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Kritische Betrachtung der Einführung des Profilfachs Wirtschaft an niedersächsischen Realschulen und die praktische Umsetzung des Kerncurriculums in Form eines schuleigenen Arbeitsplans

Kritische Betrachtung der Einführung des Profilfachs Wirtschaft an niedersächsischen Realschulen und die praktische Umsetzung des Kerncurriculums in Form eines schuleigenen Arbeitsplans
Über dieses Buch
  • Art: MA-Thesis / Master
  • Autor: Martina Günther
  • Abgabedatum: Juli 2011
  • Umfang: 174 Seiten
  • Dateigröße: 15,0 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Hildesheim Deutschland
  • Bibliografie: ca. 99
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-1996-2
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Günther, Martina Juli 2011: Kritische Betrachtung der Einführung des Profilfachs Wirtschaft an niedersächsischen Realschulen und die praktische Umsetzung des Kerncurriculums in Form eines schuleigenen Arbeitsplans, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Profil, Arbeitsplan, Lehrplan, Schule, Methode

MA-Thesis / Master von Martina Günther

Einleitung:

Im September 2010 beschloss die Kultusministerkonferenz endgültig die Einführung des Profilfachs Wirtschaft an Realschulen in Niedersachsen, als Vertiefung des schon bestehenden Wirtschaftsunterrichts. An Schulen soll nun verstärkt das umgesetzt werden, was schon in frühester Geschichte gefordert aber nie hinreichend durchgesetzt wurde – die verstärkte Vermittlung von Gebrauchswissen und Berufsorientierung im lebenspraktischen Unterricht für die direkte Vorbereitung auf das spätere Berufsleben.

Erste Versuche gab es längst, doch waren diese stets begleitet von Kontroversen. Ist die verstärkte Konzentration auf ökonomische Unterrichtsinhalte längst überfällig oder grundsätzlich abzulehnen? Ein Balanceakt in einer sich stetig ändernden Welt und die Frage, die am Ende steht: Was soll in Schulen nun gelehrt werden? Die derzeitig brisante Arbeitsmarktlage infolge des demografische Wandels ist nicht mehr zu übersehen und eine Reaktion hierauf unerlässlich. Der sich ausbreitende, massive Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt stieß dann letztendlich die Durchsetzung dieser Maßnahme an. Unternehmen als Fürsprecher erhoffen sich bessere Anwerbungs- und Ausbildungsmöglichkeiten durch den nun engeren Kontakt zu Schulen. Mittlerweile eine fast unerlässliche Rekrutierungsmöglichkeit? Kann hierdurch ein hinreichender und nachhaltiger Hebel gesetzt werden, um mehr Schulabsolventen schneller und qualifizierter in die richtigen weiteren Bildungsgänge zu entsenden und damit die Arbeitsmarktlage zu verbessern und zu stabilisieren?

Nicht jeder Beteiligte glaubt an die ‘Win-Win-Situation’ für alle, die diese Maßnahme bringen soll. Die Wirkungskette fängt im Kleinen bei der Beschulung der Schüler an, wirkt sich dann auf Unternehmerebene und letztendlich im gesamten Staat aus. Doch wie ist der Ablauf der neuen Beschulung genau und welche positiven und negativen Auswirkungen kann diese haben? Wurde das System gut durchdacht und wie verträgt es sich mit dem schon bestehenden Wirtschaftunterricht? Was hat sich gemessen am bisherigen Unterricht geändert und viel wichtiger: wie verträgt sich die angestrebte Verzahnung mit den Vermittlungsinhalten weiterführender Schulen? Können die gesetzten Ziele erreicht werden? In dieser Arbeit wird die Profileinführung kritisch betrachtet und im Weiteren die Frage angestoßen, wie ein konkreter Arbeitsplan nach dem neuen Modell aussehen könnte. Ist dies tatsächlich ein neues Modell oder lediglich die Umsetzung und Weiterführung bereits seit langem bestehender Ideen?

Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis II
Tabellenverzeichnis III
Abkürzungsverzeichnis III
1. Einleitung 1
2. Die Einführung des Profilfachs Wirtschaft 2
2.1 Historische Entwicklung des Fachs Wirtschaft an Realschulen 2
2.2 Hintergrund der Einführung des Profilfachs Wirtschaft 6
2.3 Allgemeines und Ziele der Einführung des Profilfachs 11
2.4 Vergleich der Curricula Fach Wirtschaft und Profil Wirtschaft 17
2.5 Vergleich der Curricula Profil Wirtschaft und der weiterführender Schulen 22
2.6 Vergleich verschiedener Schulformen bezüglich der Einführung des Profils 26
2.7 Kritische Betrachtung der Einführung des Profilfachs Wirtschaft 29
3. Schulpraktische Umsetzung des Arbeitsplanes Profil Wirtschaft 37
3.1 Hinführung zum Arbeitsplan des Profilfachs Wirtschaft 37
3.2 Prozessbezogene und inhaltsbezogene Kompetenzen 40
3.3 Einstiegsmöglichkeiten in den Wirtschaftsunterricht 42
3.4 Methoden zur Lehre von Wirtschaftsinhalten 48
4. Fazit und Ausblick: Auswirkungen auf die weitere Entwicklung der Schüler 52
5. Literaturverzeichnis 54
6. Anhang 65

Textprobe:

Kapitel 2.7, Kritische Betrachtung der Einführung des Profilfachs Wirtschaft:

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) stimmt der Schulgesetzänderung nicht zu und auch die Fachgruppe der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat Bedenken bezüglich der Folgen der Umsetzung des Gesetzes und lehnt dieses ab. So gibt es einige Kritiker wie auch Fürsprecher für die Änderung des Systems. Verschiedene Aspekte, die zur Diskussion stehen, werden hier aufgezeigt.

Gefahr des ‘Schülertourismus’ und fehlende Chancengleichheit:

Der VBE bemängelt, dass nicht jede Realschule in der Lage sein wird, alle vier Profile anbieten zu können, da der demografische Wandel die Schülerzahlen schrumpfen lässt. Die Gesetzesnivellierung gibt allerdings vor, dass pro Schule mindestens zwei Profile angeboten werden müssen. Dies könnte zu einer Chancenungleichheit führen, da manche Schüler entsprechend ihrer Interessenlage eventuell die Schule wechseln und längere Anfahrtswege in Kauf nehmen müssten, wenn sie ein anderes als die angebotenen Profile bevorzugen. Die Kosten für die Anfahrten würden dann auf den Schulträger zurückfallen. Der VBE spricht hier von der Gefahr des ‘Schülertourismus’.

Auf der Klausurtagung zur Profileinführung wurde betont, dass angestrebt wird, eine hohe Qualität bei einem breiten Angebot zu stellen und den Schülern zu ermöglichen, wohnortsnah unterrichtet zu werden. Erreicht werden soll dies dadurch, dass den Schulträgern viel Gestaltungsfreiraum gelassen wird und regional unterschiedliche Gegebenheiten beachtet werden. Gemäß Aussagen der Ministerin Heister-Neumann soll die Problematik dadurch gelöst werden, dass unter anderem ein gemeinsamer Unterricht bei Haupt- und Realschulen stattfindet.

Gemeinsamer Unterricht von Haupt- und Realschulen:

Glauche von der GEW befürchtet nun, dass die Profilbildung ein erster Schritt zur Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen ist. Anders kann ein reichhaltiges Angebot – besonders auch aller Profile – nicht erreicht werden, da die Schülerzahlen weiter sinken werden.

Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann gibt zu dieser Problematik an, dass die Realschule weiterhin fest bestehen bleiben soll und das gegliederte Schulsystem ebenfalls in Zukunft fester Bestandteil der niedersächsischen Schullandschaft sein wird. Die Zusammenarbeit von Realschulen und Hauptschulen soll lediglich das breite, hochwertige schulische Angebot erhalten – nicht jedoch die Realschule als solches abschaffen.

Glauche geht allerdings davon aus, dass eine schleichende Zusammenführung der beiden Schulformen angedacht ist. Die Abstufung der Besoldung von Realschullehrern auf A12 weist in diesem Zusammenhang darauf hin. Angenommen wird dies auch, da die Berufsorientierung mehr Raum einnimmt und in diesem Sinne auch die Anzahl der Praxistage wesentlich erhöht wurde.

Es wird eine verstärkte Berufsorientierung mit Hilfe der Profilkurse geben:

Der Baustein Berufsorientierung nimmt in den Profilen eine große Stundenanzahl ein. Weiterhin wurden die Praxistage von 15-25 auf 30 Tage erhöht. Glauche befürchtet, dass die Realschule nun weniger Allgemeinbildung vermittelt. Die Schüler würden nicht mehr auf das Gymnasium vorbereitet sondern rein berufsorientiert ausbildet. Glauche spricht von einer ‘Herabstufung’ zu einer berufsvorbereiteten Schule. Der VBE teilt diese Ansicht und sieht in der Profilbildung nicht nur eine Berufsorientierung sondern erste Züge beruflicher Grundausbildung, wie sie erst an weiterführenden Schulen wie Fachgymnasien oder Berufsschulen erfolgt. Der VBE ist daher ebenso wie Glauche der Ansicht, dass der Schwerpunkt der Sekundarstufe 1 bei der Förderung der Berufswahlreife und Berufsorientierung liegen sollte. Weitergehendes berufliches Wissen verhindert ihrer Ansicht nach vertiefte Allgemeinbildung und führt somit zu Ungerechtigkeiten gegenüber Schulen ohne Profilausbildung. Schon in der Geschichte führte diese Problematik zu konträren Ansichten und verhinderte teilweise berufsorientierte und wirtschaftsbezogene Lehre in Schulen.

Von Humboldt vertrat ebenfalls diese Ansicht und hatte zu einer Trennung der beiden Ausrichtungen geraden.

Auf der Klausurtagung des Niedersächsischen Kultusministeriums in 2009 wurde hingegen dargestellt, dass die Profilbildung auf der einen Seite einen verbesserten Übergang in den Beruf schaffen soll und auf der anderen Seite auch der Weg in andere schulische Bildungsgänge geöffnet und verbessert werden. Die Berufsvorbereitung soll dafür immer weiter entwickelt werden.

Der Bibb stellt bereits seit mehreren Jahren in seinen jährlichen Berichten heraus, dass die Verzahnung von Schule und Wirtschaft unabdingbar ist um einem ‘beruflichen - und Informationsmismatch’ entgegenzuwirken.

Laut Strohanjka von der IFOK werden Unternehmen in Zukunft darauf angewiesen sein, bereits bei Schülern eine Rekrutierung vorzunehmen, um ihren sich steigernden Personalmangel entgegenzuwirken. Dies kann nur durch eine enge Kooperation mit Schulen sowie mit längeren Praktika ermöglicht werden.

Weiterhin wurde auf das Neustädter Modell eingegangen. Mit der engen Zusammenarbeit von Hauptschulen und berufsbildenden Schulen an Hauptschulen konnten außerordentliche Lernerfolge erzielt werden. Unter anderem schafften alle Hauptschüler ihren Abschluss. Dies könnte auf die Realschule übertragen werden.

Ministerin Heister-Neumann fügte weiterhin hinzu, dass Absolventen der Realschule nach dem Abschluss einer Lehre eine Studienberechtigung erhalten werden und somit der Abschluss noch aufgewertet würde.

In der Klausurtagung von 2009 wird hierzu herausgestellt, dass die Zusammenarbeit mit berufsbildenden Schulen sehr gut auch auf Fachgymnasien und Fachoberschulen vorbereitet, da die Profilschwerpunkte denen der höheren Schulen entsprechen. Sie sieht in der Profilbildung eine wesentlich erweiterte Allgemeinbildung, die die Möglichkeiten, auf einem Fachgymnasium oder Gymnasium zu bestehen, weitaus verbessert und optimal auf ein Studium vorbereitet.

Berufsschullehrer sollen in den Profilkursen stundenweise eingesetzt werden:

Der VBE argumentiert, dass der Einsatz von Berufsschullehrern in Realschulen nicht möglich ist, da diese in den Berufsschulen dringend gebraucht würden. In diesem Zuge stellt er sich die Frage, warum extra ein Lehramt Realschule mit dem Fach Wirtschaft/Ökonomische Bildung geschaffen wurde, wenn nun dennoch Berufsschullehrer die Lehre in diesem Fach übernehmen sollen. Es wird diskutiert, ob hier ein fehlendes Vertrauen in die Kompetenz von Realschullehrern nach dem neuen Lehramtssystem vorherrscht.

Hingegen gibt der Bericht der Klausurtagung von Krischat an, dass ‘die ausbildende Wirtschaft’ die enge Zusammenarbeit zwischen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen sehr begrüßt.

Lehrer der Sekundarstufe 1 könnten von Experten aus der Wirtschaft sowie Berufsschullehrern lernen und die Verzahnung nutzen, um noch praxisnäheren und gezielteren Unterricht durchzuführen.

Durchlässigkeit an Realschulen:

Der VBE merkt kritisch an, dass es durch die Berufsbezogenheit in der Ausgestaltung des Unterrichts zu einer ‘Auseinanderentwicklung von Realschulen und Gymnasien’ käme. Schließlich wird an Sekundarstufe 1 der Gymnasien und Gesamtschulen die Einführung der Profile vorbeigehen. Eltern kann dies verunsichern. Sie wollen ihren Kindern alle Möglichkeiten – auch die des Studiums oder den Übergang auf ein humanistisches Gymnasium – offen halten und fürchten um die Durchlässigkeit des Schulsystems. Der VBE befürchtet nun, dass Eltern dazu neigen könnten, ihre Kinder eher direkt an einem Gymnasium anzumelden, um nicht im Nachhinein negativ überrascht zu werden. Der VBE gibt daher an, dass die Durchlässigkeit garantiert werden müsse und nicht nur die Abschlussfähigkeit.

Es besteht zudem die Frage, ob es sich bei einem Abitur des Fachgymnasiums um ein minderwertigeres Abitur handele. Dies wurde von der Klausurtagung verneint. Es gibt in Deutschland mittlerweile das Zentralabitur für die Chancengleichheit aller Schüler. Weiterhin fördert das Fachgymnasium nicht nur die Allgemeinbildung sondern verschafft bereits durch ihre Schwerpunktsetzung in den Fächern Technik, Wirtschaft, Soziales und Gesundheit erste Basiskenntnisse für den folgenden beruflichen Einsatz. In Folge dessen gäbe es einen roten Faden von der 9. Klasse Realschule, über das Abitur bis hin zum Beruf oder auch Studium.

Die Profilbildung ermöglicht auch ‘Spätstartern’, sich qualifiziert weiter zu entwickeln und alle Optionen zu erhalten.

Die Kultusministerkonferenz ist laut dem Bibb schon seit Jahren bemüht, die Durchlässigkeit zwischen allgemeinbildenden Schulen sowie berufsbildenden Schulen und Universitäten zu erhöhen. Hierbei sollen schon im Hinblick auf den demografischen Wandel und dem damit einhergehenden Fachkräftemangel Anrechnungen von Vorzugsqualifikationen, wie z.B. Meisterprüfungen oder Fachwirte besser geprüft werden, um die Aufstiegschancen zu erhöhen. Aus volkswirtschaftlicher, betriebswirtschaftlicher und bildungspolitischer Sicht sei dies sehr wichtig, werde aber noch immer nur unzureichend erfüllt, da die Handhabung in den einzelnen Bundesländern zu unterschiedlich ist und die Universitäten eine Entscheidungsautonomie besitzen.

Arbeit zitieren:
Günther, Martina Juli 2011: Kritische Betrachtung der Einführung des Profilfachs Wirtschaft an niedersächsischen Realschulen und die praktische Umsetzung des Kerncurriculums in Form eines schuleigenen Arbeitsplans, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Profil, Arbeitsplan, Lehrplan, Schule, Methode

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