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Kritische Analyse der niederschwelligen Angebote für opioidkonsumierende Frauen in Wien

Besteht Bedarf nach einer Neuorientierung und anderen Konzepten?

Kritische Analyse der niederschwelligen Angebote für opioidkonsumierende Frauen in Wien
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Daniela Weissengruber
  • Abgabedatum: Juni 2007
  • Umfang: 139 Seiten
  • Dateigröße: 622,2 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: FH Campus Wien Österreich
  • Bibliografie: ca. 70
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-1057-5
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Weissengruber, Daniela Juni 2007: Kritische Analyse der niederschwelligen Angebote für opioidkonsumierende Frauen in Wien, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Drogenkonsum, Suchtarbeit, Opioid, Wien, frauenspezifisch

Diplomarbeit von Daniela Weissengruber

Problemstellung:

Seit Christa Merfert-Diete und Roswitha Soltau 1984 das erste Buch zum Thema „Frauen und Sucht“ im deutschsprachigen Raum veröffentlicht haben, hat sich einiges getan. Es sind zahlreiche Publikationen zum Thema „frauenspezifische Suchtarbeit“ erschienen; in den meisten wird für geschlechtsspezifische Angebote plädiert und deren Wichtigkeit unterstrichen.

In Fachkreisen tauchte in den letzten Jahren aber auch immer wieder Kritik an frauenspezifischen Angeboten auf. So wurden zum Beispiel Thesen aufgestellt, wonach Klientinnen durch derartige Projekte oft in ihrer Opferrolle wieder bestärkt werden, wenn sie aus dem Blickwinkel gesehen werden, dass sie aufgrund ihres Drogenkonsums spezieller Angebote bedürfen.

Die vorliegende Arbeit bezieht sich hauptsächlich auf die niederschwelligen Angebote in Wien für Frauen, die regelmäßig Opioide intravenös konsumieren. Frauenspezifische Angebote sind jedoch auch in höherschwelligen Einrichtungen, wie Therapiestationen, zu finden; wenn auch in Österreich eher selten.

Ein Ziel dieser Untersuchung war zu klären, welche niederschwelligen Einrichtungen es derzeit für drogenkonsumierende Frauen in Wien gibt, wie bekannt diese sind und in welchem Ausmaß sie genutzt werden.

Weiters sollte erforscht werden, unter welchen Rahmenbedingungen die potentiellen Nutzerinnen derartiger Projekte leben und welche Gründe sie dazu bewegen, an frauenspezifischen Angeboten teilzunehmen oder ihnen fern zu bleiben.

Ein zusätzliches Ziel der Forschung war herauszufinden, in welchen Bereichen frauenspezifische Angebote fehlen oder ob bestehende Projekte verändert werden sollten. Letztendlich sollten auch Zukunftsperspektiven und künftige Entwicklungen der frauenspezifischen Suchtarbeit in Wien aufgespürt werden.

Grundgedanke der Forschung war, sowohl die Seite der Expertinnen als auch die Meinung der Klientinnen in die Untersuchung einzubeziehen.

Mit der Befragung sollte Klientinnen auch eine Stimme in der Öffentlichkeit verliehen werden, da drogenkonsumierende Frauen meist nicht nach ihren Einstellungen und Sichtweisen gefragt werden. Obwohl Drogenkonsumentinnen nach den feministischen Arbeitsprinzipien als ernstzunehmende Bürgerinnen gesehen werden sollten, haben sie real gesehen selten ein Mitbestimmungsrecht. Sie sollten jedoch die Expertinnen dafür sein, wie frauenspezifische Suchtarbeit auszusehen hat.

Aufgrund des Gedankens, jene Frauen, die sich an der Erhebung beteiligen, möglichst umfassend in den Forschungsprozess einzubeziehen, wurden die befragten Klientinnen vorab über Ziele und Inhalt der Forschung informiert, um sich ein Bild über ihre Rolle im Forschungsprozess machen zu können. Beteiligte Frauen, die interessiert waren, wurden nach der Auswertung der Fragebögen auch über die Ergebnisse informiert.

Gang der Untersuchung:

Diplomarbeiten sind häufig in einen Theorie- und Empirieteil gegliedert. In der vorliegenden Arbeit wurde keine derartige Trennung vollzogen, da einzelne Kapiteln und Themen sowohl aus Sicht der Expertinnen als auch aus der der Klientinnen beleuchtet wurden. Zusätzlich wurden Aspekte aus der Literatur hinzugefügt. Eine Trennung von Theorie und Auswertung der empirischen Ergebnisse hätte zu unzähligen Querverweisen und damit zu einer erschwerten Lesbarkeit geführt.

Bevor auf Themen wie opioidkonsumierende Frauen und frauenspezifische Suchtarbeit eingegangen wird, beschäftigt sich Kapitel 2 mit Hintergründen zur Forschungskonzeption und den für diese Arbeit gewählten Methoden der empirischen Sozialforschung.

Um ein einheitliches Verständnis bezüglich der in dieser Diplomarbeit verwendeten Begriffe zu schaffen, werden in den Kapiteln 3 bis 5 gängige Definitionen und Begriffserklärungen dargestellt. Es soll geklärt werden, was unter Bezeichnungen wie „Sucht“ und „Abhängigkeit“ verstanden wird, und ein Überblick über die für die Zielgruppe dieser Arbeit wichtigen psychoaktiven Substanzen gegeben werden. Weiters wird auf Arbeitsprinzipien in der Drogenhilfe eingegangen.

Kapitel 6 befasst sich mit frauenspezifischen Aspekten des Drogenkonsums und Problemkreisen, die opioidkonsumierende Frauen betreffen. Es wird im Speziellen auf opioidkonsumierende Frauen in Wien eingegangen und zur besseren Darstellung ihrer Lebenssituation der erste Teil der Fragebogenerhebung ausgewertet.

Allgemeine Prinzipien, Aufgaben und Ziele frauengerechter Suchtarbeit werden in Kapitel 7 näher erläutert. Kapitel 8 bezieht sich in der Folge auf niederschwellige frauengerechte Arbeitsansätze und Angebote in den Wiener Institutionen. Es wird auf den Bekanntheitsgrad der vorhandenen Angebote in der Szene und die Motivation der opioidkonsumierenden Frauen, an derartigen Projekten teilzunehmen, eingegangen. Ferner wird geklärt inwieweit Netzwerkarbeit stattfindet und in welchen Bereichen frauenspezifische Angebote und Institutionen in Wien fehlen.

Den Abschluss der Arbeit stellt ein Resümee, in dem die Forschungsfrage beantwortet wird, die wichtigsten Ergebnisse noch einmal zusammengefasst und mögliche zukünftige Konzepte, Projekte und Entwicklungen dargestellt werden.

Inhaltsverzeichnis:

VORWORT 6
1. EINLEITUNG 7
1.1 PROBLEMSTELLUNG UND ZIELE 8
1.2 FORSCHUNGSANSATZ 9
1.3 AUFBAU DER ARBEIT 10
2. FORSCHUNGSKONZEPTION UND METHODEN 11
2.1 QUALITATIVER FORSCHUNGSTEIL 11
2.1.1 Hypothesen qualitative Forschung 12
2.1.2 Interview - Leitfaden 12
2.1.3 Pre-Test 13
2.1.4 Die Interviewpartnerinnen 13
2.1.5 Teilnehmende Institutionen 15
2.1.6 Interviewdurchführung 18
2.1.7 Transkription 18
2.1.8 Auswertung und Interpretation 19
2.2 QUANTITATIVER FORSCHUNGSTEIL 19
2.2.1 Hypothesen quantitative Forschung 20
2.2.2 Der Fragebogen 20
2.2.3 Auswahl der Stichprobe 21
2.2.4 Fragebogenerhebung 22
2.2.5 Auswertung und Interpretation 23
2.2.6 Kritik am Fragebogen 24
3. VOM GENUSSVOLLEN KONSUM ZUM SÜCHTIGEN VERHALTEN 26
3.1 KONSUM 26
3.2 MISSBRAUCH 26
3.3 ABHÄNGIGKEIT 26
3.4 SUCHT 28
4. PSYCHOAKTIVE SUBSTANZEN 29
4.1 SUCHTMITTELGESETZ 29
4.2 SUBSTITUTIONSTHERAPIE 30
4.3 DROGEN 32
4.3.1 Opioide 33
4.3.2 Kokain 36
4.3.3 Cannabis 37
4.3.4 Benzodiazepine 38
4.3.5 Amphetamine 39
4.3.6 Alkohol 40
4.3.7 Nikotin 41
5. ARBEITSPRINZIPIEN 43
5.1 NIEDERSCHWELLIG/ NIEDRIGSCHWELLIG 43
5.2 AKZEPTANZORIENTIERT 43
5.3 FRAUENSPEZIFISCH/ FRAUENGERECHT 44
5.4 FEMINISTISCH 44
5.5 GENDER MAINSTREAMING 45
6. FRAUEN UND DROGENKONSUM 46
6.1 FRAUENSPEZIFISCHE WEGE IN DEN DROGENKONSUM 46
6.2 BESONDERE PROBLEMLAGEN 49
6.2.1 Gewalt 49
6.2.2 Prostitution 52
6.2.3 Obdachlosigkeit 54
6.2.4 Gesundheit 55
6.2.5 Schwangerschaft und Kinder 56
6.2.6 Therapie 59
6.2.7 Jugendliche 61
6.2.8 Migrantinnen 63
6.3 DROGENKONSUMIERENDE FRAUEN IN WIEN 64
7. FRAUENGERECHTE ARBEIT MIT DROGENKONSUMENTINNEN 74
7.1 PRINZIPIEN 74
7.2 AUFGABEN UND ZIELE 76
7.3 KRITIK AN FRAUENSPEZIFISCHEN ANGEBOTEN 78
8. NIEDERSCHWELLIGE FRAUENGERECHTE SUCHTARBEIT IN WIEN 81
8.1 BESTEHENDE ANGEBOTE UND KONZEPTE 81
8.1.1 Verein Wiener Sozialprojekte 81
8.1.1.1 streetwork 81
8.1.1.2 ganslwirt 84
8.1.2 Verein Dialog 85
8.1.2.1 Beratungsstelle Hegelgasse 85
8.1.2.2 dialog: 10 87
8.1.3 Caritas - FrauenWohnZentrum/ FrauenWohnZimmer 88
8.2 BEKANNTHEITSGRAD DER FRAUENSPEZIFISCHEN PROJEKTE 89
8.3 BESTEHENDE ARBEITSKREISE UND NETZWERKARBEIT 93
8.4 FEHLENDE INSTITUTIONEN UND ANGEBOTE 94
9. RESÜMEE 100
9.1 ZUSAMMENFASSUNG DER WICHTIGSTEN ERGEBNISSE 100
9.1.1 Qualitative Forschung 100
9.1.2 Quantitative Forschung 102
9.1.3 Beantwortung der Forschungsfrage 104
9.2 ZUKÜNFTIGE ENTWICKLUNGEN UND MÖGLICHE KONZEPTE 106
ABSTRACT (DEUTSCH) 112
ABSTRACT (ENGLISCH) 113
ANHANG 114
A) FRAGEBOGEN 114
B) INTERVIEW-LEITFADEN 118
C) TRANSKRIPTIONEN (AUSSCHNITTE) 120
LITERATURVERZEICHNIS 134
Curriculum Vitae 140

Textprobe:

Kapitel 7.3, Kritik an frauenspezifischen Angeboten:

In der Literatur, aber auch in der Praxis, wurde der Stellenwert frauenspezifischer Institutionen und Angebote häufig belegt, trotzdem wird deren Existenz in fachlichen Diskussionen immer wieder in Frage gestellt. Obwohl alle sechs befragten Expertinnen angaben, dass es in gewissen Bereichen von Nöten ist, Angebote oder Einrichtungen nur für Frauen zu errichten (siehe Kapitel 8.4), übten doch alle in irgendeiner Form auch Kritik an bestehenden Konzepten der frauengerechten Drogenhilfe.

Die Argumentationen in der Fachdiskussion reichen von fehlenden, wissenschaftlich belegten Grundlagen bis hin zur Rentabilität von frauenspezifischen Angeboten. So führen zum Beispiel geringe Teilnehmerinnenzahlen zu einer Absetzung von Angeboten oder sie werden aufgrund mangelnder Akzeptanz des Arbeitsansatzes innerhalb des Teams erst gar nicht implementiert.

Eine Expertin, die Erfahrung in der Leitung von sozialen Institutionen hat und daher auch die organisatorische und finanzielle Seite sieht, meint zu diesem Thema:

„Von der Finanzierung her kommt dann irgendwann einmal der Punkt, wo man schaut, was kostet es und was bringt es, wie sehen die Kontaktzahlen aus. […] Wir haben damit aufgehört, weil es sehr schlecht in Anspruch genommen wurde. Und wir wollen halt nicht - nur damit wir ein frauenspezifisches Angebot haben - irgendetwas machen. […] Wenn du nicht so viele Frauen im Team hast, denen das ein Anliegen ist, dann ist es halt noch schwieriger.“ Ferner gibt es nach wie vor Zweifel an geschlechtsspezifischen Unterschieden von DrogenkonsumentInnen und folglich an der Notwendigkeit von frauen- oder männergerechten Angeboten. Kritik wird zum Beispiel daran geübt, dass in den meisten Studien drogenkonsumierende Frauen mit drogenkonsumierenden Männern verglichen werden, anstatt mit einer nicht konsumierenden Kontrollgruppe. Noch seltener beschäftigen sich Untersuchungen mit beiden Aspekten. Dies führt dazu, dass es unklar ist, ob tatsächlich geschlechtsspezifische Unterschiede erforscht wurden.

Eisenbach-Stangl hingegen geht davon aus, dass es früher sehr wohl geschlechtsspezifische Unterschiede bei DrogenkonsumentInnen gab, dass diese traditionell-geschlechtsspezifisch getönten Konsumstile jedoch tendenziell durch geschlechtsunspezifische Konsumgewohnheiten abgelöst werden.

Selbst wenn davon ausgegangen wird, dass es gewisse Parallelen in den Biographien drogenkonsumierender Frauen gibt, entsteht die Frage, ob die Prinzipien frauengerechter Arbeit aus feministischem Idealismus oder aufgrund der realen Bedürfnisse von Drogenkonsumentinnen entstanden sind. Eine Expertin warf im Interview die Frage auf, ob frauenspezifische Angebote nicht eher das Anliegen der Sozialarbeiterinnen als der Bedarf der Klientinnen sind, und übte auch Kritik an den Postulaten feministischer Sozialarbeit:

„Ein Ding ist ja immer Solidarität stärken, oder Selbstwert stärken, aber ich glaube, dass das zwar uns als Sozialarbeiterinnen ein wichtiges Anliegen ist, was aber für die Klientinnen in ihren Lebenssituationen nicht so im Vordergrund steht.“ Es besteht demnach die Gefahr, dass durch den Idealismus der Sozialarbeiterinnen die Bedürfnisse der Klientinnen zu wenig beachtet werden. So ist das Ziel traumatisierende Erfahrungen anzusprechen und aufzuarbeiten oft nur die idealistische Vorstellung feministischer Sozialarbeiterinnen und nicht das Bedürfnis der Klientin.

Gerade in der niederschwelligen Drogenhilfe bewegen sich SozialarbeiterInnen häufig im Spannungsverhältnis von Autonomie und Bevormundung. Einerseits muss im Beratungsprozess darauf geachtet werden, dass KlientInnen sich nicht zurechtgewiesen fühlen, andererseits müssen SozialarbeiterInnen, die KlientInnen zur Selbstbestimmung und Autonomie ermutigen, es auch akzeptieren können, wenn sich diese gegen eine Betreuung oder ein Angebot entscheiden. Dies gilt aufgrund der Arbeitsprinzipien insbesondere für frauenspezifische Projekte, wie eine Expertin im Interview bestätigt: „Das ist halt immer so eine Geschichte. Ist man froh darüber, dass die Frauen im Frauencafé sind, oder ist man glücklich darüber, dass sie nicht mehr kommen.“ Einen weiteren Kritikpunkt an frauenspezifischen Angeboten bildet die Wiederholung der Stigmatisierung als Opfer in Einrichtungen der Drogenhilfe. Viele der Mädchen und Frauen haben entweder vor ihrem Drogenkonsum und/ oder nach Beginn des Substanzenkonsums in der Szene Gewalt erfahren, wodurch sie oft eine Opferrolle eingenommen haben. Nach den Prinzipien frauenspezifischer Arbeit sollen Klientinnen bestärkt werden, ein autonomes und selbstbestimmtes Leben zu führen, auch um sich aus der Rolle des Opfers befreien zu können. In der Praxis sehen Sozialarbeiterinnen durch diesen Arbeitsansatz die Frauen häufig nur als Opfer der Handlungen anderer oder nur die Folgen von Traumata und dem Drogenkonsum. Dadurch machen sie „Betroffene zum zweiten Mal zum Opfer: Zum Opfer eines an Symptomen orientierten“ Hilfesystems.

Menschen sind schließlich nicht nur Objekte und damit Opfer ihrer Sozialisation, sondern gleichzeitig auch handelnde Subjekte, die Einfluss auf ihre Vergesellschaftung haben. In der Beratung und Betreuung von drogenkonsumierenden Frauen wird jedoch häufig übersehen, dass sowohl die Frau als Opfer in ihrer Biographie und die Frau als Täterin beleuchtet werden müssen, da erst beide zusammen die Lebensgeschichte ausmachen.

Die Notwendigkeit frauenspezifischer Angebote ist also weitgehend unbestritten, es kommt jedoch darauf an, wie diese gestaltet sind und mit welchen Leitbildern Sozialarbeiterinnen derartige Projekte in Angriff nehmen. Eine geschlechtsneutrale Drogenhilfe könnte den Bedürfnissen von Frauen nicht gerecht werden, da diese Einrichtungen stets männerdominiert wären.

Arbeit zitieren:
Weissengruber, Daniela Juni 2007: Kritische Analyse der niederschwelligen Angebote für opioidkonsumierende Frauen in Wien, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Drogenkonsum, Suchtarbeit, Opioid, Wien, frauenspezifisch

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