Körperkult(ur)
Die neue Körperlichkeit in unserer Gesellschaft
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Karola Weber
- Abgabedatum: November 2002
- Umfang: 149 Seiten
- Dateigröße: 757,8 KB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6980-1
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6980-1 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6980-1 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Weber, Karola November 2002: Körperkult(ur), Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: gesellschaftliche Trends, Nacktheit, soziale Normierung, Körperpraktiken, Schönheitschirurgie
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Diplomarbeit von Karola Weber
Zusammenfassung:
Gegenwärtig sind in den unterschiedlichsten Sektoren des gesellschaftlichen Lebens Entwicklungen zu beobachten, die von einer Veränderung des sozialen Status des Körpers zeugen. Von der Pluralisierung der Mode über neue Körperpraktiken im Freizeitbereich bis hin zu schönheitschirurgischen und gentechnischen Eingriffen: der Körper scheint zunehmend zum Gegenstand individueller Gestaltungsprojekte und Optimierungsversuche zu werden. Ziel der Arbeit ist, ausgehend von einer historisch orientierten Sichtung der Veränderung der körperbezogenen Praktiken im Zivilisationsprozess (mit Schwerpunkt auf den neuesten Entwicklungen) generelle soziologisch relevante Schlussfolgerungen über den gegenwärtigen sozialen Status des Körpers als praktisch-sinnvoller Einheit zu gewinnen.
Nach einer in die Thematik einführenden Einleitung wird im zweiten Kapitel der Wandel der Körperkonzepte seit der Antike diskutiert, wobei insbesondere die jeweils epochal leitenden Metaphern für die Konzeptualisierung des Körpers herausgearbeitet und der Wandel des Status des Körpers im Zuge der Ausdifferenzierung der Konzepte von „Natur“ und „Kultur“ in groben Umrissen dargelegt werden. Detailliert wird das dritte Kapitel dem kulturgeschichtlichen Wandel der Körperpraktiken gewidmet. Hier werden zum einen in Anlehnung an Elias Zivilisationstheorie die Prozesse der Disziplinierung und Kontrolle von Körperfunktionen und Nacktheit sowie deren Bezug zur Ausdifferenzierung der Sphären von Öffentlichkeit und Privatheit erörtert; zum anderen wird die sozial differenzierende Funktion der Mode, die sich mittlerweile von der Kopplung an eine ständische Gesellschaftsordnung abgelöst hat und sich nun weniger normierten Prozessen individueller Distinktionsbedürfnisse ausrichtet, hervorgehoben. Als anthropologisch leitende Konstante wird „die ewige Sehnsucht nach der Schönheit“ lokalisiert, welche sich aber letzten Endes als imaginäre, schwer fassbare und inhärent paradoxe, da sich der Demokratisierung ihrem Wesen nach entziehende Größe zeigt. Das Kapitel vier beinhaltet Studien zur Darstellung des Körpers in der Werbung und geht der Frage nach, wie Körperideale in kommerziellen Zusammenhängen konstruiert werden. Hier wird vor allem das paradoxe Spannungsverhältnis herausgearbeitet, das zwischen der gesellschaftlich typenhaften Normierung von Schönheitsidealen und dem Appell zur gezielten künstlichen Optimierung eines Idealkörpers einerseits und der Konstruktion des Mythos der Authentizität und Natürlichkeit des je eigenen individuellen Körpers andererseits besteht. Das Kapitel fünf widmet sich den alltäglichen Körperpraktiken, die in den letzten zwei Jahrzehnten erhebliche Verbreitung gefunden haben. Es wird nachgezeichnet, wie sich Tätowierung und Piercing von Stigmata zu Distinktionssymbolen gewandelt haben und als ritualsuchende Gegenbewegungen zur gesellschaftlichen Enttraditionalisierung zu verstehen sind, welche zumindest teilweise auch einen Widerspruch zum Kult des perfekt schönen und leidlosen Körpers artikulieren. Außerdem werden neue Sportarten diskutiert, v.a. im Bereich von Fitness und Extremsport, die ebenfalls oft einer paradoxen Logik unterworfen sind: Während sich mit ihnen einerseits das Versprechen der Freiheit von zivilisatorischen Zwängen und das Ziel der Gesundheit verbindet, wird dies andererseits durch unphysiologische Überforderungen der körperlichen Leistungsfähigkeit konterkariert. Das Kapitel sechs wendet sich den Feldern der genetischen und der schönheitschirurgischen Manipulation des Körpers zu. Es werden die wesentlichen ideologischen, biomedizinischen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen dieser Formen der „Industrialisierung des Körpers“ und ihrer Entwicklung seit der NS-Zeit diskutiert und geht auf die konfliktären ethischen Debatten zu Grenzen, Gefahren und Zulässigkeiten eugenischer und gentechnischer Maßnahmen ein. Dabei werden die Kontinuitäten der Schönheits- und Optimalitätsvorstellungen seit der NS-Zeit festgestellt und es wird eine generelle Tendenz zur Entheiligung des Körpers diagnostiziert. Mit der zunehmenden Verbreitung und Enttabuisierung der Schönheitschirurgie wird der Körper selbst zum ästhetischen Gestaltungsfeld. Der Möglichkeit der Optimierung stehen jedoch sowohl kontingente soziale und gesundheitliche Konsequenzen als auch die Entstehung eines neuen gesellschaftlichen Zwangs zur Interpretierbarkeit und Verantwortbarkeit der eigenen körperlichen Erscheinung gegenüber, welcher dadurch entsteht, dass Aussehen nun nicht mehr als Schicksal, sondern als zumindest potentiell beeinflussbare und daher zu verantwortende Wahl erscheint. Im Kapitel sieben wird anhand, der in den vorangehenden Kapiteln ausgebreitete Phänomenologie der Körperpraktiken generelle, bereichsübergreifende Strukturen aufgespürt. Es werden kultursoziologische theoretische Leitkonzepte daraufhin befragt, inwieweit sie die diagnostizierten Entwicklungen erklären können; hierzu wird die These der Erlebnisgesellschaft (Schulze) und die der Diesseitsreligion (Reichertz, Soeffner) diskutiert.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Körperkonzepte in der Geschichte | 5 |
| 2.1 | Der Wandel der Körperkonzepte von der Antike bis zur Moderne | 5 |
| 2.2 | Zusammenfassung | 15 |
| 3. | Der Körper im kulturgeschichtlichen Wandel | 17 |
| 3.1 | Die sozialen Normierungen | 17 |
| 3.1.1 | Nacktheit und Scham | 20 |
| 3.1.2 | Nacktheit und Bekleidung | 24 |
| 3.2 | Die Analyse der Mode | 28 |
| 3.2.1 | Die prägnanten Funktionen der Mode | 33 |
| 3.3 | Die ewige Sehnsucht nach der Schönheit | 35 |
| 3.4 | Zusammenfassung | 42 |
| 4. | Die Kommerzialisierung des Körpers | 44 |
| 4.1 | Der Körper in der Werbung | 44 |
| 4.1.1 | Authentizität versus Künstlichkeit | 53 |
| 4.2 | Zusammenfassung | 58 |
| 5. | Alltägliche Körperpraktiken | 60 |
| 5.1 | Die Inszenierung des Körperlichen | 60 |
| 5.1.1 | Tätowierungen | 62 |
| 5.1.2 | Piercing | 67 |
| 5.1.3 | Sport | 70 |
| 5.2 | Zusammenfassung | 77 |
| 6. | Die Industrialisierung des Körpers | 79 |
| 6.1 | Die politisch, rassistische Eugenik im Dritten Reich | 79 |
| 6.1.1 | Die vier Phasen der eugenischen Bewegung | 83 |
| 6.1.2 | Der begehrte Körper im Dritten Reich | 85 |
| 6.2 | Die Träume der Genetik | 89 |
| 6.3 | Die kommerzielle Eugenik | 94 |
| 6.3.1 | Transplantationstechnik | 95 |
| 6.3.2 | Reproduktionstechnologie | 98 |
| 6.3.3 | Gentechnik | 102 |
| 6.4 | Die ästhetische-plastische Chirurgie - Schönheit und Jugend als käufliches Gut | 105 |
| 6.5 | Zusammenfassung | 111 |
| 7. | Die neue Körperlichkeit als gesellschaftlicher Wert | 114 |
| 7.1 | Die Gleichzeitigkeit von Körperaufwertung und Körperdistanzierung | 114 |
| 7.1.1 | Der Körper in der Erlebnisgesellschaft | 118 |
| 7.1.2 | Der Körperkult als Diesseitsreligion | 123 |
| 7.2 | Zusammenfassung | 129 |
| 8. | Zusammenfassung, Fazit, Ausblicke | 131 |
Um das Neue heute am Sport zu verstehen, sollte in einem kurzen Exkurs kurz die Sozialgeschichte des Sports und seine geschichtliche Bedeutung dargelegt werden. In Deutschland entstanden gegen Anfang des 19. Jahrhunderts die ersten Turnvereine, die sich hauptsächlich aufgrund von pädagogischen Idealen entwickelt haben, die aber durch den "Turnvater" Jahn zusätzlich mit politischen Idealen gekoppelt wurden. Innerhalb dieser sollte entsprechend dem populären Leitspruch vom "gesunden Geist im gesunden Körper" mittels disziplinierter Übungen, die genau festgelegt waren und nach wissenschaftlichen Kriterien entwickelt wurden, nicht nur der Körper und Geist zur Wehrtauglichkeit gestählt werden, sondern wurde "im Zusammensein mit den Turnkameraden auch ein nationales und demokratisches Bewusstsein ausgebildet" (Lamprecht/ Stamm, 2002, 16-17). Obwohl den Turnvereinen später eher konservative und rückständige Eigenschaften nachgesagt wurden, verfügten sie bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts über ein revolutionäres Potential. Innerhalb der damaligen autoritären deutschen Monarchie wurde die Verbindung von körperlicher Ertüchtigung sowie politischer Agitation argwöhnisch von den Behörden verfolgt und 1820 sogar ein Turnverbot erlassen bzw. wurde das Turnen der staatlichen Überwachung unterstellt und bekam neue Bezeichnungen nämlich "Gymnastik" und "Leibesertüchtigung". Die Turnvereine verfolgten oft eine politische Zielsetzung, "indem sie in Abwesenheit von politischen Parteien die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft vorantreiben wollten" (a.a.O., 17). Die Nationalsozialisten missbrauchten später diese stark gruppenideologisch geprägte Idee und ersetzten die Turnerbewegung durch ein staatliches Freizeitwerk ("Kraft durch Freude"). Gegen Ende des 19. Jahrhundert begann dann das englische Sportmodell in ganz Europa auszustrahlen. Es hatte sich von England ausgehend von den Privatschulen (Adelsschichten) rasch in der breiten Bevölkerung verbreitet. Hier wurde der einzelne stärker in den Vordergrund gestellt und der Sport war sehr wettkampforientiert. Die Grundidee hierbei war es die "männlichen Tugenden" nach den vorgegebenen Regeln des "Fair Play" zu fördern, um die künftigen Führungskräfte zu schulen. Erzieher, Unternehmer und fortschrittliche Geistliche sahen in dem Sport eine sinnvolle und kontrollierte Freizeitaktivität sowie ein Lehrfeld, welches das richtige Leben propagierte. Die zunehmende Popularität des Sports innerhalb der breiten Bevölkerung führte aber auch zu Spannungen und Konflikten. In dem Maße, wie Fußball zum Spiel der Arbeiter wurde, wand- [...]
Die charakteristische Zweideutigkeit der heutigen Zeit, die Gratwanderung zwischen schön und hässlich, glatt und rauh, Schrecken und Harmonie wird durch das Piercing verdeutlicht. Zbinden fügt hinzu, dass in einer materialistischen Welt, in der die Wissenschaft die Religion ersetzt hat, der Körper zum Hauptträger der Werte einer Gesellschaft avanciert. Die Medizin hat die Beherrschung des Schmerzes erreicht. Schmerz an sich ist in der Gesellschaft unerträglich geworden und wird soweit wie nur möglich unterdrückt und entfernt. Dadurch leugnet der wissenschaftliche Fortschritt eine wesentliche Grundlage des menschlichen Daseins, denn der Schmerz ist ein Teil der Wahrnehmung seiner selbst. Der selbstbeigefügte Schmerz ist aber nicht dem unvorhersehbaren gleichzusetzen, denn der Selbstbestimmte Schmerz kann das Gefühl von Macht geben, zumindest über sich selbst. Demnach kann hinter Piercings auch die Botschaft von Widerstand vermutet werden, d.h. dass man keine Angst vor dem Schmerz hat. Es deutet an, dass man den Schmerz ertragen kann und so mehr in der Lage ist seine Umwelt zu quälen (a.a.O., 131). Da der Schmerz sowie der Tod und der physische Zerfall verschwiegen und verdrängt werden, gehören sie zu den letzten Tabus einer Gesellschaft, die die Perfektion, - oder besser gesagt - die Illusion eines muskulösen, braungebrannten, gelifteten und glatten Körpers, - für alle erreichbar - darstellen möchte. Eine weitere Ambivalenz der heutigen Gesellschaft der Macht und Beherrschung stellt die Rückkehr zu den Ritualen der primitiven Völker da. Durch die Sehnsucht nach Wildheit kann gegen die Eltern und Gesellschaft rebelliert werden um sich gleichzeitig mit fremden Kulturen zu identifizieren. Durch das Annehmen fremder Kulturen und dem Bedürfnis so exotisch wie möglich von der Norm abzuweichen wird eine Ablehnung gegen gesellschaftliche Vorbilder ausgedrückt (a.a.O., 132). Eine weitere Ursache für den Trend ist die intensive Suche nach Gefühlen aller Art, wie sie typisch ist für die Jahrhundertwende. Die "Modern Primitives", eine Bewegung von der Westküste der USA, rechtfertigen seit 20 Jahren ihre Handlungen mit dem Argument, dass in der "zivilisierten" Gesellschaft ein großer Mangel an Durchgangsriten herrsche. Diese Lücke füllen sie mit körperlichen Umgestaltungen aus. Sie erklären, dass die Menschen in einer Welt der polizeilichen Kontrolle, der Repression und der Unmenschlichkeit zu ersticken drohen. Demnach ermögliche der Einfluss auf den Körper eine scheinbare Kontrolle über das eigene Leben. Innerhalb der Piercing- [...]
durch wurde das Symbol der Zugehörigkeit zu einer primitiven Gesellschaft zu einem asozialen Erkennungszeichen (a.a.O., 24). Die Wiedergeburt der Tätowierungen im Europa des 18. Jahrhunderts durch Randgruppen mit dem Siegel der Schande verläuft beim Piercing ganz ähnlich. Es sind zunächst die Matrosen, die nach jeder Fahrt durch den Äquator sich mit einem zusätzlichen Ohrring schmücken. Später kommt die S&M Bewegung dazu, außerdem Punks, Anhänger bestimmter Musikrichtungen, Motorradfahrer, sowie das homosexuelle Milieu und rebellierende Jugendliche. Oft ist das Piercing, wie auch die Tätowierung, eine Ausdrucksform der Revolte oder eine Ablehnung der herrschenden Werte, eine Möglichkeit, die Gesellschaft zu provozieren und gleichzeitig die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu verdeutlichen. Zusätzlich kann es auch Ausdruck eines erotischen Gefühls oder einer Bindung, die durch das Blut und das Schneiden des Fleisches geschlossen wird sein (a.a.O., 25). Kleidung und Schmuck bieten die Möglichkeit der Kommunikation, entsprechen somit einer Körpersprache, was im Kapitel über die Mode verdeutlicht wurde. Demnach bieten Piercings, wie auch Tätowierungen, die Möglichkeit die eigne Individualität oder auch Konformismus auszudrücken. Es kann die Sympathie oder Zugehörigkeit zu einer Gruppe ausgedrückt werden. Das Piercing kann auch als kleinster gemeinsamer Nenner unterschiedlicher Szenen wie Biker, Schwule, Techno-Freaks, Grufties und Punks fungieren. Über ein neues Outfit oder Piercing kann kommuniziert werden, dass man sich verändert hat. "Das Zeichen auf dem Körper ist stärker, beständiger und aussagekräftiger als jede Rede" (a.a.O., 130). In der heutigen Welt des Visuellen und Sichtbaren ist das Aussehen und damit einhergehend die Ästhetik sehr wichtig. Um wahrgenommen zu werden, muss man sich von den anderen unterscheiden können. Dabei müssen die Erkennungszeichen nicht verstanden werden, sondern sie sollen Aufmerksamkeit erregen. Piercing stellt den Kult um den von den Massenmedien propagierten perfekten Körper - jung, glatt, braun und in den Fitness-Studios gestählt - in Frage (a.a.O., 130). Diese Aussage trifft auch Bette, wobei oft Piercings und Tätowierungen eben überhaupt keinen Gegensatz darstellen, sondern vielmehr einen Teil des propagierten Körperkults ausmachen. Mittlerweile sind auch gepiercte Models auf dem Laufsteg kein seltener Anblick mehr. Nach Zbinden rüttelt aber das Piercing sowie auch die Tätowierung an dem illusorischen Ideal des perfekten Körpers. Gleichzeitig durch die heutige Ästhetisierung von Piercing und Tätowierungen werden Schönheitsvorstellungen neu definiert. Hier tritt die schon über die Tätowierung erklärte Ambivalenz zutage. Durch Piercing und Tätowierung können ganz neue ästhetische Regeln entstehen, die das Schöne und das Hässliche, das Wilde und das Zivilisierte vermischen. Zbinden [...]
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Arbeit zitieren:
Weber, Karola November 2002: Körperkult(ur), Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
gesellschaftliche Trends, Nacktheit, soziale Normierung, Körperpraktiken, Schönheitschirurgie



