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Kindheit und Bildung in den Werken Wordsworths und Carlyles

Eine Analyse aus gesellschaftspolitischer Sicht

Kindheit und Bildung in den Werken Wordsworths und Carlyles
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Agnes Bösenberg
  • Abgabedatum: Juli 2004
  • Umfang: 89 Seiten
  • Dateigröße: 1,7 MB
  • Note: 1,5
  • Institution / Hochschule: Eberhard Karls Universität Tübingen Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8348-7
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-8348-7 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8348-7 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Bösenberg, Agnes Juli 2004: Kindheit und Bildung in den Werken Wordsworths und Carlyles, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: romantisches Kindheitsbild, Erziehung, Schulsystem, Bildungspolitik, Literatur

Staatsexamensarbeit von Agnes Bösenberg

Einleitung:

Laut Michaelis „sind es gerade Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs, die in der Kindheit eine Antwort auf ihre jeweils aktuellen Probleme zu finden hoffen“ (Michaelis 1986). Dies trifft in besonderem Maße auf die Romantik zu. Das romantische Kindheitsbild hat das Verständnis von Kindheit und Bildung bis heute geprägt. Die Vorstellung vom reinen, unschuldigen, fast schon göttlichen Kind beeinflusst seitdem nicht nur Kunst und Literatur sondern auch Erziehungs- und Bildungsideale. Richardson zufolge bewirkte die „Romantic literature that childhood has gained the central position it continues to hold in the Western cultural tradition“ (Richardson 1994). Die gesellschaftliche Realität in der englischen Romantik von ca. 1780 bis 1830 dagegen stellt zum Teil einen Gegensatz zum idealisierten Kindheitsbild der Zeit dar: Es gab kein einheitliches Schulsystem und viele Kinder, besonders diejenigen aus unteren Schichten, konnten gar nicht zur Schule gehen, da sie, im Zeitalter der industriellen Revolution, in den Fabriken harte Arbeit leisten mussten. C.J. Sommervilles Aussage, dass in der Romantik „the greatest exploitation of children coincided with the greatest glorification of childhood” (zitiert in Plotz 2001) trifft also zu.

In dieser Arbeit soll dieser Gegensatz zwischen der Kindheit als ‚goldenem Zeitalter’, wie sie in vielen Werken von romantischen Dichtern wie Wordsworth dargestellt wird, und der, zumindest in Teilbereichen der Gesellschaft, so viel härteren Realität genauer beleuchtet werden. Über die Sichtweise von Kindern und Kindheit in der Romantik und ihre Darstellung in der Literatur wurde bis heute umfassende Forschungsarbeit geleistet – besonders in den Bereichen der Literaturwissenschaft und Pädagogik. Ebenso viel Literatur lässt sich im historischen und politischen Bereich finden, insbesondere zur beginnenden Industrialisierung und Verstädterung sowie zum aufkommenden Utilitarismus.

Diese Arbeit versucht, zwischen beiden Bereichen eine Brücke zu schlagen und einen Blick auf die Sozialgeschichte der Kindheit zu werfen. Genauer soll die Frage beantwortet werden, in welchem Verhältnis die gesellschaftliche und politische Situation und das Kindheitsbild der Zeit stehen und wie beides die Ideale und Realität von Bildung im England des frühen 19. Jahrhunderts beeinflusst. Die Untersuchung dieses Zusammenhangs scheint unabdingbar, da Kindheitsbilder, insbesondere durch ihren Einfluss auf Bildungsideale, immer auch politische Konstrukte sind und nie isoliert von der Gesellschaft betrachtet werden können. Diese Tatsache und das Interesse am Einfluss der eigenen Kindheit und Bildung von zeitgenössischen Autoren auf ihr Werk und ihre gesellschaftspolitische Einstellung zu Kindheit und Bildung gaben den Anstoß zu dieser Analyse. Das Thema für diese Zulassungsarbeit zur Lehramtsprüfung vereint somit die Studienfächer Anglistik und Politikwissenschaft mit Überlegungen zu Erziehung und Bildungsidealen.

Zur Illustration wurden zwei zeitgenössische Autoren ausgewählt, die beide schon zu Lebzeiten vielbeachtet waren und deren Kindheit und Bildung entscheidenden Einfluss auf ihr Werk hatten: William Wordsworth und Thomas Carlyle. Beide liegen weder räumlich noch zeitlich weit auseinander. Wordsworth lebte von 1770 bis 1850 und wurde in Cockermouth im Lake District im Nordwesten Englands geboren; Thomas Carlyle lebte von 1795 bis 1881, sein Geburtsort ist Ecclefechan im südwestlichen Schottland. Beide kommen also aus einer ländlichen Gegend. Die Wahl von Wordsworth und Carlyle als zentrale Beispiele dieser Untersuchung beruht allerdings weniger auf ihren Gemeinsamkeiten als auf ihren Unterschieden. Insbesondere zwei grundlegende Differenzen sind entscheidend: Erstens stammt Wordsworth aus einer recht wohlhabenden Familie der aufkommenden Mittelschicht, während Carlyle aus ärmlichen, bäuerlichen Verhältnissen kommt. Zweitens schrieb Wordsworth Lyrik, in deren Mittelpunkt häufig das Kind steht; Carlyle dagegen schrieb politisch-philosophische Prosa.

Nach wenigen einleitenden Begriffsklärungen und historischen Einordnungen sollen zuerst die grundlegenden Fakten aus den drei Bereichen Kindheit, Bildung und gesellschaftliche Situation während der Romantik genau dargelegt werden und auf ihre gegenseitige Wechselwirkung hin untersucht werden. Dies wird daraufhin mit Beispielen sowohl aus den Werken Wordsworths und Carlyles als auch mit der Analyse ihrer eigenen Kindheit und Bildung illustriert. Aus Wordsworths Werk werden dazu hauptsächlich zwei epische Gedichte, die autobiographische Prelude und The Excursion, dienen. Bei Carlyle wird sich die Untersuchung auf sein einziges Werk, das als Roman bezeichnet werden kann, nämlich auf den semi-autobiographischen Sartor Resartus konzentrieren.

Da die Synthese der Bereiche Kindheit, Bildung und Gesellschaft bzw. Politik das Ziel dieser Arbeit ist, muss eine detaillierte literaturwissenschaftliche Analyse der Werke im Hinblick auf andere Themengebiete unterbleiben. Auch die Darstellung der sozialen Verhältnisse kann und soll nicht vollständig sein, sondern immer in Relation zum Thema Kindheit und Bildung gesehen werden. Ebenso wenig ist eine genaue Analyse der Romantik, die den zeit- und literaturgeschichtlichen Hintergrund der Arbeit darstellt, möglich. Eine kurze Einführung zum problematischen Begriff der Romantik erfolgt jedoch unter Punkt 2 zusammen mit der Klärung der Begriffe ‚Kindheit’ und ‚Bildung’.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Vorbemerkungen 3
3. Sozialgeschichtliche Untersuchung 7
3.1 Kindheitsbild 7
3.1.1 Externe Einflüsse 7
3.1.2 Das Kind und die Familie 10
3.1.3 Das Kind, Religion und Natur(-wissenschaft) 12
3.1.4 Das Kind, die Imagination und der Dichter 14
3.1.5 Das einsame Kind 14
3.1.6 Das Kindheitsbild als Teil der ‚Romantischen Ideologie’ 15
3.2 Bildung 16
3.2.1 Schulsystem 17
3.2.2 Universitäten 22
3.2.3 Häusliche Erziehung und Bildung 23
3.3 Gesellschaft, Kindheit und Bildung 26
3.3.1 Gesellschaftliche Herausforderungen und neue Ideen 27
3.3.2 Kinderarmut und Kinderarbeit 31
3.3.3 Arbeiterbewegung 33
3.3.4 Bildungspolitik 35
3.3.5 Das romantische Kindheitsbild als Kind seiner Zeit 37
4. Literaturwissenschaftliche Untersuchung 40
4.1 Wordsworth 40
4.1.1 Kindheit 41
4.1.2 Bildung 44
4.1.3 Bildungspolitische Einstellung 49
4.2 Carlyle 59
4.2.1 Kindheit 60
4.2.2 Bildung 63
4.2.3 Bildungspolitische Einstellung 67
5. Fazit 71
Anhang 1 Joseph Lancaster 75
Anhang 2 Guide for Teachers at monitorial schools 76
Anhang 3 William Wordsworth 77
Anhang 4 Hawkshead grammar school 77
Anhang 5 Prelude V. 349-365 78
Anhang 6 Thomas Carlyle 78
Anhang 7 Sartor Resartus, S. 71 79
Bibliographie 80

Automatisiert erstellter Textauszug:

Der junge Wordsworth wurde viel zwischen Verwandten in Penrith und Whitehaven hin- und hergeschoben. Vor allem war William Wordsworth mit dreizehn Jahren Waise, was ihn in den Augen von Kritikern wie Thomas McFarland zum „poet of loss“ (zitiert in Blank 1995, 48) machte. Obwohl der Dichter ein von Respekt und Liebe geprägtes Verhältnis zu seinen Eltern hatte, führte ihr Verlust nicht zu seinem totalen Zusammenbruch: Wordsworth gefiel sich auch in der Rolle des einsamen, in der Natur aufgehenden Kindes und war von Beginn an ein starker und unabhängiger Charakter. Trotz allem bzw. deshalb kann Davies nur zugestimmt werden: Wordsworth hat sich in seine Kindheit verliebt. In seinen Werken tauchen weder negative Erlebnisse noch sein eigenes aggressives Wesen oft auf, der Fokus liegt auf der Erfahrung der Natur, dem freien, glücklichen Spiel und der engen Verbindung zur Schwester. Das ungewöhnlich freie Leben, das er in der frühen Kinderzeit in Cockermouth führen konnte, und der tiefe Eindruck, den die Natur auf ihn machte, prägten sicherlich das Kindheitsbild in all seinen Werken, das ihn später zum romantischen Dichter der Kindheit werden ließ. Welchen Einfluss seine Bildung auf Persönlichkeit und Werk hatten, soll im nächsten Abschnitt untersucht werden. [...]

William Wordsworth wird von allen Kindern der Familie als der wildeste beschrieben; er bekam als Sohn einer Familie der Mittelschicht “a remarkable amount of freedom” (Davies 1980, 10), die er allerdings auch einforderte. Seine Mutter gehörte nicht zu den typischen Müttern der Mittelschicht jener Zeit, die den Häuslichkeitskult pflegten und deren gesamte Aufmerksamkeit den Kindern zugute kam, sie „did not, like many mothers at the close of the century, presumptuously arrogate the power of close supervision“ (Babenroth 1922, 353). Wordsworth verbrachte also viel Zeit mit Spielen in freier Natur, besonders mit seiner Schwester Dorothy, zu der er ein besonders gutes Verhältnis hatte. Insgesamt war das Familienleben der Wordsworths ein glückliches: „His family were together, the household [...] a cheerful one, and the children close enough in age and sympathy to be natural playmates“ (Barker 2000, 6). Wordsworth war jedoch kein einfaches Kind, er beschrieb sich selbst im nachhinein als „of a stiff, moody, and violent temper“ (zitiert in Plotz 2001, 48). Seine Mutter hatte Probleme, den jungen Wordsworth zu kontrollieren und machte sich Sorgen um die Zukunft des schwierigsten der fünf Kinder. Wordsworth erinnerte sich daran, dass sie einmal voraussagte, dass er „destined to be remarkable ‚either for good or for evil’“ (Davies 1980, 10) gewesen sei. William war als Kind also „dangerous, vengeful, capable of violence“ (Plotz 2001, 48) und unterschied sich somit stark vom reinen und unschuldigen Kindheitsbild der Romantiker. [...]

Romantik, der von allen am meisten für seine wundervollen Beschreibungen von Kindern und Kindheit in seinen Gedichten berühmt geworden ist. Leser und Literaturwissenschaftler sind sich einig: „Wordsworth is the poet of childhood“ (Babenroth 1922, 299).45 Dieser zweite, auf die Literatur jener Zeit bezogene Teil der Arbeit soll damit beginnen zu untersuchen, wie Wordsworths wirkliche Kindheit und Bildung mit einerseits seinen bildungstheoretischen Aussagen und andererseits seinen Kindheitsdarstellungen in der Lyrik zusammenpassen. Dazu sollen erst Wordsworths Kindheit, dann seine Bildung und schließlich sein Kindheitsbild und seine Einstellungen zum Thema Erziehung und Bildung im Laufe seines Lebens erläutert werden. Dabei wird auf Beispiele aus seinen Werken, v.a. aus Prelude und aus The Excursion eingegangen werden. [...]

Arbeit zitieren:
Bösenberg, Agnes Juli 2004: Kindheit und Bildung in den Werken Wordsworths und Carlyles, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
romantisches Kindheitsbild, Erziehung, Schulsystem, Bildungspolitik, Literatur

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