Die Macht der Konsumenten – Konsum als Mittel politischer Partizipation?
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Daniel Eichhorn
- Abgabedatum: Juni 2004
- Umfang: 92 Seiten
- Dateigröße: 961,2 KB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Universität Passau Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8472-9
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8472-9 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8472-9 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Eichhorn, Daniel Juni 2004: Die Macht der Konsumenten – Konsum als Mittel politischer Partizipation?, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Globalisierung, Individualisierung, politische Ökonomie, politischer Konsum, politische Kultur
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Diplomarbeit von Daniel Eichhorn
Einleitung:
Reinhard Brandt erkennt in seinem Artikel, „Moral in Zahlen - Die weltweite Empörung trifft die amerikanische Ökonomie“ einen Zusammenhang zwischen dem Image-Schaden, den Amerika durch den Irakkrieg und den Kampf gegen den Terror hinnehmen musste und den Umsatzeinbußen amerikanischer Unternehmen im Ausland. Er kommentiert die Entwicklung folgendermaßen:
„Dass die Moral einen ökonomischen Schaden anrichten kann, ist ein ungeahnter Triumph der idealistischen Sittlichkeit. Die reine Moral wird praktisch, und dies in einer nachweislichen Art, in Zahlen von so und so vielen Milliarden Dollar! Hier liegt die Chance des moralischen Fortschritts. […] So könnte das freie moralische Urteil auch in Zukunft seine Wirksamkeit entfalten und einen heilsamen Einfluss auf das äußere Verhalten ausüben.“ In einer Meldung des Handelsjournals wird Brandts Aussage präzisiert:
„Verbraucher in Europa und den USA reagieren beim Einkauf auf die Irak-Krise: Sie meiden oder bevorzugen bestimmte Produkte. Konsum ist für sie bewusstes politisches Ausdrucksmittel.“ Dieses Beispiel zeigt einen Trend, der immer mehr Raum in den Köpfen der Konsumenten zu gewinnen scheint: Ökologische, soziale und politische Faktoren spielen eine zunehmende Rolle bei der Determinierung des Konsumverhaltens. Ein Produkt wie „Mecca Cola“ hätte sicherlich kaum Chancen gehabt, in den gesättigten Markt der Softdrinks einzudringen, ohne die deutliche politische Positionierung als islamische Alternative zur amerikanischen Coca Cola. Kann Konsum bewusstes politisches Ausdrucksmittel und damit Mittel politischer Partizipation sein? Wird sich politischer Konsum in der Zukunft durchsetzen und wird er ein ernstzunehmender Ersatz für Wahlen sein können? Es stellt sich die Frage, wie über den Konsum politischer Einfluss ausgeübt werden kann, da Konsum außerhalb der politischen Institution stattfindet und damit nicht direkt mit dem politischen System verbunden ist. Das über das Konsumverhalten wirtschaftlicher Einfluss ausgeübt werden kann, ist unumstritten. Konsumentenboykotte sind seit der Entstehung der Marktwirtschaften beliebtes Mittel, um gegen überhöhte Preise oder schlechte Qualität zu protestieren. Ziel der Boykotte war allerdings fast immer die Preispolitik von Unternehmen, eine berühmte Ausnahme bildete die „Boston Tea Party“ im Dezember 1773. Im Laufe dieser Arbeit soll gezeigt werden, wie die zunehmende Verknüpfung von wirtschaftlichen, politischen und privaten Themen die Grundlage für die Entstehung politischen Konsums geschaffen hat.
Da politischer Konsum ein globaler Begriff ist, der nicht auf eine eindimensionale Entwicklung zurückgeht, sondern auf komplexen gesellschaftlichen Prozessen aufbaut, ist für das bessere Verständnis deren Darstellung notwendig. Deswegen soll sich diese Arbeit nicht nur auf politikwissenschaftliche Betrachtungen beschränken, sondern historische, soziologische und ökonomische Faktoren ebenso berücksichtigen. Insbesondere die Betrachtung gesellschaftlicher Entwicklungen, wie z.B. der Trend zur Individualisierung und die Veränderung der Öffentlichkeit durch die (neuen) Medien sollen Aufschluss darüber geben, ob sich politischer Konsum als gesellschaftlicher Trend durchsetzen wird. Auch wird auf die Perspektive der Unternehmen eingegangen werden, um die Frage zu klären, ob politischer Konsum als „Marketing-Gag“ zu betrachten ist, oder ob weitergehende Konzepte dahinter stehen.
Grundlage für die Entwicklung des politischen Konsums war die Entstehung der Konsumgesellschaft. Frank Trentmann erkennt in der neueren Literatur über die moderne Konsumgesellschaft zwei Untersuchungsansätze. Der erste hat die Beziehung zwischen der Volkswirtschaft und den Konsumenten zum Untersuchungsgegenstand und sieht die Entwicklung der Konsumgesellschaft im Licht der veränderten Produktions- und Verteilungssysteme, wie z.B. Massenfertigung, Werbung, ökonomischer Nationalismus und Nachfragemanagement. Der zweite Untersuchungsansatz setzt sich mit den neuen Seiten des Konsums und der Macht des Konsumenten auseinander. Von zentraler Bedeutung ist hier der individuelle Konsument und die Verschmelzung des Privaten mit dem Öffentlichen. Beide Ansätze werden in diese Arbeit mit einfließen, letzterer mit einem deutlichen Schwerpunkt.
Nach der Beschreibung der Entwicklung der Konsumgesellschaft werden ökonomische und soziologische Grundlagen für die Analyse des Konsums dargestellt. Die Erkenntnisse von u. a. Thorstein Veblen, Jean Baudrillard und Ulrich Beck werden helfen die soziokulturelle Symbolik des Konsums zu verstehen. Erst durch die Symbolik des Konsums und das Entfernen von der reinen nutzenorientierten Betrachtung des Konsums kann politischer Konsum verstanden werden. An dieser Stelle soll die rein politikwissenschaftliche Ebene betreten werden. Um politischen Konsum als Mittel politischer Partizipation zu untersuchen, wird die Theorie der politischen Kultur herangezogen werden, aufbauend auf den Überlegungen von Almond und Verba. Als Teile politischer Kultur werden das politische und soziale Kapital der Gesellschaften analysiert und in Bezug zum politischern Konsum gesetzt. Das schwindende Vertrauen in die politischen Institutionen soll hier besonders berücksichtigt werden, ebenso wie das Entstehen neuer partizipativer Elemente wie z.B. in den Neuen Sozialen Bewegungen. Im Anschluss daran werden praktische Beispiele politischer Konsummöglichkeiten vorgestellt und analysiert. Zum Abschluss dieser Arbeit soll politischer Konsum in den Kontext der Globalisierung gesetzt und eine Bewertung vorgenommen werden.
Da sich erst sehr wenige Wissenschaftler dem Thema politischen Konsums gewidmet haben, wird auf die vielfältige Literatur zum Konsum im Allgemeinen zurückgegriffen. Direkt zum Thema politischen Konsums sind nur die Studien von Michele Micheletti und Dietlind Stolle zu nennen. Zur Geschichte und Entwicklung der Konsumgesellschaft ist v. a. Lizabeth Cohen mit ihrer Consumers Republic zu erwähnen, aber auch die Daunton und Hilton mit The politics of consumption und Edwards mit Contradictions of Consumption haben bedeutende Impulse für die Arbeit geliefert. Für den ökonomischen und soziologischen Hintergrund waren Veblen mit Theorie of the Leisure Class und Beck mit seiner Risikogesellschaft besonders hilfreich. Die Überlegungen zur politischen Kultur basieren auf der Theorie von Almonds und Verba in The Civic Culture, wurden aber insbesondere durch Pye mit Political Culture and Political Development ergänzt. Auf Putnam Gesellschaft und Gemeinsinn basieren die Überlegungen zum Sozialkapital der Gesellschaften.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 4 |
| 2. | Politischer Konsum - ein Mittel politischer Partizipation? | 8 |
| 2.1 | Definition politischen Konsums | 8 |
| 2.2 | Konsumieren und Wählen - neue politische Partizipation | 11 |
| 3. | Die Konsumgesellschaft | 13 |
| 3.1 | Definition von Konsum und Konsumgesellschaft | 13 |
| 3.2 | Gesellschaftliche Veränderungen | 15 |
| 3.2.1 | Politische, soziale und ökonomische Rahmenbedingungen | 15 |
| 3.2.2 | Individualisierung | 18 |
| 3.2.3 | Veränderung der Öffentlichkeit | 20 |
| 3.2.4 | Verschmelzung des Politischen und des Unpolitischen | 22 |
| 3.3 | Theoretische Grundlagen zur Betrachtung politischen Konsums | 24 |
| 3.3.1 | Konsumtheorien | 24 |
| 3.3.2 | Konsum als Ausschlusskriterium | 26 |
| 3.4 | Symbolik des Konsums | 29 |
| 3.5 | Die Entwicklung des politischen Konsums | 30 |
| 4. | Wirtschaftliche Aspekte politischen Konsums | 36 |
| 4.1 | Ökonomische Grundlagen des Konsums | 36 |
| 4.2 | Politischer Konsum - Eine Frage des Marketings? | 39 |
| 4.2.1 | Der Neue Konsument | 39 |
| 4.2.2 | Cause-related Marketing | 43 |
| 4.2.3 | Exkurs: Regelungen der UNO und EU | 46 |
| 5. | Politische Kultur und politischer Konsum | 47 |
| 5.1 | Politische Kultur als Grundlage politischer Partizipation | 47 |
| 5.2 | Indikatoren politischer Kultur: Sozialkapital und politisches Kapital | 50 |
| 5.2.1 | Politisches Kapital: Das Verhältnis der Bürger zu den Institutionen | 53 |
| 5.2.2 | Sozialkapital | 56 |
| 5.2.3 | Neue Soziale Bewegungen - neues politisches und soziales Kapital | 58 |
| 5.3 | Politischer Konsum, politisches Kapital und Sozialkapital | 61 |
| 6. | Politischer Konsum - eine Antwort auf die Globalisierung? | 64 |
| 6.1 | Konsumentenboykotte als Mittel politischer Konsums | 64 |
| 6.1.1 | Definition des Boykotts | 64 |
| 6.1.2 | Fehlende Kontrolle von Boykotten | 65 |
| 6.2 | Die Globalisierung | 66 |
| 6.3 | Die Legitimationsproblematik technischen Fortschritts | 69 |
| 6.4 | Verantwortung und Ethik des Konsums | 71 |
| 7. | Beispiele politischer Konsummöglichkeiten | 74 |
| 7.1 | Mecca Cola - „ Ne buvez pas stupide, buvez engagé !“ | 74 |
| 7.2 | IQ4you - Wasser für die Förderung des Nachwuchssports | 75 |
| 7.3 | Das Krombacher Regenwald Projekt | 76 |
| 7.4 | The Body Shop - „gute“ Kosmetika | 77 |
| 7.5 | Two Wings - soziale Finanzanlagen | 78 |
| 8. | Fazit | 79 |
| 9. | Literaturverzeichnis | 83 |
| 10. | Abbildungsverzeichnis | 89 |
Restaurierung der Freiheitsstatue. Bei jedem Gebrauch der American Express Karte ging ein Cent als Spende für die Restaurierung ab, bei jeder neu erworbenen Karte wurde ein Dollar gespendet. Von September bis Dezember 1983 wurde so ein Betrag von 1,7 Millionen Dollar für die Restaurierung der Freiheitsstatue gesammelt, gleichzeitig stieg die Zahl der Verwendungen der American Express Karte um 28% und die Anzahl der Neukunden um 45%.155 Dieses Beispiel zeigt eindrücklich, wie alle Beteiligten von der Aktion profitierten. Auch erkennt man, dass nicht Altruismus sondern der handfeste Profit die Triebfeder des cause-related Marketings ist. Einer amerikanischen Studie zufolge fiel 2001 auf das cause-related Marketing 9% des gesamten Spendenaufkommens, nämlich 828 Millionen US Dollar.156 Auch zukünftig sehen die Verantwortlichen in den Unternehmen eine wachsende Bedeutung des cause-related Marketings für die Wirtschaft. 77% der Marketingdirektoren glauben einer Umfrage157 zufolge, dass cause-related Marketing den Firmen oder Markenwert steigern kann, 69% sind überzeugt, dass dem cause-related Marketing eine stärkere Bedeutung in der Zukunft zukommen wird. Auch die Konsumenten beurteilen diese Art des Marketings positiv. Mindestens zwei Drittel der Befragten haben schon einmal an cause-related Marketing teilgenommen, 77% der Teilnehmer werden dadurch positiv in ihrer Kaufentscheidung beeinflusst und 80% der Teilnehmer verbinden ein positives Image mit dem Unternehmen.158 Cause-related Marketing scheint nur positive Effekte vorzuweisen, jeder Teilnehmer profitiert davon. Egal ob soziale, ökologische oder sonstige politische Thematiken der cause sind, die Unternehmen können ihre Integrität und ihr Ansehen steigern, gleichzeitig wird das „benutzte“ Thema gefördert. Solange das unternehmerische Engagement glaubwürdig bleibt und nicht das Motto „One percent for peace, 99 [...]
Beispielsweise durch die Umsetzung von Corporate Social Responsibility (CSR) Konzepten wird versucht, das soziale Ansehen zu verbessern.148 Um auf die Konsumentenbedürfnisse besser eingehen zu können, wurde bisher die Gesamtheit der Konsumenten in kleinere Untergruppen eingeteilt. Die herkömmliche Methode der Marksegmentierung beispielsweise nach Alter, Einkommen oder Bildung scheint aber mit dem Neuen Konsumenten überholt.149 Bei ihm geht es nicht um Einkommen oder andere (materielle und immaterielle) Faktoren, sondern um Lebensstile, Einstellung und die persönliche Philosophie.150 Gerade auch bei Themen mit politischer Bedeutung, beispielsweise dem „grünen“ Konsumenten, ist die Segmentierung des Marktes schwierig, da es logisch erscheint, dass jeder Konsument bei der Wahl zwischen zwei in allen Aspekten bis auf die Umweltverträglichkeit identischen Produkten das „grüne“ Produkt wählt.151 Eine Lösung des Segmentierungsproblems bietet die Einteilung mittels Charaktereigenschaften an. Diese Entwicklung bezeichnen Bridges und Lewis als Wandel von der demographischen Segmentierung hin zur psychografischen Segmentierung. Einer Untersuchung der amerikanischen Beratungsfirma Commercial Analysts zufolge können Frauen beispielsweise in die Kategorien „selbstgerechte Konformistin“, „familienorientierte Kirchgängerin“, „anspruchloses Vorstadtmütterchen“, „emanzipierte Karrieristin“, etc. eingeordnet werden. 152 Da aber auch dieser Segmentierung Grenzen gesetzt sind und das Konsumverhalten immer individuellere Züge aufweist, ist man zu dem Schluss gekommen, dass die Segmentierung eine Methode ohne Zukunft ist. Weil der Massenmarkt im Begriff ist sich in immer kleinere Nischen mehr und mehr zu zersplittern, wurde der „Individualansatz“ entwickelt. Mittels der hoch entwickelten technischen Möglichkeiten (z.B. Kundenkarten, Online-Shopping) [...]
Unternehmen und den Produktionsprozess.145 Immerhin ein Drittel der Briten treffen einige Kaufentscheidungen unter Berücksichtigung von Moral und Umwelt, mindestens 5% achten dauerhaft auf eine Umweltverträglichkeit ihrer Kaufentscheidung.146 Auch die Diskussion über „grünes“ oder „soziales“ Marketing zeigt, dass die neuen Konsumentenbedürfnisse bis in die Vorstandsetagen vorgedrungen sind und Veränderungen in der Unternehmenspolitik hervorrufen. Dabei beziehen sich die Entwicklungen der Nachfrager nicht nur auf soziale und ökologische Themen, sondern Bridger und Lewis erkennen sogar einen völlig „Neuen Konsumenten“. Dieser Neue Konsument hat ihrer Meinung nach nicht mehr mit Geld-, Angebots- und Lieferengpässen zu kämpfen, vielmehr beeinflussen ganz andere Knappheiten sein Verhalten: Zeit, Aufmerksamkeit und Vertrauen.147 V. a. kämpfen die Unternehmen um das Vertrauen der Konsumenten indem sie sich freiwillig sozialen und ökologischen Standards verpflichten. [...]
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Eichhorn, Daniel Juni 2004: Die Macht der Konsumenten – Konsum als Mittel politischer Partizipation?, Hamburg: Diplomica Verlag
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