.
Deshalb werde ich sowohl die bisher durchgeführten Studien als auch den Auf- und Ausbau eines flächendeckenden Hilfesystems betrachten.
Um das volle Ausmaß von Internetsucht und ihren Folgen für den Betroffenen verstehen zu können, werde ich zuerst den Begriff Sucht definieren. Dabei unterscheide ich in zwei Bereiche, stoffgebundene und stoffungebundene Sucht. Im danach folgenden Teil werde ich näher auf die Internetsucht eingehen. Im Vordergrund sollen die spezifischen Charakteristika der Internetsucht stehen. In diesem Teil werde ich auch erklären, worin das Suchtpotenzial des Internets liegt. Ich habe mich eingehend mit einer Studie beschäftigt, die den Zusammenhang zwischen einer psychischen Störung und der Internetsucht erforschen will. Deshalb werde ich diese vorstellen. Es kommt hinzu, dass diese Studie sehr aktuell ist, sie ist im letzten Jahr veröffentlicht worden.
Anschließend werde ich auf die Betroffenen eingehen. Gemäß des Titels meiner Arbeit werde ich Jugendliche gesondert betrachten. Dabei stellt sich die Frage, zu welchem Zweck Jugendliche das Internet benutzen und warum dieses Medium eine solche Faszination auf sie ausübt. Um diese Frage ausreichend klären zu können, bedarf es einer Betrachtung der Lebensphase Jugend. Dabei stelle ich die Besonderheiten dieser Altersgruppe vor.
Aus diesen verschiedenen Bereichen ergeben sich mögliche Konsequenzen für die Soziale Arbeit. Um diese darstellen zu können, werde ich zunächst eine Definition von Sozialer Arbeit vorstellen. Es folgen eine Beschreibung des bisher aufgebauten Hilfesystems und praktische Beispiele. Mit diesen möchte ich die Möglichkeiten aufzeigen, mit denen einer Internetsucht durch die Soziale Arbeit entgegengewirkt werden kann. Dabei stellt sich heraus, dass einige Bedingungen erfüllt sein müssen, dies zu ermöglichen.
Zur Vereinfachung und Förderung des Leseflusses verwende ich in dieser Arbeit die im normalen Sprachgebrauch übliche männliche oder weibliche Schreibweise.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | EINLEITUNG | 2 |
| 2. | DEFINITION SUCHT | 4 |
| 2.1 | Stoffgebundene Süchte | 4 |
| 2.2 | Stoffungebundene Süchte | 6 |
| 2.3 | Fazit | 9 |
| 3. | INTERNETSUCHT | 10 |
| 3.1 | Charakteristika der Internetsucht | 12 |
| 3.2 | Der Zusammenhang von pathologischer Internetnutzung und psychischen Störungen - Ergebnisse einer aktuellen Pilotstudie | 19 |
| 3.3 | Fazit | 24 |
| 4. | BETROFFENE | 26 |
| 4.1 | Jugendliche | 26 |
| 4.2 | Fazit | 30 |
| 5. | GESELLSCHAFTLICHE BEDINGUNGEN | 32 |
| 5.1 | Lebenswelt | 32 |
| 5.1.1 | Familie | 35 |
| 5.1.2 | Schule | 38 |
| 5.1.3 | Freizeit und Gesellschaft | 41 |
| 5.2 | Fazit | 48 |
| 6. | KONSEQUENZEN FÜR DIE SOZIALE ARBEIT BEZÜGLICH DER INTERNETSUCHT | 49 |
| 6.1 | Definition Sozialer Arbeit | 49 |
| 6.2 | Das Hilfesystem für Internetabhängige | 51 |
| 6.3 | Ignoranz ist keine Lösung! Wie Soziale Arbeit im Bereich der Hilfe für Onlinesüchtige tätig werden kann | 54 |
| 6.3.1 | Soziale Arbeit und das Internet - Das Erstellen einer Internetseite gemeinsam mit Jugendlichen am Beispiel des Jugendclubs Allach | 57 |
| 6.4 | Fazit | 60 |
| 7. | FAZIT UND STELLUNGNAHME | 67 |
| 8. | LITERATURVERZEICHNIS | 71 |
| 8.1 | Bücher | 71 |
| 8.2 | Internetquellen | 73 |
Textprobe:
Kapitel 5.1.1, Familie:
Ich beziehe mich in diesem Teil meiner Arbeit auf die 15. Shell-Jugendstudie, die 2006 veröffentlicht wurde.
Die Familienstruktur hat sich innerhalb der letzten drei Generationen stark verändert. Es gibt weniger Mehrgenerationenhaushalte, statt dessen bestehen Familien heute oftmals nur noch aus zwei Personen, aus einem Elternteil und dem Kind. Trotzdem haben sie ihre Bedeutung für Kinder und Jugendliche nicht verloren, sie bilden immer noch den wichtigsten sozialen Rahmen, von dem ausgehend andere Lebenswelten erschlossen werden. Bei der Betrachtung des Einflusses der Familie auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen spielen veränderte ökonomische Rahmenbedingungen eine große Rolle, sowie der sozioökonomische Status des Vaters und der Mutter. Das meint im Einzelnen sowohl die finanziellen Ressourcen, als auch den Bildungsgrad und die soziale Anerkennung der Eltern. Bei der Betrachtung eben dieses Status sind starke Differenzen festzustellen. Man kann dabei von einer Dreiteilung sprechen.
Die Situation des unteren Drittels hat sich dabei im Vergleich zu der vor dreißig Jahren stark verschlechtert. Es finden sich hier zum Teil lang anhaltende Arbeitslosigkeit eines oder beider Elternteile, ein niedrigerer Bildungsgrad der Eltern und eine schlechtere Integration in das soziale Umfeld. Bei dem mittleren Drittel verfügt über ausreichend Ressourcen (finanzieller und sozialer Art), und bietet so vergleichsweise günstige Vorraussetzungen für die Entwicklung der Kinder. Dagegen bietet ein Drittel seinen Kindern hervorragende Bildungschancen und Möglichkeiten der sozialen Entwicklung aufgrund von einer sehr guten ökonomischen und sozialen Lage.
Die Unterteilung in diese drei Gruppen weist bereits auf die Zukunftsprognosen der Jugendlichen hin. Familiäre Ausgangsbedingungen prägen ihre gesamte Entwicklung und Lebenseinstellung. Das bedeutet, dass Umgangsformen, Erziehungsstile, Einstellungen zur eigenen Person, zum Körper und zur Gesundheit, Motivation für Bildung und Berufstätigkeit je nach Zugehörigkeit der oben genannten Gruppen sehr unterschiedlich ausfallen können.
Des Weiteren zeichnet sich in den letzten Jahren ein Entwicklung ab, die eher weiter von Familien wegführt. Die Zahl der Eheschließungen nimmt kontinuierlich ab, genauso gibt es viele verheiratete und unverheiratete kinderlose Paare. Die traditionelle vorm von menschlichem Zusammenleben in Familienverbünden scheint regelrecht bedroht zu sein. Deshalb stellt sich die Frage, welchen Stellenwert die Familie für Jugendliche in der heutigen Zeit hat.
Laut der Shell-Studie fällt die Antwort darauf eindeutig aus. Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen sind der Meinung, man bräuchte eine Familie, um glücklich zu sein, fast die Hälfte sagt, dass auch eigene Kinder dazugehören. Damit ist die Familie im Leben von Jugendlichen wieder wichtiger geworden (ein geringer Anstieg um drei Prozent bei den Jungen und ein Prozent bei den Mädchen gegenüber der letzten Studie aus dem Jahr 2002). Der Kinderwunsch ist im Ganzen allerdings gesunken um fünf Prozentpunkte gegenüber dem Jahr 2002.
Interessant ist auch die Betrachtung des Verhältnisses zwischen Jugendlichen und ihren Eltern. Nach den Befragungen geht man seit den 1990er Jahren davon aus, dass dieses eher von einer partnerschaftlichen Beziehung als von einem konfliktreichen Generationenstreit geprägt ist. Aus diesem Grund geschieht die Ablösung vom Elternhaus auch bei der Mehrheit der Jugendlichen nicht im Konflikt, sondern in Absprache mit den Eltern. Seit sich der Erziehungsstil in den 1960er Jahren stark verändert hat, ist dieser heute in der Selbstverantwortung, Rücksichtnahme und der Stärkung der eigenen Entscheidungsfähigkeit der Kinder begründet (statt wie früher in Unterordnung und Gehorsam den Eltern gegenüber). Das äußert sich auch in der Einstellung der Jugendlichen den Eltern und deren Erziehungsstil gegenüber. Mehr als zwei Drittel wollen ihre Kinder später so erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Die sozialen Werte und Normen der Eltern spielen für Jugendliche somit eine wichtige Rolle. Nur sieben Prozent der Jugendlichen berichten von häufigen Meinungsverschiedenheiten mit den Eltern, mehr als ein Drittel kommt versteht sich bestens mit den Eltern. Nur eine Minderheit (3% Jungen, 1% Mädchen) bezeichnet das Verhältnis zu den Eltern als konstant schlecht. Der Alltag der Jugendlichen ist demnach überwiegend von einem harmonischen Umgang miteinander innerhalb der Familie geprägt, wobei bezogen auf die Zugehörigkeit der sozialen Schichten ein Gefälle festzustellen ist. Bei der Oberschicht zugehörigen Familien antwortete fast die Hälfte, sie kämen bestens mit den Eltern aus, bei denen, die der Unterschicht angehören lediglich ein Fünftel. Dieses Ungleichgewicht zeichnet sich auch bei der Konfliktlösung ab. In der Unterschicht kommt es häufiger zu Konflikten, auch die Lösungsstrategien ändert sich mit der Schichtzugehörigkeit. Während in Konfliktsituationen in der Oberschicht eine gemeinsame und partnerschaftliche Lösungsstrategie entwickelt wird, wird in der Unterschicht in diesem Fall meist ein autoritärer Erziehungsstil angewandt. Dabei setzt sich dann einer der beiden Konfliktpartner durch.
Zu diesen Auffälligkeiten wird in der Shell-Studie folgender Erklärungsansatz vorgestellt:
In der sozialen Unterschicht kommt es vermehrt zu vielschichtigen Risikolagen. Dazu zählen hohe Belastungen durch das Wohnumfeld, ein unakzeptabel geringes Einkommen, Arbeitslosigkeit und ein niedriges Bildungsniveau. Diese können sowohl bei den Eltern als auch bei den Jugendlichen zu psychischen und sozialen Belastungen führen. Die Rate der getrennt lebenden oder geschiedenen Eltern ist in den unteren sozialen Schichten bedeutend höher als in den oberen. Das Verhältnis der Eltern untereinander wirkt sich immer auch auf deren Beziehung zu ihren Kindern aus. Sozial benachteiligte Jugendliche verfügen seltener als andere über gute Unterstützungsnetzwerke innerhalb und außerhalb der Familie. In ökonomisch schlechteren Lebenslagen leidet sowohl der Zusammenhalt innerhalb der Familie als auch ihre Einbindung in soziale Netzwerke. Fällt die Familie als soziales Unterstützungssystem vollständig aus, sind die betroffenen Jugendlichen meist bis ins Erwachsenenalter in ihrer Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigt.
Ein weiterer Punkt, mit dem sich die Studie in Bezug auf die Familie beschäftigt, ist der Auszug aus dem Elternhaus. Das Auszugsalter ist dabei weiter gestiegen, nur rund ein Viertel der 12 bis 25-jährigen lebt nicht mehr bei den Eltern. Auch hier zeigen sich wieder sehr deutliche Unterschiede bezogen auf die soziale Schichtzugehörigkeit. Sozial benachteiligte Jugendliche ziehen früher aus dem Elternhaus aus. Die Gründe dafür liegen zum einen im vorher beschriebenen schlechteren Verhältnis zu den Eltern, zum anderen im früheren Einstieg ins Berufsleben. Der späte Auszug aus dem Elternhaus spielt bezogen auf die Betrachtung der Lebenswelt insofern eine wichtige Rolle, als dass er die Gründung einer eigenen Familie verzögert bzw. verhindert. Die lange Abhängigkeit vom Elternhaus und vom Bildungssystem wird in der Bundesrepublik Deutschland noch gefördert, z.B. durch die Zahlung des Kindergeldes bis zum 25. Lebensjahr bei ökonomischer Abhängigkeit von den Eltern.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836625470
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Riemenschneider, Anja März 2007: Lebenswelt Internet - Onlinesucht bei Jugendlichen und mögliche Konsequenzen für die Soziale Arbeit, Hamburg: Diplomica Verlag
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Internetsucht, Onlinesucht, Jugendliche, Soziale Arbeit, Suchtprävention



