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Die Lebenswelt der DDR

Im Spiegel der Filme des DEFA-Dokumentaristen Jürgen Böttcher

Die Lebenswelt der DDR
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Falko Seidel
  • Abgabedatum: Mai 2005
  • Umfang: 135 Seiten
  • Dateigröße: 3,0 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-9728-6
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-9728-6 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-9728-6 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Seidel, Falko Mai 2005: Die Lebenswelt der DDR, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Drittes Reich, Kulturpolitik, 11. Plenum, Neoliberalismus, Propaganda

Diplomarbeit von Falko Seidel

Einleitung:

Neben der Beschäftigung mit Aktenarchiven besteht ein wichtiger Teil der Aufarbeitung von DDR-Geschichte in der Auseinandersetzung mit dem Kino der DEFA. Die Hauptfrage lautet hier: Wie repräsentiert sich die ostdeutsche Lebenswelt im DEFA-Film? Für eine soziologische Auseinandersetzung mit ostdeutscher Realität liegt es nahe, Filme zu wählen, die sich einer ideologischen Indoktrination durch die Staatsmacht, die im Film ein Propaganda- und Erziehungsinstrument sah, weitestgehend entziehen. Des Weiteren bieten dokumentarische Filme einen breiten Forschungsgegenstand und können direkter auf Realität verweisen als fiktionale Filme. Nimmt man diese beiden Ansprüche zusammen, so stößt man unweigerlich auf den Dokumentarfilmer Jürgen Böttcher, der mit neuen Akzenten ab den 1960er Jahren die ostdeutsche Dokumentarfilmschule entscheidend mitprägte. Böttcher setzte sich über die in den 50er Jahren gängige propagandistische Darstellung von Arbeit als ein dem Menschen Übergeordnetes hinweg und rückte Personen in den Mittelpunkt.

Gleich sein erster Kinofilm „Drei von Vielen“ (1961) vermittelte Einblicke in die Privatsphären von drei Freunden aus dem Künstlermilieu und wurde verboten. Obwohl sein Werk sehr vielseitig ist und sogar einen Spielfilm („Jahrgang 45“, 1966) enthält, der ebenfalls der Zensur zum Opfer fiel, blieb das Thema „Mensch und Arbeit“ in den 30 Arbeitsjahren bei der DEFA ein Kernproblem seiner Filme. Die folgende Arbeit soll politische Ursachen und Gründe für die Verbote offen legen. Wo wurde also kreative Entfaltung behindert und wo wurde sie gefördert? Inwieweit musste sich ein Filmemacher den Bedingungen anpassen. Aber auch: Welche Rolle spielen persönliche Konflikte und Intentionen, die nicht gesellschaftstheoretisch verallgemeinerbar sind? Wie war es Böttcher nach den Verboten überhaupt noch möglich, weiter in der DEFA zu arbeiten? Damit bekommt die Arbeit auch eine mikrosoziologische Qualität. An Filmbeispielen soll das Spezifische in Böttchers Ästhetik näher gebracht werden, die wiederum bestimmte Produktionsbedingungen voraussetzte. Diese waren relativ frei von ökonomischen Zwängen. Im Gegensatz zu ihren westdeutschen Kollegen stießen die ostdeutschen Filmemacher vielmehr an ideologische Grenzen als an zeitliche und materielle.

In einem Leitfadeninterview mit dem Regisseur wurden biographische Situationen erfragt, die einen entscheidenden Einfluss auf sein filmisches Schaffen hatten. Gleichzeitig werden die Produktionsbedingungen und Machtstrukturen in der DEFA, die ja auch Veränderungen unterworfen waren, dem Schaffen Jürgen Böttchers gegenübergestellt. Anhand von Filmbeispielen soll analysiert werden, welche inhaltlichen und formellen Mittel der Filme zu Verboten führten bzw. auch ihren internationalen Erfolg herbeiführten. Welchen Traditionen sind die Filme verpflichtet? Welche künstlerischen Doktrinen durch die Staatsmacht standen der Weiterführung dieser Traditionen im Wege? Damit komme ich zum eigentlichen Kern der Arbeit zurück: Wie gehen diese Filme mit der ostdeutschen Lebenswelt um und welches Menschenbild vermitteln sie? Wie stellt sich der Filmemacher ins Verhältnis zur ihn umgebenden Wirklichkeit?

Der Aufbau der vorliegenden Arbeit orientiert sich an der Biographieforschung und ist chronologisch. Prägende Ereignisse für die spätere berufliche Laufbahn wurden vom Befragten bereits in der frühen Kindheit verortet. Die Interview-Erzählung beginnt in einer Lebensphase, die in die Realität des 3. Reiches eingebettet ist.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 5
1.1 Vorstellung und Abgrenzung des Themas 5
1.2 Kurzbiographie 6
2. Theoretische Vorüberlegungen 8
2.1 Über den Einfluss audiovisueller Massenmedien im 20. Jh. 8
2.2 Dokumentarfilm zwischen Propaganda und Authentizität 10
2.3 Machtinstanzen der Filmproduktion 13
2.4 Drei methodische Herangehensweisen 15
3. Der Weg zum Film 19
3.1 Kindheit im Dritten Reich und Jugend in der SBZ 19
3.1.1 Entlassung des Vaters und die Außenseiterrolle der Familie 20
3.1.2 Beziehung zum großen Bruder 21
3.1.3 HJ in Strahwalde 22
3.1.4 Die Wende des Krieges 24
3.1.5 Tod des Bruders 25
3.1.6 Schuldgefühle 26
3.1.7 Die Rolle der Industrie 27
3.2 Die Zeit der Ausbildung 30
3.2.1 Malerei und Partei – erste Konflikte 30
3.2.2 Erste filmische Einflüsse – der frühe Sowjetische Film und der Italienische Neorealismus 37
3.2.3 Gang zur Filmhochschule 41
3.2.4 Begeisterung für Dokumentarfilme 43
3.2.5 Die theoretische Abschlussarbeit Böttchers (Der Fall Hugo Hermann) 46
3.3 Zusammenfassung 48
4. Arbeit bei der DEFA – Erfolg und Unterdrückung 51
4.1 Gründung, Organisation, Funktion, ideologische Ausrichtung 51
4.2 Ökonomische Bedingungen 54
4.3 Die Künstlerische Arbeitsgruppe „document“ 56
4.4 “Drei von Vielen“ – der Debütfilm (verboten) 58
4.4.1 Inhalt: 3 Freunde aus dem Zeichenzirkel und ihr Leben 58
4.4.2 Formale Gestaltung 59
4.4.3 Steine des Anstoßes 60
4.4.4 Unkontrollierbare Lebenswelt 63
4.4.5 Eine parallele Ausstellung 65
4.5.6 Schauprozess im Fernsehstudio 66
4.5 Wichtige Filme zwischen 1962 und 1965 67
4.5.1 Internationale Anerkennung für „Ofenbauer“ und „Stars“ 67
4.5.2 Wieder ein Verbotsfilm? – „Barfuß und ohne Hut“ 69
4.6 Der verbotene Spielfilm „Jahrgang 45“ und das 11. Plenum des ZK der SED 70
4.6.1 Das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 70
4.6.2 Zur damaligen Stimmung im Spielfilmstudio der DEFA 74
4.6.3 Inhalt: Ein junges Paar im Prenzlauer Berg, das sich scheiden lassen möchte 77
4.6.4 Formale Gestaltung 78
4.6.5 Darstellung eines Generationenkonfliktes 79
4.6.6 Die fürsorgliche Partei 85
4.6.7 Ein westdeutscher Touristenbus auf dem Gendarmenmarkt 91
4.6.8 Die städtische Umgebung 93
4.6.9 Zusammenfassung 95
4.7 “Wäscherinnen“ – Eine Auftragsproduktion 99
4.7.1 Inhalt und Zustandekommen 99
4.7.2 Formale Gestaltung 101
4.7.3 Der Begriff der Dienstleistung 102
4.7.4 Kritik am Lohnsystem 103
4.7.5 Politikum Beatkultur (Entwicklungen in den60er Jahren und nach dem Regierungswechsel 1971) 105
4.7.6 Zusammenfassung 109
5. Film in der DDR – eine Einordnung von Böttchers Werk 111
5.1 Regisseur und Regime – Standpunkte 111
5.2 Informelle Strukturen 118
5.3 Sozialdokumentarismus bei Böttcher 120
6. Resümee 123
Quellenangaben 127
Anhang 132
Leitfaden des Hauptinterviews 132
Leitfaden des Zusatzinterviews 134
Eine Auswahl weiterer Filme 135

Automatisiert erstellter Textauszug:

4.5.2.Wieder ein Verbotsfilm? – „Barfuß und ohne Hut 1965 realisiert Böttcher den Film „Barfuß und ohne Hut“ (1965; 35 mm; s/w; 26min) der ungezwungen junge Leute an einem Strand an der Ostsee zeigt. Sie spielen Gitarre, auch westliche Rock’n Roll – Musik. Sie albern herum, flirten oder scharen sich um ein Lagerfeuer. In Interviews sprechen sie vor allem über ihre Berufswünsche. Ein Oldtimer fährt rückwärts im Kreis. Manche gehen mit langen Hosen ins Wasser. Die Szenerie ist sehr freizügig. Das Kamerateam war einfach zu einer Gruppe von Leuten am Strand gegangen. Der Film, der vorerst großes Lob bekommt wird später mit der Begründung, dass er „’kein für die Jugend repräsentatives Bild’“ (Rother, Hans-Jörg 1996:125) in der DDR zeige aus dem Verkehr gezogen, jedoch ohne das Wissen Böttchers zum Kurzfilmfestival nach Tours in Frankreich geschickt: „ Dummerweise erreichte mich irgendwie der Festivalkatalog von dort mit einem Foto unserer für die DDR untauglichen Helden. Damals entging der Stasi offenbar noch so manches. Dabei war es nicht irgendwie – bei aller Perversion - gewitzt, vom Westen angefaultes nur dorthin zu exportieren?“ (Böttcher, Jürgen 2000: 13-14) Hier zeigt sich die ambivalente Rolle des Regisseurs besonders deutlich. Für die Außendarstellung der DDR war er meist von Nutzen, während er im Inland als Unruhestifter galt. Daraus lassen sich auch ambivalente Positionen in den Abteilungen für Außen- und Innenpolitik hinsichtlich ideologischer Aspekte [...]

69 der großen Agnes Varda,... mit Godard, Truffaut, Resnais…also der aber ein Essayist is. Die Leute ham 1963/64 Filme von mir einfach großartig gefunden. Also ich hab das nie für möglich gehalten, solche Leute, die wir nur, also die wir nur für Weltheroen hielten. Und, dass man an solche Gestalten…dass die auf einmal sagen, Ofenbauer is gewaltig, ja, Grierson…der is in Leipzig, sieht meinen Ofenbauerfilm, umarmt mich und sagt, du bist unser Nachfahr, ja, die jetzt so Filme über Arbeiter gemacht haben in England und so. Das zu erleben als junger Kerl…ein Jahr vorher aber „Drei von Vielen“ verboten, ne und völlig weg vom Fenster, he. Also das man solche Sachen auch erlebt, das is ja unglaublich. [...]

4.5. Wichtige Filme zwischen 1962 und 1965 4.5.1.Internationale Anerkennung für „Ofenbauer“ und „Stars“ Mit den Filmen „Ofenbauer“ (1962; 35mm; s/w; 14 min) und „Stars“ (1963; 35mm; s/w; 19min) erlangt Jürgen Böttcher auf dem Kurz- und Dokumentarfilmfestival in Leipzig erstmals internationale Aufmerksamkeit. „Ofenbauer“ ist eine analytische Studie, eines im Film monumental anmutenden Ereignisses aus dem Eisenhüttenkombinat Ost in Eisenhüttenstadt. Das Sujet ist hier vorerst die reine Produktionstat, wie in Huiskens „Turbine 1“ (1953). Doch darüber hinaus ist der Film eine Bewegungsstudie. Ein 2000 Tonnen schwerer Stahlofen wird auf losen Rollen, die wiederum auf einer Eisenschiene aufliegen, auf eine andere Stelle bewegt, um ihn zu reparieren. Die Rollen müssen ständig justiert und von hinten nach vorn gebracht werden. Der Vorgang ist sehr stark von körperlicher Arbeit abhängig. In den Gesichtern der Arbeiter kann man die Spannung ablesen, unter der sie stehen. Die Gruppe muss wie ein Räderwerk zusammenarbeiten, die Bewältigung dieser Tat lässt die Arbeiter durchaus als Helden erscheinen. Auf Kommentare wird jedoch verzichtet. Alles was im Film passiert, steht für sich selbst. „Stars“ handelt von Arbeiterinnen in einem Berliner- Glühlampenwerk. Der Titel ist eine Anspielung auf den westlichen Personenkult, der sich auf Leute der Showindustrie bezieht, mit dem Hinweis, dass hier im Osten die einfachen Leute die Stars sind. Ihre Aufgabe besteht im Aussortieren von fehlerhaften Spindeln, eine für Auge und Hände gleichsam ermüdende Tätigkeit, die zu häufigeren Pausen zwingt. Böttcher fängt die alltäglichen Unterhaltungen zwischen den Arbeiterinnen ein und schafft hieraus ein Gruppenportrait. Durch den Besuch einer jungen Mutter mit ihrem Kind, der vom Filmemacher arrangiert wurde, bekommt die Atmosphäre eine noch größere Privatheit. Hier erscheint nun die Produktion als Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Das muss wohl im Sinne der SED-Führung gewesen sein. Der Film stellt eine Synthese aus Arbeits- und Lebenswelt dar. Die Arbeiterinnen interessieren mehr als ihre Arbeit, die auch viel zu monoton ist, um weiterer Aufmerksamkeit zu [...]

Arbeit zitieren:
Seidel, Falko Mai 2005: Die Lebenswelt der DDR, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Drittes Reich, Kulturpolitik, 11. Plenum, Neoliberalismus, Propaganda

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