Ist die Kindheit wirklich verschwunden?
Fragen einer Diplompädagogin an Neil Postman
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Susanne Brunner
- Abgabedatum: Juli 2001
- Umfang: 113 Seiten
- Dateigröße: 781,2 KB
- Note: 1,5
- Institution / Hochschule: Universität Regensburg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-4838-7
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-4838-7 P - ISBN (CD) :978-3-8324-4838-7 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Brunner, Susanne Juli 2001: Ist die Kindheit wirklich verschwunden?, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Fernsehen, Wandel, Medien
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Diplomarbeit von Susanne Brunner
Einleitung:
Schlagzeilen wie: „Ende der Kindheit”, „Wenn die Kindheit verschwindet”, „Um die Kindheit betrogen”, „Kinder - gestreßt und überfordert” in der Presse und Fernsehen zeigen, daß das Thema Kindheit nach wie vor mit besorgter Aufmerksamkeit verfolgt wird.
Den Berichterstattungen der Medien zufolge hat sich Kindheit verändert, sie ist nicht mehr das, was sie einmal war: kindliche Eßstörungen, Drogenabhängigkeit, Gewaltbereitschaft, zunehmender Fernsehkonsum und die wachsende Beliebtheit von Computerspielen bei Kindern liefern unerschöpflichen Gesprächsstoff.
Eine besondere Beachtung findet dabei der Einfluß der Medien auf die Kindheit. Seit Jahrzehnten wird vor der schädlichen Wirkung des Fernsehens gewarnt und durch die Verbreitung der Personalcomputer und die Zunahme der Internetzugänge in den deutschen Haushalten hat sich die Diskussion noch verstärkt.
In diesem Zusammenhang scheint die in dem Buch „The disappearance of childhood“ (1982) beschriebene These des US-amerikanischen Medienökologen NEIL POSTMAN - daß die Kindheit am Verschwinden sei - immer noch aktuell zu sein. Nach POSTMANS Auffassung entstand die Idee der Kindheit durch die Erfindung der Druckerpresse und die darauf folgende Verbreitung der „sozialen Literalität“ (d.h. die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben). Da die elektronischen Massenmedien, insbesondere das Medium Fernsehen, die Notwendigkeit der sozialen Literalität zum Verschwinden bringen, erlöscht laut POSTMAN damit auch die Kindheit.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich insbesondere mit der These von NEIL POSTMAN über das Verschwinden der Kindheit. Jedoch müssen auch Fragen, die sich zwangsläufig aus dieser These ergeben, untersucht werden.
Es stellt sich die Frage, ob diese Aussage überhaupt haltbar ist, und wenn ja, ob sie zwei Jahrzehnte nach ihrem Entstehen immer noch ihre Gültigkeit besitzt.
Da Deutschland im 20. Jahrhundert durch die Vereinigten Staaten in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht entscheidend mitgeprägt wurde, ist ebenfalls zu fragen, ob US-amerikanische Entwicklungstendenzen auf die BRD übertragbar sind.
Untersucht wird, ob Kindheit wirklich verschwindet - oder sich vielleicht nur verändert - und welche Rolle dabei die Medien, besonders das Fernsehen spielen. Zu fragen ist, ob der Prozeß des Verschwindens bzw. der Veränderung aufgehalten werden kann oder überhaupt soll. Weiterhin ist die Frage welche Indikatoren sich für diese Entwicklung feststellen lassen. Ebenso ist zu hinterfragen, wann Kindheit entstanden ist und wie sie in früheren Epochen ausgesehen hat. Ferner ist die Frage nach der pädagogischen Relevanz von POSTMANS These für Pädagogen von besonderer Bedeutung.
Diese Arbeit ist verbunden mit der Hoffnung, einen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen zu leisten und einen Anstoß für die Pädagogen zu geben, ihre gestellten Anforderungen zu überprüfen und bei Bedarf auch Konsequenzen für die Praxis zu ziehen.
Gang der Untersuchung:
Im ersten Teil der Arbeit wird eine Annäherung an eine Definition von Kindheit vorgenommen. Es wird geprüft, wie sich die Phase des Heranwachsens in den Epochen der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit gestaltete. Um einen Bezug zu POSTMANS These herstellen zu können, werden dabei die letzten Jahrzehnte der Neuzeit im zweiten Teil untersucht.
Im zweiten Teil folgt eine Auseinandersetzung mit POSTMANS These über das Verschwinden der Kindheit. Nach der Vorstellung der These wird neben POSTMANS Kindheitsbegriff untersucht, ob Kindheit tatsächlich durch die Literalität entstanden ist und durch das Medium Fernsehen wieder verschwindet. Ebenfalls soll im zweiten Teil geprüft werden, ob es andere Ursachen für das Verschwinden der Kindheit gibt. In diesem Zusammenhang wird auf die Gestaltung der heutigen Kindheit näher eingegangen. Im dritten Teil wird die Frage gestellt, welche Konsequenzen sich aus den gewonnenen Erkenntnissen für die Pädagogik ergeben.
Inhaltsverzeichnis:
| VORÜBERLEGUNG | 4 | |
| I. | KINDHEIT UND KINDHEITSGESCHICHTE | 8 |
| 1. | DEFINITION DER KINDHEIT | 8 |
| 1.1 | Annäherung an eine Definition der Kindheit | 8 |
| 1.1.1 | Definition der Kindheit - Die unterschiedlichen Sichtweisen | 9 |
| 1.1.2 | Definition der Kindheit - Die gemeinsamen Aspekte | 10 |
| 1.2 | POSTMANS Auffassung der Kindheit | 11 |
| 1.3 | Zusammenfassung | 12 |
| 2. | GESCHICHTE DER KINDHEIT | 13 |
| 2.1 | Einleitung | 13 |
| 2.2 | Antike | 16 |
| 2.2.1 | Einleitung | 16 |
| 2.2.2 | Das Bild des Kindes | 16 |
| 2.2.3 | Kindestötung | 17 |
| 2.2.4 | Pflege des Kindes | 18 |
| 2.2.5 | Spiel | 18 |
| 2.2.6 | Schule / Erziehung / Sexualität | 19 |
| 2.2.7 | Fazit | 20 |
| 2.3 | Mittelalter | 21 |
| 2.3.1 | Einleitung | 21 |
| 2.3.2 | Das Bild des Kindes | 22 |
| 2.3.3 | Kindestötung | 23 |
| 2.3.4 | Pflege / Einstellung | 24 |
| 2.3.5 | Spiel | 26 |
| 2.3.6 | Schule | 26 |
| 2.3.7 | Fazit | 27 |
| 2.4 | Neuzeit | 28 |
| 2.4.1 | Einleitung | 28 |
| 2.4.2 | Das Bild des Kindes | 29 |
| 2.4.3 | Kindestötung | 30 |
| 2.4.4 | Pflege / Einstellung | 31 |
| 2.4.5 | Spiel | 31 |
| 2.4.6 | Schule | 32 |
| 2.4.7 | Kinderarbeit | 34 |
| 2.4.8 | Fazit | 35 |
| 2.5 | Fazit zur Geschichte der Kindheit | 37 |
| II. | „DAS VERSCHWINDEN DER KINDHEIT“ - EINE KRITISCHE AUSEINANDERSETZUNG MIT NEIL POSTMANS THESE | 40 |
| 1. | VORSTELLUNG DER THESE POSTMANS | 40 |
| 1.1 | Die „Erfindung“ der Kindheit | 41 |
| 1.2 | Das Verschwinden der Kindheit | 43 |
| 1.3 | Das Verschwinden des Erwachsenalters | 44 |
| 1.4 | Kritik am Fernsehen | 45 |
| 1.4.1 | Unterhaltung als primäres Ziel | 46 |
| 1.4.2 | Kontextlosigkeit der Informationen | 47 |
| 1.5 | „Das Medium ist die Botschaft“ | 47 |
| 2. | DISKUSSION DER THESE POSTMANS | 48 |
| 2.1 | Einleitung | 48 |
| 2.1.1 | Fragen an POSTMAN | 48 |
| 2.1.2 | Pädagogische Relevanz der These POSTMANS | 49 |
| 2.2 | Der Begriff der Kindheit nach POSTMAN | 54 |
| 2.3 | Literalität als Ursache für die Entstehung der Kindheit | 56 |
| 2.4 | Fernsehen als Ursache für das Verschwinden der Kindheit | 57 |
| 2.4.1 | Medienängste - Mediennutzung | 58 |
| 2.4.2 | Die Medienwahrnehmung von Kindern | 61 |
| 2.4.3 | Autoritätsverlust | 64 |
| 2.5 | Kindheit heute - Gesellschaftlicher Hintergrund | 66 |
| 2.5.1 | „Die Risikogesellschaft“ | 68 |
| 2.5.2 | Wandel der Familie | 69 |
| 2.5.3 | Die Einstellung gegenüber dem Kind | 71 |
| Der übersteigerte emotionale Wert des Kindes | 72 | |
| Das Kind als „Quasi-Ersatzpartner“ | 73 | |
| Perfekte Sozialisation | 75 | |
| 2.5.4 | Kindliche Handlungskontexte | 75 |
| 2.5.5 | Institutionen | 78 |
| 2.5.6 | Fazit: Veränderte Kindheit | 79 |
| 3. | FAZIT | 81 |
| III. | KONSEQUENZEN FÜR DIE PÄDAGOGIK | 85 |
| 1. | PÄDAGOGISCHE DISKUSSION DER NEUEN MEDIEN | 86 |
| 2. | PÄDAGOGISCHE DISKUSSION DER VERÄNDERTEN KINDHEIT | 89 |
| 3. | FAZIT | 92 |
| SCHLUßBETRACHTUNG | 93 | |
| LITERATUR | 95 | |
| ERKLÄRUNG | 110 |
II. 2 Diskussion der These POSTMANS 2.1.2 Pädagogische Relevanz der These POSTMANS Eine ganz besondere Bedeutung erhält für Pädagogen die zuletzt gestellte Frage nach der Nutzlosigkeit der Pädagogik: Indem POSTMAN das Verschwinden der Kindheit (und des Erwachsenseins) behauptet, leugnet er die für die Erziehungswissenschaft so wichtige Unterscheidung nach Generationen. POSTMAN weist mit seiner Theorie auf die aktuelle Frage hin, ob sich – wie von den Kulturkritikern vertreten wird – bedingt durch die heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen die Kindheit auflöst und als Konsequenz, Pädagogik ihren spezifischen Adressat, nämlich die Kinder, verliert. “Was will denn eigentlich die ältere Generation mit der jüngeren?”180 hat FRIEDRICH [...]
2.1.1 Fragen an POSTMAN Obwohl POSTMANS Darstellung des “Verschwindens der Kindheit” auf den ersten Blick schlüssig erscheint, ergeben sich eine Reihe von Fragen, die einer Auseinandersetzung bedürfen, um eine unkritische Übernahme seiner Überlegungen zu vermeiden. Es ist zu hinterfragen: 1. Ist POSTMANS Verständnis von Kindheit korrekt? Beruht Kindheit nur auf “Literalität”, “Schamgefühl” und “Erziehung”? 2. Entstand die Kindheit durch die Literalität und verschwindet sie auch mit ihr? 3. Verschwindet die Kindheit überhaupt oder verändert sie sich nur? 4. Welche Rolle nehmen die Massenmedien beim “Verschwinden der Kindheit” beziehungsweise bei anderen Veränderungen ein? 5. Ist tatsächlich der „uneingeschränkte Zugang“ zu Informationen für Kinder hauptsächlich schuld am Wandel der Kindheit? Oder lassen sich etwa bei teilweiser Anerkennung von POSTMANS Befürchtungen dafür andere Gründe finden? 6. Verschwindet tatsächlich die Autorität der Erwachsenen? Ist sie überhaupt nur auf der Kenntnis von Erwachsenengeheimnissen begründet? 7. Wie nehmen Kinder Medieninhalte wahr? Kann man davon ausgehen, daß sie alles, was sie sehen, auch verstehen? 8. Wie gestaltet sich Kindheit heute? 9. Wird Pädagogik durch das Verschwinden der Kindheit überflüssig? Die Antworten auf diese Fragen sollen im Rahmen der folgenden Auseinadersetzung mit POSTMANS These erarbeitet werden. [...]
II. 1 Vorstellung der These POSTMANS Selbst die Religion ist ein Lebensbereich, den das Fernsehen - wenn auch zur Zeit nur in den USA - vereinnahmt hat. Eine Vielzahl von Religionsgemeinschaften mit eigenen Fernsehanstalten praktizieren Marketing- und Promotionsstrategien, die sich in keiner Form vom sonstigen Show Business unterscheiden. Analog zur Werbung gibt es dabei keine Logik, auch keinen Ritus oder keine Tradition – nichts, was den Verstand der Zuschauer beanspruchen könnte. 1.4.2 Kontextlosigkeit der Informationen Die Ereignisse im Fernsehen sind jeglichem historischen oder sonstigen Zusammenhangs beraubt. Die rasche Abfolge der Berichte, wie z. B. der Wechsel von den Nachrichten zum Werbeblock, zurück zur Diskussion über Atomwaffen und schließlich das Wetter, suggeriert dem Fernsehzuschauer, daß das vorher Gehörte für das Nachfolgende unerheblich ist und er seine Aufmerksamkeit nun einem neuen Thema zuwenden soll. Sämtliche Fernsehinhalte, ob existentiell wichtig oder vollkommen trivial und überflüssig, werden in winzigen Häppchen (in der Regel) von wenigen Sekunden oder Minuten Dauer dargeboten und stehen in keinerlei übergeordnetem Zusammenhang. [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832448387
Arbeit zitieren:
Brunner, Susanne Juli 2001: Ist die Kindheit wirklich verschwunden?, Hamburg: Diplomica Verlag



