Die Kulturgeschichte und Entwicklung der Popkultur Techno in Berlin seit ihren Anfängen
Kulturelle Identität, Protest, Abschottung, selbstinszenatorischer Erfindungsreichtum und seine Vermarktung
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Karsten Wolff
- Abgabedatum: Februar 1997
- Umfang: 95 Seiten
- Dateigröße: 968,0 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-9664-7
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-9664-7 P - ISBN (CD) :978-3-8324-9664-7 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Wolff, Karsten Februar 1997: Die Kulturgeschichte und Entwicklung der Popkultur Techno in Berlin seit ihren Anfängen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Musikgeschichte, Kultur, Technomode, Lebensphilosophie, Popkultur
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Magisterarbeit von Karsten Wolff
Einleitung:
In Berlin hat sich seit dem Mauerfall eine neue Jugendkultur etabliert, die allgemein als Technoszene bezeichnet wird. Diese deutschlandweite Jugendbewegung entwickelte sich auf besondere Art und Weise; dazu weiter unten mehr. Von hier gingen und gehen weiterhin wichtige trendsetzende Impulse aus, was Musik, Mode, Parties und die besondere Clubszene „made in Berlin“ betrifft. Zudem wird in Berlin das Kulturgut der Technoszene heute von jenen professionell vermarktet, die seit den ersten Technoparties mit dabei waren und, als die Vorreiter von damals, heute große Teile des Erlebnismarktes um die Technokultur mit ihren Ereignissen und Produkten bedienen; sie kommen weiter unten zu Wort. In Berlin liegen Szenekreativität, der Spaß an der Kultur und das harte Vermarktungsgeschäft sehr nah beisammen.
In der Technoszene manifestieren sich zudem der Zeitgeist, der Kultur- und Wertewandel seiner 16-29jährigen Zielgruppe deutlich im metropolitanen Geschehen, vollzieht man die neuen Ausdrucksformen nach und ordnet man sie in den gesellschaftlichen Kontext ein.
Die Extension der Technoszene ist international. Ihre Mitglieder kommunizieren weltweit miteinander. Parties, Musik, Mode, Lebensstil, Kunst und Gedankengut aus Berlin befruchten sich und korrespondieren mit vergleichbaren Kreativprodukten Gleichgesinnter aus New York, London, Detroit oder Stockholm. Berlin ist wichtige Schnittstelle eines globalen „Techno-Undergrounds“.
Stilprägendes und identitätsstiftendes Element im Techno-Underground ist das Rebellorische. Aus Sicht der Konsumenten rebelliert Technokultur eben durch ihre Inkonsumerabilität. Das klingt paradox, vergegenwärtigt man sich die gigantischen Ausmaße des Konsums von Techno-Produkten, muß sie eher als Denkrichtung interpretiert werden. Es gehört zum persönlichen Stil der Technokonsumenten, möglichst neue, noch nicht als Massenware geltende Technoprodukte zu konsumieren. Techno, so seine ursprüngliche Idee, sollte eben nicht von der alles verschlingenden Unterhaltungsindustrie kopiert werden können. Teile der Szene sind permanent damit beschäftigt, Neues zu schaffen, was wenigstens eine bestimmte Zeit lang nicht industriell kopiert werden kann.
Das Unbehagen im Techno-Underground, als gewöhnliche Mainstream-Kultur adaptiert zu werden, zwingt seine kreativen Innovationskräfte zu Trend- und Zeichenerneuerungen innerhalb der Kultur in bisher nie gekannter Schnelligkeit. Nur durch die permanent wechselnden Zeichenstrukturen und Bedeutungsschemata der Techno-Produktpalette wird eine kontinuierliche Irritation und Orientierungslosigkeit auf dem Szene-Markt erzeugt , die einzig versteht, wer in den szeneinternen Kommunikationsnetzwerken integriert ist. Diese Irritationsstrategien immer schnellerer Zeichenfluktuationen sind Garanten der zeitlich begrenzten Inkonsumerabilität neuer Trendwellen durch die Massen jugendlicher Käufer. Insgesamt ist die Technoszene bereits von der Unterhaltungsindustrie entdeckt und dekodiert worden.
Doch die Produkte der als veraltet angesehenen Trendwellen werden nicht mehr verkauft. Szeneinterne Unternehmen erhalten sich so die Marketing-Power, für all ihre Produkterneuerungen die exklusiven Käuferschichten innerhalb der Szene anzusprechen. Diesem Vorgang widmet sich vor allem Kapitel 4.
So meint das Wort „Underground“ innerhalb der Technoszene vor allem die Elite der Erneuerer, die nicht rein profitorientiert, sondern sozusagen „im Dienst der Sache“, kreativ begeistert neue Musik, Mode oder Parties erfinden. Bewährt sich dieses im Underground, und der umfaßt hier auch jene trendbewußten Konsumenten erneuerter Szenekultur, so wird die Trendwelle irgendwann bekannter, damit kommerziell nutzbarer und somit uninteressant für jene Trendsetter-Elite, die diese neue Musik, Mode etc schon erprobt und erlebt hat.
Die Underground-Ware wird nun einem großen Konsumentenpublikum offenbart, mit dem Güte-Stempel: „soeben Underground erprobt - noch frische Ware mit neuen Zeichen“. Das ist zunächst überspitzt dargestellt und wird weiter unten, vor allem in Kapitel 4 und 5 näher erläutert werden. Die Produzenten der Erlebniskultur im Underground wenden sich neuen Dingen zu: neue Musik, neue Mode, neue Veranstaltungsarten und Orte.
„Wenn es im Overground kocht, dann kommt die Hitze von unten - aus dem Underground“, lautet ein Spruch aus der Szene. Das meint, daß auch die Technokultur sich aus der Dialektik zwischen trendsetzendenn neuen Strömungen, Stilrichtungen und der gleichzeitigen Vermarktung des „mainstreams“, dessen also, was große Teile der Szene als den größten gemeinsamen Geschmacksnenner konsumieren, nährt.
Wichtig bleibt das Sich-selbst-Ab- und Ausgrenzen der Technoszene von anderen Jugendkulturen, wie z.B. Hip Hop oder Rockmusik, sowie auch die Distinktion älterer Generationen; dazu mehr in Kapitel 2. Das subkulturelle Image, welches die Technoszene für sich beansprucht, zitiert, wie fast alle Sub- oder Jugendkulturen seit den 60er Jahren, die antibürgerliche Subkultur der Bohéme: „Als Bohéme ergab das eine sehr ausgeprägte und teils demonstrative Subkultur, die sich bewußt abgrenzte und die Tatsache des Ausgegrenzt-Werdens zum Qualitätsmerkmal stilisierte. Anti-bürgerlich gerierte sich jedenfalls die Kunst, die nicht als Ware behandelt werden sollte - oder sich eine andere Form des Überlebens sichern mußte, weil und solange sie nicht marktfähig war“.
Dieser Gestus inspirierte wohl offensichtlich auch die Techno-Szene. Doch während die Bohéme ihr Ausgegrenztsein nutzen wollte, um die Kunst und Literatur der Zukunft zu produzieren, schafft die Technoszene ihre eigenen Erlebniswelten und will sich damit weitgehend dem vorgegebenen Erlebnisangeboten jugendspezifischer Anbieter entziehen und unabhängig machen.
Neben der Produktion von Technomusik bietet die Szene jede Menge kreative Selbstverwirklichungsmöglichkeiten im Leben selbsterfundener Rituale, Verhaltenskodexe und Lebenseinstellungen. Doch auch profitable Karrieren innerhalb besagter Erlebnisproduktionen sind für viele zur Lebensperspektive gewachsen. Techno ist zum „Trend“ der 90er Jahre avanciert. Der Techno-Trend dauert nun schon mehr als sechs Jahre an. Durch eine mit neuer Technologie revolutionierten Musikproduktion, durch mit neuen Drogen wie Ecstasy ermöglichte Rauscherlebnisse- und Empfindungswelten sowie durch soziologische Veränderungen wurde dieser Trend mit geprägt.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 4 |
| 1.1 | Vorwort | 4 |
| 1.2 | Ansätze zur Fragestellung | 6 |
| 1.3 | Die Theorie der Szene | 7 |
| 1.4 | Fragestellung | 10 |
| 2. | Ekstase, Philosophie und Lebensstil | 13 |
| 2.1 | Distinktion | 13 |
| 2.2 | Techno ganz sinnlich | 14 |
| 2.2.1 | Die Musik als Basis der Technokultur | 15 |
| 2.2.2 | Die Reise in die psychophysischen Gewalten des Tresors | 17 |
| 2.2.3 | Das Erlebnis- und Selbsterfahrungsritual | 19 |
| 2.2.3.1 | Die Tanzunterwerfung als Rebellion und Heilung | 20 |
| 2.2.3.2 | Der Einfluß technotypischen Drogenkonsums auf die Kultur | 24 |
| 2.3 | Wertegefühl und Lebenseinstellungen | 26 |
| 2.3.1 | Jugendkultur als Gegenkultur im historischen Kontext | 29 |
| 3. | Wurzeln und Geschichte der Technokultur | 36 |
| 3.1 | Einführung | 36 |
| 3.1.1 | Der DJ als Musiker | 36 |
| 3.2 | Die Vorläufer von Techno in Deutschland und den USA | 39 |
| 3.3 | Techno wird entdeckt | 42 |
| 3.4 | Die deutsche Adaption von Technomusik | 43 |
| 3.5 | Mauerfall und Techno | 44 |
| 4. | Die Kommerzialisierung des Undergroundtrends | 50 |
| 4.1 | Grundbedingungen des Konsumverhaltens Jugendlicher in Bezug auf den Erlebnismarkt Technoszene | 50 |
| 4.2 | Die Vermarktung durch szeneinterne Erlebnisanbieter | 52 |
| 4.2.1 | Die Vermarktung durch szeneexterne Erlebnisanbieter | 54 |
| 4.3 | Die Erlebnisbranchen der Technoszene und ihre Entwicklung aus der neuen Zeichenflut | 56 |
| 4.3.1 | Die Love Parade als Trendbarometer | 56 |
| 4.3.2 | Die Mayday Parties als Trendbarometer | 59 |
| 4.3.3 | Der DJ Markt | 60 |
| 4.3.3.1 | Der Plattenmarkt | 62 |
| 4.3.4 | Technomode | 66 |
| 4.3.5 | Frontpage, das Medium der Szene | 72 |
| 4.3.5.1 | Die klassische Entwicklung eines Szeneunternehmens | 74 |
| 4.4 | Die Werbewirtschaft entdeckt die Technoszene | 78 |
| 5. | Diversifikation des Technotrends | 81 |
| 5.1 | Im Strudel der Zeichenerneuerung | 81 |
| 5.2 | Distinktion zwischen Unterhaltungs- und Selbstverwirklichungsmilieu | 83 |
| 6. | Bewertung | 85 |
| 6.1 | Grenzen der Untersuchung | 85 |
| 6.2 | Zusammenfassung und Ausblick | 86 |
| 7. | Glossar | 88 |
| 8. | Literaturverzeichnis | 91 |
| 9. | Personenregister | 94 |
standen sich hier gegenseitig auf den Füßen und haben sich die neuen Scheiben rausgezogen." (ERNESTUS, Marc im Interview mit dem Verf.) Neben dem ersten Plattenladen entstehen auch die ersten Techno-Clubs, zuerst das Planet Die Veranstalter des Planet wiederholen Samstag für Samstag ihre illegalen Parties. Die Angst vor der Polizei oder dem Entdecktwerden durch die Grundstückseigentümer sorgen jedesmal für existentiellen Nervenkitzel bei den Veranstaltern. Eine leere Halle immer wieder neu mit Licht und Beschallung zum Underground-Club herzurichten verschlingt viel Geld. Die Partyveranstalter lernen so die Grundregeln des Unternehmertums. Heute setzen sie mit dem "E-Werk" Millionen Mark jährlich um: "Die finanziellen Dimensionen im Vergleich mit dem E-Werk heute haben sich nur verschoben. Das Risiko ist immer das gleiche. Es kamen 600 Leute ins Planet und die Partie hat damals auch schon weit mehr als 10.000 Mark gekostet. Das war für uns viel Geld. Wir haben uns nach der Party jeder ein paar Hunderter aus der Kasse genommen, um über die Woche zu kommen und in dieser Zeit mit dem ganzen Geld die nächste noch geilere Party organisiert." (Ralf Regitz, heute E-Werk Betreiber.) Neben dem Planet öffnet 1991 der Tresor als ein weiterer Techno-Club seine stählernen Türen, um wie kein anderer für ein internationales Underground-Flair von Techno Kultur in Berlin zu sorgen: Der Tresor wird weltweit zum Markenzeichen für Techno. in Berlin Mit dem Stahl- und Betondesign der unterirdischen Tresorräume knüpft der "Tresor" an die Dekorationsweisen der Party-Locations im Osten an. Im Tresor klingt Techno mehr nach Industrial. Hier fluten die unerbittlich hämmernden Baßlinien harmonisch durch die nebelig-blitzende Atmosphäre fertiger, kaputter, roher Abrißräume zwischen Gittertüren und Schließfächern. Auch der Tresor funktioniert, wie unzählige andere illegale Unternehmungen zu dieser Zeit ohne besondere Genehmigungen. "Das Problem der Illegalität lag vor allem auch darin, daß diese ganze Bürokratie derartige Probleme verursacht, so etwas legal zu veranstalten, daß du im Grunde im organisatorischen Streß hängen bleiben würdest und erst gar nicht dazu kämst, deine Ideen umzusetzen. Deshalb sind die meisten Clubs illegal entstanden. Das wurde ja nicht des Geldes wegen inszeniert. Man wollte so etwas einfach nur machen, und einige haben es eben dann gemacht." (HEGEMANN, Dimitri im Interview mit dem Verf.) Schon zwei Monate nach seiner Eröffnung gehört der Tresor zu den bekanntesten Techno-Underground-Clubs der Welt, trotz des Eintrittsverbotes für Pressevertreter. Den schnellen guten Ruf im Techno-Underground erringt der Club durch sein gelungenes musikalisches Management. Hinter den Plattentellern arbeitet die Berliner DJ Avantgarde im Wechsel mit den "Turntable-Artists" aus den Techno Hochburgen Detroit und Chicago: Die Berliner Dr. Motte, DJ Tanith, DJ Jonzon oder DJ Rok lösen sich am gleichen Abend mit den Altstars ab [...]
no-Popstar, moderiert bei DT 64 ihre Techno- und House-Sendung "Dance Hall". "DT 64" war zu DDR-Zeiten ein zuweilen sogar kritisches Sprachrohr für die Ost-Jugendlichen gewesen. Mit Marusha steht DT 64 nun für eine neues Radio, das die neue Jugendkultur Techno repräsentiert, mit dem sich viele identifizieren können. Marusha gibt in ihrer Sendung an den Wochenenden kurzfristig und kryptisch Hinweise, wo welche Parties stattfinden. Die geheimen Raves oder Parties versprechen Erlebnisintensität durch Abenteuer: Die Suche nach der versteckten Party-Location wird als besondere Spannung erlebt . Den Gegensatz dazu stellen die immer gleichen Diskotheken und Kneipen im Westteil dar. 1991 ist das Jahr der ausgefallensten Parties . Das intensive Gemeinschaftsgefühl, das die Technoszene von 1991 verbindet, ist einer der Hauptgründe für die weitere permanente Verbreiterung der Szene. Der Techno-Idealismus und die Euphorie kehren sich nach außen und haben missionarischen Charakter. "Okay, es gibt wieder Zukunft, war das Motto. Es ist nicht okay, wenn du als Raver Altöl auf die Straße kippst oder 'ne Schlägerei anzettelst oder ner Frau hinterherpfeiffst. Das war eine moralische Bewegung, die viele in ihren Bann ziehen wollte. Es gab jede Menge ethische Ansprüche darüber, was politically correct ist oder nicht - leider haben die es irgendwie verpaßt, das damals zu artikulieren oder aufzuschreiben." (Eric Hopf, Trendscout und ehemaliger Türsteher der Diskothek "90 Grad".) Die junge Technoszene erhält 1991 erheblichen Zuwachs. Mit jedem Dazukommenden werden die durch die Musik- und Partykultur getragenen Moralund Verhaltenskodize auf einer breiteren Basis akzeptiert. Auch die Parties werden bis heute immer gigantischer, was nicht nur an dem gesteigerten Profitinteresse der Veranstalter liegt. Wachstum gehört zur unausgesprochenen Maxime der Technokultur. Daß eine zu breite Massenakzeptanz sich auch ins Gegenteil kehren kann und am distinktiven Selbstwertgefühl der Bewegung nagt, hat die damals missionarische Szene nicht interessiert 1991 ist auch das Jahr, in dem Berlins erster Techno-Plattenladen "Hard Wax" die Szene mit der nötigen Musik für die Parties versorgt: "Ohne das UFO hätte Techno sich nie in Berlin entwickeln können. Doch Techno hat für mich erst richtig damit angefangen, daß es einen Plattenladen gab. Der hieß Hard Wax und hatte plötzlich die ganzen Scheiben im Sortiment. Ohne die Anstrengungen von Hard Wax gäbe es keinen Techno in Berlin, dort haben Generationen von DJs ihre Platten gekauft und sind damit gewachsen." (ROEINGH, Mathias/DJ Dr. Motte im Interview mit dem Verf.) "Bei uns haben alle Techno DJs bis 1993 eingekauft, weil wir der einzige Plattenladen auf dem Sektor waren. Der Freitag Nachmittag war der absolute Nahkampftag im HardWax. Alle waren gierig auf neue Platten, alle DJs der Szene [...]
verloren gegangen. Alles scheint erlaubt und möglich im Osten. Illegale Bars und Clubs ohne Konzessionen öffnen ihre Pforten, ohne Kontrollen befürchten zu müssen. Solche Freiheitsverlockungen ziehen die ersten Westler in den Osten. Innerhalb von sechs Monaten werden 1990 in den Ost-Berliner Stadtteilen Mitte, Prenzlauerberg und Friedrichshain circa 140 leerstehende Mietshäuser und unzählige Wohnungen hauptsächlich von Studenten und der Kreuzberger Szene aus dem Westteil Berlins besetzt. Eine neue Stadtteilkultur jenseits des etablierten Erlebnisraumes im Westen entwickelt sich hier und schafft sich ihre eigene Infrastruktur. Bars, Clubs, Partyorte und Kunstgalerien ohne Konzessionen schießen wie Pilze aus dem Boden und verschwinden wieder, um an anderer Stelle erneut aufzutauchen. Künstlerische Improvisation mit DDR-Requisiten aus dem Sperrmüll bestimmt den ästhetischen Diskurs. Das Material dazu liegt auf der Straße, denn überall wird alles gegen neue Westprodukte ausgetauscht und altes weggeschmissen. So werden auch die Suchscheinwerfer vom Todesstreifen Teil einer Lichtorgel und alte Mig-Kampfflugzeuge oder anderer Abschreckungsschrott des Warschauer Paktes zu skulpturesken Bartheken zusammengeschweißt. Für alle Kreativen bietet der Osten billigen Lebens- und Arbeitsraum. Die Wende schafft Aufbruchsstimmung. Heute sind die ehemaligen Besetzerviertel im Prenzlauerberg und rund um das Künstlerhaus Tacheles längst zu kommerziellen Vergnügungsmeilen eines standardisierten Erlebnisraumes der Kneipenszenen herangewachsen; SzeneGeheimtips für Touristen aus Spandau, New York oder Tokio. Für die junge Techno-Partybewegung aus Ost und West ist die Aneignung dieser Stadträume 1989/90 gleichermaßen interessant. Die "Wessis" entdecken auf ihrer Suche nach Techno-Parties erstmals den Osten. Die verbotenen Zonen von SED, Stasi oder VEB erzittern unter den gewaltigen Bässen der Techno-Tracks. Die "Ossis" finden in den illegalen Party-Locations ihre eigene Vergangenheit wieder und überwinden diese, indem sie die neue und zeitgemäße Undergroundkultur des Techno erleben. Techno ist der erste Trend, den Jugendliche aus der ehemaligen DDR nicht als Second-Hand-Ware aus dem Westen erfahren. "Techno war neu, und die Leute haben es gleich für sich entdecken können, und zwar fast gleichzeitig in Ost und West. Mit dem Mauerfall konnten alle gleichzeitig bei Techno einsteigen, denn: damit ging es nun mal los zu der Zeit" (REEDER, Marc im Interview mit dem Verf.) Sie erleben ihn aktuell mit, was eine besonders intensive kulturelle Identifikation mit Techno erzeugt. Das Jugendradio DT 64 geriert zu dieser Zeit zu dem Kultsender bei Jugendlichen der ehemaligen DDR, auch in den Teilen Westdeutschlands, wo es empfangbar ist. Die DJane und frühere Schuhverkäuferin Marusha, heute ein Tech44 [...]
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Wolff, Karsten Februar 1997: Die Kulturgeschichte und Entwicklung der Popkultur Techno in Berlin seit ihren Anfängen, Hamburg: Diplomica Verlag
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Musikgeschichte, Kultur, Technomode, Lebensphilosophie, Popkultur



