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Die Konstruktion nationaler Identität in Ost- und Westdeutschland während des Mauerfalls

Eine Diskursanalyse deutsch – deutscher Gegenbilder

Die Konstruktion nationaler Identität in Ost- und Westdeutschland während des Mauerfalls
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Anja Lemke
  • Abgabedatum: April 2010
  • Umfang: 146 Seiten
  • Dateigröße: 550,3 KB
  • Note: 1,5
  • Institution / Hochschule: Universität Regensburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 182
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-0885-0
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Lemke, Anja April 2010: Die Konstruktion nationaler Identität in Ost- und Westdeutschland während des Mauerfalls, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Identität, Nationalismus, Diskursanalyse, Mauerfall, Geschichtskonstruktivismus

Magisterarbeit von Anja Lemke

Einleitung:

Die ‘Wiedervereinigung’ Deutschlands markiert einen wichtigen Punkt in der Geschichte der Bundesrepublik: Mit der Einheit Deutschlands wurde auch die volle Souveränität als Staat (wieder) hergestellt, die ‘Siegermächte’ gaben die Weisungshoheit über die BRD und die DDR ab und das geeinte Deutschland kann seitdem als gleichwertiger Akteur außenpolitisch auftreten. Man hat sich von der Vergangenheit des Dritten Reiches abgesetzt, das Bild des deutschen Nationalstaates steht hauptsächlich in Verbindung mit wirtschaftlicher Stärke.

Nach innen hatte die Einigung der BRD mit der ehemaligen DDR jedoch eklatante Folgen: Auch wenn das Datum der ‘deutschen Wiedervereinigung’ zeitlich schon weit zurückliegt, scheint der Zusammenschluss der ‘deutschen Nation’ unter einem Staat mit erfolgreicher Installierung des westdeutschen Wirtschaftssystems in der ehemaligen DDR, noch immer nicht ganz vollzogen. Auch wenn die ‘Wiedervereinigung’ zunächst den Anschein einer endgültigen Lösung der ‘deutschen Frage’ hatte, sind jetzt, 20 Jahre danach, noch immer deutliche Unterschiede zwischen Ost und West erkennbar: Neben der immer noch vorhandenen, persönlichen Zuordnung der deutschen Bevölkerung in ‘Ossis’ und ‘Wessis’, ist das Gebiet der ehemaligen DDR von hoher Arbeitslosigkeit und einer anwachsenden Zahl von Neonazis mit entsprechend ‘xenophoben Mordtaten’ gekennzeichnet. Die mit dem Anschluss an die BRD einhergehende Umstrukturierung der Ostgebiete hin zu einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung ist noch immer nicht so weit fortgeschritten, dass die Ostgebiete den westdeutschen Gebieten strukturell gleichgesetzt wären.

Die Einigung selbst kann mehr als ein ‘unpolitische[r], wirtschaftstechnokratische[r] Akt nach Effizienzkriterien’ gesehen werden, der langfristig zur Folge hatte, dass sich in den Ostgebieten für viele die Lebenslage eher verschlechtert hat, als den erhofften Aufschwung zu bringen. Die staatlichen Maßnahmen zur ‘Vereinigung’ der DDR mit der BRD zielten in erster Linie auf die wirtschaftliche Einigung hin zur kapitalistischen Marktwirtschaft. Die in diesem Kontext vollzogene Einführung der D-Mark, zum Beispiel, sollte den Weg für die DDR-Bürger bereiten, eine ‘unternehmerische Initiative’ zu gründen, auf Basis derer sich die Marktkräfte entfalten können. Real hatte dies die Konsequenz, dass die Ökonomie der DDR völlig zusammenbrach und der Staat durch externe Finanzleistungen bis heute die Wirtschaft stützen muss, um die Folgen abzufedern.

Um dies zu verstehen, bedarf es eines Rückblicks auf den Ursprung dieses Gefälles.

Dieser findet sich in der Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei unterschiedliche Staaten mit der Installierung unterschiedlicher Gesellschaftssysteme. Die Teilung Deutschlands – so wie auch dessen Wiedervereinigung– kann nur unter Bezug auf die Systemkonkurrenz des Sozialismus unter der Herrschaft der Sowjetunion und des westlichen Kapitalismus bei Vorherrschaft der USA gesehen werden. Nach 1945 war die Welt ‘bipolar um zwei Supermächte organisiert’, die sich in einem ‘Kalten Krieg’ bekämpften. Dies bündelte sich innerhalb des deutschen Gebietes in einer direkten Konfrontationslinie.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war auch das Ende des Dritten Deutschen Reiches besiegelt, das Gebiet und die Bevölkerung wurde unter den Siegermächten aufgeteilt. Im Groben vollzog sich die Aufteilung gemäß der beiden großen Blöcke, die sich ideologisch und ordnungspolitisch gegenüber standen: Im Westen das US-amerikanische Supremat, im Osten die Sowjetunion. Im Laufe der Entwicklungen wurden die beiden Zonen als Zöglinge der beiden Blöcke installiert: Die Besatzungszone der Sowjetunion wurde als ‘Vorposten’ des Sozialismus im Westen, die westliche Besatzungszone als ‘Vorposten’ der USA nach Osten hin errichtet. Die Teilung Deutschlands muss also als Konsequenz der entgegengesetzten Interessen der beiden Mächte gesehen werden, die entsprechend ihren gesellschaftspolitischen Vorstellungen die beiden Teile Deutschlands ausgestalteten. Entsprechend wurde der Westen als ‘marktwirtschaftliche Einheit (Bizone, Währungsreform) und als Staat mit föderativer, rechtsstaatlicher und parlamentarisch-demokratischer Struktur (Frankfurter Dokumente, Grundgesetz)’ aufgebaut. Der Osten wurde nach dem Vorbild der Sowjetunion als eine sozialistische, ‘volksdemokratische’ Gesellschaft errichtet. Die Teilung wurde mit der beiderseitigen Staatsgründung 1949 besiegelt.

Der Bau der Mauer 1961 durch die Mitte von Berlin und um West-Berlin herum machte die Abgrenzung der DDR von der BRD endgültig und bildete ab sofort das Symbol für die Teilung Deutschlands: Mit ihr sollte die Auswanderung der eigenen Bevölkerung nach Westdeutschland gestoppt werden, der Bereich um die Mauer wurde militärisch abgesichert. Auch die beiden Teile Deutschlands standen sich als gegensätzliche und verfeindete Blöcke gegenüber, wobei die Staaten sich aus dem Bezug zu dem jeweiligen ‘Vorbild’ legitimierten und deren ideologische Ausrichtung übernahmen. Damit wurde der Anti-Kommunismus für die BRD zu einer tragenden Säule der Werthaltungen und für die DDR der Anti –Imperialismus und Anti-Faschismus.

Ein Beispiel dafür gibt auch die Mauer, die von offizieller ostdeutscher Seite als ‘Antifaschistischer Schutzwall’ bezeichnet wurde. Für die ostdeutsche Seite verkörperte sie das Feindbild ‘Westen’: Durch sie sollten die faschistischen Kräfte, die ausschließlich im Westen zu finden waren, abgehalten, beziehungsweise die DDR vor den Faschisten geschützt werden. Der Westen war also nicht nur der Ort des Faschismus, sondern bedrohte auch durch seine Aggressivität die Bevölkerung der DDR, was wiederum einen physischen Schutz wie die Mauer notwendig machte. Nach Doering-Manteuffel wurde dieses Bild vom Westen als der größten Bedrohung für den Sozialimus strategisch eingesetzt, um die Bevölkerung für den Sozialismus zu mobilisieren. Für den Westen dagegen war die Mauer das Symbol für die Unfreiheit in dem ostdeutschen Staat.

Aus nationaler Perspektive sahen sich beide Staaten als Provisorium, bis die Nation unter einem der beiden Staaten zusammengeführt werden kann. Die Wiedervereinigung als langfristiges Ziel war im Grundgesetz der BRD verankert, sie beanspruchte die Alleinvertretung für Gesamtdeutschland. Auch die DDR sah sich ‘als vorläufiger Teil einer gespaltenen Nation’, bis 1972 die gesamtdeutsche Frage von offizieller Seite negiert und durch das Verkünden einer rein sozialistischen Nation innerhalb der DDR abgelöst wurde. Danach hätten die sozialistischen Gesellschaftsstrukturen zur Konsequenz gehabt, dass sich innerhalb der DDR eine sich qualitativ von der kapitalistischen BRD unterscheidende Nation gebildet hat. Die BRD gehörte ab diesem Zeitpunkt offiziell zum Ausland (Möbius 2003).

Eine Annäherung der beiden deutschen Staaten erfolgte allgemein während der sechziger und siebziger Jahre. Die BRD erkannte die DDR zwar nicht völkerrechtlich als Staat an, gab aber den Alleinvertretungsanspruch auf und schloss mit der DDR Verträge und Abkommen; die Beziehung zwischen den Staaten ‘normalisierte’ sich.

Der grundsätzliche Gegensatz im Gesellschaftsaufbau blieb allerdings bis zur Auflösung der DDR bestehen.

Die beiden Systeme unterschieden sich also in allen möglichen Bereichen: Der ideologischen Ausrichtung, der politischen Umsetzung, der Funktionsweise des wirtschaftlichen Systems und dem Verhältnis zur Bevölkerung.

Trotz der andauernden Trennung der ‘deutschen Nation’ wurde – zumindest von westdeutscher Seite – das Ziel deren Zusammenschließung bis zuletzt festgehalten.

Bezogen auf das Selbstbild der beiden Kollektive, sowie die ‘Frage’ nach der (einheitlichen) Nation stellen sich hier einige Fragen. Dabei ist von Interesse, inwiefern das Selbstbild der beiden Staaten von den unterschiedlichen Systemen, beziehungsweise von den entsprechenden Ideologien geprägt wurde, die von den Besatzungsmächten übernommen wurden. Ohne diese würden die beiden Staaten nicht bestehen, der Aufbau der Systeme und der Wiederaufbau der Gesellschaften kann nur in Beziehung zu diesen gesehen werden. Insbesondere auf dem Hintergrund des Dritten Reiches stellt sich eine Schwierigkeit in der historischen Kontinuität des deutschen Selbstbildes, da die Unterwerfung Hitler-Deutschlands einen Bruch in der (souveränen) Geschichte der Nation markiert.

Wenn an dem Konzept einer einheitlichen Nation über die beiden Systeme hinweg festgehalten wurde, stellt sich weiterhin die Frage, wie diese Nation konzipiert wird. Trotz der systemischen Unterschiede sollen die Bevölkerungen zueinander gehören, müssen also in der einen oder anderen Form miteinander identisch sein, beziehungsweise so konstruiert werden.

Um diese Fragen beantworten zu können, bedarf es zunächst der theoretischen Fundierung von den möglichen Implikationen der ‘Nation’, der möglichen Ausrichtungen und Bezüge bei der Konstruktion eines Selbstbildes. Letztendlich soll auch der Nationalismus, durch den die Konstruktion einer (einheitlichen) Nation ideologisch ermöglicht wird, mit einbezogen werden. Der spezielle Fokus in dieser Arbeit ist auf den Printmedien, da durch diese die Kommunikation von Selbstbildern ermöglicht wird. Eine Diskursanalyse als Methode ermöglicht die Identifizierung der sprachlichen Konstruktion dieser inhaltlichen Punkte.

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 4
1.1. Die DDR – Ideologisches Fundament und gesellschaftlicher Aufbau 7
1.2. Das System der BRD 11
2. Theoretische Möglichkeiten für die Konstruktion einer nationalen Identität 16
2.1. Nation – Inhalte, Verbindungen und Ausrichtungen im Aufbau eines Selbstbildes 17
2.2. Geschichte und Mythen als Basis der Nation 32
2.3. Das Andere in der Konstruktion eines Selbstbildes 36
2.4. Sprachliche Möglichkeiten der Herstellung von Identität und Differenz 42
2.5. Medien und nationale Identität 46
2.6. Zielsetzung 48
3. Methode 49
3.1. Untersuchungsmaterial 49
3.2. Untersuchungszeitraum 50
3.3. Methodisches Vorgehen 51
3.3.1. Diskurs und nationale Identität 52
3.3.2. Analytisches Vorgehen 54
3.3.3. Codierung 56
4. Ergebnisse 57
4.1. Die westdeutsche Sicht 57
4.1.1. Die SED 57
4.1.2. Die wirtschaftliche Situation 65
4.1.3. Legitime Vertreter des politischen Systems 72
4.1.4. Die SED als Fremdherrschaft 78
4.1.5. Die Konsequenzen staatlicher Lenkung in anderen Bereichen 68
4.1.6. Die Bevölkerung und ihre legitimen Repräsentanten 89
4.1.7. Die Maueröffnung als nationales Ereignis 101
4.2. Die ostdeutsche Sicht 110
5. Zusammenfassung 123
6. Ausblick 129
7. Literaturverzeichnis 130
8. Anhang 136
8.1. Codierbogen 136
8.2. Artikelverzeichnis 138

Textprobe:

Kapitel 2.2, Geschichte und Mythen als Basis der Nation:

Um dem Kollektiv also einen besonderen Stellenwert zu verleihen, der die Basis für die Identifikation mit und Verteidigung des Kollektivs ist, können verschiedene Elemente herangezogen werden, die die Einzigartigkeit herausstellen.

Eines dieser Elemente stellt der Rückgriff auf geschichtliche Ereignisse dar, die ‘beweisen’, dass die Nation tatsächlich schon immer vorhanden war. Dafür wird Geschichte auf die Elemente hin selektiert, die den Bestand einer Nation in der Gegenwart rechtfertigen, es sind nach einer bestimmten Logik ausgewählte Ereignisse. Auch Giesen betont, dass vergangene Ereignisse aus der Perspektive der gegenwärtigen Situation rekonstruiert werden, die ‘Geschichte’ einer Nation also nicht im Voraus feststeht, sondern das Produkt einer Selektion im Nachhinein ist. Um eine Nation als Fundament der gesellschaftlichen Ordnung zu zementieren, bedarf es aber der Rekonstruktion ihrer Existenz. Als Bestandteil der ‘natürlichen Ordnung’ war sie auch schon vor ihrer tatsächlichen Verwirklichung in einem Nationalstaat vorhanden, was durch die Geschichtsschreibung ‘bewiesen’ wird. Der Nachweis ihrer historischen Existenz ist damit Bestandteil der Konstruktionsweise einer Nation, durch die sie in die ‘natürliche Ordnung’ eingeordnet wird: ‘Erfolgreich gerahmte Identitätsarbeit besteht darin, den Konstrukt-Charakter in den Zustand einer Naturgegebenheit zu verwandeln und damit zu verhüllen’. Die Auswahl der geschichtlichen Ereignisse, wie die Betonung und Selektion einzelner Aspekte in den Ereignissen selbst, ist also funktional für die nationale Identität des Kollektivs.

Durch den Rekurs auf vergangene Ereignisse wird die Besonderheit der eigenen Nation herausgekehrt. In der Geschichte sind die ‘Erinnerungen’ des Kollektivs gespeichert, die nur dieses Kollektiv gemacht hat: Geschichte besteht aus ‘den bemerkenswertesten Ereignissen des Lebens einer Nation’. Eine erfolgreiche Identifikation des einzelnen Mitglieds eines Kollektivs ist dann gegeben, wenn er sich nicht nur in seiner persönlichen, sondern auch mit der Vergangenheit des Kollektivs, dem er zugehörig ist, findet. Als Teile des nationalen Kollektivs, das schon vor dem Leben des einzelnen Individuums bestand und noch nach ihm andauern wird, können diese Teile über die Kenntnis von und die Identifizierung mit der Geschichte des Kollektivs zusammengeschlossen werden. Sie teilen alle dieselben ‘Erinnerungen’, die sie zudem mit den vorherigen und den nächsten Generationen verbindet. Dadurch und durch die Herausstellung der Einzigartigkeit der Vergangenheit des Kollektivs kann der Eindruck einer ‘[g]emeinsame[n] Herkunft und [eines] historischen Schicksal[s]’ hergestellt werden, der wiederum entsprechende Gefühle der Solidarität zwischen den Mitgliedern über Zeit und Raum hinweg herstellt. Anders herum können solche ‘Wir-Gefühl[e]’ bewusst bei den Mitgliedern eines nationalen Kollektivs hervorgerufen werden, wenn ein Hinweis auf das gemeinsam geteilte Schicksal gemacht wird. Der Rekurs auf die gemeinsame Geschichte fungiert damit gleichzeitig als Appell an das gemeinsame Schicksal.

Eine andere, durch den Vergleich eines aktuellen Ereignisses mit vergangenen Ereignissen erzeugte Funktion ist die Möglichkeit, diesem aktuellen Geschehen eine bestimmte Bedeutung zu verleihen, beziehungsweise Verständnis dafür zu erzeugen. Durch den Vergleich mit einem geschichtlichen Ereignis, dessen Bedeutung allgemein bekannt und akzeptiert ist, kann das ‘neue’ Ereignis dieselbe Bedeutung zugeschrieben bekommen. Oder durch den Vergleich mit Vergangenem wird die Abgrenzung zu ihr betont, sie dient damit als negativer Bezug, was allerdings denselben Effekt hat wie bei dem positiven Vergleich: Es ist ein Verweis auf die verbindlichen Wertorientierungen und besonderen Lebensformen, den im Moment gefolgt wird. Die beiden deutschen Staaten wurden zum Beispiel in klarer Abgrenzung von der Vergangenheit des Dritten Reiches aufgebaut.

An der Geschichte eines Kollektivs knüpft noch ein weiteres Element an, das für die Konstruktion einer nationalen Identität von Bedeutung ist: der Mythos, der nach Schöpflin auf Symbolen basiert und damit auch dieselbe Funktion für das Kollektiv hat wie diese: Durch ihn werden Gefühle der Zusammengehörigkeit und Solidarität geschaffen oder erneuert, ebenfalls ohne die Bedingung, dass die Teile des Kollektivs in Kontakt stehen oder tatsächlich Gleichheit aufweisen; auch durch ihn kann die Vorstellung der Existenz eines nationalen Kollektivs erzeugt werden:

Myth as the content of ritual, then, is an essential aspect of community maintenance. Thus consistency is created through communication and action, even while the participants have different beliefs and, indeed, conflicting beliefs. In the political real, this is significant because it creates potential means of allegiance on the basis of social identification.

Auf der Seite der Mitglieder des Kollektivs bietet nach Schöpflin der Mythos ein hohes Identifikationspotential, weil er eine bestimmte Weltsicht reflektiert, er vermittelt Sinn für das Kollektiv und den Einzelnen. In ihm sind ebenfalls, wie in jedem kulturellen Element, Ideale, Werte und Richtlinien enthalten, die Orientierung geben und deshalb auch angenommen werden. In einem Mythos sind also auch die Kernelemente des Selbstbildes eines Kollektivs enthalten: ‘It gives content, at the same time, to the self-apperception of the community’.

Ein solcher Mythos ist zum Beispiel der, dass Nationen in der Vergangenheit (also vor der Neuzeit, in der sie politisch tatsächlich relevant wurden) schon immer vorzufinden sind, die Wehler als ‘Mythos von der Langlebigkeit der Nationen’ bezeichnet. Geschichtsschreibung leistet damit einen erheblichen Beitrag zur Konstruktion von Mythen für die Nation. Eine weitere Form stellen Mythen über nationale Helden dar, in deren Charakterisierung und Taten dann die Werthaltungen für das Kollektiv enthalten sind.

Hier soll insbesondere der Gründungsmythos von Nationen herausgehoben werden, der auch zum Beispiel für die BRD und die DDR nach dem Zweiten Weltkrieg vorzufinden ist. Mit der Gründung zweier neuer Staaten ‘wurde’ der davon eingeschlossenen Bevölkerung ein solcher Mythos ‘gegeben’, um aus den Erlebnissen mit dem Zweiten Weltkrieg die herauszufiltern, die auch eine kulturelle Neuorientierung zementieren und die Kriegserlebnisse sinnhaft bündeln. Entsprechend wird in diesem Mythos ein Neu-Anfang konstruiert, durch den sich von der Vergangenheit abgesetzt und auf eine ‘bessere’ Zukunft verwiesen wird:

Every group, every political system, virtually every area of human endeavour has to make a start and seeks to mark that by some special act which is accorded mythic qualities. In this connection, one is dealing with a moment of novation which is not necessarily as drastic and radical as a revolution, but which, it is felt by the participants, deserves special note in order to point to the future.

Die ‘Stunde Null’ als ein solcher offizieller Gründungsmythos für die BRD, muss in diesem Kontext gesehen werden. Durch ihn hat man sich von der nationalsozialistischen Vergangenheit abgesetzt. Gleichzeitig wurde durch ihn auch auf eine ‘neue’ Zukunft verwiesen. Der geschichtliche Hintergrund des Zweiten Weltkriegs wurde auf die Erlebnisse aus den Bombenangriffen und der daraus resultierenden Zerstörung der Städte hin selektiert. Dies gründete das ‘neue’ deutsche Selbstverständnis auf den Erinnerungen an Not und Leid, aus dem das ‘Neue Deutschland’ sich wieder aufgerichtet hat:

Der Nationalsozialismus war […] nicht die Vollendung der deutschen Geschichte, sondern der ‘Absturz des deutschen Volkes ins Bodenlose’; erst in der Not nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges steht das ‘deutsche Volk’ auf – wie nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Die Deutschen erweisen ihr Deutschsein, nach dieser Phantasie, in der Fähigkeit zu entsagungsvoller Duldung von Leid, das wie ein ‘Schicksal’ über sie gekommen ist […].

Das kollektive Selbstbild gründet also in dieser Auffassung, wobei ein deutlicher Verweis auf eine ‘Schicksalsgemeinschaft’ zu finden ist, die sich aus dem ‘gemeinsamen Leiden’ an der Zerstörung ergibt. Der Verweis auf eine bessere Zukunft ergibt sich aus dem ‘wieder aufstehen’, das sich dann durch das sogenannte ‘Wirtschaftswunder’ bewiesen hat.

Ein Beispiel für die Wertorientierung des neuen Selbstverständnisses gibt der Gründungsmythos der DDR, in dem auf den Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus aufgebaut wurde, was das antifaschistische Selbstverständnis der neuen Staatsgründung spiegelt:

Auf ihrer eigenen Vergangenheit im Widerstand gründete die Überzeugung der Kommunisten, das bessere Deutschland zu schaffen, ebensosehr wie darauf, daß in der DDR antifaschistische Widerstandkämpfer alle führenden Positionen einnahmen. Die gemeinsame Vergangenheit war demnach die des antifschistischen Widerstandes, der mit der Befreiung durch die Rote Armee sein Ziel gefunden und die Zukunft in einem antifaschistischen sozialistischen Staat ermöglicht habe.

Als Symbol dafür fungierte Buchenwald, ein Konzentrationslager, in dem sich – aus mythischer Sicht – die dort einsässigen Kommunisten zuerst selbst befreit haben, bevor ihnen dann noch die Rote Armee zur Hilfe eilte.

Diese Elemente können also dazu dienen, die Besonderheit des eigenen Kollektivs heraus zustellen. Diese ergibt sich allerdings erst aus der Notwendigkeit, sie von anderen Kollektiven abzuheben, ist also nur in Bezug auf die Existenz vieler anderer Kollektive zu verstehen, von denen sich abgegrenzt werden muss. Dies verweist auf einen Aspekt der Konstruktion von Selbstbildern, ohne den diese nicht möglich wäre: der Bezug auf oder die Art der Abgrenzung einer Gruppe nach außen, die im nächsten Punkt ausgeführt werden soll.

Arbeit zitieren:
Lemke, Anja April 2010: Die Konstruktion nationaler Identität in Ost- und Westdeutschland während des Mauerfalls, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Identität, Nationalismus, Diskursanalyse, Mauerfall, Geschichtskonstruktivismus

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