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Kinder in Trauer

Analyse einer Emotion

Kinder in Trauer
Über dieses Buch

Diplomarbeit von Birgit Hüser

Einleitung:

Stefan sitzt auf dem Sofa. Er ist in Zeitschriften oder in Bücher vertieft. Stefans Interesse gilt vor allen Dingen dem Weltall. Es scheint seine Welt, eine andere als die realistische, zu sein.

Stefan ist zehn Jahre alt. Auf Grund seiner introvertierten, schüchternen und ängstlichen Art fällt er kaum auf. Stefan spielt so gut wie nie mit anderen Kindern. Wenn man ihn fragt, ob er Lust auf ein Spiel hat, dann antwortet er in den meisten Fällen mit einem verlegenen, verschüchterten ‚Nein‘.

Stefan hat seinen Vater mit ca. acht Jahren erhängt aufgefunden.

„Alexandras Mutter ist gestorben. Letzte Woche bei einem Autounfall. Sie ist noch am Unfallort verstorben. Der Vater liegt mit schweren Verletzungen im Krankenhaus. Alexandra hat, wie durch ein Wunder, so gut wie keine Verletzungen erlitten.“, sagte meine Kollegin tief betroffen. „Alexandra wird in zwei Wochen wieder in den Ganztag kommen.“, fuhr sie fort. „Ich weiß gar nicht, wie ich mit ihr umgehen soll?“, fragend richtete sie ihren Blick auf meine Person. Hilf- und Ratlosigkeit auch auf meiner Seite.

Zwei Wochen später steht Alexandra vor mir. Sie wirkt überhaupt nicht traurig. Sie spielt mit ihren Freundinnen. Sie lacht auch. Was habe ich erwartet?

Zwei Kinder mit schrecklichen Verlusterfahrungen. Zwei Kinder, die völlig unterschiedlich mit dem Verlust und mit ihrer Trauer umzugehen scheinen.

Was heißt es, wenn Kinder trauern? Ist Kindertrauer mit Erwachsenentrauer vergleichbar? Oder zeigen Kinder völlig andere Reaktionen im Umgang mit ihrer Trauer?

Motiviert durch diese lebensnahen Erfahrungen im pädagogischen Alltag der Übermittagsbetreuung war mein Interesse an dem Thema: ‘Kinder in Trauer’ geweckt.

Zugleich wurde ich mit mir selbst konfrontiert. Eine Art Selbstbeobachtung gesellte sich der Literatur- und Informationssuche hinzu.

Es stellten sich mir zahlreiche Fragen, unter anderem solche, die nach meinem persönlichen Umgang mit Trauer fragten. Wie gehe ich beispielsweise mit meiner eigenen Trauer um?

Oder im Hinblick auf meine pädagogische Arbeit: wie verhalte ich mich Kindern gegenüber, die traurig erscheinen? Sind Kinder nur dann traurig bzw. in Trauer, wenn sie bedrückt oder niedergeschlagen wirken? Woran erkenne ich letztlich, dass Kinder in Trauer sind? Was müssen Erwachsene über Kindertrauer wissen? Und bedingt mein Umgang mit Trauer die kindliche Trauer? Was bedeutet es, den Trauerweg der Kinder mitzugehen? Welche Möglichkeiten bestehen für Erwachsene, Kinder in ihrer Trauer zu begleiten? Viele Fragen, die nach Antworten suchen.

Diese Arbeit soll zu einer Beantwortung beitragen und ein Bewusstsein für Kinder in Trauer entwickeln helfen.

Mein Interesse gilt den sichtbaren und den versteckten Reaktionen der Kinder und dem Hinterfragen ihrer Verhaltensweisen. Nur wenn man sich in das subjektive Erleben einfühlen und Kinder mit ihrem Verhalten verstehen lernt, können Angebote für Krisenzeiten entwickelt werden.

Ziel dieser Arbeit ist es daher herauszufinden, wie Kinder auf den Verlust eines geliebten Menschen reagieren, wodurch dieses Reaktionen beeinflusst werden und wie Hilfestellungen für Kinder in Trauer aussehen können.

Die Arbeit steigt in die Thematik ein, indem sie zunächst einen Blick auf den Tod wirft. Tod als absurdes Phänomen betrifft bzw. trifft jeden Menschen. Doch was heißt es, mit dem Bewusstsein der Vergänglichkeit zu leben? Wie gehen Menschen mit ihrer abschiedlichen Existenz um? Wird Tod überhaupt gelebt bzw. ins Leben integriert?

Nach diesem Überblick soll das Verhältnis zwischen Kindern und Tod in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Es ist notwendig, die Entwicklung des kindlichen Todesverständnisses zu kennen, um einschätzen zu können, wie Kinder dem Tod begegnen. Wie verstehen Kinder den Tod? Sind sie überhaupt in der Lage nachzuvollziehen, was es heißt, tot zu sein? Was beeinflusst das kindliche Todesverständnis?

Um diese Fragen klären zu können, soll im zweiten Kapitel sowohl die Entwicklung des kindlichen Todeskonzeptes skizziert als auch die Rolle der Erwachsenen im Besonderen beleuchtet werden.

Es soll verdeutlicht werden, inwieweit erwachsene Erklärungsversuche bezogen auf das Thema Tod und Sterben sinnvoll, aufklärend oder irritierend sein können.

Textauszüge aus ausgewählten Kinderbüchern werden als methodisches Hilfs- und Darstellungsmittel genutzt, um die Entwicklung des kindlichen Todesverständnisses als auch die Erklärungsversuche der Erwachsenen in literarischer Form erklärend zu beschreiben.

Dem Tod, dem Verlust folgt die Trauer. Trauer als eine komplexe Emotion verlangt nach Erklärungen. Das dritte Kapitel soll Einblick verschaffen, indem es klärt, was Trauer bedeutet und wie sie verlaufen kann. Darüber hinaus wird der Fokus auf das Trauerverhalten der Erwachsenen gelegt, da sie Kindern ein wichtiges Vorbild sind und das Trauerverhalten der Kinder maßgebend beeinflussen.

Im Anschluss daran soll nachgezeichnet werden, inwieweit die Todeserfahrung auf Kinder traumatisierend wirken kann. Zudem werden die Besonderheiten kindlichen Trauerns und mögliche Bewältigungsmechanismen der Kinder vorgestellt. Wie bereits in Kapitel Zwei werden Textpassagen aus einem Kinderbuch zur Verdeutlichung der kindlichen Trauerreaktionen eingesetzt.

Das fünfte Kapitel schließt die theoretische Auseinandersetzung, indem es mögliche pädagogische Hilfestellungen darstellt. Der Kinderliteratur als besonderem Hilfsmittel zur Trauerbewältigung wird Aufmerksamkeit geschenkt, bevor zwei Projekte vorgestellt werden, die die theoretischen Grundlagen der Trauerforschung in die Praxis umsetzen.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 4
1. Thematisierung von Tod in der Moderne - ein Überblick 7
1.1 Die abschiedliche Existenz oder 'abschiedlich' leben 7
1.2 Die Privatisierung des Todes 8
2. Das kindliche Todeskonzept 11
2.1 Die Entwicklung des kindlichen Todeskonzeptes 11
2.2 Selbstwerden und Trennungsangst 20
2.3 Die Rolle der Erwachsenen: Wie Erwachsene Kindern den Tod erklären 23
2.3.1 Erklärungsversuche der Erwachsenen und deren Auswirkungen auf die kindlichen Todesvorstellungen 24
2.3.2 'Klarheit schafft Klarheit' oder wie Erwachsene Kindern den Tod erklären können 28
3. Trauer - Beschreibung einer komplexen Emotion 32
3.1 Trauer - was ist das eigentlich? 32
3.2 Die Phasen der Trauer 34
3.3 Problematisches Trauerverhalten oder wie Erwachsene mit Trauer umgehen 38
3.3.1 Die Privatisierung der Trauer oder man trauert im Privaten 38
Exkurs: Trauer als soziale Angelegenheit - die Funktion von Trauerritualen 40
3.3.2 Das Trauerverhalten der Erwachsenen 42
3.3.2.1 Trauern heisst Erinnern 42
3.3.2.2 Leidensverachtung oder die Unfähigkeit zu leiden 44
3.4 Trauer kann krank machen 46
3.5 Pathologische oder komplizierte Trauer 47
3.6 Kinder übernehmen die Trauermodelle der Erwachsenen 49
4. Tod eines geliebten Menschen als traumatische Erfahrung - wenn Kinder trauern 52
4.1 Tod als traumatische Erfahrung 52
4.2 Kindliche Trauerreaktionen 54
4.3 Bedingungen, die den Trauerprozess beeinträchtigen 66
4.3.1 Die Todesumstände 67
4.3.2 Unerwarteter Tod 69
4.4 Die Trauer wird abgewehrt 70
Exkurs: Abwehrmechanismen 71
4.5 Zur Situation trauernder Kinder 74
5. Begleitung von trauernden Kindern - Möglichkeiten pädagogischer Hilfestellungen 77
5.1 „Ich möchte, daß man sich so fühlt, wie man sich fühlen möchte“ - Trauerbegleitung von Kindern 77
5.1.1 Von der Schwierigkeit, zu trösten 81
5.1.2 Kinder brauchen Rituale 84
5.1.3 Erinnerungen und ihre Bedeutung für das trauernde Kind 85
5.2 Kinderliteratur zum Thema „Sterben, Tod und Trauer“ als unterstützendes Hilfsmittel zur Trauerbewältigung 87
5.2.1 Tod und Sterben in der Kinderliteratur - ein kurzer Überblick 88
5.2.2 Bücher - sinnvolle Begleiter von trauernden Kindern? 89
5.2.2.1 Die Bedeutung und Funktion von Bildern für Kinder 92
5.2.2.2 Illustrativ unterstützte Textbücher 92
5.2.2.3 Kriterien zur Beurteilung von Kinderbüchern 93
5.3 Lebens- und Trauerumwandlungskreativ Workshop für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern (Seminar- und Forschungsprojekt) 96
5.3.1 Die Konzeption 97
5.3.2 Gestaltung und Ablauf des Modells Myropädie 100
5.4 Zentrum für trauernde Kinder e.V 102
5.4.1 Konzeption 103
5.4.2 Zielvorstellungen 103
5.4.3 Arbeitsweise 105
5.4.3.1 Rolle und Aufgabe der pädagogischen Leitung 106
5.4.3.2 Rolle und Aufgaben der freiwilligen HelferInnen 106
5.4.3.3 Bezugspersonen 107
Ausblick 109
Anhang
Literaturverzeichnis

Arbeit zitieren:
Hüser, Birgit November 2001: Kinder in Trauer, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
kindliches Todesverständnis, Trauer als komplexe Emotion, kindliche Trauerreaktion, Trauerbegleitung von Kindern, Erwachsene als Trauervorbild

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