Lebenslagen von Probanden der Bewährungshilfe
"Gefangen" in der eigenen Sozialisation?
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Anna Breunig
- Abgabedatum: November 2002
- Umfang: 170 Seiten
- Dateigröße: 922,9 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg der Evangelischen Landeskirche Württemberg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-7723-3
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-7723-3 P - ISBN (CD) :978-3-8324-7723-3 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Breunig, Anna November 2002: Lebenslagen von Probanden der Bewährungshilfe, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Lebenslagenuntersuchung, Kriminalität, Straftheorie, Delinquenz, Prophylaxe
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Diplomarbeit von Anna Breunig
Einleitung:
Als ich die Lebenslagen von Probanden der Bewährungshilfe im Landgerichtsbezirk Tübingen untersuchte, stellte ich kettenreaktionsartige Abhängigkeiten zwischen schwierigen Lebenslagen und kriminellem Verhalten fest. Einerseits gerieten die Betroffenen durch ihre kriminellen Handlungen in eine schwierige Lebenssituation, andererseits war ihr kriminelles Verhalten möglicherweise gerade durch ihre schwierige Lebenslage begünstigt. Durch diese Feststellung kristallisierte sich für mich eine Reihe an Fragen heraus, die nach einer Begründung für das kriminelle Verhalten suchten. Es erschien mir wichtig zu erfahren, was eigentlich Kriminalität ist und wo die Ursachen für diese liegen könnten? Meine Erkenntnisse darüber werden dem Leser am Anfang dieser Arbeit vorgetragen.
Das kriminelle Verhalten der Klientel der Bewährungshilfe wird durch die Beschreibung der Straftat dargestellt und in Gerichtsurteilen und / oder Beschlüssen festgehalten. Während der Untersuchung, die ich nachfolgend darstellen werde, begegnete ich einer riesigen Palette von Kriminalitätsformen. Auch darüber wollte ich mir einen Überblick verschaffen. Meine Nachforschungen diesbezüglich finden im theoretischen Teil dieser Arbeit ihren Ausdruck.
Mit der Frage nach kriminellen Handlungen eines Menschen wird automatisch die Frage nach Bestrafung aufgeworfen. Auch hierzu stelle ich meine Auseinandersetzung mit Straftheorien und dem Sinn des Strafens im theoretischen Teil dar.
Das deutsche Rechtssystem kennt zwei Hauptstrafen: die Geld- und die Freiheitsstrafe. Wenn die verhängte Freiheitsstrafe zwei Jahre nicht überschreitet, kann ihre Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn zu erwarten ist, dass der Verurteilte schon durch die Verurteilung genügend gewarnt worden ist und künftig keine Straftaten begehen wird. Welche Rolle dabei die Bewährungshilfe spielt und welche Aufgaben bei der Strafaussetzung zur Bewährung von ihr wahrgenommen werden, wird von mir sowohl im allgemeinen Teil als auch im Kapitel „Implikationen der Bewährungshilfe“ erläutert. Auf die Intervention der Bewährungshilfe gehe ich noch einmal kurz im letzten Kapitel meiner Arbeit ein, indem ich die Prognosen für Delinquenz und Umgang mit ihr umreiße.
Im allgemeinen und theoretischen Teil meiner Diplomarbeit mache ich einen Exkurs zum Profil des Erst- und Mehrfachtäter. Damit will ich meinen Überlegungen bezüglich Rückfälligkeit der Straftäter einen Ausdruck verleihen. Zwei zentrale Fragen begleiten meine Ausführungen:
- Ist der Ersttäter tatsächlich ein Ersttäter, oder heißt er nur so?
- Kann die wiederholte Straffälligkeit als Rückfälligkeit bezeichnet werden?
Bevor ich mich mit den theoretischen Grundlagen der Lebenslagen auseinandersetze, gehe ich auf die „idealtypische Biographie eines Delinquenten“ ein. Mit dieser Biographie lege ich einen Brückenstein zur Lebenslagen allgemein und zu denen von Probanden der Bewährungshilfe ein. Das Leben des Hauptdarstellers, ich nenne ihn Reiner Pechvogel, ist eines von vielen der Probanden. Sie alle haben ähnliche „Schicksale“ geteilt.
Konkret auf die Untersuchung im Landgerichtsbezirk Tübingen wird im zweiten Kapitel meiner Arbeit eingegangen. Hier stelle ich meine Untersuchungsmethode und die deskriptiven Erkenntnisse dieser Untersuchung dar. Da die Lebenslagenuntersuchung im Landgerichtsbezirk Tübingen aus zwei Teilen besteht (erster Teil von der Bewährungshilfe Reutlingen, zweiter von der Bewährungshilfe Tübingen) werden diese Daten in einem Fazit zusammengefasst.
Um diese Untersuchung zu untermauern, vergleiche ich sie mit ähnlichen Untersuchungen auf der Landes- bzw. Bundesebene. Hier stelle ich diese Untersuchungen deskriptiv vor und nehme einen Datenvergleich zum Landgerichtsbezirk Tübingen vor. Außerdem bringe ich alle Daten in Beziehung zur Gesamtbevölkerung Deutschlands. Mein Interesse gilt den Gemeinsamkeiten und den Unterschieden in dem von mir dargestellten Datenmaterial.
Isoliert würde das Datenmaterial dastehen, wenn ich keine Einbindung in meine theoretische Erkenntnisse vornehmen würde. Hier frage ich nach dem Bezug zu Kriminalitätsformen, der Sinnhaftigkeit der Strafe und zu einer „idealtypischen Biographie eines Delinquenten“. Im nächsten „Schritt“ prüfe ich die Übereinstimmung zwischen Realität und Theorie und zeige auftretende Diskrepanzen auf. Gibt es nicht erfasste Phänomene? Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus diesem Datenvergleich?
Nach den Implikationen für die Bewährungshilfe stelle ich andeutungsweise Prognosen für Delinquenz und Umgang mit ihr im neuen Jahrtausend dar. Sinn dieses Kapitels ist es, Fragen nach gesellschaftlichen Veränderungen und neuen Denkmodellen anzuregen. Außerdem möchte ich einen Ausblick darüber schaffen, wo sinnvollerweise angesetzt werden muss, um weiterer Delinquenz vorzubeugen? Wo wird neue Delinquenz durch die Lebenslage begünstigt? Können Menschen ihrer Sozialisation entkommen? Welche neuen Impulse braucht die Prophylaxe von Straftätern, damit sie wirksam wird? Wo und wie sollte sie interdisziplinär angesetzt werden?
Bevor ich den Leser zu Beginn meiner Überlegungsreise über Kriminalität und ihre Folgen einlade, möchte ich ihn diesbezüglich mit den Worten von Voltaire konfrontieren. Jeder Mensch ist ein rational und eigenverantwortlich handelndes Individuum. Prinzipiell ist auch jeder Mensch fähig, „ (...) eine unter Strafe stehende Handlung zu begehen oder kraft eigenverantwortlicher Entscheidung sich rechtskonform zu verhalten. Die individuell unterschiedliche Verteilung von Triebhaftigkeit, Bildung und Wohlstand mag den einen Menschen mehr als den anderen zum Rechtsbruch verlocken. Dies ändert nichts daran, daß Kriminalität ein im Prinzip für jedermann vermeidbarer Umstand ist.“ (Voltaire in Kunz, 1994, S. 85) Inhaltsverzeichnis:
| I. | Einleitung | 5 |
| II. | Allgemein und theoretisch | 8 |
| 1. | WAS IST KRIMINALITÄT? DEFINITIONEN | 8 |
| 2. | Ursachen von Kriminalität. Theorien | 12 |
| 2.1 | Lehre vom „geborenen Verbrecher“ | 15 |
| 2.2 | Entwicklungstheorie | 16 |
| 2.3 | Sozialisationstheorien | 17 |
| 2.4 | Lerntheorien | 18 |
| 2.5 | Frustrations – Aggressionstheorie | 19 |
| 2.6 | Anomie - Theorie | 20 |
| 2.7 | Etikettierungsansatz | 22 |
| 3. | FORMEN VON KRIMINALITÄT | 24 |
| 3.1 | Eigentums- und Vermögenskriminalität | 25 |
| 3.2 | Gewaltkriminalität | 25 |
| 3.3 | Drogenkriminalität | 26 |
| 3.4 | Sexualkriminalität | 28 |
| 3.5 | Jugendkriminalität | 28 |
| 3.6 | Wirtschaftskriminalität | 29 |
| 3.7 | Sozialkriminalität | 30 |
| 3.8 | Umweltkriminalität | 30 |
| 3.9 | Organisierte Kriminalität | 31 |
| 4. | STRAFTHEORIEN. SINNHAFTIGKEIT | 32 |
| 4.1 | Straftheorien | 32 |
| 4.2 | Sinnhaftigkeit | 40 |
| 5. | AUFGABEN DER BEWÄHRUNGSHILFE | 41 |
| 6. | EXKURS: ERSTTÄTER, MEHRFACHTÄTER | 44 |
| 7. | „Idealtypische Biographie eines Delinquenten“ | 48 |
| 8. | LEBENSLAGEN-BEGRIFF | 51 |
| III. | Konkret auf Datenmaterial bezogen für Reutlingen und Tübingen | 58 |
| 1. | Darstellung der Untersuchungsmethode und Vorgehensweise | 58 |
| 1.1 | Die Untersuchungsmethode | 58 |
| 1.2 | Vorgehensweise | 58 |
| 2. | DESKRIPTIVE ERKENNTNISSE | 60 |
| 2.1 | Örtliche Zuordnung | 60 |
| 2.2 | Untersuchungsergebnisse für die Bewährungshilfe Reutlingen | 61 |
| 2.3 | Untersuchungsergebnisse für die Bewährungshilfe Tübingen | 74 |
| 4. | FAZIT | 86 |
| 4.1 | Geschlechterverteilung | 86 |
| 4.2 | Altersverteilung | 86 |
| 4.3 | Staatsangehörigkeit | 87 |
| 4.4 | Sozialisationshintergrund | 87 |
| 4.5 | Soziales Umfeld | 87 |
| 4.6 | Bildung und wirtschaftliche Lage | 87 |
| 4.7 | Gesundheitliche Aspekte / Suchtproblematik | 88 |
| 4.8 | Verurteilungserfahrung | 89 |
| 4.9 | Delikte | 89 |
| IV | Vergleich Datenmaterial landes- bzw. bundesweit | 90 |
| 1. | DARSTELLUNG DES DATENMATERIALS | 90 |
| 1.1 | Bundesweite Befragung zur Erhebung der Lebenslage der Klientinnen und Klienten der Bewährungshilfe (1999) | 90 |
| 1.2 | Jahresbericht 2001 der Arbeitsgemeinschaft Bewährungshilfe Baden-Württemberg. Gesamtzahlen nach der Landesstatistik. | 90 |
| 1.3 | Polizeiliche Kriminalstatistik 2001 | 91 |
| Datenreport 2002 | 91 | |
| 2. | DESKRIPTIVE ERKENNTNISSE | 92 |
| 2.1 | Bundesdeutsche Untersuchung zu Lebenslagen von Probanden | 92 |
| 2.2 | Jahresbericht 2001 der AGB Baden-Württemberg | 96 |
| 2.3 | Polizeiliche Kriminalstatistik 2001 | 98 |
| 2.5 | Datenreport 2002 | 100 |
| 3. | Vergleich mit Daten aus Reutlingen und Tübingen | 104 |
| 4. | Gemeinsamkeiten | 107 |
| 5. | UNTERSCHIEDE | 107 |
| V. | Einbindung der Daten in theoretische Überlegungen im Kapitel I | 110 |
| 1. | Bezug der Daten aus dem Landgerichtsbezirk Tübingen, Landes- und Bundesebene zum theoretischen und allgemeinen Teil | 110 |
| 1.1 | Formen von Kriminalität | 110 |
| 1.2 | Bezug zur Sinnhaftigkeit des Strafens | 116 |
| 1.3 | Bezug der Daten zur „idealtypischen Biographie eines Delinquenten“ | 122 |
| 2. | Übereinstimmung zwischen Theorie und Realität? | 124 |
| 3. | Diskrepanzen? | 125 |
| 4. | Phänomene, die nicht erfasst werden? | 125 |
| 5. | Fazit | 127 |
| VI | Implikationen für Bewährungshilfe | 129 |
| VII. | Prognosen für Delinquenz und Umgang mit Delinquenz im neuen Jahrtausend | 136 |
| 1. | Wo muss sinnvollerweise angesetzt werden? | 136 |
| 2. | Wo begünstigt Lebenslage neue Delinquenz? | 138 |
| 3. | „Gefangen“ in der eigenen Sozialisation? | 140 |
| 4. | Implikationen für Prophylaxe von Straftätern | 141 |
| 5. | “Idealtypische Biographie eines Delinquenten der Einzeltäter bleiben soll“ | 145 |
| 6. | Hierzu: Intervention der Bewährungshilfe | 148 |
| 7. | Interdisziplinäre Ansätze | 149 |
| VIII. | Schlusswort | 152 |
| IX. | Literaturverzeichnis | 155 |
| X. | Anhang | 164 |
Eine vorteilhaftere finanzielle Situation ist mit einer höheren Position in der hierarchischen Struktur der Gesellschaft verbunden. Selbstständige, Freiberufler wie auch hoch qualifizierte Angestellte und Beamte gehören zu den „Besserverdienern“. Arbeiter beziehen eher mittlere oder niedrigere Einkommen. Mit den einzelnen sozialen Lagen können auch erhebliche Unterschiede der materiellen Versorgung verbunden sein. Vor allem die Gruppe der „nicht (mehr) in das Erwerbssystem eingegliederten“ Menschen kann „sich bestimmte Elemente des Lebensstandards nicht leisten“. Mit den verschiedenen sozialen Lagen sind positive und negative Veränderungen der Lebensbedingungen verbunden.185 Wie sich die Lebenslagen von Probanden der Bewährungshilfe gestalten, zeige ich im folgendem Teil dieser Arbeit auf. Zuerst gehe ich auf die erhobene Daten zur Lebenslagenuntersuchung von Probanden der Bewährungshilfe Reutlingen und Tübingen ein. [...]
„Heute wird sichtbar, daß es vor allem die Individuen, Paare und Familien sind, denen zugemutet wird, die Widersprüche und Ungleichzeitigkeiten des Modernisierungsprozesses ‚jenseits‘ tradierter institutioneller und normativer Vorgaben ‚unvermittelt‘, also auch nicht mehr ‚gefiltert‘ oder ‚abgepuffert‘ durch (Groß-)Milieus oder Großgruppen nach dem Muster von Ständen, Klassen oder Schichten, zu bewältigen. Die einzelnen haben heute vielfach jene Integrationsleistungen unmittelbar zu vollbringen, gewissermaßen als ‚Sozialintegration‘ im Mikrobereich, die zuvor als ‚Systemintegration‘ durch ihre berufliche Verankerung, durch administrative Regelungen und alltagsweltliche Verhaltenswartungen weitgehend vorgegeben waren. Die Begriffe ‚Lebenslagen‘, ‚Lebensläufe‘, ‚Lebensstile‘ (...) spiegeln daher allesamt Integrationsleistungen wider, denn in Lagen, Verläufen und Stilen werden divergierende (Lebenslagen-, Lebensphasen- und Lebensweisen-) Momente zusammengeführt.“177 [...]
„ A. Interessen, die auf die Ergebnisse des Wirtschaftslebens bezogen sind (1) Mittelbares Interesse an der Ausstattung mit denjenigen Mitteln zur Befriedigung sinnlicher oder geistiger Interessen, die im Verhältnis zum Bedarf knapp sind (2) Interesse an Deckung des Bedarfs an sogenannten lebenswichtigen Gütern (einschl. Diensten) (3) Interesse an ‚Einkommen‘ (4) Interesse an Vermögen (Genuß- oder Produktivvermögen) (5) Interesse an Gegenständen des ‚Gemeinbedarfs‘ (6) Interesse an ausreichender Vorsorge (7) Negatives Interesse an der Belastung mit Steuern und Abgaben (8) Negatives Interesse an Beeinträchtigung der Bedarfsdeckung durch Abhängigkeit B. Interessen die auf den Vollzug des Wirtschaftens bezogen sind (9) Interesse an aktiver Teilnahme am Wirtschaftsleben (10) Interesse an Selbstbestimmung des wirtschaftlichen Handelns (11) Interesse an Gemeinschaft beim Wirtschaften (12) Interesse an Deckung fremden Bedarfs- und Gemeinschaftsbedarfs (Dienstmotiv beim Wirtschaften) (13) Interesse an Arbeitsmühen (14) Interesse an Freiheit der Berufswahl (15) Interesse an Freizügigkeit (16) Interesse an gesellschaftlichem Ansehen, das sich aus der Wirtschaftlichkeit ergibt (17) Interesse am sogenannten sozialen Aufstieg“168 [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832477233
Arbeit zitieren:
Breunig, Anna November 2002: Lebenslagen von Probanden der Bewährungshilfe, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Lebenslagenuntersuchung, Kriminalität, Straftheorie, Delinquenz, Prophylaxe



