Das Kunstwerk als kulturhistorisches Dokument
Die Wohnkultur in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts anhand ausgewählter Beispiele
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Ralf Guddei
- Abgabedatum: April 2002
- Umfang: 78 Seiten
- Dateigröße: 5,6 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Bremen Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6431-8
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6431-8 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6431-8 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Guddei, Ralf April 2002: Das Kunstwerk als kulturhistorisches Dokument, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Goldenes Zeitalter, niederländische Bürgertums, Genre- und Interieurmalerei, Privatleben, Frühkapitalismus
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Magisterarbeit von Ralf Guddei
Problemstellung:
Ziel dieser Arbeit ist eine Untersuchung der niederländischen Wohnkultur des siebzehnten Jahrhunderts. Die Methode wird darin bestehen, anhand ausgewählter Kunstwerke (sogenannter „Interieurstücke“) sowie kulturgeschichtlicher Quellen zu einer Darstellung des häuslichen Lebens dieser Zeit zu gelangen. Primär wird zwei Fragen nachgegangen, nämlich a) wie sich das häusliche Leben gestaltete und b) welche Bedeutung der private Wohnbereich und dessen Gestaltung für den Bürger des siebzehnten Jahrhunderts hatte. Im Zentrum dieser Untersuchung steht somit einerseits der Bereich der rein materiellen Kulturgeschichte (Haus und Raum sowie Mobiliar und Dekoration) und andererseits die niederländische Sozialgeschichte des frühbürgerlichen häuslichen Privatlebens im sogenannten „Goldenen Zeitalter“. Die bisher durchgeführten Untersuchungen zur „Wohnkultur“ als kulturgeschichtlicher Teildisziplin beschäftigen sich im Gegensatz zu dieser Arbeit in erster Linie mit der materiellen Seite und berücksichtigen ihre Bedeutung und ihren Einfluss auf das zeitgenössische Leben kaum.
Der Gemäldetypus „Interieurstück“ bezeichnet eine Subgattung der Genremalerei, die sich etwa seit der Renaissance aus der mittelalterlichen Tafel- und Buchmalerei entwickelte und ihren künstlerischen Höhepunkt in der niederländischen Malerei des siebzehnten Jahrhunderts fand. Ähnlich dem Genrebild thematisiert auch das Interieur die Welt des Alltäglichen und Privaten, visualisiert dies aber konsequent unter den Bedingungen des Innenraums. Aus diesem Grund eignen sich die niederländischen Interieurstücke auch in besonderem Maße als „kulturgeschichtliche Anschauungsmodelle barocker Häuslichkeit“, denn sie vermitteln in ihrer typischen Sprache neben der materiellen auch Aspekte der menschliche Seite des Privatlebens dieser Zeit. Diese Untersuchung berücksichtigt auch figurenfreie Interieurstücke, die sich primär auf die Darstellung eines Innenraums konzentrieren und dessen Bewohner bzw. seine gegenwärtige Aktivität implizit durch im Motiv arrangierte persönliche Gegenstände und andere Bildelemente vermitteln, denn sie können als der „Urtyp“ dieser Form von Malerei betrachtet werden. Ausgewählt wurden ausschließlich Kunstwerke, die primär die räumliche Struktur, die Einrichtung sowie Szenen des häuslichen Privatlebens vermitteln. Einen Sonderfall bilden Innenraumdarstellungen, die ein im Sujet abgebildetes Interieurstück als Detail enthalten, somit sozusagen ein „Interieur im Interieur“ darstellen; auch hierauf wird eingegangen. Der besondere Charakter des Interieurstücks als Gemäldegattung wird im dritten Kapitel ausführlich und seine kulturgeschichtliche Bedeutung im vierten anhand ausgewählter Kunstwerke exemplarisch dargestellt. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die hier an den Kunstwerken praktizierte Analysearbeit nicht im Sinne einer kunstwissenschaftlichen Bildinterpretation verstanden sein will, sondern zur Verdeutlichung kulturgeschichtlicher Zusammenhänge dient. Sämtliche Titel der hier erwähnten Kunstwerke sind der besseren Übersichtlichkeit wegen kursiv gesetzt.
Als „Goldenes Zeitalter“ bezeichnet die niederländische Kunst- und Kulturgeschichte die kulturelle und ökonomische Hochphase der nördlichen Niederlande während des siebzehnten Jahrhunderts, die mit der Befreiung von der spanischen Herrschaft zur führenden Handelsmacht Europas wurden. Mit dem Ende des Achtzigjährigen Krieges im Jahr 1648 erhielt die wirtschaftlich prosperierende Vereinigte Republik der Niederlande ihre politische Autonomie, begleitet von einer ausgesprochenen Blütezeit in den Künsten, insbesondere in der Malerei. Städte wie Amsterdam, Delft, Haarlem und Utrecht wurden zu Zentren des künstlerischen Schaffens im Europa des Barock. Da es sich bei den im folgenden zu untersuchenden Kunstwerken um jene dieser Epoche handelt, stellt das „Goldene Zeitalter“ (etwa 1600 – 1700) mit seiner Vorgeschichte den zeitlichen Rahmen und historischen Hintergrund dieser Arbeit dar. Eine kompakte Behandlung der geschichtlichen Ereignisse folgt im ersten Kapitel.
Die Quellenlage zu dieser Thematik ist problematisch, denn das „Goldene Zeitalter“ der Niederlande ist zwar kunst- und kulturgeschichtlich intensiv bearbeitet worden, aber die angestellten Analysen zur frühbürgerlichen Wohnkultur dieser Zeit begrenzen sich nach wie vor in erster Linie auf materielle Aspekte. So konnte trotz intensiver Recherche nur ein einziger Titel ermittelt werden, der sich unter anderem auch mit dem Wandel der bürgerlichen Privatsphäre in dieser Zeit beschäftigt. Die hier zitierten Autoren der Standardwerke zur niederländischen Kunst- und Kulturgeschichte (Bob Haak, Johan Huizinga, Simon Schama und Paul Zumthor sowie ferner J.L. Price und Charles Wilson) verweisen bezüglich des Privatlebens im siebzehnten Jahrhundert neben kulturgeschichtlichen Quellen und Dokumenten auf englische und französische Reiseberichte sowie bei Fragen zu Mobiliar und Dekoration der Wohnräume (insbesondere des wohlhabenden Bürgertums und der Oberschicht) auf erhalten gebliebene Nachlassinventare, Bestandslisten und Eheverträge.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | ||
| 1. | VORGESCHICHTE UND EREIGNISSE DES „GOLDENEN ZEITALTERS“ | |
| 1.1 | Von den spanischen Provinzen zur Utrechter Union - 1555 bis 1579 | |
| 1.2 | Sieg und Waffenstillstand - 1581 bis 1609 | |
| 1.3 | Doktrinenstreit und Triumph - 1608 bis 1648 | |
| 1.4 | Kaufmannsoligarchie und Haager Allianz - 1647 bis 1697 | |
| 2. | DAS NIEDERLÄNDISCHE BÜRGERHAUS DES SIEBZEHNTEN JAHRHUNDERTS | |
| 2.1 | „voorhuis“ und „achterhuis“ - Entwicklung und Anlage | |
| 3. | DIE KUNSTGESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG DES INTERIEURSTÜCKS | |
| 3.1 | Die Entdeckung der Perspektive | |
| 3.2 | Das Kunstschaffen in den Niederlanden des Barock | |
| 3.3 | Die Veröffentlichung des Privaten - das Interieurstück | |
| 3.4 | Das Interieur - ein historisches Dokument? | |
| 4. | DIE WOHNKULTUR DES „GOLDENEN ZEITALTERS“: INTERIEUR UND HÄUSLICHES LEBEN | |
| 4.1 | Die Gemäldeauswahl - figurenfreie und mehrfigurige Interieurs | |
| 4.2 | Das Heim, die Familie und die Rolle der Frau | |
| 4.3 | Die Gemäldebetrachtungen | |
| 4.3.1 | Die mütterliche Fürsorge: Die Mutter (Pieter de Hooch) | |
| Frau mit Kind an einer Speisekammer (Pieter de Hooch) | ||
| 4.3.2 | Das Liebesleben und die Bedeutung der Ehe: Interieur mit einer Jacke (Hendrick van der Burch) | |
| 4.3.3 | Das Liebesleben und die „Gefahren der Versuchung“: Die Lauscherin (Nicolaes Maes) | |
| 4.3.4 | Die zeitgenössische Haushaltsführung: Die Pantoffeln (Samuel van Hoogstraten) | |
| 4.3.5 | Die bürgerliche Selbstdarstellung: Am Wäscheschrank (Pieter de Hooch) | |
| 4.3.6 | Die häusliche Arbeit des Mannes: Der Goldwäger (Cornelis de Man) | |
| 4.3.7 | Die häusliche Geselligkeit: | |
| Interieur mit einer Dame am Clavichord (Emanuel de Witte) | ||
| Rübenschälende Frau und Mann am Kamin (Esaias Boursse) | ||
| 5. | SCHLUSSBETRACHTUNG | |
| 5.1 | Die bürgerliche Privatsphäre im Frühkapitalismus | |
| Literaturangaben | ||
| Anhang (Abbildungen) |
Leiden (?) um 1666) Zeuge bei einer Testamentsabfassung in Delft, wohin er wahrscheinlich im August 1652 auch seinen Wohnsitz verlegte. Im Jahr 1654 heiratete er Jannetje van der Burch, vermutlich Hendrick van der Burchs Schwester, in Delft. Aus dieser Ehe gingen sieben Kinder hervor. Von 1655 bis etwa 1660 war er als Mitglied der Delfter Lukasgilde (die Handwerksinnung der Maler) registriert und somit in Delft als Künstler tätig. Seine finanzielle Situation muss während dieser Zeit schwierig gewesen sein, denn „ he could only pay one fourth of the twelve-guilder admission fee. On 1 January 1656 he handed over another three guilders; the remaining six he probably never paid.”52 Ab 1661 ist sein Aufenthalt in Amsterdam nachgewiesen (dort unter anderem Taufe einer seiner Töchter am 15. April 1661 in der Westerkerk). Bis auf einen weiteren Aufenthalt in Delft (1663) verbrachte er vermutlich die gesamte weitere Lebenszeit in Amsterdam, wo er am 24. März 1684 in einem Heim für geistig Verwirrte verstarb. Mangels erhalten gebliebener Quellen kann über das Einlieferungsdatum oder die Art seiner Erkrankung nichts weiter ausgesagt werden. Zu Ruhm als Genremaler gelangte de Hooch vor allem wegen seiner Interieurstücke aus der Delfter Periode. Häufige Themen dieser Gemälde sind Angehörige der niederländischen Mittelschicht in deren klar strukturierten und von weichem Sonnenlicht erhellten Interieurs. Auch einige der im Rahmen dieser Arbeit zu untersuchenden Kunstwerke de Hoochs stammen aus dieser Zeit. Die frühen Werke dieses Künstlers (Wachstubenszenen) sowie die der Amsterdamer Spätphase (elegante Interieurs der holländischen Oberschicht) sind dagegen weniger bekannt. Dieses unsignierte Gemälde Die Mutter ist in Öl auf Leinwand ausgeführt und entstand etwa um die Jahre 1661 - 63. Es befindet sich seit seinem Erwerb im Jahr 1876 im Besitz der Berliner Gemäldegalerie (Staatliche Museen, Preussischer Kulturbesitz) und hat die Maße 92 x 100 cm. De Hooch positioniert den Betrachter offensichtlich im achterhuis eines niederländischen Hauses, während rechts im Hintergrund das voorhuis mit der typisch holländischen Haustür, die aus zwei horizontal getrennten Holzflügeln besteht, zu erkennen ist. Im achterhuis fand der eigentliche private Teil des Lebens statt, hier wurde gestrickt, genäht, gestillt, erzogen etc. und somit ein Großteil des häuslichen Lebens verbracht. Das voorhuis war im Gegensatz dazu der Ort halböffentlicher bzw. halbprivater häuslicher Ereignisse wie beispielsweise Familienbesuche oder kleinere gesellschaftliche Anlässe. Die Fußböden [...]
4.3 Die Gemäldebetrachtungen 4.3.1 Die mütterliche Fürsorge: Die Mutter (Pieter de Hooch, Anhang S. 72, Abbildung 1) und Frau mit Kind an einer Speisekammer (Pieter de Hooch, Anhang S. 73, Abbildung 2) Am 20. Dezember 1629 wurde Pieter in Rotterdam getauft. Seine Eltern waren der Maurermeister Hendrick Hendricksz. de Hooch und die Hebamme Annetge Pieters. Gemeinsam mit dem Genremaler Jacob Ochtervelt (1634 Rotterdam – Amsterdam 1682) ging er bei dem Landschaftsmaler Nicolaes Berchem (1620 Haarlem – Amsterdam 1683) in die Lehre; die exakten Daten über Beginn und Ende seiner Ausbildung sind allerdings nicht bekannt. Ähnlich verhält es sich mit seinen weiteren Lebensdaten: 1650 war er gemeinsam mit dem Genremaler Hendrick van der Burch (1627 Honselersdijk bei Delft – 33 [...]
3. das Liebesleben und die Bedeutung der Ehe mit einem figurenfreien Interieur von Hendrik van der Burch, 4. das Liebesleben und die „Gefahren der Versuchung“ mit einem Gemälde von Nicolaes Maes, 5. die zeitgenössische Haushaltsführung mit einem Interieur von Samuel van Hoogstraten, 6. die bürgerliche Selbstdarstellung im Haus mit einem Gemälde von Pieter de Hooch 7. die häusliche Arbeit des Mannes mit einem Bild von Cornelis de Man sowie 8. die häusliche Geselligkeit mit zwei Interieurstücken von Emanuel de Witte und Esaias Boursse. Das die dargestellten Figuren dieser Bilderauswahl überwiegend Hausfrauen und deren Mägde sind, versteht sich vor diesem kulturellen Hintergrund und dem Naturell dieser Kunstwerke beinahe von selbst. Aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit muss darauf hingewiesen werden, dass lediglich die Inhalte der hier vorgestellten Interieurs behandelt werden, die im Zusammenhang mit der Wohnkultur im Vordergrund stehen. Dementsprechend können nicht alle in diesen Gemälden auf ikonographischer und ikonologischer Ebene thematisierten Zusammenhänge des zeitgenössischen Lebens und Denkens erschöpfend vorgestellt werden. [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832464318
Arbeit zitieren:
Guddei, Ralf April 2002: Das Kunstwerk als kulturhistorisches Dokument, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Goldenes Zeitalter, niederländische Bürgertums, Genre- und Interieurmalerei, Privatleben, Frühkapitalismus



