Kritische Männlichkeitsforschung
Männlichkeiten und Männlichkeitsvorstellungen am Beispiel von Jungen mit kurdischem Migrationshintergrund in Österreich
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Mevlüt Kücükyasar
- Abgabedatum: März 2011
- Umfang: 115 Seiten
- Dateigröße: 555,3 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Wien Österreich
- Bibliografie: ca. 79
- ISBN (eBook): 978-3-8428-1393-9
- Sprache: Deutsch
- Prämierung: ja
- Arbeit zitieren: Kücükyasar, Mevlüt März 2011: Kritische Männlichkeitsforschung, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Männlichkeit, Gender, Geschlecht, Gewalt, Migration
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Diplomarbeit von Mevlüt Kücükyasar
Einleitung:
Es ist eine unübersehbare Tatsache, dass die Wissenschaftstradition des Westens sehr lange von Männern und Männlichkeit dominiert wurde. Obwohl die Wissenschaft ganz lange ein männliches Territorium war, gibt es sehr wenige Forschungen die sich explizit mit Männerrollen und Männlichkeiten beschäftigen. Vor allem auch aus dem Grund, weil männliche Lebensmuster und Denksysteme zu einem Universalanspruch erhoben wurden, der nicht explizit erforscht werden musste.
Wenn man über einige Ausnahmen im Mittelalter hinwegsieht, wurden Frauen erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nach einem langen Kampf in der Wissenschaft zugelassen. Zu dieser Zeit ‘waren Vorstellungen von Geschlecht und Geschlechtlichkeit bereits aus männlicher Perspektive vorgedacht’. Die Frauenbewegung hatte also in erster Linie die Aufgabe ‘Breschen in die Konstruktionen männlicher Weltanschauung [zu] schlagen’. Für die Frauenforschung war es im Laufe der Zeit unumgänglich die gesellschaftliche Rolle des Mannes, die in der Vergangenheit kaum thematisiert wurde, zu hinterfragen und ihre Veränderung einzufordern.
In den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts richtete sich, vor allem ausgelöst durch die Frauenbewegung und durch die Transformation der Geschlechterordnung, die Aufmerksamkeit immer mehr auch auf Männer. Die Zugehörigkeit der Männer ‘zum Kreis der privilegierten Wirklichkeitsgestallter’ wurde nicht mehr als selbstverständlich und unveränderbar hingenommen. Es bildeten sich Männergruppen, die sich die Frage nach den Konstitutions- und Reproduktionsbedingungen von Männlichkeit stellten und Forschungen zu Männlichkeit publizierten . Mittlerweile besteht ein Interesse am Thema Mann und Männlichkeit, auch wenn nur langsam entwickelt sich inzwischen auch die ‘andere Seite’ des Geschlechterverhältnisses, die Männerforschung.
Diese Entwicklung geht aber in vielen Bereichen zaghaft voran. Obwohl es beispielsweise dutzende Publikationen über kurdische Frauen, die kurdische Frauenbewegung und Gender in der kurdischen Gesellschaft gibt, existiert kein einziges Buch, welches sich explizit mit dem Thema Männlichkeit in Kurdistan oder bei Kurden beschäftigt. Dieser Umstand hat mein Interesse erweckt und mich dazu bewegt eine Forschung in diesem Bereich zu unternehmen.
Die vorliegende Diplomarbeit beschäftigt sich mit dem Thema Männlichkeiten und Männlichkeitsvorstellungen am Beispiel von Jungen mit kurdischem Migrationshintergrund in Österreich. Mir war von vornherein bewusst, dass es unterschiedliche Formen von kurdischer Identität und verschiedene Typen von Männlichkeit gibt. Es ist nicht das Ziel dieser Arbeit ‘die Männlichkeit in der kurdischen Gesellschaft’ zu erforschen oder den kurdischen Mann darzustellen, vielmehr geht es darum am Beispiel einiger Interviewpartner Männlichkeitsbilder und -typen bei Jungen mit kurdischem Migrationshintergrund aufzuzeigen und zu beschreiben.
Schließlich existieren auch bei dieser Zielgruppe verschiedene Männlichkeitstypen, die sich in vielen Punkten unterscheiden und in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Jungen mit kurdischem Migrationshintergrund stellen weder in Bezug auf ihre Identität noch in Bezug auf ihre Männlichkeit eine homogene Gruppe dar. Sie haben unterschiedlichste Hobbies und Interessen, verschiedene politische Einstellungen, gestalten ihre Freizeit individuell und haben mannigfaltige Vorstellungen von Männlichkeit. Das Hauptaugenmerk bei dieser Diplomarbeit liegt auch darin, die Strukturen männlicher Herschafft zu erkennen und sichtbar zu machen, um diese besser zu verstehen.
In dieser Diplomarbeit geht es auf der einen Seite darum, Widersprüche und Dynamiken innerhalb des sozialen Geschlechts zu analysieren und sichtbar zu machen und auf der anderen Seite zu erforschen, wie Männlichkeit bei Jungen mit kurdischem Migrationshintergrund gelebt wird, welche Typen von Männlichkeiten sich herausbilden und wie groß der Einfluss der Herkunfts- und Mehrheitsgesellschaft ist. Der Schwerpunkt bei der Erforschung von Männlichkeitstypen liegt vor allem im Freizeitverhalten und den Freundschaftskreisen der Jungen. Diese beiden Ebenen lassen sehr viele Rückschlüsse über Männerbilder und Männlichkeitsvorstellungen von Jungen zu. In weiteren Schritten wird der Einfluss des Ehrbegriffes auf die verschiedenen Männlichkeitstypen aufgezeichnet und das Verhältnis von Männlichkeit und Gewalt sowie Männlichkeit und Homophobie unter die Lupe genommen.
Was den Aufbau der vorliegenden Arbeit betrifft, lässt sich diese in vier große Teilbereiche unterteilen. Im ersten Teil wird der theoretische und historische Hintergrund der Männlichkeitsforschung behandelt. Es wird versucht die Diskurse in der Männlichkeitsforschung in einem historischen Kontext zu erklären und hier vor allem auf die Rolle und den Beitrag der Frauenforschung einzugehen. Es werden gängige und zentrale Theorien in den aktuellen Debatten über Männerforschung besprochen und diskutiert. Hier wird vor allem auf den sozialkonstruktivistischen Ansatz und das Konzept der hegemonialen Männlichkeit von Robert W. Connell , sowie auf das Habituskonzept von Pierre Bourdieu näher eigegangen.
Im zweiten, empirischen Teil der Arbeit wird durch zahlreiche Beispiele geklärt, warum für die Geschlechterforschung allgemein und für die vorliegende Arbeit im speziellen qualitative Methoden mehr in Frage kommen als quantitative. Nach langen Überlegungen habe ich mich für die qualitative Forschungsmethode und im speziellen für die Erhebungsmethode des narrativen Interviews entschieden. Weil es sich bei der vorliegenden Diplomarbeit um eine explorative Forschung handelt, war es sehr naheliegend narrative Interviews zu machen. Insgesamt wurden in drei Bundesländern fünf Jungen mit kurdischem Migrationshintergrund, die zwischen 17 und 19 Jahre alt sind zu den Themen Männlichkeit, Homosexualität, Gewalt, Freunde, Freizeit, Familie uvm. befragt.
Für die Auswertung des erhobenen Materials wurde das Verfahren der zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewählt. Die zusammenfassende Inhaltsanalyse hat Kommunikation zum Gegenstand, die in der Regel durch Sprache erfolgt, aber auch durch Musik, Bilder, Gestik und Mimik entstehen kann. Die Inhaltsanalyse wurde bei der Auswertung vor allem auch deshalb angewendet, weil sie das Material so weit reduziert, dass die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben und durch Abstraktion ein überschaubares Corpus geschaffen wird, welches immer noch ein Abbild des Grundmaterials bildet.
Im dritten und letzten Teil der Arbeit werden die Ergebnisse der Interviews präsentiert. Hier wird auf das Freizeitverhalten und die Freundesgruppe der Jungen eingegangen, wobei es in erster Linie darum geht zu erforschen, welche Räume sie beanspruchen, was sie in ihrer Freizeit unternehmen und wie ihre Kontakte zu Frauen gestaltet werden. An dieser Stelle werden vor allem die Handlungsmuster, der Zugang zu gesellschaftlicher Macht, Männlichkeitstypen und der Einfluss der Familie und der Gesellschaft auf diese Eigenschaften analysiert.
Im weiteren Verlauf nehme ich die Jungen, als Täter- und Opfer von Gewalttaten physischer- oder psychischer Art, in den Blick und versuche zu erklären, warum Jungen häufiger mit Gewalt konfrontiert werden, welche gesellschaftliche Funktionen Gewalt für Jungen hat, welche Rolle die Sozialisation dabei spielt und was Gewalt für Jungen bedeutet. Bei dem Thema Gewalt geht es vor allem auch darum sich anzuschauen, ob ein Zusammenhang zwischen Gewalt und Männlichkeit besteht und wie das von den Jungen mit kurdischem Migrationshintergrund wahrgenommen wird.
Weiters ist von Interesse, was die Interviewpartner unter dem Begriff der Ehre verstehen, was sie damit verbinden und welchen Einfluss die Ehre auf die Gestaltung ihrer Männlichkeitsvorstellungen hat. Anschließend wird analysiert, was die Interviewten über Homosexualität denken und wie Männlichkeit und Homophobie zusammen wirken. Zuletzt werden die Ergebnisse der vorliegenden Diplomarbeit zusammen gefasst und vergleichend diskutiert.
Inhaltsverzeichnis:
| I. | EINLEITUNG | 5 |
| II. | GESCHICHTE DER MÄNNLICHKEITSFORSCHUNG | 9 |
| III. | DIE SOZIALE KONSTRUKTION VON MÄNNLICHKEIT | 17 |
| DIE FEMINISTISCHE THEORIE | 19 | |
| IV. | MÄNNLICHKEITSFORSCHUNG | 25 |
| DER SOZIALE HABITUS | 29 | |
| HEGEMONIALE MÄNNLICHKEIT | 32 | |
| V. | UNTERSUCHUNGSDESIGN | 36 |
| GESCHLECHTERFORSCHUNG UND QUALITATIVE METHODEN | 36 | |
| FRAGESTELLUNG DER UNTERSUCHUNG UND FORSCHUNGSANSATZ | 38 | |
| DAS NARRATIVE INTERVIEW | 40 | |
| DIE INTERVIEWPARTNER UND IHRE REKRUTIERUNG | 43 | |
| VI. | DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE | 50 |
| AUSWERTUNGSMETHODE | 50 | |
| FREUNDINNEN UND FREIZEITGESTALTUNG | 52 | |
| Resümee | 70 | |
| MÄNNLICHKEIT UND GEWALT | 72 | |
| Resümee | 78 | |
| MÄNNLICHKEIT UND EHRE | 81 | |
| Resümee | 87 | |
| MÄNNLICHKEIT UND HOMOPHOBIE | 90 | |
| Resümee | 95 | |
| VII. | ZUSAMMENFASSUNG UND FORSCHUNGSAUSBLICK | 97 |
| VIII. | LITERATUR | 102 |
| IX. | ANHANG | 110 |
| DIE REGELN DER TRANSKRIPTION | 110 | |
| ZUSAMMENFASSUNG | 111 | |
| LEBENSLAUF | 112 |
Textprobe:
Kapitel VI, FreundInnen und Freizeitgestaltung:
Ich habe weiter oben schon mehrmals erwähnt, dass es nicht nur eine Form oder einen Typus von Männlichkeit gibt. Es existieren verschiedene Männlichkeitstypen, die sich in vielen Punkten voneinander unterscheiden und in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen. So ist es auch bei kurdischen Jungen. Kurdische Jungen stellen weder in Bezug auf ihre Identität, noch in Bezug auf ihre Männlichkeit eine homogene Gruppe dar. Sie haben unterschiedlichste Hobbies und Interessen, verschiedene politische Einstellungen und gestalten ihre Freizeit individuell.
In diesem Teil der Arbeit werde ich versuchen zu analysieren wo sich die Interviewpartner zum größten Teil aufhalten, was sie unternehmen und wie sie ihr Leben und ihre Freizeit gestalten. Mir geht es vor allem auch darum zu erblicken und zu analysieren wie die Jungen ihre Freizeit gestalten und mit welchen Dingen sie sich beschäftigen, um hier unterschiedlichste Muster von Männlichkeiten herausfinden zu können. Es ist wichtig zu sehen, welche Räume sie einnehmen, was sie in ihrer Freizeit machen und wie es mit dem Kontakt zu Frauen steht. Ich will auch analysieren wie sie die Männlichkeit in ihrer Freizeit und im Kontakt zu ihren FreundInnen erleben.
Als Ergebnis des Kapitels FreundInnen und Freizeitgestaltung haben sich drei unterschiedliche Gruppen von Männern herausgebildet, die ich getrennt voneinander beschrieben habe. Um analytisch besser vorzugehen, habe ich die interviewten Jungen in drei Gruppen eingeteilt, ‘politische Männer’, ‘traditionelle Männer’ sowie ‘integrierte Männer’. Diese Gruppen haben sich aber nur im Bezug auf FreundInnen und Freizeitgestaltung in dieser Form gebildet und somit eine Kategorisierung erforderlich gemacht. Bei den Themen Männlichkeit und Gewalt, Männlichkeit und Ehre sowie Männlichkeit und Homophobie war keine Kategorisierung notwendig, weil sich die Einstellungen der Jungen nicht nach diesen Kategorien richteten, wodurch eine Kategorisierung überflüssig wurde.
Mit ‘politischen’ Männern meine ich jene Männer für die Politik eine zentrale Rolle in ihrer Lebensgestaltung spielt und die ihr Leben nach ihrer politischen Ausrichtung versuchen einzurichten. Politik ist für diese Menschen ein wichtiger Teil ihres Lebens und hat für sie eine zentrale Bedeutung, die sehr viele Lebensbereiche umfasst und auch sehr in das Privatleben einfließt. Ali, der sich sehr mit Politik beschäftigt und sich sowohl von kurdischen, als auch von türkischen und österreichischen Jungen separiert, würde ich als einen politischen Jungen einstufen. Er ist in der Führungsposition in einer linken kurdischen Jugendorganisation in Wien, deren Mitglieder offen mit der PKK sympathisieren und geniesst dort ein hohes Ansehen unter seinen FreundInnen. Ali definiert sich und seine Gruppe sehr oft in Abgrenzung zu anderen gleichaltrigen Jugendlichen. Der größte Unterschied zwischen ihnen und den anderen Jungendlichen sei, dass alle seine Freunde politisch und systemkritisch sind und ‘die anderen Jugendlichen nicht’. Bei letzteren macht er keinen Unterschied zwischen Jugendlichen der Mehrheitsgesellschaft und Jugendlichen mit kurdischem Migrationshintergrund. Auf die Frage was er in seinem Leben wichtig findet antwortete Ali:
‘So, ich bin schon viel anders aufgewachsen, als die meisten Europäer, weil wir politisch aufgewachsen sind eben. Also, ja allein schon, dass wir auf Demonstrationen gegangen sind und Veranstaltungen von den kurdischen Vereinen besucht haben war schon eigentlich etwas anderes. Ja, für mich war das ja alles ganz anders. Wenn man politisch aufwächst, wächst man eigentlich ganz anders auf. Weil man hat auch andere Interessen, andere Freundschaftskreise. Ja, und so bin ich auch eigentlich ganz anders aufgewachsen als Kurden, die nicht politisch sind eben’.
Ali und seine Freunde haben einen anderen Kleidungsstyle, hören andere Musik und unternehmen in ihrer Freizeit andere Aktivitäten, als andere Jugendliche in ihrem Alter, egal ob mit- oder ohne kurdischem Migrationshintergrund oder Angehörige der Mehrheitsgesellschaft. Er ist der Meinung, dass er und die Leute in seinem Freundeskreis eine systemkritische Stellung beziehen. Er hat bis zu seinem 16./17. Lebensjahr zwei getrennte Freundesgruppen gehabt und war zwischen den beiden Gruppen hin- und hergerissen. Diese Freunde teilt er in zwei Gruppen ein; die politisch-, systemkritischen- und die unpolitisch-, systemkonformen Jungen. Mittlerweile werden seine unpolitischen Freunde weniger und die politischen – vor allem Kurden – häufen sich immer mehr. Er ist vor allem auch deswegen lieber mit ihnen zusammen, weil er mit ihnen über Sachen reden kann, die ihn interessieren und für ihn wichtig sind. Auf die Frage was er damit meint, wenn er sagt er habe andere Interessen als andere Jugendliche, antwortet Ali:
‘Wie soll ich das sagen jetzt? Andere 15, 16- Jährige kiffen machen dies und das. Ich bin erst durch meinem Freundschaftskreis, der eben mehr politisiert ist in diese Kreise wirklich reingekommen. Also von diesem Punkt her ist es viel besser gewesen hier, dass ich so aufgewachsen bin’.
Ali sagt, dass sein Freundeskreis aus gleich vielen Männern wie Frauen besteht, die zwischen 16- bis 25 Jahre alt sind. Die meisten dieser FreundInnen sind entweder Verwandte oder Leute, die Ali vom kurdischen Verein kennt. Außerdem hat er auch viele Freunde, die er von Veranstaltungen und von anderen Vereinen kennt. Er hat früher einen bunt durchmischten Freundeskreis gehabt, wo auch viele Nationalitäten vertreten waren. Auf Grund der unterschiedlichen Auffassungen von freundschaftlichen Werten, hat er diese FreundInnen dann verlassen. Ali meint, dass sein jetziger Freundeskreis nicht nur aus Jungen, sondern auch aus Mädchen besteht und dass sie auch mit den Mädchen viele Dinge unternehmen.
Bei eher konservativen kurdischen Familien ist es oft nicht erlaubt oder zumindest nicht gerne gesehen, dass ihre Töchter mit anderen Jungen etwas unternehmen . Darum ist es für die Mädchen unumgänglich den gleichen Freundeskreis zu haben wie der Bruder, um das Einverständnis der Eltern und des Bruders zu bekommen einen Kontakt mit Männern zu haben. Andernfalls ist eher mit Konsequenzen zu rechnen, wenn sich Mädchen nicht daran halten und sich trotzdem mit Jungen aufhalten. Möglich und gesellschaftlich toleriert wird der Kontakt zu Männern über den kurdischen Verein. Mädchen und Jungen, die Mitglieder beim kurdischen Verein sind, haben die Möglichkeit einen gesellschaftlich zulässigen Kontakt mit dem jeweils anderem Geschlecht einzugehen, weil das auf Grund ihrer Zugehörigkeit zum kurdischen Verein möglich ist.
Der kurdische Verein ist linksgerichtet und in vielerlei Hinsicht sehr modern und fortschrittlich. Was die Beziehung zwischen den Geschlechtern angeht gibt es noch immer strenge und traditionelle Regeln. Es wird nicht gerne gesehen, dass Mädchen und Jungen eine Liebesbeziehung eingehen, weil das den revolutionären Vorstellungen der Bewegung, deren Teil sie sind, wiederspricht . Darum wird vielen jungen Mädchen und Frauen von ihren Familien erlaubt, ohne Begleitung des Vaters oder des Bruders in den Verein zu gehen und mit Männern in Kontakt zu sein, weil Eltern auf Grund dieser Regeln keine Angst um ihre Töchter haben brauchen. Auf die Frage ob Jungs und Mädchen, die in den Verein kommen, Liebesbeziehungen eingehen dürfen, antwortet Ali folgendermaßen:
‘Na, nicht dürfen. Nach einer Weile kann man sich das nicht mal vorstellen so. Auf Deutsch wie heißt das Genossen da schaut sich dann jeder so an. Ich weiß nicht das ist dann so wir haben auch mit unseren Jugendlichen dieses Thema vor 1-, 2 Monaten gehabt. Also da haben halt viele gesagt es geht nicht, dass aus unserem Verein zwei heiraten (lachen). Oder eine Beziehung haben und so. Und ich habe gesagt ‚wenn sie sich wirklich lieben, dann ist es eh besser wenn sie mit unseren heiraten oder so. Ich möcht das nicht haben wollen in unserem Verein, also dass ich zuerst mit der einen Beziehung habe und dann sie mit meinem Freund und ich mit der also sowas würde ich nicht haben wollen’.
VereinsfunktionärInnen sehen sich als Vorbilder für die Mitglieder und verhalten sich auch dem entsprechend. Die Liebesbeziehungen zwischen Mann und Frau werden innerhalb der Vereinsstrukturen informell geregelt. Wer sich nicht an die Regeln der ‘Genossen’ (mit Alis Worten) hält, bekommt nicht mehr das Vertrauen der Vereinsmitglieder, was in weiterer Folge den sozialen Status in der Gruppe verschlechtert. Denn der Genosse und die Genossin werden als ‘Brüder’ und ‘Schwestern’ gesehen, womit man von vornherein einen Liebesbeziehung vorbeugt.
Auch in der PKK, die viel Sympathie vor allem seitens politisch linker Kurden erntet, herrscht eine Auffassung von einer idealen Beziehung zwischen Mann und Frau. Von organisierten kurdischen Frauen wird diese Haltung folgendermaßen argumentiert: ‘Weil sie als Frauen nicht frei von patriarchalen Zwängen’ sind können sie keine Beziehung mit einem Mann eingehen, weil diese Beziehung eine Hierarchie in sich bergen würde, die eine Herrschaft des Mannes und die Unterdrückung der Frau nach sich zieht. Darum kann nur eine Frau, die ihre Freiheit errungen hat eine freie Beziehung mit einem Mann eingehen. Beim Frauenkongress der PKK wird dieses Thema wie folgt festgehalten:
‘Die Frau, die kein Bewußtsein über sich hat und Beziehungen eingeht, begibt sich in eine versklavte Situation. Liebe und Verliebtheit werden (in der kurdischen Gesellschaft) als feudale, kleinbürgerliche Verlogenheit gelebt. Die Frau hat keine Möglichkeit zur Wahl, keine Kriterien und Maßstäbe. Sie ist lenkbar. Der Mann schöpft seine ganze Kraft aus der Unterdrückung der Frau. Die Frau benutzt ihre sexuelle Anziehungskraft, um etwas durchzusetzen, auch in den Bergen. Sie versucht, den Mann an sich zu binden. Dadurch wird Sexualität missverstanden, Liebe und Interesse aneinander darauf reduziert. Die Sexualität dient wieder nur den Bedürfnissen des Mannes’.
Die ideologische Orientierung der PKK hat einen großen Einfluss auf politische KurdInnen, vor allem auf diejenigen, die eine Sympathie zur PKK haben. Es hat sich, vor allem auch durch den Einfluss der kurdischen Frauenbewegung, ein Bewusstsein für Geschlechtergleichheit gebildet und die Geschlechterfrage wird bei vielen kurdischen Vereinen durch unterschiedlichste Veranstaltungen teilweise thematisiert. Nichtsdestotrotz stimmt dieses Wissen aber sehr oft nicht mit der gesellschaftlichen Praxis überein. Der Grund sind vor allem die institutionalisierten Strukturen, die das soziale Handeln regeln und Geschlechter auf die stereotypisierenden Plätze verweisen.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842813939
Arbeit zitieren:
Kücükyasar, Mevlüt März 2011: Kritische Männlichkeitsforschung, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Männlichkeit, Gender, Geschlecht, Gewalt, Migration



