Die Koevolution von Bildern des eigenen und des fremden Landes
Eine Fallstudie unter ausländischen Studenten in Osnabrück
- Art: Staatsexamensarbeit
- Autor: Alexandra Budke
- Abgabedatum: November 1998
- Umfang: 148 Seiten
- Dateigröße: 1.014,2 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Osnabrück Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6037-2
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6037-2 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6037-2 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung: Die Studie wurde mit dem Studienpreis der H. Heydt GmbH + Co. ausgezeichnet.
- Arbeit zitieren: Budke, Alexandra November 1998: Die Koevolution von Bildern des eigenen und des fremden Landes, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Ausländische Studenten, Migration, Vorurteile, Integration, Erasmus Programm
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Staatsexamensarbeit von Alexandra Budke
Einleitung:
Jetzt, zu Beginn des Sommersemesters 1998, sind gerade die „neuen“ ausländischen Studenten angekommen. Sie „bombardieren“ uns, die Mitarbeiter des Akademischen Auslandsamtes, mit Fragen z.B. zur Ausländerbehörde, zur Stundenplanerstellung, zur Miete und die Eröffnung eines Bankkontos betreffend. Die Gaststudenten sind sehr jung, meistens um die zwanzig, voller Energie und Hoffnung, daß diese Zeit in Deutschland etwas ganz Besonders werden wird.
Da ich mich selbst schon als Ausländerin in fremden Ländern fühlen konnte, kann ich mich recht gut in sie hineinversetzen. Neben meiner persönlichen Geschichte ist es vor allem das Interesse an den Personen, die ich betreue, das mich zu dieser Arbeit motiviert.
Obwohl ich mit den ausländischen Studenten bei vielen Gelegenheiten Kontakt habe, u.a. bei den Einführungswochen am Anfang des Semesters, dem jeweils zweiwöchig stattfindenden Stammtisch für ausländische Studenten und den Exkursionen in verschiedene Städte, weiß ich dennoch wenig darüber, was es für sie bedeutet, in Deutschland zu sein. Führt die „Fremde“ zur persönlichen Reifung? Folgt dem anfänglichen Enthusiasmus vielleicht nach einigen Wochen die große Ernüchterung und Langeweile? Was denken sie über Deutschland und über ihr Land? Und wovon hängt das ab, was sie denken? Der Fragenkatalog ließe sich noch eine Weile fortsetzen und er zeigt, daß mein Wissen, wie es auch anderen Mitarbeiter im Akademischen Auslandsamt gehen mag, trotz des vielfältigen Kontaktes zu den ausländischen Studierenden, dennoch rudimentär geblieben ist.
Lassen Sie mich den anfänglichen Beobachtungen noch einige weitere hinzufügen, die, wenn man will, einige Monate nach dem oben beschriebenen Anfang gemacht wurden. Ich bin auf einer Party eingeladen und treffe Austauschstudenten aller möglicher Nationalitäten: Spanier, Franzosen, Engländer, Italiener, Russen usw. - nur keine Deutschen. Da dies nicht die erste Party dieser Art ist, erstaunt es mich nicht. Die Studenten vergessen vielleicht, daß ich Deutsche bin, da ich, wenn möglich, in ihrer Muttersprache mit ihnen rede. In den wenigen Fällen, in denen sich die ausländischen Studenten meiner Nationalität bewußt werden, versichern sie, daß ich eine Ausnahme sei, eben keine typische Deutsche - ein seltsames Kompliment.
Ich höre viel über die Deutschen, die so kalt und distanziert sind und von den schönen Heimatländern, in denen immer die Sonne scheint und die Menschen herzlich und gastfreundlich sind. In diesen Partygesprächen wird dem eher negativen Deutschlandbild ein fast ausschließlich positives Bild des betreffenden Herkunftslandes gegenübergestellt.
Bei anderen Gelegenheiten fällt mir auf, daß sich die ausländischen Studenten gleich nach der Ankunft in Deutschland in Gruppen nach Nationalitäten zusammenfinden, und daß sich diese Gruppen auch im Laufe der Semester nicht auflösten. In Osnabrück ist es, etwas überspitzt formuliert, fast unmöglich, einen ausländischen Studenten allein, ohne seine Landsleute anzutreffen, ob in der Mensa, auf der Straße, in Veranstaltungen oder auf Partys. Mich erstaunt, daß sich alle Austauschstudenten untereinander kennen, aber sie kaum mit deutschen Studenten befreundet zu sein scheinen.
Diese Beobachtungen der Situation der ausländischen Studenten, die mir durch die Isoliertheit von den deutschen Studenten gekennzeichnet schien, verknüpft mit den geäußerten negativen Bildern von Deutschland und den Deutschen, überraschen mich, da ich davon ausgegangen bin, daß der Aufenthalt in Deutschland zur intensiven Auseinandersetzung der ausländischen Studenten mit der deutschen Kultur, daß heißt, den geltenden Werten und Normen und den hier „typischen“ Verhaltensweisen führen würde, und so zum Abbau von Vorurteilen und Stereotypen über Deutschland beitrüge. Gerade das Gegenteil scheint mir der Fall zu sein.
Auch in dem politischen Diskurs über Europa, den Programmbeschreibungen der Austauschorganisationen, sowie in der Austauschforschung, wird immer wieder die Wichtigkeit der sozialen Kontakte der Austauschstudenten zu den Deutschen hervorgehoben. In diesem Zusammenhang wird verstärkt über „Multikulturalität“, „Zusammenwachsen der Völker in Europa“, „Weltgesellschaft“, „kulturelles Lernen“, „Kulturaustausch“ u.a. gesprochen. So schreibt z.B. Alexander Thomas: „ Es ist eine unbezweifelbare Tatsache, daß ein Überleben der Menschheit in dieser Welt nur mehr möglich ist, wenn wir zur internationalen (also nationale Grenzen überschreitenden) und interkulturellen (kulturelle Barrieren überwindenden) Kooperation fähig sind“. Rainer Hettich sagt Ähnliches: „Wie sollte sich ein gemeinsames europäisches Bewußtsein, eine europäische Identität entwickeln, wenn die Kenntnis junger Menschen über die Lebensverhältnisse, die Differenzen und Gemeinsamkeiten in anderen Ländern der Gemeinschaft nicht vertieft würde“. In den Zielsetzungen des Studentenaustauschprogramms der Europäischen Union (Erasmus) steht: „ to strengthen the interaction between citizens in different Member States with view to consolidation the concept of a Peoples Europe“. Man kann noch wesentlich mehr Zitate finden, in denen die Bedeutung der Kontakte von Studenten unterschiedlicher Nationalität im Sinne der „Völkerverständigung“, betont wird.
Ist der propagierte Kulturkontakt, der zum Verständnis anderer Denk- und Wertesysteme der Völker Europas führen soll, im Hinblick auf meine Beobachtung, nichts als ein Ideal der Politik, der von ihr abhängigen Austauschorganisationen und der Austauschforschung, das mit der Realität des Studentenaustausches wenig zu tun hat?
Ich beschoß, meine geschilderten Eindrücke anhand einer empirischen Untersuchung, die in Form dieser Examensarbeit vorgestellt wird, zu überprüfen. Ich habe die Hoffnung am Ende der Arbeit einige Verbesserungsvorschläge für das Erasmusprogramm und die Betreuung der Erasmusstudenten in Osnabrück unterbreiten zu können. Meine Ausgangsfragen waren diesbezüglich: Wie entstehen die Bilder ausländischer Studenten von Deutschland und ihren Herkunftsländern? Durch welche Faktoren werden sie entscheidend beeinflußt? Welche Bestandteile machen die Bilder aus? Welche Funktion haben die Deutschland- und Heimatbilder für den einzelnen Austauschstudenten und für die Gruppe der Austauschstudenten?
Nach der genaueren Vorstellung des Themas und seiner Einordnung in die Geographie, werde ich im zweiten Kapitel mein methodisches Vorgehen zur Erhebung und Analyse von qualitativen Interviews mit Erasmusstudenten in Osnabrück vorstellen. Im dritten Teil meiner Arbeit werden zwölf Fallstudien ausführlich vorgestellt. Im vierten Teil sollen die Ergebnisse meiner Untersuchung zusammengefaßt werden, um generalisierende Aussagen zu treffen. Im vierten Kapitel werden die Ergebnisse in Bezug auf die Ergebnisse der Austauschforschung und die Theorien, auf die sie sich bezieht, diskutiert werden. Am Ende dieser Einbettung der Untersuchungsergebnisse in bestehende Theorien, werde ich zwei Evaluationen des Erasmusprogramms kritisch beleuchten und Punkte aufzuzeigen, die in zukünftigen Evaluationen stärker berücksichtigt werden sollten. Es schließen sich Überlegungen zur idealen Erhebungsmethode an. Die Arbeit endet im sechsten Kapitel mit einigen Verbesserungsvorschlägen für die Arbeit des Akademischen Auslandsamtes.
Das Ziel dieser Arbeit ist nicht, fertigte Theorien über die Entstehung von Einstellungen der ausländischen Studenten zu Deutschland und ihrem Heimatland aufzustellen, sondern Denkanstöße zu liefern, um das Austauschprogramm, die Betreuung der ausländischen Studenten in Osnabrück, und die wissenschaftliche Forschung zu diesem Komplex in Zukunft zu verbessern. Diese Studie will auch aufzeigen, in welchen Bereichen, intensiver geforscht werden müßte.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 4 |
| 1.1 | Zwischen Faszination der Fremde und Suche nach Heimat? | 6 |
| Heranführung an das Thema | 6 | |
| 1.2 | Raumabstraktion als wesentlicher Bestandteil des Gruppendiskurses: Die geographische Dimension der vorliegenden Arbeit | 7 |
| 1.3 | Konkretisierung der Vorüberlegungen in Ausgangshypothesen | 11 |
| 2. | Methodik der empirischen Untersuchung von ausländischen Studenten | 12 |
| 2.1 | Die Untersuchungsobjekte: Erasmusstudenten und die Rahmenbedingungen ihres Deutschlandaufenthalts | 12 |
| 2.1.1 | Vorstellung des Erasmusprogramms | 13 |
| 2.1.2 | Betreuung der Erasmusstudenten in Osnabrück | 14 |
| 2.1.3 | Darstellung der Kriterien für die Auswahl der Interviewpartner | 15 |
| 2.1.4 | Charakterisierung der Interviewpartner (statistische Daten) | 16 |
| 2.2 | Konzeption des Leitfadens | 17 |
| 2.2.1 | Schwerpunkt I: Gruppen ausländischer Studierender in Relation zu ihren Deutschland- und Heimatbildern | 17 |
| 2.2.1.1 | Soziale Beziehungen | 17 |
| 2.2.1.2 | Deutschlandbilder | 18 |
| 2.2.1.3 | Heimatbilder | 18 |
| 2.2.2 | Schwerpunkt II: Bedingungen für die Gruppenbildung | 19 |
| 2.2.2.1 | Voreinstellungen zu Deutschland | 19 |
| 2.2.2.2 | Motivation | 21 |
| 2.2.2.3 | Erster Eindruck | 21 |
| 2.2.2.4 | Von den ausländischen Studenten vermutetes Bild der Deutschen ihres Herkunftslandes | 22 |
| 2.2.2.5 | Bewertung des Auslandssemesters | 22 |
| 2.2.2.6 | Zukunftsperspektiven | 23 |
| 2.3 | Untersuchungsdurchführung | 24 |
| 2.3.1 | Pretest | 24 |
| 2.3.2 | Interviewsituation | 24 |
| 2.3.3 | Interviewsprache | 25 |
| 2.3.4 | Reflexion über die Erhebungsmethode | 25 |
| 2.3.4.1 | Rollen im Interview | 25 |
| 2.3.4.2 | Interviewereffekte und mögliche Artefakterzeugung | 27 |
| 2.4 | Qualitative Inhaltsanalyse | 28 |
| 3. | Fallstudien | 28 |
| 3.1 | Gruppe 1: Studenten ohne Freundschaften zu Deutschen | 29 |
| 3.1.1 | Alexandra: In Deutschland im Exil | 29 |
| 3.1.2 | Anieschka: Eine tiefe slawische Seele in Deutschland | 37 |
| 3.1.3 | Johanna: Das Mädchen, das ihre Sprache als Waffe gebrauchen wollte | 44 |
| 3.1.4 | Fotis: Meine Heimat ist ein Flughafen | 53 |
| 3.1.5 | Antonella: Von den „viereckigen“ Deutschen | 56 |
| 3.1.6 | Marionna: Die sich als Schwester der Italiener fühlt | 59 |
| 3.2 | Gruppe 2: Studenten mit Freundschaften zu Deutschen | 62 |
| 3.2.1 | Mapi: Von den zärtlichen und kalten Deutschen | 62 |
| 3.2.2 | Michael: Befreiung von der „keinen Heimat“ | 70 |
| 3.2.3 | Aude: Deutschland, das Paradies! | 74 |
| 3.2.4 | Elina: Zweimal deutsche Freunde (1. Teil) | 78 |
| 3.2.5 | Tracy: Zweimal deutsche Freunde (2. Teil) | 82 |
| 3.2.6 | Marts: Mit Strategie Deutsche kennenlernen | 85 |
| 4. | Ergebnisse der Fallstudien | 91 |
| 4.1 | Schwerpunkt I: Deutschland- und Heimatbilder in Abhängigkeit von den sozialen Gruppen | 91 |
| 4.2 | Schwerpunkt II: Variablen, die die Gruppenbildung beeinflussen | 94 |
| 4.2.1 | Ergänzende Variablen zur Gruppenbildung | 94 |
| 4.2.2 | Die Themenbereiche des Leitfadens | 96 |
| 4.2.2.1 | Voreinstellungen | 96 |
| 4.2.2.2 | Motivation | 99 |
| 4.2.2.3 | Erster Eindruck | 100 |
| 4.2.2.4 | Von den ausländischen Studenten vermutetes Bild der Deutschen von ihrem Herkunftsland | 101 |
| 4.2.2.5 | Beurteilung der Zeit in Deutschland | 102 |
| 4.2.2.6 | Zukunft | 103 |
| 4.2.3 | Zusammenfassung der Variablen, die den Gruppenbildungsprozeß beeinflussen | 104 |
| 5. | Diskussion und theoretische Einbettung der Untersuchungsergebnisse | 105 |
| 5.1 | Vorstellung der Austauschforschung | 105 |
| 5.2 | Anpassung an eine fremde Kultur | 106 |
| 5.3 | Definition der Kultur | 108 |
| 5.4 | Kultur und Identität | 109 |
| 5.5 | Soziale Kontakte der ausländischen Studenten in Deutschland | 110 |
| 5.5.1 | Funktionales Modell der sozialen Netzwerke | 113 |
| 5.5.2 | Theoretische Ansätze zur Erklärung interethnischer Beziehungen | 114 |
| 5.5.2.1 | Das Bezugsgruppenkonzept | 115 |
| 5.5.2.2 | Das Konzept der Nationalität | 115 |
| 5.6 | Stereotypenbildung | 118 |
| 5.6.1 | Stereotypes Denken als Ausdruck autoritärer Persönlichkeit und Ethnozentrismus | 119 |
| 5.6.2 | Entstehung und Funktion der Stereotypen in der Gruppe | 119 |
| 5.6.3 | Eindrucksbildung | 122 |
| 5.7 | Klimatheorie zur Erklärung des deutschen „Nationalcharakters“ | 123 |
| 5.8 | Evaluationsforschung im Erasmusprogramm: Zwei Beispiele | 125 |
| 5.8.1 | Begleitforschung | 125 |
| 5.8.2 | Liller Evaluation | 128 |
| 5.8.3 | Zusammenfassung der Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge für zukünftige Evaluationen des Erasmusprogramms | 130 |
| 5.8.4 | Methodendiskussion | 131 |
| 6. | Verbesserungsvorschläge für die Arbeit des Akademischen Auslandsamtes | 133 |
| 7. | Schlußwort | 134 |
| 8. | Abbildungsverzeichnis | 137 |
| 9. | Literaturverzeichnis | 138 |
gestikulieren. Andere Stellen zeigen, daß sie sich selbst über ihre laute Stimme mit den Griechen identifiziert. Johannas emotionale Bindungen an Griechenland sind sehr groß: I: Was bedeutet das Wort Heimat für dich? J: Alles, (I: lacht) alles obwohl ich sage, daß ich in Griechenland nie zufrieden sein könnte. Mein Leben mein Traum und alles was ich habe, naja, befindet sich in Griechenland, alles. Die Aussage, daß Griechenland alles für sie bedeute und sie gleichzeitig weiß, daß sie dort nie zufrieden sein könnte erscheint paradox. Johanna beschreibt, daß sie sich oft nach Griechenland sehnt, wenn sie dort ist, sich jedoch nicht wohl fühlt. Dies kann so gedeutet werden, daß, wenn sie Heimweh hat, sie das Leben, das Meer, ihre Familie, die Traditionen, in Griechenland idealisiert, wenn sie jedoch dort ist, ist sie mit der Realität konfrontiert, die sie enttäuscht. Beurteilung des Auslandsstudiums Insgesamt beurteilt Johanna ihre Zeit in Deutschland als sehr positiv, ihre negativen Erwartungen haben sich nicht erfüllt, ihr gefällt das Studentenwohnheim und die Stadt Osnabrück. Sie hat Freunde gefunden und ihre Sprachkenntnisse verbessert. Besonders wichtig für die globale Beurteilung der Zeit in Deutschland ist die Einschätzung ihrer persönlichen Entwicklung: In London hat Johanna bei ihrer griechischen Tante gewohnt, der sie Rechenschaft über ihren Tagesablauf geben mußte, die alle ihre Freunde kannte und die sie aus Angst vom abendlichen Ausgehen abhielt. Auf diese Weise behütet, wurde Johanna kaum eigene Verantwortung zugesprochen. In Deutschland dagegen erlebt sie eine ihr unbekannte Freiheit: J: (...) Das ist eigentlich das erste Mal, daß ich total allein gewohnt habe, mit niemandem hier. Ich kann machen was ich will, ich kann gehen wohin ich will, wann ich will, ich kann zurückkommen wann ich will, alles. (...) In diesem Textteil betont Johanna immer wieder, daß sie zum ersten Mal allein verantwortlich, nach ihrem Willen, nicht nach dem Willen ihrer Eltern oder Tante, über ihr Leben entscheiden könnte, was sie als sehr positiv erlebt. J: (...) Jetzt bin ich älter und reifer und ja, sie sieht mich jetzt anders, glaube ich. (I: Ja?) Und jetzt bin ich auch unabhängiger, jetzt kann ich Entscheidungen für mich selbst treffen. (...) J: (...) Diese Freiheit werde ich vielleicht nie wieder so und auch wenn ich einmal ganz allein leben werde, werde ich immer noch so beschäftigt sein. Nie wieder so wie jetzt. (...) Ich hab Sachen von mein Charakter gelernt, die ich nie gedacht hätte, daß sie so sind. (...) In Osnabrück muß sie wenig für die Universität arbeiten, hatte nur die Verantwortung für ihr eigenes Leben, steht nicht unter dem Zwang, Geld verdienen zu müssen usw. Allein durch die Möglichkeit der eigenen Entscheidung, fern von ihrer Familie, ergibt sich für Johanna die Gelegenheit, sich selbst kennenzulernen und erwachsen zu werden, was sie sehr begrüßt. Sie denkt, daß diese Veränderungen auch von ihrer Tante und ihrem Vater in Zukunft anerkannt werden. Die positive Beurteilung der Zeit in Deutschland scheint Johannas hauptsächlich negatives Deutschlandbild nicht zu beeinflussen. Zukunft Johannas Eltern erwarten, daß sie nach ihrem Studium nach Griechenland zurückkehrt. Johanna ist sich nicht sicher, ob das auch ihren Wünschen entspricht. Sie schließt Deutschland als potentiellen Wohnort nicht aus, konnte sich allerdings nicht eingehender zu ihren Zukunftsplänen äußern. Fallstruktur Vor ihrer Zeit in Deutschland hat Johanna einige konkrete Erfahrungen mit Deutschen und in Deutschland gesammelt, die überwiegend positiv waren. Auch die Stereotypen ihrer Generation über Deutschland beschreibt Johanna als positiv. Für ihre Generation sei es ein [...]
Selbstbild und Fremdbild Wie schon im Abschnitt über die sozialen Beziehungen dargestellt, hält Johanna die Deutschen für „kalt“ und „distanziert“, so daß Freundschaften mit den „offenen“, „gesellschaftlichen“ und „sozialen“ Griechen nicht möglich ist. Neben diesen recht negativen deutschen Eigenschaften erwähnt sie, daß Deutsche und Engländer „gut organisiert“ wären und immer bereit seien, Hilfe zu leisten, was sie als positiv beurteilt. Andere Beispiele, die die gute Organisation der Deutschen belegen sollen, sind ihrem Leben im Studentenwohnheim entnommen, wo sie erstaunt beobachtet hat, daß ein Putzplan aufgestellt wird, Exkursionen verabredet werden, das Geld für den Einkauf eingesammelt wird usw. Sie beschreibt, daß ein einmal aufgestellter Plan unter allen Umständen auch durchgeführt werden muß. J: (...) Auch wenn wir etwas sauber machen wollen oder was organisieren, alle zusammen wollen. Wir machen das unbedingt, egal was passiert und wir machen genau, wann wir’s sagen, verstehst du? Die Griechen im Gegensatz dazu seien unorganisiert und unzuverlässig: J: (...) Die sind ganz das Gegenteil, die sagen anders und die machen anders. (...) Sie sagen das, aber sie machen genau das Gegenteil. Diese Beschreibung der deutschen und griechischen Eigenschaften ist recht neutral gehalten und läßt kaum Wertungen erkennen. In der Folge berichtet Johanna von einigen Fällen, in denen die Regeln im Studentenwohnheim von ihr übertreten wurden und es so zu Konflikten mit den Deutschen kam. Johanna hat einmal vergessen, ihre leeren Flaschen, auch nach Aufforderung ihres Mitbewohners, zum Flaschencontainer zu bringen und fand sie daraufhin vor ihrer Tür. Johanna beurteilt das Verhalten ihres Mitbewohners als „streng“, was wohl heißen soll, daß er erwartet, daß alle Regeln eingehalten werden müssen und auch niemand die geringsten Fehler machen darf. Sie empfindet das Verhalten des Mitbewohners als Bestrafung. Ihr Urteil bringt sie in diesem Fall zu der generalisierenden Aussage, daß alle Deutschen „streng“ seien: J: Ah, und die sind so streng, die Deutschen, so streng, das habe ich mehrmals bemerkt. (...) Zudem beklagt Johanna den Mangel an Empathie ihrer Mitbewohner, die direkt nach ihrer Ankunft in Deutschland, noch bevor ihr die Regeln im Studentenwohnheim erklärt wurden, sie schon rügten, daß sie sie nicht eingehalten hatte. Ihre besondere Situation als Fremde in einem neuen Land, in dem man natürlich nicht alle Regeln kennen kann, wurde angeblich nicht berücksichtigt. J: (...) Oder die Küchentücher habe ich nicht gewascht: „Warum hast du das nicht gemacht?“ Die haben von mir erwartet Sachen, die ich gar nicht kannte. (...) Und niemand hat mir erklärt, was ich machen sollte. (...) Johanna fühlt sich in diesem Abschnitt ungerecht behandelt, da sie für Sachen getadelt wurde, die sie nicht wissen konnte. Wahrscheinlich sind die unterschiedlichen Erwartungshaltungen von Johanna und ihren Mitbewohnern bei der geschilderten Konfliktsituation, ähnlich wie im Fall von Anieschka, entscheidend. Die deutschen Studenten im Studentenwohnheim scheinen in Johanna einfach eine neue Mitbewohnerin zu sehen, die sich an die Regel des Zusammenlebens halten muß. Johanna dagegen hat erwartet, daß sie als Ausländerin mit besonderer Aufmerksamkeit behandelt wird, was nicht geschehen ist und sie enttäuschte. Die Konfliktsituationen im Studentenwohnheim sind für Johanna Belege für die schon vorher vermuteten negativen Charaktereigenschaften der Deutschen. Wie schon angeklungen ist Johannas Bild von den Griechen hauptsächlich positiv. Typisch griechisch ist für Johanna auch die expressive Gesprächsführung. Sie würden laut reden und [...]
Den deutschen und englischen Freundschaften stellt sie die griechischen gegenüber. Johanna meint, daß die Deutschen und Engländer sehr viel Zeit brauchen würden, ihre Freunde zu wählen und sich ihnen zu öffnen, im Gegensatz zu den Griechen, die sofort bereit seien sich zu öffnen. J: (...) Wir haben auch keine Angst. Wer das verstehen kann, o.k., wer das nicht verstehen kann, dann gehen wir weiter. (...) Erst nach dieser Öffnung kann entschieden werden, ob man zusammen paßt, sich versteht und man sich anfreunden kann. Versteht man sich nicht, macht das nichts, dann trennt man sich und sucht sich andere Freunde. Johanna unterscheidet nicht nur den Prozeß der Freundschaftsbildung in Deutschland und Griechenland, sondern auch die Qualität der Beziehungen. J: (...) Die können Beziehungen machen und gute Freundschaften, aber die behalten eine Seite, ein Stück von ihrem Charakter für sich selbst. Die geben nicht alles (I: Mmh). Die Griechen z.B. ist genau das Gegenteil, wir geben unsere Seele, egal, was wir bekommen, was wir kriegen. (...) Während die Griechen furchtlos und selbstlos ihre „Seele“, ihre geheimsten Wünsche, Gedanken und Gefühle teilten, ohne eine „Gegenleistung“ zu erwarten, behielten die Deutschen und die Engländer immer etwas Distanz, wie Johanna es an anderer Stelle genannt hat. Sie ließen ihre Freunde nie an ihr Innerstes heran. Aus Johannas Sicht sind wahre und tiefe Freundschaften somit nur mit Griechen möglich oder zumindest nicht mit Deutschen und Engländern. Vermutetes Bild der Deutschen von den Griechen Johanna vermutet, daß die Deutschen den Griechen einen geringen Nationalstatus einräumen: J: Jetzt glaube ich, daß wenn man über die Länder redet, die zu der EU gehören, dann macht man Vergleiche. Z.B. Deutschland gehört zu den Ländern, die na, die reichste Ökonomie (I: Mmh) haben. (...) Ich glaube ja, die halten uns für minderwertig. Sicher nicht wie die Russen, Polen oder so was, nein, aber sicher schlechter. (...) Der vermutete geringe Nationalstatus wird aus der geringeren griechischen Wirtschaftsleistung im Vergleich zur deutschen abgeleitet. Sie vermutet bei Ländern, die noch „ärmer“ als Griechenland sind, einen noch niedrigeren zugeschriebenen Nationalstatus durch die Deutschen. Neben der Wirtschaft begründet Johanna den vermuteten Nationalstatus mit der geringen Größe ihres Landes und dem vermuteten Neid der Deutschen auf die geographische Lage Griechenlands. J: (...) Ja, auch, weil wir ein kleines Land sind. Am Anfang habe ich geglaubt, ich weiß nicht, ob das wahr ist oder nicht, (...) daß die neidisch sind. Das unsere geographische Position ist solche, daß alle Leute sie haben wollen. (...) Ist zwischen zwei Meeren und zwei, ja zwei Hauptmeeren und wir verbinden. Das ist für Handel, ist das sehr sehr wichtig. (...) Der Nationalstatus wird sowohl von räumlichen Elementen, wie der geographischen Lage und Größe Griechenlands als auch von nicht-räumlichen Elementen, wie z.B. der Ökonomie abgeleitet. Das vermutete negative Bild ihres Landes wird auf „Neid“ der Deutschen zurückgeführt und läßt sich demnach nach Johanna nicht auf „tatsächliche“ Unterlegenheit Griechenlands zurückführen. Dies deutet schon auf ihr eigenes positives Bild von Griechenland, welches auch in folgender Textstelle belegt wird: J: Ich will kein Mißverständnis in diesem Punkt, ich bin total stolz auf mich, daß ich Griechin bin und auf mein Land. Ich bin echt total stolz. (...) Sie identifiziert sich mit Griechenland. An dieser Stelle will Johanna deutlich machen, daß sie zwar Vorteile in Deutschland sieht, wie z.B. das Bildungssystem, aber die vermutete negative Gesamtbeurteilung der Deutschen von Griechenland nicht teilt. [...]
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