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Die Konzeption des Genies in Robert Schneiders "Schlafes Bruder"

Die Konzeption des Genies in Robert Schneiders "Schlafes Bruder"
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Mark Werner
  • Abgabedatum: September 1996
  • Umfang: 135 Seiten
  • Dateigröße: 821,2 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-0917-3
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Werner, Mark September 1996: Die Konzeption des Genies in Robert Schneiders "Schlafes Bruder", Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Schneider, Robert, Geniekonzeption, Genie, Schlafes Bruder, Künstlerfigur

Magisterarbeit von Mark Werner

Zusammenfassung:

"Wurzelsepp im Wunderland"' oder "Der Musikmessias von der Hochalm" - das sind die neueren Titel, die die Feuilleton-Autoren einer literarischen Figur verliehen haben, die wie kaum eine andere Romangestalt zu Beginn der Neunziger Jahre für Furore gesorgt hat. Die Rede ist von "Johannes Elias Alder", dem Protagonisten aus Robert Schneiders Roman Schlafes Bruder.

Dieses Debüt des 1961 in Bregenz (Österreich) geborenen Autors wurde erstmals 1992 im RECLAM VERLAG LEIPZIG veröffentlicht. Was folgte, war eine gerade in der modernen Buchlandschaft ungewöhnliche Erfolgsgeschichte: Autor und Werk wurden in großem Maße von der Kritik berücksichtigt und zudem äußerst positiv besprochen. Nicht zuletzt aus diesem Grund zählt der Verlag mittlerweile über 700.000 verkaufte Exemplare - eine Sensation für einen jungen Autor auf dem deutschsprachigen Markt. Hinzu kommt, daß der Roman in rund zwanzig Sprachen übersetzt worden ist oder noch übersetzt wird.

Inzwischen ist Robert Schneider ein mit Preisen überhäufter Autor, der auch für sein dramatisches Werk mehrfach ausgezeichnet wurde. So war sein dramatischer Monolog Dreck das meistgespielte Theaterstück der Saison 1993, und Schneider wurde von der Zeitschrift "theater heute" zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gekürt. Die Gründe für den Erfolg des Autors und seines Erstlingsromans werden in der Schlußbetrachtung dieser Arbeit näher untersucht, doch nicht die Popularität des Buches gab den Anstoß, sich literaturwissenschaftlich mit Schlafes Bruder zu beschäftigen, vielmehr waren es der Stoff, den der Autor andient, und seine sprachliche Umsetzung. Robert Schneider erzählt die Geschichte eines Musikgenies. Dieses Genie ist von Gott erwählt und wird sein Leben lang von Gott geprüft. Ihm sind zwei Talente in ungeheurem Maße gegeben: zum einen die Gabe geradezu übermenschlicher Musikalität, zum anderen die Fähigkeit zur unbedingten, kompromißlosen und nur auf die Seele zielenden Liebe.

Mit der Lebensgeschichte des Johannes Elias Alder, den religiösen, musikalischen und liebesdichterischen Elementen, aber auch der stilistischen, sprachlichen und erzählperspektivischen Umsetzung bewegt sich der Erzähler Robert Schneider innerhalb eines literarischen Rahmens, der an bekannte, in der Literatur oft zitierte Genie- und Künstlerkonzeptionen erinnert. Dieser Rahmen soll in der vorliegenden Arbeit abgesteckt und ausgelotet, also die Konzeption des Genies in Schlafes Bruder offengelegt werden.

Mit "Konzeption des Genies" ist die innere wie äußere Zusammensetzung und Gestaltung des Künstlers, genauer: des Musikers Johannes Elias Alder, gemeint, also die konzeptionelle Idee des Erzählers, die hinter der Geniefigur steckt, sowie die Umsetzung dieser Idee mit den gestalterischen Mitteln des Schriftstellers. "Genie" meint die Figur der Künstlerexistenz sowie auch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten, und die Konzeption dieser Künstlerexistenz wird anhand verschiedener Interpretationsansätze untersucht. Zu dieser Untersuchung gehören z.B. die Bedeutung von Musik, Religion und Liebe für den Musiker oder äußere Einflüsse, die Handeln und Denken des Genies mitbestimmen.

"Dieses Buch ist halb Sage, halb Heiligen- und Märlegende, aber auch Künstler- und Dorfroman. Mit dieser Beschreibung Beatrice von Matts werden bereits einige der Themenschwerpunkte genannt, die in dieser Arbeit untersucht werden. Andere Rezensionen nennen den Roman auch "Märchen" oder Elias eine "Romanfigur der Schwarzen Romantik". Um die Konzeption des Genies darzustellen, ist wegen dieser Vielzahl von im Roman anklingenden Gattungen eine gattungstechnische Analyse unerläßlich. Ein Schwerpunkt wird deshalb die Untersuchung des Romans in bezug auf seine Nähe zur Heiligenlegende sein, wobei auch das Bild der negativen Religiosität, die der Roman vermittelt, betrachtet wird. Ferner werden Elemente von Heimatliteratur und Dorfgeschichte definiert, außerdem wird eine zentrale Frage der Arbeit sein, inwiefern Schlafes Bruder und die Genievorstellung, welche im Roman zum Ausdruck kommt, in der Tradition der romantischen Künstlernovelle stehen, da aufgrund offensichtlicher Anspielungen vom Autor eine Nähe zur Romantik bzw. zur romantischen Musikernovelle hergestellt wird.

Um das Geniebild in Schlafes Bruder zu beschreiben, werden die vier im Roman schicksalsbestimmenden Faktoren Gott, Musik, Liebe und Umwelt näher betrachtet. Hinzu kommen eine Untersuchung von Erzählhaltung, Sprache und Struktur sowie einleitend einige allgemeinere Anmerkungen zu verschiedenen Genievorstellungen. Diese Säulen der Interpretation beinhalten die Entschlüsselung und Deutung von Textstellen mit tragender Bedeutung und gegebenenfalls eine Einordnung bzw. Klassifikation des Romans in gattungsspezifische, poetologische und literaturhistorische Zusammenhänge. In einer Schlußbetrachtung wird schließlich Robert Schneiders Roman als Erfolg der neuesten deutschsprachigen Literatur hinterfragt und in diesem Zusammenhang mit Patrick Süskinds "Das Parfum" verglichen. Wie sich dabei zeigen wird, sind der Erfolg und die Beliebtheit des Romans entscheidend von der Konzeption des Genies und den Mitteln, mit denen der Autor seinen Protagonisten geformt hat, abhängig.

In der vorliegenden Arbeit greife ich gelegentlich - besonders in Kapitel 3 - auf die Ergebnisse meines Aufsatzes mit dem Titel "Schlafes Bruder - eine Heiligenlegende?" zurück, Zitate werden an gegebener Stelle natürlich kenntlich gemacht. Die Analyse romantischer Elemente bzw. die Untersuchung der Nähe von Schneiders Protagonisten zur romantischen Künstlerexistenz wird am Beispiel zweier die romantische Musikenovelle besonders prägender Musikerfiguren aus den Werken Wilhelm Heinrich Wackenroders und Ernst Theodor Amadeus Hoffmanns vorgenommen: "Joseph Berglinger" und "Johannes Kreisler". Nicht alle Kapitel der Arbeit werden gleich gewichtet, allein die Themen Religion und Musik müssen wegen ihrer zentralen Stellung einen weitaus größeren Platz einnehmen als beispielsweise die Betrachtung des Umfeldes der Hauptfigur. Außerdem soll keine ausführliche Analyse der Werke Wackenroders und Hoffmanns oder Schriften anderer romantischer Dichter vorgenommen werden; diese werden lediglich in Punkten untersucht, die zur Deutung von Schlafes Bruder hilfreich sind. Denn die beiden Künstlerfiguren Berglinger und Kreisler weisen erstaunliche Analogien zur Figur des Elias Alder auf - allerdings, soviel kann vorweggenommen werden, auch entscheidende Unterschiede.

Inhaltsverzeichnis:

1. EINLEITUNG
2. DAS WESEN DES GENIES
2.1 Anmerkungen zum "Genie" 10
2.2 Johannes Elias Alder als Genie 15
3. DAS GENIE UND GOTT
3.1 Schlafes Bruder - Eine Heiligenlegende?
3.1.1 Die religiöse Prägung 18
3.1.2 Definitionen von "Legende" und "Heiliger" 18
3.1.3 Elias aus der Sicht des Erzählers: Genie und Heiliger? 20
3.1.4 Die Vita von Elias: Parallelen zu Heiligenleben, biblische Motive und Anspielungen im Roman 21
3.1.5 Liebe, Schlaf und Tod - eine theologische Annäherung 32
3.2 Religion und Heiligenverehrung in Eschberg 35
3.3 Darstellung und Bedeutung der Religion in Schlafes Bruder und bei Wackenroder und Hoffmann 38
4. DAS GENIE UND DIE MUSIK
4.1 Johannes Mias Alder: Der geniale Künstler und seine Musik
4.1.1 Musik, Gefühle und Natur 43
4.1.2 Der Orgelwettbewerb
4.1.2.1 Bachs Kantate als Leitmotiv 47
4.1.2.2 Elias' Interpretation des Chorals 49
4.2 Musik und Künstlerexistenz in der romantischen Musikernovelle und in Schlafes Bruder 51
5. DAS GENIE UND DIE LIEBE
5.1 Zwischen Liebe und Kunst
5.1.1 Gründe des Scheiterns 64
5.1.2 Sublimierung der Liebe durch die Kunst 68
5.2 Die romantische Liebesvorstellung
5.2.1 Eros und Religion 69
5.2.2 Die Zerrissenheit des Künstlers 70
5.3 Liebe und Tod - der Romanschluß. 74
6. DAS GENIE UND SEINE UMWELT
6.1 Die kleine Welt Eschberg
6.1.1 Eschberg und seine Bewohner 77
6.1.2 Die Familie Alder 79
6.1.3 Cousin Peter: Homosexueller, Brandstifter, Judas, Förderer und Unterdrücker- des Genies 81
6.2 Grenzen der dörflichen Welt 84
6.3 Schlafes Bruder - eine Dorfgeschichte bzw. ein Heimatroman? 85
6.4 Umwelt und Familie bei Berglinger und Kreisler. 87
6.5 Die historische Wirklichkeit 90
7. ERZÄHLHALTUNG, SPRACHE UND STRUKTUR
7.1 Die Stimme des Erzählers 94
7.2 Die Sprache 97
7.3 Die Struktur
7.3.1 Der Aufbau der Geschichte 100
7.3.2 Affinitäten zu musikalischen Strukturen 102
7.4 Anmerkungen zu Sprache, Stil und Struktur in der Romantik mit Beispielen aus Werken Wackenroders und Hoffmanns 103
7.5 Form und Geniekonzeption 109
8. SCHLAFES BRUDER - PHÄNOMEN EINES ERFOLGES
8.1 Das Spiel mit den Gattungen 110
8.2 Schlafes Bruder und Patrick Süskinds Das Parfum 115
8.3 Ein maßgeschneiderter Erfolgsroman 118
LITERATURVERZEICHNIS 121

Automatisiert erstellter Textauszug:

überzeugen, sondern eine 'wunderbare Kraft', die sich seiner bemächtigt, indem sie sich der bekannten Worte und Bilder bedient, auf die es als solche gleichwohl nicht ankommt."191 Dieser Ansatz wird eigentlich durch die Dichtungspraxis und die große Wertschätzung von Form und Gehalt, Stil und Sprache widerlegt, drückt aber ein Glaubensprinzip der Romantik aus, welches sich auch auf die Musik - die "dem Unendlichen" ohnehin nächststehende Kunst - übertragen läßt. Die Nähe zum Schwärmertum ist vorhanden, und Pikulik nennt das Schwärmertum auch ein "Phänomen des Übergangs [von der Empfindsamkeit] zur Romantik" und deshalb Wackenroders Berglinger einen Schwärmer. Ein solcher Schwärmer erschaffe sich in der Einbildungskraft "zum unbefriedigenden Alltag eine Gegenwelt, die er mit Zügen des Außerordentlichen, Wunderbaren, Idealischen ausstattet, so daß sich ihm das Dasein als Widerspruch zwischen Realität und Ideal, zwischen dem Wirklichen und dem Wunderbaren darstellt". Sein Los sei deshalb, daß er den Kontrast zwischen beiden erleiden müsse, "indem er immer wieder aus Illusion und Exaltation auf den Boden der nüchternen Realität zurückfällt"192. Die Idealsphäre eines solchen Schwärmers sei die Sphäre der Kunst. Der "Schwärmer" (SB 187) Elias ist eher ein Schwärmer in der Sphäre der Liebe über das Mittel der Kunst. Bei Wackenroder ist die Musik "als Erzeugerin intensivster Gefühlszustände [...] zum Selbstzweck geworden"193, ganz im Gegensatz zu einer funktionalistischen Musikauffassung, wie sie vor Wackenroder prägend war. "Die Musik ist fähig, Erlösung dem zu bringen, der im alltäglichen Leben herumgeworfen wird [...], dessen Geist von Zweifel und Leiden gemartert wird."194 Diese Fähigkeit besitzt die Musik in gewisser Weise auch für Elias, wenn sie auch am Ende eher bloßes Sprungbrett bleibt, das ihm die Richtung für den Weg zur Erlösung zeigt, aber nicht diese selbst vollbringt. Wichtigste musikalische Erfahrung für Elias wie für Berglinger ist zunächst die Kirchenmusik. "Joseph [...] comes from an unhappy home; however he soon discovers consolation in church music, during the performance of which he often kneels, overcome by reverence."195 In ihrer Wirkung unterscheidet sich die Musik, so "lange [sie] nur passiv empfangen und genossen wird", jedoch kaum von der der Malerei, "d. h. sie ist ebenso göttlich, ja göttlicher als diese, weil sie die Seele [...]

in Feldberg mit Mozarts Erfolg in Prag 1787 erwähnt187; dies soll zum Anlaß dienen, kurz das Mozartsche Genie zu betrachten, zu dem das von Elias Parallelen aufweist, was die Selbstreflexion betrifft: In einer Arbeit zum Genie Mozarts betont Gerhard vom Hofe, daß sich dessen Künstlerdasein "vor allem [...] nicht in die Reihe der großen Passionsgeschichten romantischer Künstler seit Wackenroders 'Berglinger' einordnen [läßt], also der zumeist literarischen Künstlerviten, die das Leiden an der Welt und an der nicht mehr gelingenden Vermittlung der empfundenen musikalischen Ideen thematisieren und einen am prinzipiellen Widerspruch von Kunst und Leben zerbrechenden Menschen darstellen."188 Interessanterweise treffen jene Unterschiede, die in der Vita Mozarts auszumachen sind, mit gewissen Einschränkungen auch auf die Figur des Elias zu, dieser unterscheidet sich in ganz ähnlicher Weise von den literarischen, romantischen Künstlerexistenzen: "Wahrscheinlich hat auch Mozart gelitten, aber er redet darüber fast nie, vielleicht weil ihm die Sprache fehlt"; auch sei ihm "nicht nur der geistig-intellektuelle Habitus eines künstlerischen Genies" abgegangen, vor allem vermisse man "die Selbstaussprache seiner Innerlichkeit, die Selbstreflexion seiner schöpferischen Subjektivität". Es gebe [...]

Wackenroder war "von Johann Friedrich Reichardt mit zeitgenössischen Komponisten und der Musikschriftstellerei bekannt gemacht worden" Und mit Johann Nikolaus Forkel traf er auf "einen Lehrer, der ihm Anschauungen über die Beziehung zwischen Ton und Gefühl vermittelte"185. Der romantischen Theorie gemäß sollte schließlich zwischen "dem 'Gefühl' des Künstlers beim Schöpfungsakt des Kunstwerks und dem Rezipienten bei der Wahrnehmung [...] kein kategorialer Unterschied bestehen"186. Diesem Grundsatz entspricht Schlafes Bruder weitaus mehr als etwa Wackenroders oder Hoffmanns Künstlernovellen; Elias ist tatsächlich in der Lage, seine Zuhörer das empfinden zu lassen, was er beim Schöpfungsakt seiner Musik fühlt bzw. in der Musik "sieht". Elias Alder hat einige bedeutende Musiker und Komponisten wie Schubert, Weber oder Beethoven zu Zeitgenossen, und Mozart ist nur zwölf Jahre vor Elias' Geburt verstorben. Einen interessanten Blick zurück in die klassische Periode eröffnet der Aufsatz Ursula Edingers. In ihm wird ein Vergleich von Elias' Triumph [...]

Arbeit zitieren:
Werner, Mark September 1996: Die Konzeption des Genies in Robert Schneiders "Schlafes Bruder", Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Schneider, Robert, Geniekonzeption, Genie, Schlafes Bruder, Künstlerfigur

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