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Kommunikative und interaktive Funktionen von Schweigen in Konversationen

Kommunikative und interaktive Funktionen von Schweigen in Konversationen
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Bettina Seifried
  • Abgabedatum: Juni 1990
  • Umfang: 93 Seiten
  • Dateigröße: 716,5 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-2364-3
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-2364-3 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-2364-3 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Seifried, Bettina Juni 1990: Kommunikative und interaktive Funktionen von Schweigen in Konversationen, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Schweigen, Gesprächsanalyse, Diskurs und Macht, Interaktionstheorie, Kommunikation

Magisterarbeit von Bettina Seifried

Einleitung:

Gegenstand dieser Arbeit ist Schweigen in Konversationen. Vom Schweigen wird wenig gesprochen, und doch wird ihm bedeutendes nachgesagt. Gleich hier muß allerdings differenziert werden: Nicht immer ist Nicht-Reden gleichzeitig bedeutsam. Ich möchte daher zunächst eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Stille und Schweigen treffen. Erstere steht außerhalb eines sprachlichen Zusammenhangs und in Opposition zu Geräusch oder Lärm. Von Schweigen kann nur in Kommunikationssituationen die Rede sein, wenn es in Opposition zu Reden und in einem linguistischen Kontext steht. Die Wirtin schweigt, sie hat nichts gesagt, kein Laut drang an K.'s Ohr, dennoch entnimmt K. diesem Schweigen eine ganz bestimmte Aussage. Seine Interpretation des Schweigens findet sich in seiner nächsten Äußerung wieder. Wir Leser finden das nicht erstaunlich, im Gegenteil, machen wir es doch Tag für Tag genauso. Schweigen bedeutet uns häufig etwas, sogar ganz unterschiedliches.

Befragt zu seiner exzessiven Verwendung von Pausen und Schweigen in seinen Dramen, schreibt Harold Pinter: "We communicate only too well in our silences". Wie aber gelingt es uns, dieses gleichförmige, lautlose Sprechen in den jeweiligen Situationen richtig, als das eine und nicht das andere, zu deuten? Wie ist es möglich, daß es für uns einmal die Ablehnung einer Bitte darstellt, ein andermal ein Eingeständnis von Schuld oder Ausdruck von Ignoranz, da es doch in sich immer dasselbe bleibt: Schweigen?

Die Form bleibt, der Inhalt und die Funktion sind veränderlich. Aus der Form des Schweigens selbst ist dieser Funktionswandel nicht erklärbar. Ähnlich der "Null" in der Mathematik ist das Schweigen "nichts" und doch auch "nicht nichts". Der Schluß liegt nahe, daß seine Bedeutung von dem abhängt, was es umgibt: ein veränderter Kontext verändert die Funktion von Schweigen. Wenn die Qualität von Schweigen aber vollkommen von dessen Kontext abhängig ist, muß dieser analysiert werden, um die Bedeutung des jeweiligen Nicht-Redens klären zu können. Der konkrete linguistische Kontext in den Schweigen hier gestellt wird, ist Reden, und zwar Miteinanderreden, Gespräche, verbale Interaktion. Doch ich möchte darauf hinweisen, daß Schweigen nicht nur mit Reden, sondern verbaler Kommunikation und Kommunikation jeglicher Art in Verbindung steht. Auf welcher Ebene auch immer kommuniziert werden kann, stets ist die Möglichkeit vorhanden, zu schweigen. Dies gilt für schriftliche Kommunikationsformen ebenso wie für Körpersprache oder andere symbolisch strukturierte Systeme. Ich beschränke mich jedoch auf den mündlich verbalen Kommunikationszusammenhang, also auf konversationelle Interaktion.

Ein Ziel der Arbeit wird zunächst sein, einen theoretischen Rahmen für das Zustandekommen von Bedeutung und Funktionen des Schweigens in seinem linguistischen Zusammenhang zu erarbeiten. Hierzu beziehe ich mich auf die ethnomethodologische Konversationsanalyse in der Tradition von Harvey Sacks (kurz:CA).

Gang der Untersuchung:

Im ersten Teil werden Ergebnisse und Grundannahmen bezüglich der Struktur und Organisation von Konversationen dargestellt, sofern sie für meinen Gegenstand relevant sind.

Der Hauptteil meiner Untersuchung beschäftigt sich mit der Darstellung spezifischer Funktionen und Bedeutungen von Schweigen in Gesprächen. Hierzu werde ich Schweigen im Zusammenhang mit unterschiedlichen Konversationsorganisationen erklären. Die Analysegrundlage bildet die Verfilmung des Stücks "Who's Afraid of Virginia Woolf?" von Edward Albee. Gleichzeitig werde ich aber auch auf Schweigeanalysen verweisen, die von CA-ForscherInnen bereits erstellt wurden, die jedoch in keinem Fall das Hauptziel der jeweiligen Untersuchungen darstellten.

Die Auswahl des Films hängt mit einer weiteren Fragestellung zusammen, die meine Untersuchung geleitet hat. Mich interessierte auch besonders das Verhältnis von Schweigen und Macht, sofern dieses sich auf der sprachlichen Ebene von Konversationen beschreiben läßt. Ausgangspunkt ist das Argument, daß sich im konkreten Sprachgebrauch immer auch soziale Beziehungen ausdrücken. Ich versuche anhand der Begriffe face und gesichtsbedrohende Akte (nach Brown und Levinson) sprachliche Machtgesten nachzuweisen und spezifische Funktionen von Schweigen in diesem Zusammenhang aufzuzeigen.

Inhaltsverzeichnis:

I. THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN
1. Einleitung 6
1.1 Der kulturelle Kontext von Schweigen 8
2. Der sprachlich-situative Kontext von Schweigen
2.1 Sprechpausen in der Psycholinguistik 10
2.2 Der verbale Interaktionskontext von Schweigen 11
2.3 Verbales und anderes Schweigen 11
2.4 Merkmale konversationeller Interaktion 12
2.5 Schweigehandlungstheorien 15
2.6 Bedeutung als Gemeinschaftsproduktion 18
3. Strukturelle Bedeutung und Interpretation von Schweigen 19
3.1 Rückschlüsse 22
3.2 Mein Schweigen - Dein Schweigen: Zuordnungsverfahren 24
3.3 Der Begriff der signifikanten Abwesenheit
3.3.1 Konditionale Relevanz 27
3.3.2 Das Präferenzkonzept 29
3.4 Schweigen und Verschweigen 31
Exkurs: "The Right to Silence" 32
II. BEDEUTUNG UND FUNKTION VON SCHWEIGEN IN DER ORGANISATION VON KONVERSATION
1. Bemerkungen zum Datenmaterial 38
1.1 Transkriptionsverfahren 40
2. Organisation von "turns"
2.1 Emphatisches Schweigen 41
2.2 Grenzmarkierendes Schweigen 42
2.3 Aufforderndes Schweigen 46
2.3.1 "Bitte komplettieren Sie selbst": Aufforderung, semantische Lücken zu füllen 47
3. Schweigen in Adjacency Pairs 49
3.1 Folgeversionen nach Schweigen
3.1.1 Nach Werturteilen/Assessments 50
3.1.2 Nach Angeboten, Einladungen, Vorschlägen und Bitten 52
3.2 "Einfache" Äußerungspaare 53
4. Schweigen in Repair-Sequenzen 56
5. Schweigen in der Umgebung des Partikels "oh" 60
6. Schweigestrategien 64
III. FUNKTION UND BEDEUTUNG VON SCHWEIGEN UNTER DEM ASPEKT DER INTERPERSONALEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN GESPRÄCHSPARTNERN
1. Macht und Dominanz in Gesprächen 67
2. Das Prinzip der Höflichkeit und Gesichtswahrung 68
3. Konversationelle Strategien zur Kontrolle von Gesprächsthemen 70
4. Schweigen als gesichtsbedrohender Akt 72
5. Schweigen als Reaktion auf gesichtsbedrohende Akte
5.1 Als De-Eskalationsstrategie 78
5.1.1 Mit Verlust des eigenen Gesichts 78
5.1.2 Mit Verteidigung des eigenen Gesichts 80
5.2 Schweigen als stiller Protest 83
5.2.1 Nach Umdefinition von sozialer Wirklichkeit 83
5.2.2 Nach Unterbrechungen 85
IV. SCHLUSSBEMERKUNGEN 87
V. LITERATURVERZEICHNIS 90

Automatisiert erstellter Textauszug:

49 B: Nothing special? A: No. „Good“ ist ein Werturteil, das von der zweiten Sprecherin nun (als soziale Konvention) ein zustimmendes Werturteil erfordern würde. Da die Küche jedoch offenbar nicht als hervorragend eingeschätzt wird, kann A dem konversationellen Gebot nicht entsprechen. In Abwesenheit jeglichen Urteils folgert B, daß mit ihrer ursprünglichen Formulierung kein Einverständnis zu erringen ist, daher wird in einer Folgeversion die Position zurückgenommen, um dadurch ein Einverständnis zu zeitigen. Dies folgt auch prompt. Pomerantz argumentiert: When an intitial assessment invites agreement and the recipient is silent, the silence is a way of performing (and is interpretable as such) an unstated, or as-yet-unstated disagreement...If a participant produces something that is not an overt instance of either of the two alternatives, such as a silence, it is interpretable as the dispreferred alternative.66 Ein Auszug aus meinen Daten bestätigt diese These: [...]

Pomerantz stellt ein Konzept vor, das den adjacency pairs entspricht, jedoch nicht deren unumgängliche Bindungskraft („conditional relevance“) besitzt. Sie postuliert, daß in manchen Fällen zwei Teile konventionell nur dazu „neigen“, gepaart aufzutreten. Sie werden als action-chains63definiert, womit vor allem das Paar assessment-second assessment gemeint ist. Eine Feststellung mit Werturteil zieht fast immer ein folgendes Urteil nach sich, sofern der nächste Sprecher ebenfalls Zugang zu dem zu bewertenden Sachverhalt hat. When a speaker assesses a referent that is expectably accessible to a recipient, the initial assessment provides the relevance of the recipient‘s second assessment.64 Second assessments sind durch zwei Alternativen vollziehbar, daher ist auch hier die Präferenzorganisation am Werk: eine das Ausgangsurteil bestärkende (agreement) oder verwerfende Einschätzung (disagreement) ist zu erwarten. Pomerantz zeigt detailliert, wie sich die Beiteiligten an agreement als präferierter Alternative orientieren, denn ein Schweigen auf ein Ausgangsurteil führt fast immer dazu, daß die urteilende Person eine Nachfolgeversion ihres ursprünglichen Urteils veräußert. Dies geschieht, nach Pomerantz, um der sich zurückhaltenden nächsten Sprecherin eine neue Möglichkeit zu bieten, sich in der präferierten Art und Weise zu äußern. Die neue Version beinhaltet dabei häufig revidierte Positionen, ja oft das genaue Gegenteil des gerade Gesagten. Daran läßt sich ablesen, daß die Sprecher Schweigen als potentielles Nichteinverständnis begreifen, und deshalb alles daran setzen, der nächsten Sprecherin ein Einverständnis zu ermöglichen. Das Schweigen hat die Funktion, die erste Sprecherin darauf hinzuweisen, daß es möglicherweise Probleme mit der Form der ersten Äußerung gibt, die die nächste daran hindern, in der erwarteten (präferierten) Form zu antworten. Ein Beispiel aus Pomerantz‘ Daten:65 [...]

G: Tell me about your wife‘s money. > (3.0) N: Why? G: Well, don‘t then. G äußert einen identifizierbaren ersten Teil, eine auffordernde Bitte, worauf die Produktion eines relevanten zweiten Teils durch den nächsten Sprecher unmittelbar erforderlich ist. Relevante Erwiderungen auf Bitten sind Akzeptieren oder Ablehnen, in Abwesenheit beider Möglichkeiten ist das Nicht-Vorhandensein der Akzeptanz auffällig und führt beim ersten Sprecher zu dem Schluß, daß das Schweigen des nächsten Ablehnung bedeutet. G‘s Replik „Well, don‘t then“ bezieht sich auf N‘s ablehnendes Schweigen und nicht auf N‘s ausweichende Frage „Why?“. G‘s Antwort macht deutlich, daß Schweigen eine Proposition hat, die faktisch angenommen wird. In diesem Fall wird nicht mehr darüber verhandelt, was das Schweigen bedeutet, es wird als Tatsache angenommen und daraus die nächsten Schritte abgeleitet (hier: ein Akzeptieren der Ablehnung durch „Well, don‘t then“). Häufig ist es jedoch so, daß dem Schweigen auf einen ersten Paarteil eine Folgeversion nachgestellt wird, die durch den Produzenten des ersten Teils erfolgt: [...]

Arbeit zitieren:
Seifried, Bettina Juni 1990: Kommunikative und interaktive Funktionen von Schweigen in Konversationen, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Schweigen, Gesprächsanalyse, Diskurs und Macht, Interaktionstheorie, Kommunikation

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