Körperbehinderte Fußballfans
"Im Stadion befinde ich mich in einer anderen Welt"
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Sven Scheibner
- Abgabedatum: September 2001
- Umfang: 106 Seiten
- Dateigröße: 1,2 MB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Merseburg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-4767-0
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-4767-0 P - ISBN (CD) :978-3-8324-4767-0 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Scheibner, Sven September 2001: Körperbehinderte Fußballfans, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Körperbehinderung, Behinderung, Fußballfans, Fußball, Rollstuhlfahrer
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Diplomarbeit von Sven Scheibner
Einleitung:
Was ist so außergewöhnlich an einem Fußballspiel, dass Woche für Woche Hunderttausende von Fans in die Stadien strömen?
Lautstarke Sprechchöre, die schon von weitem hörbar sind und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit vermitteln; der Anblick der Massen, wie sie angespannt und erwartungsvoll dem Anpfiff entgegenfiebern und nicht zuletzt der Freudentaumel, wenn die eigene Mannschaft ein Tor erzielt – das sind die Momente, die einen alles andere vergessen lassen.
Als Kind noch in Begleitung meines Vaters, zieht es mich heute mit Freunden ins Stadion. Bei Heimspielen meines Lieblingsvereines habe ich oft verwundert zu den Rollstuhlfahrern, unten am Spielfeldrand, hinübergesehen. Gleichzeitig gehen mir die Bilder durch den Kopf, wie Giovanni Elber vom FC Bayern München nach einem Torerfolg zu einem Rollstuhlfahrer läuft und ihm das Trikot überreicht. An diesem Tag herrschte ziemlich schlechtes Wetter, nie und nimmer wäre ich auf die Idee gekommen, mir das Spiel vor Ort anzuschauen. Auch bei Übertragungen von Fußballbegegnungen im Fernsehen sind fast immer Rollstuhlfahrer zu sehen. Die Frage, welche ich mir immer wieder gestellt habe: Was ist für sie das Besondere am Live-Erlebnis Fußball, wenn sie zur gleichen Zeit das Spiel hätten im Fernsehen verfolgen können?
Vor diesem Hintergrund kam in mir der Wunsch auf, mich intensiver mit dem Phänomen der körperbehinderten Fußballfans zu befassen. Im Zusammenhang mit dem, von mir gewählten, Studienschwerpunkt Rehabilitationspädagogik, habe ich die Möglichkeit gesehen, dieses Thema in Form einer Diplomarbeit zu bearbeiten. Dabei war für mich von besonderem Interesse, ob sich in der Bedeutung des „Fanseins“ Unterschiede zwischen Körperbehinderten und Nichtbehinderten erkennen lassen. Außerdem wollte ich der Frage nachgehen, inwieweit sich die Rollstuhlfahrer, durch die räumliche Trennung von Nichtbehinderten, in die Fangemeinschaft einbezogen fühlen.
Wie sich im Laufe meiner Recherche sehr bald feststellen ließ, existieren zu dem Thema „Körperbehinderte Fußballfans“ keinerlei Veröffentlichungen. Bis zum Abschluss meiner Ausarbeitungen bin ich weder in Büchern oder Zeitungsartikeln, noch im Internet, auf Informationen dazu gestoßen. Bei weiteren Nachforschungen zeigte sich deutlich, dass der gesamte Freizeitbereich behinderter Menschen sehr wenig Aufmerksamkeit erfährt. Dies erklärt zudem, weshalb hinsichtlich dieser Thematik, kaum aktuelle Untersuchungen zu finden sind. Von Anfang an hatte ich Bedenken, was die Herangehensweise an die Diplomarbeit betrifft, da die Dimensionen dieser nicht abzusehen waren.
Mit Hilfe der von mir durchgeführten qualitativen Interviews und Beobachtungen möchte ich versuchen, einen Einblick in das Ausmaß und den Umfang dieser Thematik zu geben. Ausgangspunkt meiner Betrachtung ist eine Klärung der Begriffe Behinderung und Körperbehinderung. Daran anschließend erfolgt ein Überblick über die Erscheinungsformen von Körperbehinderungen und ihre psychologischen Auswirkungen auf die Betroffenen. Im weiteren Verlauf stelle ich Überlegungen zur Freizeitsituation von Menschen mit Körperbehinderung und deren Integration in diesem Bereich an. Die Untersuchung des Phänomens „Fußballfansein“ im Allgemeinen bildet die Überleitung zu dem eigentlichen Schwerpunkt und Hauptteil meiner Arbeit. Im Zentrum dessen steht die Analyse und Deutung, der aus den Interviews gewonnen Aussagen und den Beobachtungen. In diesem Zusammenhang kommt es mir besonders darauf an, die persönlichen Ansichten und Einschätzungen der Betroffenen in den Vordergrund zu stellen.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, vor dem Hintergrund der Bedeutung des „Fanseins“, einen möglichst realistischen Einblick in die Gedankenwelt von Körperbehinderten zu vermitteln. Außerdem möchte ich aufzeigen, welche Probleme in diesem Kontext auftreten und in welcher Form diese von den Betroffenen wahrgenommen und bewältigt werden.
Das sich daraus abzeichnende Tätigkeitsfeld, welches Ansätze für sozialpädagogisches Handeln bietet, wird zum Abschluss in meine Überlegungen mit einbezogen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Körperbehinderung | 4 |
| 2.1 | Begriffsdefinition Behinderung | 4 |
| 2.2 | Begriffsdefinition Körperbehinderung | 7 |
| 2.3 | Erscheinungsformen der Körperbehinderung | 10 |
| 2.4 | Psychologie der Körperbehinderung | 13 |
| 2.4.1 | Tiefenpsychologische Ansätze | 14 |
| 2.4.2 | Sozialpsychologische Ansätze | 15 |
| 3. | Freizeit von Körperbehinderten | 18 |
| 3.1 | Begriffsdefinition Freizeit | 19 |
| 3.2 | Freizeitsituation von Menschen mit Körperbehinderung | 22 |
| 3.2.1 | Zusammenhänge zwischen Körperbehinderung und Freizeitverhalten | 23 |
| 3.2.2 | Freizeitinteressen Körperbehinderter | 25 |
| 3.2.3 | Auswirkungen der Bewegungs- und Mobilitätseinschränkungen | 25 |
| 3.3 | Integration im Freizeitbereich | 29 |
| 3.3.1 | Was ist Integration? | 29 |
| 3.3.2 | Integrative Pädagogik der Freizeit | 32 |
| 4. | Körperbehinderte Fußballfans | 34 |
| 4.1 | Faszination Fußball - mehr als nur ein Zuschauersport | 34 |
| 4.2 | Das Stadion - der Ort des Geschehens | 36 |
| 4.3 | Fußballfans | 38 |
| 4.3.1 | Fans als Subgruppe innerhalb der Zuschauermasse | 40 |
| 4.3.2 | Fanverhalten als kompensatorische Reaktion | 42 |
| 4.4 | Bedeutung des „Fanseins“ für Körperbehinderte | 45 |
| 4.4.1 | Die Integration im Stadion | 49 |
| 4.4.2 | Das „Fansein“ als Möglichkeit der Kompensation | 53 |
| 4.5 | Die Situation Körperbehinderter im Stadion | 55 |
| 4.6 | Ansätze und Beispiele von Problemlösungen | 59 |
| 5. | Schlussbetrachtung | 62 |
| Literaturverzeichnis | 66 |
somit die Problemlosigkeit des „Fanseins“ eines Nichtbehinderten kennen gelernt hat, treten für ihn die gravierenden Unterschiede nun besonders in Erscheinung. Er kann sich verständlicherweise nur schwerlich mit den Hindernissen, welche Körperbehinderte immer wieder in den Weg gelegt werden, abfinden. In seiner Funktion als Sprecher der behinderten Fans vom FC Schalke 04 bemüht sich Uli Freitag, die auftretenden Probleme beim Verein anzusprechen. Um Aufschluss darüber zu erhalten, welche Rolle das Gemeinschaftserleben bei behinderten Fußballfans einnimmt, ist es notwendig zu hinterfragen, ob sie sich überhaupt in die Fangemeinschaft einbezogen fühlen. Von allen Interviewten wurde die Frage eindeutig bejaht. Sie berichten beispielsweise folgendermaßen: „Ich bin da voll einbezogen. Es gibt da keine Unterschiede. Man wird dann eben ganz einfach als Mensch akzeptiert, und das ist das Schöne an der Sache. Und deswegen gehe ich da immer gern hin zu dem Fußball. – Es ist eine der großen Stellen, wo man als Behinderter akzeptiert wird. Da spielt es keine Rolle was man für eine Behinderung hat. Man wird von vornherein als gleichwertiges Mitglied betrachtet“ (Werner Groer, Anhang, 6). In ähnlicher Weise äußerte sich Uli Freitag: „Wenn ich zum Beispiel bei einem Auswärtsspiel mit bin, dann hab ich immer das Gefühl dazuzugehören. Als wir zum Beispiel in Berlin waren und an der Gedächtniskirche den Pokalerfolg gefeiert haben, da habe ich keinen Unterschied gespürt. Ich war in Mailand, und dort habe ich das genauso empfunden“ (Uli Freitag, Anhang, 11). Aus diesen beiden Aussagen wird ersichtlich, dass sich Körperbehinderte von den Nichtbehinderten als Fußballfans voll und ganz akzeptiert fühlen. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, sich als Teil der Fangemeinschaft zu betrachten. Dies lässt die Vermutung aufkommen, dass sich Behinderte scheinbar viel einfacher im Stadionbereich integrieren lassen. Aber warum ist das so? Meiner Meinung nach lässt sich diese Tatsache unter folgenden Gesichtspunkten erklären. Bei einem Fußballspiel stehen das Geschehen und die Stimmung im Vordergrund. Im Stadion stellen die Leute keine grundlos zusammengewürfelte [...]
richtig sehen. Das sollte auch so beibehalten werden“ (Werner Groer, Anhang, 5). Für die Integration in die Fangemeinschaft scheint die räumliche Trennung nicht unbedingt ausschlaggebend zu sein. Dahingehend trifft Dirk Neumann folgende Aussage: „Ich finde den Platz auf der Tartanbahn eigentlich genial, weil man ganz nah am Spielgeschehen ist und dadurch die Möglichkeit besteht, alles genauer mitzuverfolgen. Zudem lernt man den einen oder anderen Spieler/Trainer persönlich kennen, was normalerweise nicht möglich ist. Ich möchte diesen Platz keinesfalls missen“ (Dirk Neumann, Anhang, 16). Durch die unmittelbare Nähe zu den am Spiel beteiligten Personen erfährt er als Fan die größtmögliche Form der Involvierung. Aufgrund dieser Tatsache fühlt er sich ebenfalls als Teil der Fangemeinschaft akzeptiert und genießt die Vorteile, die diese Stellflächen gegenüber den Plätzen im Fanblock haben. Die unmittelbare räumliche Integration im Stadion stellt für ihn nicht die Bedingung für die tatsächliche Einbeziehung in die Fangemeinschaft dar. Auch aus eigener Erfahrungen ist es für mich durchaus nachvollziehbar, welcher besondere Reiz dahinter steckt, das Geschehen auf dem Rasen so nah mitzuerleben. So werden beispielsweise die Rollstuhlfahrer beim FC Sachsen Leipzig persönlich vom Trainer begrüßt. Eine andere Meinung zur räumlichen Abgrenzung von Nichtbehinderten vertritt Uli Freitag: „Da ich mich seit einiger Zeit um die Belange der behinderten Fans auf Schalke kümmere, stand schon lange vor dem Bau des neuen Stadions für mich fest, dass ich keinen isolierten Platz haben möchte. Für mich ist die Integration der behinderten Fußballfans das Wichtigste. Man ist als Behinderter irgendwie sowieso ein Exote und dann ist das für einen doppelt so schwer. Deswegen halte ich von den Plätzen an der Tartanbahn nicht sehr viel, obwohl in vielen Bundesligastadien die Rollstuhlfahrer dort untergebracht werden“ (Uli Freitag, Anhang, 10). Nicht nur aus dieser Meinungsäußerung geht hervor, welchen enormen Stellenwert die Integration von Behinderten im Stadion für ihn einnimmt. Aufgrund dessen, dass er bis zum 30. Lebensjahr nicht im Rollstuhl saß, und [...]
Wie aus der Aussage von Werner Groer ersichtlich, ist diese Tatsache als Grund für das „Fansein“ durchaus zu berücksichtigen. Infolge dessen lässt sich darin ein gewisser Familienersatz erkennen. Aus sozialpsychologischen Untersuchungen ist bekannt, dass Körperbehinderten andere soziale Reaktionen entgegen gebracht werden. Sie erfahren in der Regel von Nichtbehinderten eine ablehnende Haltung und werden isoliert (siehe Kapitel 2.3.2). Deshalb scheint es für sie besonders wichtig, einen Ort zu finden, an dem die Möglichkeit besteht, der tagtäglichen Ablehnung zu entfliehen. Aus den obigen Aussagen geht meines Erachtens hervor, dass das Stadion dafür ein geeigneter Platz zu sein scheint. Warum das „Fansein“ möglicherweise bessere Integrationsmöglichkeiten bietet, möchte im nächsten Kapitel versuchen zu erläutern. [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832447670
Arbeit zitieren:
Scheibner, Sven September 2001: Körperbehinderte Fußballfans, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Körperbehinderung, Behinderung, Fußballfans, Fußball, Rollstuhlfahrer



