Kindesvernachlässigung
Wahrnehmen, verstehen, handeln im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Diana Hahn
- Abgabedatum: August 2009
- Umfang: 158 Seiten
- Dateigröße: 3,3 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Köln Deutschland
- Bibliografie: ca. 46
- ISBN (eBook): 978-3-8366-4168-5
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Hahn, Diana August 2009: Kindesvernachlässigung, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Kindesvernachlässigung, Risikofaktoren, Folgen, Interventionsmöglichkeiten, Kinderschutz
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Diplomarbeit von Diana Hahn
Problemstellung:
Köln, in einer eher bescheidenen Gegend – ein 6-jähriger Junge – afrikanischer Abstammung – berichtet mit aufgerissenen Augen: ‘Meine Mama ist bei der Polizei, sie hat geklaut…’ – eine Mitarbeiterin des Jugendamtes betrachtet den Jungen – leichtes Untergewicht – trockene und schürfende Hautstellen – entzündliche Augenpartie – diese traurigen und angsterfüllten Augen – das Jäckchen, das ihn vor der winterlichen Witterung schützen sollte, ist über ein T-Shirt gesteift – der Schieber des Reisverschlusses fehlt – nackte Füße sind aus den mit Schnürsenkeln fehlenden Schuhen sichtbar – Was passiert nun mit dem Jungen? Welche sozialpädagogische Diagnose wird gefällt? Ist es Kindesvernachlässigung oder liegt gar eine Kindeswohlgefährdung vor? Wie hätte man der Mutter helfen können? Wer war verantwortlich für die Familie und das Kind? Und wer ist es nun? Diese und viele weitere Fragen schwirren in den Köpfen der Mitarbeiter der Offenen Ganztagsschule. Nicht selten begegnen sie Kindern, dessen nicht nur äußeres Erscheinungsbild, sondern auch ihre soziale Umgänglichkeit, höchst bedenklich erscheint, doch ist es ein ausreichender Grund für die Annahme, dass das Kind in seinen Lebensbedürfnissen vernachlässigt wird oder ist es doch eine übliche und allgegenwärtige Folge der sozioökonomischen Gesamtsituation – ärmliche Verhältnisse, alleinerziehende Mutter, fehlende familiäre und soziale Unterstützung?
Die Tatsache, dass eine Kindesvernachlässigung nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist – auch noch nicht mal für den professionell Handelnden, stiftet Unsicherheiten im sozialpädagogischen Handeln. Merkmale, die eine Vernachlässigung aufzeigen können, gibt es (noch) nicht in ihrer Deutlichkeit und nicht in empirisch gesicherter Form. Doch aus den Erfahrungen der Praxis gibt es Anhaltspunkte, die vor allem, wenn diese gehäuft auftreten, ernstzunehmende Hinweise auf eine Kindesvernachlässigung geben können. Um einen zielsicheren Blick für Vernachlässigungsfälle zu entwickeln, Anhaltspunke rechtzeitig zu erkennen und richtig deuten zu können, soll diese Arbeit im ersten Schritt das Grundwissen über Kindesvernachlässigung vermitteln. Neben der Begriffbestimmung ‘Kindesvernachlässigung’ und Erläuterung der einzelnen Kategorien, in der ein Kind unzureichend versorgt werden kann bzw. die Benennung der Lebensbedürfnisse, die erfüllt werden sollen, um eine gesunde Entwicklung der Kindes zu gewährleisten, werden auch die einzelnen Formen von Vernachlässigungen benannt.
Die in darauffolgendem Kapitel genannten Risikofaktoren und anschließende Aufarbeitung möglicher Folgen können bei der Urteilsbildung, ob eine Gefährdungslage eines Kindes gegeben ist, eine entscheidende Rolle übernehmen. Denn Erkennungszeichen spiegeln sich nicht nur im unmittelbaren Verhalten (Agieren und Reagieren) der Eltern und des Kindes wieder, sondern auch in der Gegebenheit bestimmter Merkmale von Personen, Situationen oder Beziehungen, die eine Vernachlässigung noch wahrscheinlicher machen. Zu Folgen sollte es im Idealfall nicht kommen, doch deren Eintreten und Erkennbarkeit kann ein letzter Hinweis, ein letztes Signal für physische und/oder psychische Unterversorgung des Kindes sein.
Doch auch wenn Anhaltspunkte für eine Vernachlässigung an Deutlichkeit, familiäre Probleme an mehr Transparenz gewinnen und alles als offensichtlich erscheint, wissen viele Sozialpädagogen und -arbeiter nicht damit fachkompetent umzugehen. Ungeklärte Fragen und Wissenslücken in Bezug auf Handlungsbefugnis, aktueller Gesetzeslage, Präventions- und Interventionsmöglichkeiten und effiziente Umsetzbarkeit verhindern ein offensives Herantreten der Fachkräfte an die Betroffenen. Wo doch gerade nicht nur das Erkennen der Problematik, sondern viel mehr die Beratung bzw. die darauffolgenden adäquaten Hilfen ausschlaggebend für eine gelungene Sozialarbeit sind.
Im Anschluss an die Auflistung staatlicher Interventionsmöglichkeiten, die zum einen aus finanziell-materiellen Hilfen und zum anderen aus Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe bestehen, folgt eine Zusammenfassung der (vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen) politischen Maßnahmen auf Bundes- und Länderebene im Bereich des Kinderschutzes. Eine effektive Hilfe setzt jedoch nicht nur gute theoretische Fachkenntnisse über das aktuelle Rechtssystem und Handlungsabläufe bei Kindesvernachlässigungsfällen voraus, auch eine sicher gehandhabte praktische Ausgestaltung ist ein wesentlicher Teil davon. Schwerpunkt dieser Arbeit ist das Handeln in der Sozialen Arbeit, das kleinschrittige Verfahren bei Anhaltspunkten einer Kindesvernachlässigung mit sozialpädagogischen Methoden und Techniken. In diesem Teil der Arbeit, wird jeder notwendige Arbeitsschritt in seinem gesamten Umfang erläutert – mit Hinweisen und Ratschlägen und unter Einbezug hilfreicher Methoden und Instrumente.
Inhaltsverzeichnis:
| Inhaltsverzeichnis | 2 | |
| Abbildungsverzeichnis | 5 | |
| Tabellenverzeichnis | 5 | |
| Abkürzungsverzeichnis | 6 | |
| Einleitung | 8 | |
| 1. | Begriffsbestimmung | 10 |
| 2. | Lebensbedürfnisse eines Kindes | 12 |
| 3. | Formen von Vernachlässigung | 16 |
| 3.1 | Körperliche Vernachlässigung | 17 |
| 3.2 | Kognitive und erzieherische Vernachlässigung | 18 |
| 3.3 | Sozial – emotionale Vernachlässigung | 19 |
| 4. | Risikofaktoren für eine Gefährdungslage | 24 |
| 4.1 | Persönliche Faktoren der Erziehungsperson | 26 |
| 4.1.1 | Eigene negative Kindheitserlebnisse | 26 |
| 4.1.2 | Persönlichkeitsmerkmale | 27 |
| 4.1.3 | Chronische Erkrankungen | 28 |
| 4.2 | Risikofaktoren des Kindes | 29 |
| 4.3 | Familiärer Risikofaktoren | 31 |
| 4.4 | Sozioökonomische Situation | 35 |
| 5. | Mögliche Folgen von Vernachlässigung | 39 |
| 5.1 | Körperliche Symptome und Fehlentwicklungen | 39 |
| 5.2 | Kognitive Fehlentwicklungen | 41 |
| 5.3 | Psychosoziale Schäden und Fehlentwicklungen | 41 |
| 6. | Interventionsmöglichkeiten und ihre rechtlichen Grundlagen | 44 |
| 6.1 | Finanzielle und materielle Hilfen | 44 |
| 6.2 | Leistungen und Aufgaben der Jugendhilfe | 47 |
| 6.2.1 | Hilfeplanung | 48 |
| 6.2.2 | Ambulante Hilfen | 48 |
| 6.2.3 | Anrufung des Gerichts | 50 |
| 6.2.4 | Inobhutnahme und Fremdunterbringung | 51 |
| 7. | Gesetznovellierungen und politische Maßnahmen | 52 |
| 7.1 | Gesetzliche Regelungen und Gesetznovellierungen im Bereich des Kinderschutzes auf Bundesebene | 52 |
| 7.2 | Landesgesetzliche Regelungen in Bereich des Kinderschutzes und der Gesundheitsvorsorge | 54 |
| 7.2.1 | Basiselement: kinderärztliche Früherkennungsuntersuchungen | 55 |
| 7.2.2 | Weitere länderspezifische Maßnahmen zur Qualifizierung des Kinderschutzes | 60 |
| 7.2.3 | Meldesysteme: Datenweitergabe an die Jugendämter | 66 |
| 8. | Handeln in der Sozialen Arbeit– methodische Herangehensweise sozialpädagogischer Fachkräfte | 68 |
| 8.1 | Umgang mit (Fremd-)Meldung | 68 |
| 8.2 | Systemische Informationssammlung und Verarbeitung | 71 |
| 8.3 | Kontaktaufnahme und Datenrekonstruktion | 75 |
| 8.4 | Einschätzung und Bewertung der Fallsituation | 81 |
| 8.5 | Fachliche Diagnose und Umsetzung sozialpädagogischer Hilfs- und Interventionsstrategien | 84 |
| 8.6 | Bewertung der Hilfe- und Veränderungsprozesse | 88 |
| Ausblick | 91 | |
| Literaturverzeichnis | 93 | |
| Anhang | 97 | |
| Anlage I – Rechtliche Grundlage | 97 | |
| Anlage II – Abbildungen | 101 | |
| Anlage III – Auszug aus ICD-10 Internationale Klassifikation der Krankheiten (WHO-Version 2006) | 102 | |
| Anlage IV – Früherkennungsuntersuchungen für Kinder (U1 – J1) | 104 | |
| Anlage V – Übersicht zu den landesgesetzlichen Regelungen im Bereich Kinderschutz bzw. Gesundheitsvorsorge | 106 | |
| Anlage VI - Genogramme | 118 | |
| Anlage VII – Prüfbögen | 120 | |
| Meldebogen ‘Kindeswohlgefährdung’ | 120 | |
| Prüfbogen / Einordnungsschema ‘Erfüllung kindlicher Bedürfnisse’ | 126 | |
| Einschätzung des Misshandlungs- und Vernachlässigungsrisikos | 127 | |
| Einschätzung des Förderungsbedarfs des Kindes | 131 | |
| Einschätzung der Ressourcen des Kindes | 134 | |
| Einschätzung der Veränderungsfähigkeit der Eltern | 136 | |
| Pflege und Versorgung | 139 | |
| Bindung | 141 | |
| Regeln und Werte | 144 | |
| Förderung | 147 | |
| Anlage VIII – Schutzplan | 148 | |
| Anlage IX – Erstellung des Hilfeplans | 151 | |
| Anlage X – Fortschreibung des Hilfeplans | 156 |
Textprobe:
Kapitel 5, Mögliche Folgen von Vernachlässigung:
So vielseitig und vielschichtig Vernachlässigungsformen sein können, so mannigfach und komplex können die Folgen davon sein. Im vorherigen Verlauf dieser Arbeit wurde des Öfteren bei der Erläuterung einiger Vernachlässigungsformen auch ihre Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung (Folgen) thematisiert. Hier findet man nun viel mehr eine Ergänzung bzw. eine komplettierte Zusammenfassung.
Es ist wichtig in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass es abhängig von der Intensität und/oder Häufigkeit bzw. Dauerhaftigkeit der Vernachlässigung auf allen Entwicklungsebenen des Kindes ist, welche zu erheblichen Defiziten bis hin zu bleibenden Schäden führen kann. Die Folgen sind umso gravierender, je jünger das Kind ist.
5.1, Körperliche Symptome und Fehlentwicklungen:
Die körperlichen Anzeichen einer möglichen Vernachlässigung sind auf die Mangel- oder Fehlernährung zurückzuführen. Untergewicht, Übergewicht und Minderwuchs sind deutliche Folgen davon. Aufgrund unzureichender Vitaminenzufuhr kann es z.B. zu schwerster Rachitis (Knochenerweichung aufgrund von Vitamin-D-Mangel), Intelligenzhemmung (durch Eiweiß- und Vitamin-B-Mangel) oder Anämie (Blutarmut durch mangelnde Einsenzufuhr) kommen. Durch das geschwächte Immunsystem besteht eine hohe Infektanfälligkeit, d.h. das Kind leidet häufig an Allergien, Atemwegserkrankungen (insbesondere Bronchitis, Asthma und Pseudokrupp/Krupphusten, Lungenentzündung), Ohrenerkrankungen, Hauterkrankungen etc.
Eine falsche oder unzureichende Ernährung kann dazu beitragen, dass das Kind eine gestörte Routine beim Essen, Trinken und Verdauen entwickelt und dies eine konstitutionell-psychische Entwicklungsverzögerung zur Folge hat. So ist das Einnässen (Enuresis) und Einkoten (Enkopresis) auch bei älteren Kindern, obwohl diese aufgrund des Alters/Reife ihre Ausscheidungsorgane steuern könnten, keine Seltenheit.
Einige Kinder weisen schwere Ernährungsstörungen auf, in Form von beständiger Angst nicht genügend Essen zu erhalten und verhungern zu müssen. Verhungern kann das Kind im schlimmsten Fall tatsächlich, denn bei ungenügender Kalorienzufuhr ist der Körper gezwungen sich dem Nährstoffmangel anzupassen (Hungeradaptation) und verlangsamt den Stoffwechsel, um 10 – 20 % der ursprünglichen Funktion. Als nächste Maßnahme werden die kurzfristig zur Verfügung stehenden Energiereserven in Anspruch genommen. Nach dem Verbrauch des Glykogens (‘Stärke’) aus der Leber, Nieren und den Muskeln kommt es zu Eiweißverlust, d.h. u.a. Muskelabbau. Ein länger anhaltender Nahrungsmangel kann zum völligen Kräfteverfall führen (Kachexie). Hält der Zustand der Kachexie längere Zeit an, so kommt es dann – etwa wenn ein Drittel bis die Hälfte des gesamten Körpereiweißes abgebaut ist – zum Tode durch Verhungern.
Die Fokussierung körperlicher Symptome einer Vernachlässigung basierend auf Mangel- oder Fehlernährung stützt sich hauptsächlich auf den Inhalt des Buches ‘Vernachlässigte Kinder’ von K. Gellert (2007). Und auch der nächstfolgende Abschnitt gibt die Hauptinhalte ihres Beitrags wieder.
Körperliche Vernachlässigung findet nicht nur in Form von unzureichender oder falscher Ernährung statt, sondern auch in Form von mangelnder Hygiene. Viele Kinder, die an Vernachlässigung leiden, fallen bei zahnärztlichen Untersuchungen durch deutliche Schäden an den Zähnen (erhöhten Kariesbefall) und Zahnfleisch (Zahnfleischentzündungen/Gingivitis) auf. Als Ursachen sehen Fachleute mangelnde Mundhygiene oder eine einseitige und falsche Ernährung (zuckerreiche Nahrung). Erkrankungen im Mundraum können sich zu ernsthaften Infektionen im Körper entwickeln. Doch auch fehlende Hygiene des gesamten Körpers kann zahlreiche Infektionen/Krankheiten durch pathogene Mikroorganismen (Bakterien, Pilze, Viren, Parasiten) verursachen, wie z.B. Pilzbefall der Haut und Atemwege, Warzen, Herpes, Allergien, sowie Durchfall und Erbrechen. Mangelnde Hygiene bei Säuglingen kann auch bedeuten, dass die Windeln unzureichend gewechselt werden und das Kind einem ständigen Kontakt mit Exkrementen und Feuchtigkeit ausgesetzt ist. Dabei können akute Entzündungen der Haut, wie z.B. Windeldermatitis (Windelpilz) entstehen. Betroffen sind die Hautareale, die von der Windel bedeckt sind, also Gesäß, äußere Geschlechtsorgane, Leistenregion und Oberschenkel. Windeldermatitis kann aber auch die Folge einer Krankheit sein, muss demnach nicht zwingend die Ursächlichkeit einer Vernachlässigung haben. Permanenter Kontakt mit ausgekühlter Feuchtigkeit (nasser Bettbezug, nasse Bekleidung) birgt die Gefahr einer Unterkühlung des Säuglings/Kleinkindes. Im Winter, bei schlechter Witterung, wenn das Kind unangepasst bekleidet oder das Kinderzimmer nicht beheizt wird, kann das Kind nicht nur an Unterkühlung erkranken sonder auch daran sterben.
Viele gebrechliche Familien mit erhöhter Vernachlässigungstendenz, gekennzeichnet von Arbeitslosigkeit, Armut und Verwahrlosung, sind meist in renovierungs- und sanierungsbedürftigen (Sozial-)Wohnungen zu finden. Die oft damit verbundenen unhygienischen Wohnverhältnisse (hohe Luftfeuchtigkeit, Schimmelbefall, Ungeziefer) bieten Krankheitserregern bzw. -überträgern (Schaben, Fliegen und Flöhe) einen idealen Lebensraum und erhöhen somit die Gefahr einer ernsthaften Infektion/Erkrankung.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836641685
Arbeit zitieren:
Hahn, Diana August 2009: Kindesvernachlässigung, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Kindesvernachlässigung, Risikofaktoren, Folgen, Interventionsmöglichkeiten, Kinderschutz



