Die Krippe in Deutschland - der spielerische Einstieg ins Bildungswesen
Eine Analyse des Spielverhaltens von Krippenkindern in Bezug auf Bildung im Kleinkindalter mittels Beobachtungen in vier Krippengruppen in Berlin-Pankow
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Petra Schneider-Andrich
- Abgabedatum: Dezember 2006
- Umfang: 126 Seiten
- Dateigröße: 588,4 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
- Bibliografie: ca. 84
- ISBN (eBook): 978-3-8428-1241-3
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Schneider-Andrich, Petra Dezember 2006: Die Krippe in Deutschland - der spielerische Einstieg ins Bildungswesen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Kinderkrippe, Spiel, Kleinkind, Bildung, Bildungssoziologie
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Diplomarbeit von Petra Schneider-Andrich
Einleitung:
Der Alltag und die Umgebung unserer Kinder haben sich in den letzten Jahrzehnten enorm gewandelt. Die Kinder haben unter anderem mit enger werdenden Spielräumen oder mit familiären Unsicherheiten zu kämpfen. Das spontane und freie Spiel auf der Strasse mit anderen Kindern, während die Mutter zu Hause das Mittag kocht, ist nur noch selten bis gar nicht mehr möglich. Denn Freunde wohnen oftmals kilometerweit voneinander entfernt und sind nur mit Verkehrsmitteln erreichbar. Oder die bauliche und infrastrukturelle Gestaltung der Städte verbietet Kindern alleine draußen zu spielen, weil große Strassen mit viel Verkehr und beengte Räume zu gefährlich sind. Zudem gibt es zahlreiche Plätze, die das Spielen der Kinder untersagen. Die Eltern müssen aus solchen Gründen den Kindern ihr Spiel organisieren, planen und betreuen und sich in dafür vorgesehene Nischen (öffentliche Spielplätze, Sportanlagen, ...) zurückziehen. Andererseits haben die Eltern jedoch selten Zeit solche Orte aufzusuchen, weil sie neben Erziehung und Haushaltsführung noch erwerbstätig sein wollen. Das Kind kann sich dann nur zu Hause alleine beschäftigen, während die Eltern ihrer Arbeit nachgehen. Häufig fehlen leider Geschwister, so dass es beim Alleinspiel bleibt. Die Eltern versuchen dann durch allerlei Spielsachen, die Kinder zu entschädigen. Die Kreativität und natürliche Spiellust des Kindes allerdings geht dabei verloren, so dass dann nur noch Computer oder Fernseher helfen können, die Kinder zu beschäftigen und lange Weile zu vertreiben. Die wenige gemeinsame Zeit, die den Eltern mit ihren Kindern bleibt, wird dann oft für gezielte Angebote und Kurse genutzt, denn durch die wachsende Leistungserwartung seitens der Gesellschaft sind auch die Eltern in verstärktem Maße angehalten, ihre Kinder frühzeitig zu fördern. Daneben gibt es einen ganz erheblichen und steigenden Anteil an Familien, bei denen dies so gar nicht möglich ist, denn sie sind von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen. Die daraus folgende Frustration und Depression überschatten den familiären Alltag, so dass auch hier wenig Sinn für das Kinderspiel bleibt.
All diese Phänomene zeigen vor allem einen Aspekt auf: die Kinder erhalten heute immer seltener die Möglichkeit, allein oder mit anderen zu spielen. Ihnen fehlen vor allem Räume, die Zeit und die Möglichkeit für das Spiel. Damit sich aber unsere Kinder nicht völlig ‘entkindlichen’, müssen wir ihnen genau diese Räume und Gegebenheiten zur Verfügung stellen. Öffentliche Betreuungseinrichtungen könnten solch ein Ort sein. Als Begegnungsstätte und Lebensraum könnten sie den Kindern Sicherheit, Regelmäßigkeit, Zuverlässigkeit, Aufmerksamkeit und Zuwendung in einem sonst von Stress, Eile und Druck geprägtem Alltag bieten. Dort träfen die Kinder auf Spielpartner, mit denen sie nach eigenen Vorstellungen und Regeln frei spielen können. Dort bekämen sie die Zeit, die sie zum spielen brauchen, dort könnten sie die verschiedensten Materialien erhalten, um ein eigenes kreatives Spiel initiieren zu können. Und sie erhielten einen Raum, indem das freie Spiel ungestört ohne Hindernisse oder Gefahren passieren kann. Die Kinder könnten dort lernen zu spielen, wie einst auf der Strasse. Vor allem für Kinder aus armen und problembelasteten Familien könnte zudem die regelmäßige Betreuung einen Ausgleich bieten, zu denen die Eltern oftmals nicht mehr in der Lage sind. Außerdem könnte sie der gesamten Familie helfen, den Alltag zu organisieren und sie damit zu entlasten. Außerfamiliäre Betreuungen scheinen so schon fast unerlässlich zu sein in unserer Zeit.
Eine Möglichkeit solch einer öffentlichen Einrichtung ist die Krippe. Sie kann vor allem den jüngsten Kindern, welche durchaus schon mit denselben Problemen konfrontiert werden, einen ihnen angemessenen Platz bieten. Auch kleine Kinder brauchen andere Kinder zum spielen, haben das Bedürfnis nach Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit sowie nach liebevollen, stabilen Bezugspersonen als Vertrauensgrundlage. Nur unter diesen Voraussetzungen nämlich kann ein Kind eigenaktiv und autonom eine vielfältige Umgebung kennen lernen. Die Krippe bietet den Raum, die Zeit und die Personen, um dies zu ermöglichen.
So kann eine Sichtweise zur Kinderkrippe in Deutschland heute aussehen. Eine andere sieht sie immer noch als bloße Aufbewahrungsanstalt für kleine Kinder, deren Eltern arm sind und/oder arbeiten müssen, an. So kann es Müttern auch heute noch passieren, dass sie als ‘Rabenmutter’ bezeichnet werden, wenn sie diese außerfamiliäre Betreuung in Anspruch nehmen. Denn einerseits verursache die Krippe psychische Schäden aufgrund der zeitigen Trennung von der Mutter, so wird argumentiert, und andererseits zerstöre sie die traditionellen Familienmuster.
Diese zwiegespaltene Position zur Krippe hat ihre Wurzeln schon in ihrer Geschichte. In der Bundesrepublik blieb die Krippe eine negativ besetzte Randerscheinung. In der DDR hingegen galt sie als alltägliche Betreuungsform für alle Kinder, als volkswirtschaftlich notwendige Ergänzung zum Familienalltag. Ich glaube, eine Ursache für diese anhaltenden gegensätzlichen Ansichten sind vor allem die fehlenden empirische Untersuchungen. Man weiß heute noch so gut wie nichts über das Sozialisationsgeschehen in der Krippe, über Auseinandersetzungs- und Aneignungsprozesse der Kinder sowie über institutionelle Eigengesetzlichkeiten. Es gibt wenige wissenschaftliche Veröffentlichungen zur Krippe und deren Gestaltung. Man weiß also gar nicht, was wirklich in Krippen passiert, weshalb Spekulationen und entsprechende Vorurteile sich verbreiten und verfestigen können.
Ich entschied mich vor einem Jahr mein älteres Kind in eine Krippeneinrichtung zu bringen. Bisher machte ich keine negativen Erfahrungen, zumindest keine die sich allein auf die Tatsache der Krippenbetreuung beziehen lassen. Im Gegenteil machte meine Tochter enorme Entwicklungsfortschritte, angeregt durch spezifische Abläufe in der Krippe, welche ich ihr so nicht hätte bieten können. Außerdem konnte ich durch meine Arbeit als Evaluatorin einige Krippen in Deutschland besuchen, welche bei mir einen guten Eindruck hinterließen. Die Angebote für Kleinkinder waren dem Alter entsprechend anregend, es gab angemessene Räume, der Tag war anregend strukturiert, vielfältige Materialien wurden genutzt sowie das Spiel pädagogisch kreativ umgesetzt. So existierte in den Einrichtungen mittlerweile das Bewusstsein, dass auch kleine Kinder sehr viel mehr können als krabbeln, brabbeln und essen, nämlich spielerisch die Welt erforschen und mit anderen Kindern in erste Kontakte treten.
Daher entstand das Anliegen der vorliegenden Arbeit, mit den Vorurteilen ein Stück weit aufzuräumen und zu zeigen, dass Krippenkinder nach ihren Bedürfnissen begleitet und gefördert werden können und sie damit eine sinnvolle, wenn nicht sogar notwendige, außerfamiliäre Betreuung erhalten. Die Krippe ist keine bloße Verwahrung für Kinder, deren Eltern arbeiten müssen. Sie ist eine Bildungsinstitution, die Kinder in ihrer Entwicklung zusätzlich zur Familie fördern und unterstützen kann. Um zu erfahren, was in der Krippe passiert und wie sie die Kinder fördert, bin ich folgenden Weg gegangen: Im ersten Kapitel beschreibe ich die strukturellen Bedingungen der Krippe. Dabei interessiert mich zunächst, welche Entwicklung die Krippenerziehung hinter sich hat. Anhand der Versorgungsquoten untersuche ich, wie stark die Krippe in Anspruch genommen wurde und vor allem wird. Zudem stelle ich die rechtlichen und finanziellen Bedingungen vor, um damit die aktuelle politische Relevanz der Krippe zu demonstrieren. Im zweiten Kapitel folgt die Darstellung und Analyse von meinen vier Beobachtungen in Berliner Krippen. Ich konzentriere mich dabei vor allem auf das Spiel in der Krippe, denn es ist die spezielle Form des Lernens und Sichbildens in diesem Alter. Zunächst wird die Frage beantwortet, welche Bedeutung das Spiel im historischen Verlauf in der Krippe hatte, um dann zu untersuchen, welche es in der Gegenwart hat. Dazu führte ich vier Beobachtungen in Krippengruppen in Berlin-Pankow durch, welche nach dem sozialökologischen Ansatz die Spielumgebung, die Spielmittel, das Spiel an und für sich und das Verhalten der Spielpartner erfassten. Damit gewähre ich in der Auseinandersetzung mit den Beobachtungen einen beispielhaften Einblick in den Krippenalltag. Um ein annähernd repräsentatives Bild entstehen zu lassen, vergleiche ich die Beobachtungen mit anderen Untersuchungen. Im dritten Kapitel findet eine Diskussion statt. Ich möchte klären, ob bildende Momente im Krippenspiel stattfinden und wie sie aussehen könnten. Die Erkenntnisse und Ergebnisse aus den Beobachtungen stelle ich der wissenschaftlichen und politischen Meinung gegenüber und gebe damit ein ganzheitliches Bild heutiger Krippen wieder.
Inhaltsverzeichnis:
| Vorwort | 3 | |
| I. | Einführung | 7 |
| 1. | Die Kinderkrippe – Vorstellung einer Institution | 8 |
| 1.1 | Der Begriff | 8 |
| 2. | Die Geschichte der Krippe | 10 |
| 2.1 | Die Entwicklung der Krippe bis 1945 | 10 |
| 2.2 | Die Krippe in der DDR | 12 |
| 2.3 | Die Krippe in der BRD | 14 |
| 3. | Der Versorgungsgrad von Kleinkindern in Krippen | 16 |
| 3.1 | Die Versorgungsquoten ab 1990 | 16 |
| 3.2 | Der gegenwärtige Versorgungsgrad | 18 |
| 4. | Die Rahmenbedingungen | 23 |
| 4.1 | Der rechtliche Hintergrund | 23 |
| 4.2 | Der finanzielle Rahmen | 26 |
| 5. | Die Bedarfsfrage | 28 |
| II. | Das Spiel in der Krippe | 31 |
| 1. | Die Bedeutung des Spiels in der Geschichte der Krippe | 32 |
| 2. | Die Methodik | 38 |
| 2.1 | Die Fragestellung | 38 |
| 2.2 | Definition von Spiel allgemein – ein Problem der Operationalisierung | 39 |
| 2.3 | Der sozialökologische Ansatz nach Heimlich | 41 |
| 2.4 | Das Instrument | 45 |
| 3. | Beobachtungen in vier Krippen in Berlin | 50 |
| 3.1 | Die Spielumgebung | 50 |
| 3.2 | Das Spiel der Kinder | 59 |
| 3.3 | Die Spielpartner | 70 |
| 3.4 | Die Erzieherin | 83 |
| III. | Die Krippenbildung | 90 |
| 1. | Zum Bildungsbegriff | 91 |
| 1.1 | Die Definition von Bildung | 91 |
| 1.2 | Bildung in der Krippe | 97 |
| 2. | Diskussion | 101 |
| 2.1 | Bildende Prozesse im Spiel in der Krippe | 101 |
| 2.2 | Wissenschaftliche Anerkennung | 105 |
| 2.3 | Politische und gesellschaftliche Anerkennung | 109 |
| 2.4 | Fazit | 113 |
| Nachwort | 115 | |
| Anhang | 117 | |
| Tabellen- und Abbildungsverzeichnis | 118 | |
| Literaturverzeichnis | 119 | |
| Beobachtungsprotokoll | 122 |
Textprobe:
Kapitel 5, Die Bedarfsfrage:
Knapp 10% der unter drei Jahre alten Kinder besuchen heute eine Krippeneinrichtung, wohingegen 43% der Kinder privat von anderen Personen betreut werden. Es scheint also ein Defizit an außerfamiliären Betreuungsangeboten vorhanden zu sein, so dass viele Eltern auf den Bekanntenkreis zurückgreifen müssen. Es stellt sich also die Frage, inwieweit der Bedarf der Eltern an Betreuungsplätzen von den Kommunen tatsächlich abgedeckt wird. Untersuchungen zur Erwerbstätigkeit von Müttern haben gezeigt, dass solche, die derzeit noch drei Jahre zu Hause bleiben, öfters zeitiger beginnen wollten zu arbeiten, wenn es entsprechende Betreuungsangebote gäbe. Mit dem neuen TAG liegt es nun bei den Ländern und Kommunen, bis 2010 eine genaue Bedarfsfeststellung durchzuführen. Dabei ist entscheidend, welche Bedarfskriterien zu Rate gezogen werden. Dazu hat der Bund jetzt ein Konzept zur Bemessung eines Mindestbedarfs vorgelegt. Demnach müssen mindestens dann Krippenplätze zur Verfügung gestellt werden, wenn die Eltern berufstätig, in Ausbildung, an einer Maßnahme zur Eingliederung in Arbeit im Sinne des Vierten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt beteiligt sind oder die Gefährdung des Kindeswohls abgewehrt werden muss. Jedoch können auch noch andere Gründe dafür sprechen, dass eine außerfamiliäre Betreuung notwendig ist, zum Beispiel:
aus Sicht der Eltern und des Kindes:
Arbeitssuche, Wunsch nach Selbstverwirklichung, alleinerziehend, kranke und pflegebedürftige Familienmitglieder, Erkrankung eines Elternteils, ehrenamtliches Engagement, Kompensation nicht-deutscher Herkunft oder sozialer Benachteiligung, Ausgleich weniger Sozialkontakte, Bildungsprozesse ermöglichen.
aus wirtschaftlicher Sicht:
Erhaltung qualifizierter Arbeitskräfte ohne lange Pause, Leistungsfähigkeit und Qualifikationen unterstützen und erhalten, Erhaltung von Humankapital.
aus staatlicher Sicht:
Schaffung einer Gesellschaft mit gebildeten Mitgliedern, welche die Gesellschaft mit Innovationen und Neuerungen weiterbringen kann, Einnahmen durch Einzahlungen (Steuern), Schaffung neuer Arbeitsplätze, Unterstützung hoher Geburtenraten.
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Bedürfnis und Bedarf. Bedürfnisse sind individuelle Mangellagen, vor allem der Eltern und des Kindes. Sie sind die:
‚... subjektiven Wünsche, Interessen und Forderungen von Personen [...] zu einem Sachverhalt...’.
Zum Beispiel hat eine Mutter das Bedürfnis nach außerfamiliärer Betreuung, damit sie ihren kranken Vater pflegen kann. Solche Bedürfnisse müssen aber gesellschaftlich konsensfähig sein, damit sie eine Chance auf Anerkennung und Erfüllung haben. Der Bedarf ist dann die kollektiv ausgehandelte und akzeptierte Mangellage. Es ist eine normative Kategorie, mit der die:
‚... Bedürfnisse und Nachfrage unter Berücksichtigung bestimmter Kriterien ermittelt, evaluiert und gebilligt werden...’.
Die Feststellung des Bedarfs ist immer ein hoheitlicher und demokratischer Akt, der in einem dynamischen Aushandlungsprozess unter Berücksichtigung aller Beteiligten und gegebenen Situationen festgelegt wird. Eine Bedarfseinschätzung ist somit auch immer ein Indikator dafür, wo die Prioritäten einer Gesellschaft liegen. Was für die eine ein Luxusgut darstellt und als Bedarf nicht anerkannt würde, ist für die andere eine Selbstverständlichkeit. Es gibt in Deutschland verschiedene Bedarfsmessungen, die zum Teil auf unterschiedlichsten Kriterien beruhen und deswegen unterschiedliche Bedarfslagen ermitteln:
Die Bedarfserhebungen der Jugendämter:
Jede Kommune hat aufgrund des neuen TAG ihre eigene Bedarfsumfrage durchgeführt oder führt sie noch bis 2010 durch. Die kommunalen Befragungen unterscheiden sich voneinander stark in der Formulierung der Fragen und der Themenspannbreite, weshalb die Schätzungen für den Bedarf an Krippenplätzen in den Kommunen zwischen 30% bis 60% variieren. Deutlich wurde aber bei allen, dass die Eltern die institutionelle Betreuung in einer Krippe der Tagespflege vorzögen, eindeutig mehr Ganztagsplätze gebraucht würden und der angegebene Bedarf bei einer in Aussicht gestellten finanziellen Entlastung stiege.
Das Sozioökonomisches Panel (SOEP):
Das SOEP befragt alle 4 Jahre unter anderem Eltern zu unterschiedlichsten Themen, so auch zu den Bedürfnissen gegenüber Kinderbetreuung. So konnte bei der letzten Erhebung ermittelt werden, dass der Bedarf auf ca. 56% ansteigen würde, bezöge man auch unspezifische Bedürfnislagen, wie Krankheit, Erwerbssuche, soziale Benachteiligung, etc., mit ein. Betrachtet man zum Beispiel nur die Erwerbstätigkeit der Mütter, läge der Bedarf bei 11%, bezieht man aber den Erwerbswunsch mit ein, wäre er schon bei 27%.
Sachsen-Anhalt:
In Sachsen-Anhalt gibt es einen Rechtsanspruch auf Betreuung für alle Kinder von Geburt an. Deswegen kann man in diesem Bundesland am besten beobachten, wie viele Krippenplätze bei ausreichender Verfügbarkeit tatsächlich auch in Anspruch genommen werden. Es besuchen dort 5% der unter ein Jahr alten, 50% der einjährigen und 70% der zweijährigen Kinder eine Krippe. Insgesamt sind es 48% aller Null- bis dreijährigen, die den Rechtsanspruch nutzen. Somit liegt der Bedarf auch hier bei etwa 50%. Ähnlich in Schweden, wo Kinder ab dem ersten Lebensjahr Anspruch auf einen Platz haben und 48% der Null- bis dreijährigen eine öffentliche Einrichtung besuchen.
In allen Bedarfserhebungen wird deutlich, dass in Deutschland die Betreuung der unter drei Jahre alten Kinder den Interessen der Eltern und Kinder bei weitem noch nicht gerecht wird. Geht man von einer maximalen Nachfrage unter Berücksichtigung aller verschiedenen Bedürfnisse aus, müssten ca. 1,2 Millionen neue Plätze geschaffen werden. Zurzeit rechnet man noch nicht mit wachsendem Bedarf in den westlichen Bundesländern, da viele Mütter aufgrund der traditionellen Rollenmuster lieber zu Hause ihr Kind versorgen wollen. In den neuen Bundesländern ist mit 40% der Bedarf heute schon weitgehend gedeckt. Deswegen strebt der Bund nun erst einmal bis zum Jahre 2010 einen gesamtdeutschen Versorgungsgrad von 20% an. In Westdeutschland benötigt man dafür 620.000 neue Plätze, ca. 25.000 wären es in den neuen Bundesländern. Diese pauschalen 20% stellen aber nur den Anfang im Ausbau des Frühbetreuungssystems dar, will man den Bedarfsschätzungen annähernd gerecht werden. Vor allem das Bedürfnis des Kindes nach früher Bildung wird bisher nicht berücksichtigt, dieser würde nämlich einen Rechtsanspruch für alle Kinder mit sich bringen, und derlei Bedarfserhebungen überflüssig machen.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842812413
Arbeit zitieren:
Schneider-Andrich, Petra Dezember 2006: Die Krippe in Deutschland - der spielerische Einstieg ins Bildungswesen, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Kinderkrippe, Spiel, Kleinkind, Bildung, Bildungssoziologie



