Lebenslagen von älteren Spätaussiedlern der ehemaligen sowjetischen Länder in Kiel und Umgebung
Sprachbarrieren der älteren MigrantInnen als Herausforderung für die Soziale Arbeit
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Julia Wagner
- Abgabedatum: April 2011
- Umfang: 101 Seiten
- Dateigröße: 1,4 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Kiel Deutschland
- Bibliografie: ca. 54
- ISBN (eBook): 978-3-8428-1934-4
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Wagner, Julia April 2011: Lebenslagen von älteren Spätaussiedlern der ehemaligen sowjetischen Länder in Kiel und Umgebung, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Spätaussiedler, Lebenslage, Sprachbarriere, Migrant, Interkulturelle Kompetenz
48,00 €
PDF-eBook Download: 48,00 €
Diplomarbeit von Julia Wagner
Einleitung:
Der Fokus dieser Diplomarbeit richtet sich auf ältere Spätaussiedler aus ehemaligen sowjetischen Ländern, die in Kiel und Umgebung wohnen.
‘Spätaussiedler sind nach § 4 des Bundesvertriebenengesetzes (BVFG) deutsche Volkszugehörige, die unter einem Kriegsfolgenschicksal gelitten haben und die im Bundesvertriebenengesetz benannten Aussiedlungsgebiete nach dem 31. Dezember 1992 im Wege des Aufnahmeverfahrens verlassen und innerhalb von sechs Monaten einen ständigen Aufenthalt im Bundesgebiet begründet haben. Wer erst nach dem 31. Dezember 1992 geboren wurde, ist kein Spätaussiedler mehr.’ Auch die Abkömmlinge sowie Ehegattinnen und Ehegatten der Spätaussiedler, die bei der Ausreise nach Deutschland im Herkunftsland seit drei Jahren mit ihnen verheiratet waren, erhalten gemäß § 4 Absatz 3 Satz 1 BVFG bei der Einreise in Deutschland die Rechtsstellung eines Deutschen. Ihnen wird nach § 7 Staatsangehörigkeitgesetz (StAG) mit der Bescheinigung nach § 15 BVFG die deutsche Staatsangehörigkeit verliehen.
Der Begriff alt/ältere soll nicht auf ein bestimmtes Lebensalter fixieren, sondern auf ein höheres Lebensalter der Betroffenen verweisen. Somit sind mit ‘älteren Spätaussiedlern’ in dieser Diplomarbeit die Spätaussiedler, die im Rentenalter nach Deutschland kamen, gemeint.
‘In Deutschland hat mittlerweile fast jeder fünfte Einwohner einen Migrationshintergrund.’ Im Zeitraum von 1990 bis 2008 wurden 2.500.092 Zuzüge der (Spät-)Aussiedler nach Deutschland registriert. Die Personen aus der ehemaligen Sowjetunion stellten seit 1990 die größte Gruppe dar. Die Zuzugszahl im Jahr 2008 liegt bei 4.301 Personen und ist damit die niedrigste (Spät-) Aussiedlerzuzugszahl, die seit Beginn der Aussiedleraufnahme im Jahr 1950 registriert wurde.
Die Integration von Zuwanderern ist ein zweiseitiger Prozess. Dabei entstehen die Anforderungen nicht nur an die Migrantinnen und Migranten, sondern auch an die Aufnahmegesellschaft. Das Ziel einer gelungenen Integration ist ein gleichberechtigtes Miteinander. Aus diesem Grund wurden zu Beginn der 1990er Jahre, neben den Programmen zur Unterstützung der Migrantinnen und Migranten in Deutschland, verschiedene Hilfsprogramme zugunsten der deutschen Minderheit in den Siedlungsgebieten der ehemaligen Sowjetunion ins Leben gerufen, um sowohl auf kulturellem und sozialem, als auch auf dem sprachlichen, medizinischen und wirtschaftlichen Gebiet die Russlanddeutschen zu fördern.
Laut den Untersuchungsergebnissen der Lebenslagen von Russlanddeutschen haben die professionellen Beratungsstellen einen geringen Stellenwert. Die geringe Nennung von Institutionen kann einerseits eine relativ geringe Kenntnis über Beratungsangebote, andererseits einen geringen Ausbau von Institutionen bedeuten. Die Untersuchungen in Deutschland zeigen, dass Migrantinnen und Migranten die Beratungsstellen in geringerem Umfang aufsuchen als die einheimische Bevölkerung. Die Russlanddeutschen erkennen jedoch Probleme bei der Integration in Deutschland. Fast die Hälfte der Befragten nannte die sprachlichen Schwierigkeiten sowie die kulturellen Differenzen.
‘Migration ist ein risikoreiches Projekt mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, vor allem für die nächste Generation. Diese Perspektive wird in der Realität häufig enttäuscht’.
In diesem Zusammenhang stellen sich die Fragen:
Wie ist die Lebenssituation der älteren Spätaussiedler aus ehemaliger Sowjetunion in Kiel und Umgebung?
Welchen Aufgaben und Herausforderungen muss sich die Soziale Arbeit in Bezug auf die Lebenssituation älterer Spätaussiedler aus der ehemaligen UdSSR stellen?
Um Antworten auf diese Fragen geben zu können wird in dem folgenden Kapitel zuerst die Relevanz des Themas Lebenslagen und Lebenswelten von älteren Spätaussiedlern der ehemaligen sowjetischen Ländern in Kiel und Umgebung geklärt. Im dritten Kapitel wird die Lage und Geschichte der Deutschen in Russland dargestellt. Die Voraussetzung für das Verstehen der aktuellen Lebenssituation der älteren Aussiedler aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und deren Ehegatten/Partner ist die Kenntnis der Lebensgeschichten und der damit verbundenen Einflüsse. Im vierten Kapitel wird auf das Thema Einwanderung aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik eingegangen. Zur Rekonstruktion der Subjektsicht älterer Spätaussiedler wurden 12 Personen mit Unterstützung eines Fragebogens befragt. Die Ergebnisse der Befragung spiegeln das subjektive Erleben der Befragten und die subjektive Einschätzung ihrer jeweiligen Lebenslagen. Das fünfte Kapitel beschreibt das methodische Vorgehen beim Vorbereiten und Auswerten der Fragebogen sowie die Forschungsergebnisse. Das sechste Kapitel liefert den Praxisbezug zu den Hilfsangeboten für die älteren Migrantinnen und Migranten in Kiel am Beispiel des Projektes ‘Netzwerk ältere MigrantInnen’. Abschließend wird auf die Aufgaben und Herausforderungen für die Soziale Arbeit in Bezug auf die Lebenssituation älterer Spätaussiedler aus ehemaliger UdSSR eingegangen, bei der die Autorin einige Vorschläge die die Professionellen der Sozialen Arbeit in deren Tätigkeit mit älteren Spätaussiedlern der ehemaligen Sowjetunion unterstützen können, macht.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 4 |
| 2. | Relevanz des Themas Lebenslagen von älteren Spätaussiedlern der ehemaligen sowjetischen Ländern in Kiel und Umgebung | 6 |
| 2.1 | Begriffsklärung und Dimensionen der Lebenslagen älterer Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler | 7 |
| 2.1.1 | Dimension Bildung | 9 |
| 2.1.2 | Dimension Wohnen | 11 |
| 2.1.3 | Dimension Gesundheit | 13 |
| 2.1.4 | Dimension Einkommen | 14 |
| 2.1.5 | Dimension soziale Netzwerke und Familienbeziehungen | 15 |
| 2.2 | Lebenswelt: Begriffsklärung | 17 |
| 3. | Geschichte der Deutschen in Russland | 17 |
| 3.1 | Einwanderung und Ansiedlung der Deutschen in Russland unter Katharina II. | 18 |
| 3.2 | Einwanderung und Ansiedlung unter Alexander I. | 19 |
| 3.3 | Spürbare Veränderungen für die deutsche Bevölkerung in Russland nach 1871 | 21 |
| 3.3.1 | Verwaltungsreformen | 21 |
| 3.3.2 | Der Wehr- und Dienstpflicht | 22 |
| 3.3.3 | Bildungswesen | 23 |
| 3.3.4 | Wirtschaftliche Blütezeit der Kolonien | 25 |
| 3.4 | Der Erste Weltkrieg | 26 |
| 3.5 | Bürgerkrieg von 1917 | 28 |
| 3.6 | Zwischenkriegszeiten | 30 |
| 3.6.1 | Gründung der Autonomie des Wolgadeutschen Gebietes | 30 |
| 3.6.2 | Hungernot 1921/22 | 31 |
| 3.6.3 | Zeiten der Neuen Ökonomischen Politik | 32 |
| 3.6.4 | Kollektivierung der Landwirtschaft | 33 |
| 3.6.5 | Entkulakisierung | 34 |
| 3.6.6 | Hungernot 1932/33 | 36 |
| 3.6.7 | Verfolgung der Russlanddeutschen in den 30er Jahren | 37 |
| 3.7 | Der Zweite Weltkrieg | 38 |
| 3.8 | Nachkriegszeit | 41 |
| 4. | Einwanderung aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik Deutschland | 43 |
| 4.1 | Ausreisebewegung der 70er und 80er Jahre | 43 |
| 4.2 | Die Russlanddeutsche in der Sowjetunion zur Perestrojka sowie in den Nachfolgestaaten der UdSSR | 44 |
| 4.3 | Herausforderungen an Spätaussiedler aus den Ländern der ehemaligen UdSSR im Integrationsprozess in Deutschland | 45 |
| 4.3.1 | Sprachliche Integration und die Folgen der Russifizierung auf die deutsche Sprachkenntnisse der Russlanddeutschen | 46 |
| 4.3.2 | Soziale Integration | 49 |
| 5. | Lebenslagen von älteren Spätaussiedler der ehemaligen sowjetischen Ländern in Kiel und Umgebung | 51 |
| 5.1 | Die Fragestellung | 52 |
| 5.2 | Forschungsmethoden | 53 |
| 5.2.1 | Erhebungsinstrument: Leitfadeninterview | 53 |
| 5.2.2 | Auswertungsmethode: Qualitative Inhaltsanalyse | 54 |
| 5.3 | Durchführung | 55 |
| 5.3.1 | Zugang zu den Betroffenen | 55 |
| 5.3.2 | Stichprobe | 56 |
| 5.3.3 | Verlauf der Durchführung | 56 |
| 5.4 | Darstellung der Ergebnisse | 58 |
| 5.4.1 | Dimension Bildung | 58 |
| 5.4.2 | Dimension Wohnen | 59 |
| 5.4.3 | Dimension Gesundheit | 60 |
| 5.4.4 | Dimension Einkommen | 61 |
| 5.4.5 | Dimensionen soziale Netzwerke und Familienbeziehungen | 62 |
| 5.5 | Diskussion der Ergebnisse | 63 |
| 6. | Praxisbezug zu den Hilfsangeboten für die ältere MigrantInnen in Kiel am Beispiel des ‘Netzwerkes ältere MigrantInnen’ | 69 |
| 6.1 | Beschreibung ‘Netzwerk ältere MigrantInnen’ | 69 |
| 6.2 | Beschreibung der Module | 71 |
| 6.2.1 | Modul 1 – Informationsveranstaltungen | 71 |
| 6.2.2 | Modul 2 – Kurse zur Unterstützung von pflegenden Angehörigen | 72 |
| 6.2.3 | Modul 3 – Informationsreihe ‘Älter werden in Deutschland’ | 73 |
| 6.2.4 | Modul 4 – ‘MiMi – Mit Migranten für Migranten’ | 74 |
| 6.2.5 | Modul 5 – Information über die Ausbildungswege in der Altenarbeit | 76 |
| 6.2.6 | Modul 6 – Entwicklung und Einsatz von Gedächtnistrainingsmaterialien in russischer und türkischer Sprache | 76 |
| 6.3 | Erkenntnisse aus dem Projekt ‘Netzwerk ältere MigrantInnen’ | 77 |
| 7. | Fazit (Herausforderungen an die Soziale Arbeit) | 79 |
| 8. | Literaturverzeichnis | 85 |
| 9. | Anhang | I |
Textprobe:
Kapitel 4.2, Die Russlanddeutsche in der Sowjetunion zur Perestrojka sowie in den Nachfolgestaaten der UdSSR:
Der Amtsantritt von Gorbatschov im Jahre 1985 brachte einige Neuerungen in die sowjetische Innenpolitik. Zu den meistgebrauchten Schlagworten im Inland und Ausland wurden Glasnost’, Perestrojka und Demokratizacija.
Die neue Politik richtete sich auf die Erhöhung der Effizienz von Wirtschaft und Verwaltung. Um seine Politik erfolgreich durchführen zu können, benötigte Gorbatschov die Unterstützung der gesamten Bevölkerung. Die Russlanddeutsche spielten dabei eine besondere Rolle. Neben den Krimtataren gehörten sie zu den letzten Opfern des Krieges und der Stalinzeit, die von einer Wiedergutmachung noch nicht befriedigt sind. Ihre zuvorkommende Behandlung kann zur Verbesserung der Beziehungen zu der Bundesrepublik und somit zu der Hilfe für die Modernisierung der sowjetischen Wirtschaft führen. Es ist nicht bekannt welche Maßnahmen im Rahmen der neuen Politik in Bezug auf die Russlanddeutsche geplant sind, aber einige Diskussionen und neu erarbeitete Programme weckten bei der Russlanddeutschen erneute Hoffnungen nach der Wiederherstellung der sowjetdeutschen Autonomie. Die Diskussionen darüber sind im Frühling 1988 zum dominierenden Thema geworden. Doch es gab einige Schritte seitens der Regierung, die das Interesse, die deutsche Bevölkerung dort zu behalten, wo sie nun zurzeit wohnte, hindeuteten. Die Politik ermöglichte es zwar, über vor kurzem noch tabuisierte Fragen offen sprechen zu können, verändert hat sich aber kaum etwas. Die Verbesserung der internationalen Beziehungen sowie das Interesse an der Mitwirkung der BRD an der Modernisierung der sowjetischen Wirtschaft ließen den Strom der Aussiedler aus der Sowjetunion stark ansteigen. Im Jahre 1987 reisten etwa 14.000 Russlanddeutsche aus dem Sowjetunion aus. In den Jahren 1990 und 1991 erreichte die Anzahl der Aussiedler über 147.000 Personen jährlich. Nach langen Ausarbeitungen von Vorschlägen zur Umsetzung des Gesetzes über die Wiederaufbau der deutschen Autonomie schien man im Jahre 1991 einer Lösung sehr nahe zu sein, doch nach dem August-Putsch wurde die Regierung der UdSSR aufgelöst. Als im Jahre 1994 beim ‘Kongress der Sowjetdeutschen’ seitens der neuen russischen Regierung keine konkreten Vorschläge unterbreitet wurden und der Präsident Jelzin entgegen seiner Zusage nicht zum Kongress kam, werteten viele Delegierte das als Wortbruch und als Scheitern der Autonomiebewegung. Als Ausweg forderten die Deutschen in Russland die Auswanderung nach Deutschland.
In den ehemaligen Unionsrepubliken begann der Aufbau von Nationalstaaten. Die Stärkung der Titularnationen hatte einen starken Verdrängungsdruck gegen andere Volksgruppen zur Folge und löste eine massive Abwanderung von Angehörigen anderer Volksgruppen aus den Regionen aus.
4.3, Herausforderungen an Spätaussiedler aus den Ländern der ehemaligen UdSSR im Integrationsprozess in Deutschland:
All das oben Genannte veranlasste die Russlanddeutschen, die auch nach 200 Jahren in Russland sich immer noch heimatlos fühlten, die Anreise in das unbekannte Land – Heimat deren Urahnen anzutreten. Es ist eine Rückkehr in die Fremde.
Im Lesebuch ‘In der Mitte ankommen’ berichten die Deutsche aus Russland selbst über eigene Erfahrungen aus unterschiedlichen Etappen ihres gesellschaftlichen Einlebens, ihres Vorlebens im Herkunftsland sowie ihre Erwartungen, Hoffnungen und Ängste. Einige hatten vor der Ausreise nach Deutschland ganz andere Vorstellungen von dem Leben hier. In diesen Vorstellungen wurde die Bundesrepublik oft idealisiert. Erst nach der Anreise haben die Russlanddeutsche eigene Situation realisiert. Erst in Deutschland wurden fehlende Gesetzeskenntnisse, Unwissen der sozialen Strukturen, die Freiheit, Demokratie, fehlende Vorstellung von der Lebensweise in Deutschland und nicht zuletzt die Sprache, die doch anders als die bisher bekannte deutsche Sprache ist, spürbar.
4.3.1, Sprachliche Integration und die Folgen der Russifizierung auf die deutsche Sprachkenntnisse der Russlanddeutschen:
Die Sprache bildet einen zentralen Aspekt der Integration von Migrantinnen und Migranten, die ein Teil, Bedingung und Folge anderer Integrationsprozesse ist. Der Sprache von der Aufnahmegesellschaft kommt eine Schlüsselfunktion zu. ‘Integration kann nur gelingen, wenn Zugewanderte mit den Lebensverhältnissen in Deutschland soweit vertraut gemacht werden, dass sie ohne Hilfe und Vermittlung Dritter in allen Angelegenheiten des täglichen Lebens selbstständig handeln können.’ Fehlende und/oder mangelhafte Sprachkenntnisse erschweren den Migrantinnen und Migranten den Zugang zu allen Lebensbereichen.
Um einen gelingenden Integrationsprozess der Einwanderer zu fördern, führt der Bund die Sprach- und Orientierungskurse durch , die mit dem am 1. Januar 2005 in Kraft getretenen Zuwanderungsgesetz einheitlich gesetzlich geregelt sind. Der Integrationskurs umfasst einen 600-stündigen Sprachkurs. Es besteht aus einem Basis- und Aufbausprachkurs – zur Vermittlung ausreichender deutscher Sprachkenntnisse sowie aus einem 30-stündigen Orientierungskurs – zur Vermittlung von Grundkenntnissen der Rechtsordnung, der Kultur und der Geschichte Deutschlands. Zur Optimierung und Überprüfung der Zielerreichung wurden standardisierte Einstufungs-, Zwischen- und Abschlusstests in die Praxis eingebaut, die sich an europäischen Standards orientieren. ‘Der Integrationskurs soll bundesweit Maßstäbe für die Integration setzen und möglichst viele Migrantinnen und Migranten erreichen.’ Die Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler sowie deren Familienangehörige haben Teilnahmeberechtigung am Integrationskurs. Die Zulassung zur Teilnahme am Integrationskurs muss schriftlich beim Bundesamt beantragt werden. Die Integrationsbedürftigkeit des Antragstellers spielt eine wichtige Rolle bei der Entscheidung über die Zulassung. Die deutsche Staatsangehörigen sind, neben weiteren Zielgruppen, vorrangig zu berücksichtigen. Voraussetzung dafür sind nicht ausreichende deutsche Sprachkenntnisse sowie fehlende Integration in das wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Leben der Bundesrepublik Deutschlands.
Es ist eher sehr unwahrscheinlich, dass eine ältere Spätaussiedlerin bzw. ein älterer Spätaussiedler nach der Anreise in die Bundesrepublik selbst über so viel Mut, Geduld und Wissen verfügen, um sich die Zulassung am Integrationskurs zu beschaffen. Diese Aufgabe kann einer der zugelassenen Kursträger übernehmen. Die Mehrzahl der Kursträger kooperiert mit den Jugendmigrationsdiensten, mit den Migrationsberatungen sowie mit Agenturen für Arbeit, den Trägern der Grundsicherung für Arbeitssuchende zusammen. Allerdings sind die ältere Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler weder die Empfänger des Arbeitslosengeldes zwei noch die Klienten von Jugendmigrationsdiensten. In seltenen Fällen tauchen sie auch in Migrationsberatungsstellen auf. Daher bleibt zu fragen, inwieweit die Vermittlung von Sprachkenntnissen, der Aufbau sozialer Sicherheit, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wissensvermittlung und Bezug zur Lebenswelt und sozialen Verantwortung der Migrantinnen und Migranten als Ziel der Integrationskurse, auch für ältere Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler, umgesetzt werden könnte.
Es muss berücksichtigt werden, dass die deutschen Sprachkenntnisse der einreisenden Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler ständig schlechter werden. Die Deutschen in der Sowjetunion waren viele Jahrzehnten der Gefahr der Russifizierung ausgesetzt. Die Assimilation setzte schon bei den Kindern ein. Die Mütter mussten tagsüber ihrer Arbeit nachgehen und konnten sich nicht um ihre Kinder kümmern. In der Kinderkrippe und danach im Kindergarten lernten die Kinder nur die russische Sprache. Nach der Arbeit blieb den Eltern nicht viel Zeit, sich mit ihren Kindern zu unterhalten. In den Schulen gab es pro Woche nur zwei Stunden Deutschunterricht als Muttersprache und selbst das geschah auf Wunsch der Eltern. Die Kinder waren wegen der langen Arbeitszeiten der Eltern bis zu 10 Stunden der Schule und sich selbst überlassen. In den Jugendorganisationen oder zu Hause vor dem Fernseher wurde ausschließlich russisch gesprochen und gehört. So berichtet Olga Schlößler-Müller im Buch ‘Mein Herz blieb in Russland’: ‘Seitdem wir in die Schule gingen, sprachen wir zunehmend russisch, unser deutsches Vokabular verblasste allmählich’.
Dazu kamen noch die politischen Hintergründe. Jahrzehntenlang wurden Filme über den Zweiten Weltkrieg gezeigt, wo die Deutsche als böses Volk dargestellt wurden. Die deutschstämmige Jugendliche fühlten die Blicke ihrer russischen Freunde auf sich gelenkt. Sie schämten sich deutsch zu sein. Sie lehnten deren deutschen Namen ab. So Svetlana Voronowa: ‘In Russland lebten wir unter Russen, sprachen Russisch und wurden nur ab und zu daran erinnert, dass wir Deutsche sind – gerade in Situationen, in denen wir nicht daran denken wollten …’ Leo Ibe erzählt: ‘Meine Mutter hat nur Deutsch gesprochen. Wir konnten alles verstehen, aber es war schwer für uns, auf Deutsch zu antworten; wir haben Russisch gesprochen.’ Elvira Bayer berichtet über ihre Schuljahre in Kasachstan: ‘Ich kam dort als einzige Deutsche in meiner Klasse auf die russische Schule’ Trotz der politischen Hintergrunde gelang es ihr die Hochschule zu absolvieren. ‘Fünfunddreißig Jahre lang habe ich dann als Physiklehrerin in russischen Schulen gearbeitet. Ich habe immer nur Russisch gesprochen, jetzt fällt es mir schwer, Deutsch zu reden’.
Zu berücksichtigen wäre auch, dass sich oftmals die aktiven oder passiven Deutschkenntnisse aus dem Herkunftsland bei den Spätaussiedlerinnen und bei den Spätaussiedlern gravierend von der hochdeutschen Sprache unterscheiden. Dazu kommt auch, dass nur wenige die deutsche Schriftsprache gelernt haben. ‘Die deutsche Sprache haben wir in der Schule ab dem zweiten Schuljahr gelernt, aber gesprochen nur plattdeutsch. Deswegen sind die Deutschkenntnisse doch nicht ganz ausreichend. (…) Besonders fehlen die Deutschkenntnisse, wenn ein Brief kommt von den Behörden’.
Selbst bei den mehr oder weniger vorhandenen deutschen Sprachkenntnissen ist für viele Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler die deutsche Sprache eine Fremdsprache, die neu erlernt werden muss. Auch wenn ältere Russlanddeutsche wegen ihrem Rentenalter für den Arbeitsmarkt nicht mehr interessant sind, spielen die deutschen Sprachkenntnisse auch weiterhin eine bedeutende, unersetzliche Rolle. Die Sprach- und Verständnisprobleme beeinflussen neben vielen weiteren für Migration spezifischen Bedingungen deren Gesundheit.
48,00 €
PDF-eBook Download: 48,00 €
Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842819344
Arbeit zitieren:
Wagner, Julia April 2011: Lebenslagen von älteren Spätaussiedlern der ehemaligen sowjetischen Länder in Kiel und Umgebung, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Spätaussiedler, Lebenslage, Sprachbarriere, Migrant, Interkulturelle Kompetenz



