Lebenserzählungen von Angehörigen einer deutschen Minderheit
Eine Analyse narrativer biografischer Interviews mit Sinti und Roma
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Patrick Kraemer
- Abgabedatum: Februar 2006
- Umfang: 176 Seiten
- Dateigröße: 727,7 KB
- Note: 2,7
- Institution / Hochschule: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Deutschland
- Bibliografie: ca. 64
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1043-8
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Kraemer, Patrick Februar 2006: Lebenserzählungen von Angehörigen einer deutschen Minderheit, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Minderheiten, Sinti, Roma, Zigeuner, Verfolgung
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Diplomarbeit von Patrick Kraemer
Einleitung:
Die folgende Arbeit befasst sich mit biografischen Interviews von Sinti und Roma, die narrativ erhoben wurden. Da ich im Rahmen meines Studiums auf die Minorität der Sinti und Roma in Deutschland über eine Arbeit zu neuen kommunalen Sicherheitskonzepten und kommunalem Verordnungsrecht aufmerksam wurde und bei meinen Recherchen feststellen musste, dass ein großes empirisches Defizit in der Sozialwissenschaft in Bezug auf dieser Gruppe besteht, lag es nahe die Arbeit in diesem Bereich anzusiedeln. Weiterhin fiel mir auf, dass sich ein großer Teil der Literatur mit Vorurteilen und ihrer Entstehung in der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Sinti und Roma beschäftigt und die eigentlichen Betroffenen ausblendet. Mir schien es aus eigenen Interessenakzentuierungen adäquat, meine Diplomarbeit empirisch zu gestalten, um die Realitätskonstruktionen der betroffenen Angehörigen der Minderheit zu erforschen. So entstand diese Arbeit aus den Überlegungen heraus, über diese gesellschaftliche Minderheiten und ihre Beziehungen zur Mehrheitskultur zu forschen. Mir war von vornherein klar, dass es schwierig sein würde, Kontakte herzustellen und eine große Anzahl von Interviews zu bekommen. So versuchte ich über Einrichtungen der sozialen Arbeit, Unterstützergruppen und nicht zuletzt über Interessenvereinigungen an Interviewpartner zu kommen. Dies gestaltete sich sehr schwierig und nahm einen Großteil der Zeit in Anspruch. Im Endeffekt war die Ausbeute an Interviews ernüchternd, da man zwei Interviews nicht als fundierte empirische Basis ansehen kann, doch ist die Qualität dieser beiden Interviews so außergewöhnlich, dass sie Rückschlüsse auf Sinnkonstruktionen, Handlungsschemata und soziale Realitäten des Individuums und der Minderheit zulassen.
Wegen der geringen Datenbasis beschränken sich die Schwerpunkte in dieser Arbeit auf die empirische Methodik und auf die Dateninterpretation.
Gerade in der Semantik von Begrifflichkeit finden sich Stereotypen und Vorteile wieder, so dass ich erst einmal auf die sprachliche Definition der Minderheit für diese Arbeit eingehe, um im folgenden Teil, die Handlungsentlastetheit bei empirischen Arbeiten zu thematisieren, die ich anhand der Entstehung und Konstruktion der gesellschaftlichen omnipotenten Zigeunerstereotype aufzeigen will. Die handlungsentlastete Erhebung und Interpretation empirischer Daten kann nur unter einem selbstreflektorischen Prozess gelingen, der die eigenen Sinn- und Verstehenskategorien deutlich werden lässt. Deshalb ist es unerlässlich sich seiner Vorurteile bewusst zu werden.
Die Problematik von subjektivistischen und objektivistischen Handlungsschemata und Sinnkonstruktionen hat Pierre Bourdieu schon sehr früh in seinen Arbeiten thematisiert. Er sprach von einer Interiorisierung der Exteriorität und der Exteriorisierung der Interiorität, die er in einer wissenschaftlichen Theorie der Praxis, der praxeologischen Herangehensweise, als Grundlage seiner Habitustheorie vereinigte. Die Problemstellung von Gegensatzpaaren und ihre Überwindung dienen dieser Arbeit als Vorüberlegung, da die Thematik dieselbe geblieben ist.
Die Frage nach der Forschungsmethode, quantitativ versus qualitativ, und ihrer Unterschiede in der empirischen Sozialforschung münden in der qualitativen Methode des narrativen Interviews. Nachdem die Grundgedanken mit ihren Erzählzwängen (nach Fritz Schütze) abgehandelt werden, folgt der Aufbau eines narrativen Interviews anhand eines Phasenmodells, um letztendlich die Vor- und Nachteile dieser Erhebungsmethode zu erläutern.
Den Überlegungen zu generierenden Auswirkungen von Prozessstrukturen in Biografien (ebenfalls nach Fritz Schütze) folgen Gedanken zur Struktur der Interaktion im Interview, die sich mit dem Begriff Arbeitsbündnis beschreiben lassen und aufzeigen sollen, wie stark der Datengehalt von den Interaktionen im Interview abhängig ist. Der nächste Bereich setzt sich mit theoretisch methodischen Grundlagen auseinander, die als Voraussetzung für die Auswertung gesehen werden, da sie verschiedene Konzepte von Realitätskonstruktionen der qualitativen Sozialforschung wiedergeben. Ihnen schließt sich die Beschreibung einer Auswertungsmethode an und endet in einem Plädoyer für einen situativ angewandten Methodenmix.
Den Abschluss dieser Arbeit bilden Fallanalysen und ihre Interpretationen zur Biografie, Nationalbewusstsein, Kulturalität und der Auswirkung des Nationalsozialismus auf die Generation der nachgeborenen Sinti und Roma.
Diese Arbeit wurde in geschlechterspezifischer Schreibweise verfasst. Da ich als Autor dem männlichen Geschlecht angehöre wurde diese Arbeit im männlichen Genus formuliert. Es ist nötig, dies explizit zu erwähnen, da es im deutschsprachigen Raum eine für die Hälfte der Bevölkerung vorherrschenden nichtzutreffenden Genus gibt, der so in anderen z.B. den slawischen Sprachkulturen nicht existiert. Gerade als Sozialwissenschaftler sollte uns die Bedeutung der Sprache mit ihren Auswirkungen auf Handlungsschemata und Realitätskonstruktionen sowie der Konsequenzen dies für die gesellschaftliche Situation der Geschlechter bewusst sein.
Zum Begriff und zur Gruppe der Zigeuner und seiner Verwendung in der folgenden Arbeit:
Die Bezeichnung Zigeuner wird von vielen Angehörigen der Minderheit als diskriminierend empfunden. Die Semantik des Wortes ist über Jahrhunderte mit stereotypen Bildern gefüllt worden, so dass der Begriff negative Emotionen hervorruft. Welche Mythen und Vorurteile diesem Wort anhaften, wird im folgenden Punkt mit der Beschreibung der geschichtlichen Entstehung der rassistischen Vorurteile näher beleuchtet. Die mehreren Genozidversuche in der deutschen Geschichte wurden alle aus den im Wort begründeten Attributen legitimiert, so dass die bloße Zugehörigkeit zu der Gruppe der Zigeuner für die physische Vernichtung ausreichte. Selbst der Begriff Zigeuner, dessen Herkunft ungeklärt ist, unterliegt Interpretationsversuchen, die von den übermächtigen negativen Stereotypen beeinflusst werden.
Die heute gängige und politisch korrekte Bezeichnung, die auf eine Dekonstruktion des herrschenden Zigeunerbildes abzielt, lautet Sinti und Roma und wurde in dieser Art und Weise vom gleichnamigen Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in die Bürgerrechtsdiskussion eingebracht. Diese Begrifflichkeit des Sinti und Roma ist aber ebenfalls umstritten, da sie unter anderem die Zigeunergruppe der Jenische völlig außen vor lässt.
Die Bezeichnung Roma wurde 1981 auf dem Roma Weltkongress in Göttingen als Terminus für die internationale Selbstbezeichnung festgelegt.
Die Sinti sind ein Teil der Romagemeinschaft, da sie einen Romanes-Dialekt sprechen. Die Selbstbezeichnung Sinti, wird von den Nachfahren der Gruppe von Roma verwendet, die vor mehreren Hunderten Jahren in das heutige Deutschland einwanderten. Neben ihnen gibt es natürlich auch noch die kleineren Gruppen der deutschen Roma, die in den letzten 150 Jahren vorwiegend aus den östlichen Nachbarländern nach Deutschland migriert sind.
Die Wissenschaft geht davon aus, dass die Vorfahren der Roma aus dem indisch-pakistanischen Grenzgebiet stammen. Dafür, "wieso und weshalb" sich die Vorfahren auf den Weg nach Europa machten, gibt es keine Beweise, nur Hypothesen, auf die ich nicht weiter eingehen werde.
Der Anteil der Minderheit an der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland ist verschwindend klein, sie umfasst zwischen 70.000-100.000 Menschen. Europaweit gehen die Schätzungen von 6 bis 8 Millionen Menschen aus. Weltweit zählt die Minderheit der Roma nicht mehr als 10 Millionen Angehörige. Die Zahlen variieren stark, da sie auf Schätzungen basieren.
Diese Minderheit umfasst eine Vielzahl von Gruppen, die kulturelle Unterschiede aufweisen, verschiedene soziale Strukturen und Formen im Familienverband und in den Sitten haben, so dass nicht von einer homogenen Gruppe ausgegangen werden kann. Den größten Teil der Minderheit verbindet die gleiche Sprache, das Romanes, auch wenn jede Gruppe ihren eigenen Dialekt pflegt. Wichtigste Integrationspunkte der Roma/Zigeunergruppen sind der gleiche Sprachstamm, die ursprüngliche Herkunft und vor allem die gemeinsame Geschichte der Verfolgung und Diskriminierung.
Das gängige, religiös begründete Vorurteil, daß Zigeuner "ihrem Wesen nach" einem Wandertrieb unterliegen ist durch Statistiken aus der K. und K-Monarchie widerlegt. Der allergrößte Teil der Welt Roma Bevölkerung ist -sofern man im Postfordismus noch von Sesshaftigkeit reden kann- sesshaft.
Trotz der Kritik an dem Begriff Sinti und Roma wird diese Bezeichnung, gerade im Hinblick auf die negative Kernsemantik des Wortes Zigeuner, in dieser Arbeit verwendet. Der Begriff Zigeuner wird in dieser Arbeit kursiv gesetzt und in dem Sinne beibehalten, wie er von anderen zur Bestimmung von Gruppen und Individuen verwendet wird. Interessanterweise wurde die Bezeichnung bei Gesprächen mit Angehörigen der Minderheit oft als Eigenbezeichnung verwendet, indem die ihr anhängige negative Semantik ausgeblendet wurde.
Das Problem der Handlungsentlastetheit und die metaphysische Entwicklungsgeschichte der Zigeunerstereotypen:
Im folgenden Teil wird auf die geschichtliche Entstehung des Zigeunerbildes eingegangen. Es soll die Schwierigkeit einer grundvoraussetzenden Handlungsentlastetheit bei einer empirischen Arbeit mit Sinti und Roma verdeutlichen, da die Stereotypen keiner nennenswerten Dekonstruktionen in der öffentlichen Diskussion unterliegen. Ihre Omnipotenz, kann negative Auswirkungen auf die Interviewsituation und eine spätere Auswertung haben sofern sie nicht bewusst verstanden und erkannt werden. So ist es unerlässlich eine Analyse der gesellschaftlichen Konstruktion des Zigeuners vorzunehmen, um seine eigenen diffusen und unterschwelligen Vorurteile zu erkennen und zu Dekonstruieren. Es ist eine konstitutive, immens wichtige und dem Forschungsprozeß verpflichtende Arbeit. Es ist eine Unterstützung einer obligaten Selbstanalyse und Selbstkritik, die gerade in der Interviewphase helfen soll, eine Bespiegelungsgefahr von stereotypen Wunschvorstellung auf das Gegenüber zu vermeiden. Weiterhin ist es unerlässlich, objektivistische gesellschaftspolitische Konstruktionen offen zu legen und sich seiner Auswirkungen nicht nur auf den Interviewpartner, sondern auch auf sich selbst bewusst zu machen. "... die Handlungen anderer Personen als einem bestimmten, im Wissensbestand der jeweiligen sozialen Gruppe verfügbaren Handlungsmuster zugehörig zu identifizieren und sie unter dieses Deutungsmuster, wie und so weit es dem Verstehenden vertraut ist, zu subsumieren".
So habe ich gerade der Vorbereitung der Funktion der Handlungsentlastetheit, eine sonst in der empirischen Sozialforschung eher vernachlässigten und in den individualistischen, auf das Subjekt des Forschers, abgewälzten Findungsprozess einen großen Rahmen eingeräumt, der sich in dieser Arbeit wiederspiegelt. Das übliche, "Zum Forschungsobjekt", muss bei einer qualitativen empirischen Arbeit über Randgruppen die Handlungsentlastetheit thematisieren, auch wenn sie das "beeinflussende" Vorwissen vergrößern kann. Da die Handlungsentlastetheit nur eine philosophische Größe sein kann, wird der Versuch einer Näherung durch Selbstreflexion und -kritik die Erhebungs- und Auswertungsphase positiv beeinflussen. Das in Sich- und den Herrschaftsstrukturen liegende konstruierende der Handlung, sollte näherungsweise betrachtet werden und sollte durch Funktionsanalyse in Entlastetheit umgesetzt werden.
| Vorwort | 5 | |
| 1. | Zum Begriff und zur Gruppe der Zigeuner und seiner Verwendung in der folgenden Arbeit | 7 |
| 2. | Das Problem der Handlungsentlastetheit und die metaphysische Entwicklungsgeschichte der Zigeunerstereotypen | 9 |
| 2.1 | Herkunft | 10 |
| 2.2 | Das Ende des Mittelalters und der Beginn der Neuzeit bis zum 17. Jahrhundert | 10 |
| 2.3 | Die verschärfte Verfolgung nach dem dreißigjährigen Krieg. | 16 |
| 2.4 | Die Romantik und der Rassismus der Aufklärung. Ein Zeitabriss bis zur zweiten Reichsgründung | 17 |
| 2.5 | Die Verfolgung im Kaiserreich und in der Weimarer Republik | 19 |
| 2.6 | Das 3.Reich | 20 |
| 2.7 | Wiedergutmachung, Bürgerrechtsbewegung, Rostock | 21 |
| 3. | Zugangsprobleme bei Randgruppen | 24 |
| 4. | Vorüberlegungen zum Forschungsdesigns | 25 |
| 4.1 | Die drei Modi theoretischer Erkenntnis | 26 |
| 4.2 | Subjektivismus | 26 |
| 4.3 | Objektivismus | 27 |
| 4.4 | Praxelogische Erkenntnisweise | 28 |
| 4.5 | Kritik am Subjektivismus | 30 |
| 4.6 | Kritik am Objektivismus | 31 |
| 5. | Unterschiede quantitativer und qualitativer empirischer Sozialforschung | 32 |
| 5.1 | Quantitative Methode | 32 |
| 5.2 | Qualitative Methode | 33 |
| 6. | Warum Narrativ herangehen? | 35 |
| 6.1 | Das narrative Interview | 36 |
| 6.2 | Grundgedanken und Erzählzwänge | 36 |
| 6.2.1 | Kondensierungszwang | 37 |
| 6.2.2 | Detaillierungszwang | 37 |
| 6.2.3 | Gestaltschließungszwang | 37 |
| 6.2.4 | Folge der Zwänge | 38 |
| 6.3 | Aufbau eines narrativen Interviews (mehrer Phasen) | 38 |
| 6.3.1 | Vorbereitung | 39 |
| 6.3.2 | Einleitung | 39 |
| 6.3.3 | Erzählung | 39 |
| 6.3.4 | Nachfragen | 40 |
| 6.3.5 | Gesprächsabschluss/“Small talk“ | 41 |
| 6.3.6 | Der Interviewer und seine Rolle | 41 |
| 6.4 | Vor- und Nachteile dieses Erhebungsverfahrens | 42 |
| 6.4.1 | Vorteile | 42 |
| 6.4.2 | Nachteile | 42 |
| 7. | Exkurs: Neue technische Möglichkeiten für die Erfassung und Transkription von Interviews | 44 |
| 8. | Prozessstrukturen in Biografien, die durch die Stegreiferzählung hervorgelockt werden | 45 |
| 9. | Das Arbeitsbündnis | 46 |
| 9.1 | Die Analyse des Arbeitsbündnisses | 46 |
| 9.2 | Die Übertragung und Gegenübertragung im Arbeitsbündnis | 48 |
| 10. | Theoretische methodische Voraussetzung einer Auswertung | 49 |
| 10.1 | Soziologische substanztheoretische Auffassungen | 49 |
| 10.1.1 | Interpretatives Paradigma | 49 |
| 10.1.2 | Natural Sociology/History | 49 |
| 10.1.3 | Symbolischer Interaktionismus | 50 |
| 10.1.4 | Ethnomethodologie | 51 |
| 10.1.5 | Konstruktivismus | 52 |
| 10.1.6 | Phänomenologie | 54 |
| 10.1.7 | Hermeneutik | 55 |
| 11. | Auswertungsverfahren | 57 |
| 11.1 | Feldtagebuch, Postskript, Transkript | 57 |
| 11.2 | Bestimmung der Textart | 59 |
| 11.3 | Sequenzanalyse | 60 |
| 11.4 | Analyseebenen | 61 |
| 12. | Nur eine Methode!? | 63 |
| 13. | Fallanalyse Biographie | 64 |
| 13.1 | Interview 1 | 64 |
| 13.1.1 | Zur Familie | 64 |
| 13.1.2 | Zum Erzähler | 67 |
| 13.2 | Interview 2 | 71 |
| 13.2.1 | Zur Familie | 71 |
| 13.2.2 | Zum Erzähler | 72 |
| 14. | Überschneidungen | 75 |
| 14.1 | Fallanalyse Nationalbewusstsein | 76 |
| 14.2 | Fallanalyse Kulturalität | 81 |
| 14.3 | Fallanalyse Auswirkungen 2. Weltkrieg bzw. Auschwitz | 88 |
| 15. | Fazit | 96 |
| Literaturliste | 100 | |
| Transkriptionsregeln | 113 | |
| Anhang | 100 |
Textprobe:
Das 3.Reich:
Himmlers Vernichtungsbefehl, die "Zigeunerfrage aus dem Wesen dieser Rasse heraus in Angriff zu nehmen", soll den Antagonismus des nationalsozialistischen völkischen Gedankens der indogermanischen Rasse lösen helfen. Wegen ihrer nachgewiesenen indischen Abstammung müssten die Sinti und Roma eigentlich als Arier gelten. Die anthropologische Rassenhygiene wird zur Auflösung des Antagonismus herangezogen, die die These der "rassischen minderwertigen Elemente" einer Rasse konstruiert und so einen formalen Ausschlussgrund aus der "Volksgemeinschaft" eröffnet. Wieder einmal sind es die stereotypen Bilder der angeblichen angeborenen Kriminalität, die den Sinti und Roma, diesmal als angeborenes "asoziales und kriminelles Verhalten", mit einem "erbminderwertigen Rassengemisch" eine genetische Minderwertigkeit attestiert. "Mythische Axiome und die exakte Ratio genetischer Forschung sind heillos miteinander verquickt: Anthropologen kreieren den fiktiven nordischen Idealmenschen und messen reale Schädel mit dem Millimetermaß nach." Alle "Volksschädlinge werden entmenschlicht und ausgemerzt". Die zu Grunde gelegten Konstrukte gehen von einer Vermischung der ursprünglichen arischen Gene der Sinti- und Romagemeinschaften aus. Diese "erbmindernde" Vermischung soll durch die Aufnahme von sogenannten Kriminellen und Asozialen während der letzten Jahrhunderte, als sie selbst verfolgt waren und sich mit anderen Verfolgten solidarisierten und zusammenschlossen, vollzogen worden sein. Sofern ein Sinto oder Rom der unmögliche Beweis der "Reinrassigkeit" gelungen wäre, hätte dieser den anderen Arier gleichgestellt werden müssen. Da diese Gutachten ausschließlich die "Rassenhygienische und Erbbiologische Forschungsstelle im Reichsgesundheitsamt" ausstellte, die gleichzeitig damit beauftragt war den Antagonismus aufzulösen, waren es überwiegend "Todesurteile", die erstellt wurden. Diese zentrale anthropologische Institutionen war mit der "Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens Amt V des Reichssicherheitshauptamtes" vernetzt. Diese Sonderpolizei hatte dieselben Befugnisse und Aufgaben wie die Gestapo bei der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung, nur dass sie auf die Bevölkerungsminderheit der Sinti und Roma beschränkt war. Die Verfolgung und Zuführung oblag der "normalen" Zigeunerpolizei, die Vernichtung übernahm die Todesmaschinerie des SS-Staates.
Wiedergutmachung, Bürgerrechtsbewegung, Rostock:
Der Verfolgung und Vernichtung fielen ca. 500.000 Sinti und Roma in Europa zum Opfer. Die wenigen deutschen Sinti und Roma, die überlebt hatten, standen vor dem absoluten Nichts. Ihr Hab und Gut war beschlagnahmt worden und die Familie als soziale Sicherungseinrichtung bestand nicht mehr. Gerade die jungen Überlebenden traf das Schicksal noch härter, da das von Generation weitergetragene ökonomische Wissen der Familie nicht mehr Bestand hatte und/oder die wirtschaftliche Grundlage vom nationalsozialistischen Staat geraubt worden war. Sinti und Roma waren nicht selten Opfer von Ausgrenzung und Diskriminierung durch andere KZ-Gefangene. Diese Ausgrenzung und Diskriminierung setzte sich in den Opferverbänden dahingehend fort, dass es keine nennenswerte Vertretung oder politische Arbeit für eine nachholende Emanzipation und Dekonstruktion der Zigeunerstereotypen gab, geschweige eine Einforderung von Wiedergutmachung. Nicht einmal eine Thematisierung oder Hinweis zu der Analogie der Shoa gab es. Durch die fehlende Aufarbeitung einer gesellschaftlichen Diskussion der versuchten Vernichtung aller Sinti und Roma blieben die tradierten Bilder unangetastet. Die Opfer wurden in der Bundesrepublik Deutschland, wie gewohnt, einer Sonderbehandlung ausgesetzt, ohne dass es zu Widerstand der demokratischen Institutionen kam. Wiedergutmachung wurde häufig durch altbekannte stereotype Begründungen abgelehnt. Begründungen, wie sie seien wegen ihrer Kriminalität ins KZ gekommen, sie seien Spione gewesen wegen ihres Wandertriebes, gar Leugnung der Vernichtung oder die fehlende oder abgesprochene formalistische Begründung der deutsche Staatsbürgerschaft, waren alles Ausschlusskriterien für das Bundesentschädigungsgesetz. Es kam häufig vor, dass Gutachten der Nazizeit vor Gericht Verwendung fanden oder neuerliche Gutachten von exakt den Zigeunerpolizeistellen erstellt wurden, die für die Deportation der Sinti und Roma in die KZ’s verantwortlich waren. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass diese Sonderpolizeistellen lediglich einen neuen Namen bekamen, jedoch personell unberührt blieben und gemäß Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland als verfassungswidrige Sonderpolizei eingestuft werden mussten. Das alte Zigeunerbild des "Sozialschmarotzers" und "Volksschädlings" drängte die stark traumatisierten Überlebenden noch stärker an den Rand der Gesellschaft.
Ende der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts begann die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma ihre Arbeit als Interessenvertretung der Minderheit. Erster Schritt war die Installierung der eigenen Bezeichnung der Minderheit als Sinti und Roma, um die Dekonstruktion des Wortes Zigeuner zu forcieren und eine vorurteilsfrei gesellschaftliche Diskussion anzustoßen. Die Selbstdarstellung als deutsche Minderheit soll das überkommene Vorurteil, "fremd" oder "anders" zu sein, auflösen und richtig stellen.
Anfang der neunziger Jahre wurde abermals die Zigeunerstereotype aus gesellschaftspolitischen Gründen funktionalisiert, um das Grundrecht auf Asyl abzuschaffen. Nach gut einem Jahrzehnt der Bürgerrechtsarbeit von Sinti und Roma für die Dekonstruktion der Diskriminierungsfaktoren muss diese, Eliten gesteuerte, Instrumentalisierung zur Herrschaftssicherung als größter Rückschlag gesehen werden. Dieser in Rostock gezeigte fanatisch auf Hassprojektionen aufbauende Antiziganismus verschließt sich allen rationalen Argumentationsversuchen. „Ein undefinierbares soziales Unbehagen, das Gefühl, von einer nicht greifbaren Verschwörung aggressiver Feinde bedroht zu werden, die Vorstellung einer unstreitigen Überlegenheit der Eigengruppe aufgrund anthropologisch oder moralisch begründeter Höherwertigkeit ("Ethnozentrismus"), hierarchisch-autoritärer Ordnungdsklischees und eine sozial destruktive Tendenz, die mit Vorliebe gegenüber als "fremd" definierten gesellschaftlichen Minoritäten losbricht, solche Einstellungen sind bestimmend für den voreingenommenen, für faschistische Propaganda besonders anfälligen Charakter.“ Dies zeigt das Dilemma, indem sich die emanzipatorische Arbeit der Sinti und Roma Verbände befindet.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836610438
Arbeit zitieren:
Kraemer, Patrick Februar 2006: Lebenserzählungen von Angehörigen einer deutschen Minderheit, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Minderheiten, Sinti, Roma, Zigeuner, Verfolgung



