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Lebensbedingungen, Lebensstil und Mortalität

Lebensbedingungen, Lebensstil und Mortalität
Über dieses Buch
  • Art: Dissertation / Doktorarbeit
  • Autor: Sven Schneider
  • Abgabedatum: Mai 2001
  • Umfang: 317 Seiten
  • Dateigröße: 1,0 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8918-2
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8918-2 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Schneider, Sven Mai 2001: Lebensbedingungen, Lebensstil und Mortalität, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Epidemiologie, Sozialschicht, Sterblichkeit, Mortalität, Medizin

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Dissertation / Doktorarbeit von Sven Schneider

Problemstellung:

Eine große gesellschaftliche und sozialpolitische Herausforderung der Zukunft wird von einer Entwicklung ausgehen, die gemeinhin als ‘demographische Alterung der Gesellschaft’ bezeichnet wird. Angesichts der weiteren Zunahme der Lebenserwartung und des damit fortschreitenden Alterungsprozesses der bundesdeutschen Bevölkerung ist zu vermuten, daß in den nächsten Jahren die Nachfrage seitens politischer und anderer gesellschaftlicher Institutionen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Zusammenhang zwischen sozialen Dimensionen und Sterblichkeit zunehmen wird.

Dem stehen eklatante Defizite bezüglich theoretischer Reflexion und vor allem soziologisch-empirischer Daten gegenüber: Verglichen mit der soziologischen Forschungstradition in Großbritannien, den skandinavischen Ländern und den Vereinigten Staaten liegen für die Bundesrepublik Deutschland nur spärliche Daten zu Mortalitätsprozessen vor. Aus der sozialwissenschaftlichen wie medizinischen Forschung sind zwar Korrelate der Mortalität (wie zum Beispiel sozioökonomische und soziostrukturelle Dimensionen ebenso wie verhaltensbezogene Risikofaktoren) bekannt; Bezüglich der hierarchischen Struktur, der Wirkungsmechanismen und vor allem der kausalen Relevanz einzelner möglicher Einflußgrößen besteht jedoch weiterhin Klärungsbedarf. In der Literatur vorgeschlagene Erklärungsansätze der Mortalität zielen (auch) auf Unterschiede im Lebensstil. Deren empirische Überprüfung bleibt jedoch oft mangels geeigneter Meso- und Mikrodaten lückenhaft.

Die vorliegende Arbeit beschränkt sich nicht auf eine – wegen mangelhaften Datenmaterials häufig anzutreffende – eindimensionale Verknüpfung von makrosoziologischen Dimensionen (wie Sozialschicht und Geschlecht) mit Mortalitätsdaten. Ziel dieser Arbeit ist vielmehr, die absolute und relative Bedeutung grundlegender soziologischer Dimensionen für die Mortalität zu erhellen und durch eine Verfeinerung dieser Dimensionen die hinter den makrosoziologischen Strukturen wirksamen Prozesse (Integration, soziale Kontrolle, Belastungsgrößen, lebensstiltypisches Verhalten) zu eruieren.

Ein fruchtbarer Weg stellt dabei die Arbeit mit epidemiologischen Daten dar, da derartige Studien i.d.R. neben klassischen sozioökonomischen und -strukturellen Variablen auch verhaltensbezogene und medizinische Parameter beinhalten. Außerdem sind sie oft longitudinal mit einer ausreichenden Fallzahl an Probanden angelegt.

Der empirische Teil der vorliegenden Arbeit basiert deshalb auf einem von den Sozialwissenschaften bislang wenig beachteten, epidemiologischen Datensatz: Dem WHO-MONICA-Projekt, das im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung mit dem Institut für Epidemiologie der GSF München für die vorliegende Arbeit zur Verfügung stand. Das Forschungsprogramm „Monitoring Trends and Determinants in Cardiovascular Disease“ (MONICA) ist eine internationale, von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) initiierte Studie, die Personen im Alter von 25-64 Jahren mit deutscher Staatsangehörigkeit und einem Wohnsitz in der Region Augsburg umfaßt.

Im empirischen Teil nimmt aus den o.g. Gründen die Analyse des Zusammenhanges zwischen makrosoziologischen Kategorien und verhaltens- also lebensstilbezogenen Angaben großen Raum ein. Aus den anschließenden zahlreichen multivariaten Verlaufsdatenanalysen gehen die Kategorien Schichtzugehörigkeit, Geschlecht, Alter, Konfession und Netzwerkstruktur als die bedeutendsten sozialen Einflußgrößen auf die Mortalität hervor. Darüber hinaus stellen Alkohol- und Tabakkonsum die wichtigsten mortalitätsrelevanten Lebensstilaspekte dar. Der eigenständige Einfluß der eben genannten sozialen Kategorien bleibt beachtlicherweise auch nach Kontrolle des Lebensstils und objektiver sowie subjektiver Gesundheitsvariablen (wie Blutparameter, Puls und subjektiver Gesundheitszustand) empirisch relevant. Aus den gefundenen Zusammenhängen werden schließlich Schlußfolgerungen zu möglichen kausalen Ursache-Wirkungs-Beziehungen abgeleitet.

Angesichts des fortschreitenden Alterungsprozesses der Gesellschaft könnten soziale Unterschiede in der Mortalität künftig zu einem Konfliktpotential kumulieren. Nicht zuletzt ist die Identifikation sozial bedingter Gesundheitsdifferenzen bedeutend für die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen und für politische Verhältnisprävention. Dies unterstreicht die Notwendigkeit und Bedeutung soziologischer Mortalitätsstudien wie diese.

Inhaltsverzeichnis:

A. Vorbemerkungen 3
B. Summary 5
C. Kurzgliederung 8
D. Gliederung 10
E. Tabellenverzeichnis 13
F. Abbildungsverzeichnis 16
1. Einleitung 17
1.1 Entdeckungszusammenhang 17
1.2 Fragestellung und Untersuchungsgegenstand 20
1.3 Forschungslogik und Konzeptspezifikation 22
2. Theoretische Überlegungen und aktueller Forschungsstand 24
2.1 Theoretische Modelle der Morbidität und Mortalität 24
2.2 Epidemiologische Großstudien und ihr Beitrag zur Fragestellung 36
2.3 Forschungsstand zu möglichen Einflußgrößen der Mortalität 41
2.4 Anmerkungen zu aktuellen Forschungsdefiziten 159
2.5 Zusammenfassung 167
3. Hypothesen 168
3.1 Systematisierung möglicher Einflußgrößen auf die Mortalität 168
3.2 Hypothesen zu möglichen Einflußgrößen auf die Mortalität 171
3.3 Zusammenfassung 175
4. Daten und Methoden 177
4.1 Datengrundlage 177
4.2 Methoden 213
4.3 Daten- und Methodenrestriktionen 220
4.4 Zusammenfassung 226
5. Empirische Analysen 228
5.1 Analysen zum Schichteinfluß 228
5.2 Analysen zum Geschlechtseinfluß 236
5.3 Analysen zum Konfessionseinfluß 240
5.4 Analysen zum Familienstandseinfluß 249
5.5 Analysen zum Wohnorteinfluß 256
5.6 Analysen zum Netzwerkeinfluß 261
5.7 Zusammenfassende Analysen zur Mortalität (Gesamtbetrachtung) 265
6. Schlußfolgerungen und Überlegungen zum Verwertungszusammenhang 271
7. Anhang 274
G. Literaturverzeichnis 287

Automatisiert erstellter Textauszug:

überzeugungen usw.) erklärt sich ein bei identischen Belastungsquanten unterschiedliches Reaktionsspektrum (Borgers & Steinkamp, 1994: 140; Klein, 1992: 99; Steinkamp, 1993: 117). So mag eine Beförderung je nach Disposition einerseits als Befreiung von hierarchischen Zwängen und Unterforderung, Chance für einen Neuanfang, Erhöhung des Selbstwertgefühles oder aber als Bedrohung der bestehenden Sozialkontakte, Versagensangst und Überforderung bewertet werden. Die schließlich resultierende Streßreaktion setzt sich aus einer persönlichen Kombination physischer, verhaltensbezogener, emotionaler und kognitiver Abläufe zusammen, die adaptiv, fehlangepaßt und/oder gesundheitsrelevant sein können. Eine Form, in der sich Streß negativ auf die Gesundheit auswirken kann, ist die Beeinträchtigung des Immunsystems. Eine chronifizierte, autonomneuroendokrine Aktivierung des Organismus kann außerdem zu einer [...]

Berücksichtigung. Demgemäß äußert sich ein Mißverhältnis zwischen hoher beruflicher Verausgabung und niedriger eigener Belohnungschancen in sozioemotionalen Belastungen, pathophysiologischen Veränderungen und koronaren Herzerkrankungen (Siegrist, 1994: 414). Auf einen gesundheitsschädigenden Zusammenhang zwischen geringer Kontrolle und hoher Arbeitsanforderung weisen auch andere Autoren hin (Elkeles & Mielck, 1997: 139; Hibbard & Pope, 1993: 218). Bevor eine Streßreaktion einsetzt, wird der Stressor seitens des Individuums erkannt und bewertet (Klein, 1992: 99). Diese kognitive Bewertung entscheidet darüber, ob ein Stressor als Eu- oder Disstreß aufgefaßt wird. Neben dieser primären Bewertung des eigentlichen Streßereignisses (primary appraisal) werden in einem zweiten Schritt die materiellen, persönlichen und sozialen Ressourcen, die zur Bewältigung zur Verfügung stehen, in die Bewertung einbezogen (sog. „secondary appraisal“, Zimbardo, 1992: 478ff.). Deswegen ist bei dem Versuch, die individuelle Streßexposition zu messen, stets die Bedeutung der Unterstützungsleistungen eines sozialen Netzwerkes zu beachten. Aus der individuellen Eigenschaften Ressourcenlage (Copingoptionen) und weiteren Fatalismus, personalen Kontroll(Copingerfahrung, Optimismus, [...]

Zusammenfassung: Bezüglich des sozialen Netzwerkes ist zwischen Isolation und Einsamkeit sowie zwischen inner- und außerfamilialen Netzwerken zu unterscheiden. Soziale Netzwerke und die daraus resultierenden Interaktionsstrukturen wirken sich auf viererlei Art gesundheitlich aus: Sie können erstens einen direkten Einfluß auf den Gesundheitsstatus ausüben (psychischemotionaler Support). Zweitens kann die Unterstützung auch instrumenteller oder finanzieller Art sein, wobei diese beiden erstgenannten Erklärungsansätze auch in Form eines sog. „Puffereffektes“ wirken können. Drittens bewirkt eine höhere Netzwerkdichte eine stärkere soziale Kontrolle des gesundheitsbezogenen Lebensstils. Und schließlich ist mit wenigen engen Beziehungen auch ein geringeres Wissen über medizinische Sachverhalte verbunden. Als Alternativthese zu diesen Erklärungsansätzen läßt sich auch hier wieder eine Selektionsthese anführen. Die Wirkung sozialer Netzwerke sowohl auf den Gesundheitszustand als auch auf die Mortalität ist empirisch belegt ist. Ein unterdurchschnittlich ausgeprägtes soziales Netzwerk hat eine signifikant erhöhte Sterbewahrscheinlichkeit zur Folge. Typisch ist eine mit zunehmendem Alter sowohl quantitative wie auch qualitative Verschlechterung persönlicher Netzwerke. Männer scheinen häufiger formale und informale, nichtkirchliche Gruppenmitgliedschaften (Vereine, Stammtisch) zu pflegen, Frauen dagegen sind häufiger aktive Kirchenmitglieder. Des weiteren ist die Netzwerkdichte in den oberen sozialen Schichten höher. [...]

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