Das Kind im eigenen Raum. Soziologische Untersuchungen moderner Kindheit
Am Beispiel der sozialen und kulturellen Bedeutung des Kinderzimmers
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Anja Kraaz
- Abgabedatum: Dezember 2002
- Umfang: 120 Seiten
- Dateigröße: 733,3 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Georg-August-Universität Göttingen Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-7346-4
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-7346-4 P - ISBN (CD) :978-3-8324-7346-4 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Kraaz, Anja Dezember 2002: Das Kind im eigenen Raum. Soziologische Untersuchungen moderner Kindheit, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: DDR, ländliche Kindheit, historischen Bezug, Wandel
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Magisterarbeit von Anja Kraaz
Einleitung:
Die Räumlichkeit sozialen Seins unterliegt einem Wandel, der in der Regel mit ‚Modernisierung‘ beschrieben wird. Diese Veränderungen haben sich auch in das Alltagsleben der Kinder eingeschrieben. Ziel dieser Arbeit ist, das Kinderzimmer anhand seiner sozialen und kulturellen Bedeutung als einen typischen Ort moderner Kindheit darzustellen. In einem theoretischen Teil wird dabei Kindheit in zeitlichen und räumlichen Dimensionen betrachtet. Der zweite Teil ist der Untersuchung des Kinderzimmers gewidmet: der Untersuchung der historischen Entstehung und Verbreitung und der gegenwärtigen Gestalt nach physischen Kriterien, in seinen Handlungsdimensionen sowie als Raum sozialer Beziehungen. In einem dritten Teil folgen differenzierte Untersuchungen zum Kinderzimmer (das Kinderzimmer im ländlichen Raum, Kinderzimmer in der DDR sowie das Kinderzimmer als Faktor sozialer Ungleichheit).
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 5 | |
| 1. | ALTERSEINGRENZUNG | 6 |
| 2. | QUELLENLAGE ZUM THEMENBEREICH | 6 |
| 3. | EMPIRISCHE DATENLAGE | 8 |
| I. | Kindheit im soziologischen Diskurs | 12 |
| 1. | ZUR DEFINITION VON KINDHEIT | 12 |
| 2. | STAND DER FORSCHUNG: VON DER SOZIALISATION ZUR KINDHEITSFORSCHUNG | 13 |
| 3. | KINDHEIT ALS NORMATIVES MUSTER | 15 |
| II. | Kindheit im Wandel - die moderne Kindheit | 17 |
| 1. | ZUR INDIVIDUALISIERUNG VON KINDHEIT | 17 |
| 2. | VERÄNDERTE FAMILIENKINDHEIT UND WANDEL DES GENERATIONENVERHÄLTNISSES | 18 |
| 3. | DIE MODERNE KINDERFREUNDSCHAFT | 20 |
| 4. | KINDER(FREI)ZEIT IN DER MODERNE | 23 |
| 5. | MODERNE KINDHEIT IM RAUM | 25 |
| 6. | RESÜMEE | 25 |
| III. | Raum im soziologischen Diskurs | 27 |
| 1. | SOZIALÖKOLOGISCHE SOZIALISATIONSFORSCHUNG | 28 |
| 2. | DIE ORDNUNG DES RAUMES - RAUM IN GESELLSCHAFTSTHEORETISCHER PERSPEKTIVE | 30 |
| 3. | DIE VERÄNDERUNGEN DER RÄUMLICHEN UMWELT IN DER MODERNE | 32 |
| 3.1 | Die Straße als traditioneller Raum | 33 |
| 3.2 | ‚Verinselung' und ‚Verhäuslichung' kindlicher Lebenswelten - Kennzeichen moderner Räume | 35 |
| 4. | FAMILIÄRE BINNENRÄUME, SOZIOLOGISCH BETRACHTET | 38 |
| 4.1 | Wohnen und Wohnbedürfnisse | 39 |
| 4.2 | Der Wohnraum | 41 |
| IV. | Kindheit in historischer Perspektive - Zum Entstehen und zur Verbreitung des Kinderzimmers | 43 |
| 1. | KINDHEIT IM 19. JAHRHUNDERT. DIE ‚GUTE KINDERSTUBE' | 43 |
| 2. | KINDHEIT IN DER WEIMARER REPUBLIK BIS 1945 - UNIFORMIERUNG DER KINDHEIT | 45 |
| 3. | KINDHEIT IN DER BRD - DIE VERBREITUNG DES KINDERZIMMERS | 46 |
| 3.1 | Die unmittelbare Nachkriegszeit | 46 |
| 3.2 | Kindheit in den 50er Jahren | 48 |
| 3.3 | Kindheit in den 60er/ 70er Jahren | 49 |
| 3.4 | Das Kinderzimmer in gegenwärtiger Gestalt | 50 |
| V. | Das Kind im eigenen Raum. Zur sozialen und kulturellen Bedeutung des Kinderzimmers in der Gegenwart | 52 |
| 1. | DAS KINDERZIMMER IN PHYSISCHER GESTALT UND RÄUMLICHEN BEZUG | 52 |
| 1.1 | Zur Größe des Kinderzimmers | 52 |
| 1.2 | Die Lage des Kinderzimmers im Grundriß der Wohnung | 54 |
| 2. | HANDLUNGSDIMENSIONEN DES KINDERZIMMERS | 55 |
| 2.1 | Das Kinderzimmer als Spielzimmer | 55 |
| 2.2 | Das Kinderzimmer als Ort der Dinge (Sammeln/ Aufbewahren) | 56 |
| 2.3 | Mediothek Kinderzimmer | 59 |
| 2.3.1 | Fernsehen/ Video/ Musik | 60 |
| 2.3.2 | Computer | 62 |
| 2.4 | Schularbeiten und Lernen | 63 |
| 2.5 | Bewegung/ Lautstärke | 64 |
| 3. | DAS KINDERZIMMER IN SOZIALPSYCHOLOGISCHER DIMENSION | 68 |
| 3.1 | Das Kinderzimmer als Privatsphäre des Kindes | 68 |
| 3.2 | Zur Isolation des Kindes im eigenen Raum | 70 |
| 3.3 | Das Kinderzimmer, ein Raum der Autonomie? | 72 |
| 3.3.1 | (Un-)Ordnung im Kinderzimmer | 73 |
| 3.3.2 | Das (selbst)bestimmte Kinderzimmer in Gestaltung und Einrichtung | 75 |
| 4. | KINDERZIMMER ALS RAUM SOZIALER BEZIEHUNGEN | 76 |
| 4.1 | Das Kinderzimmer in Nutzung und Einrichtung in familiärer Struktur | 76 |
| 4.2 | Das Kinderzimmer als Raum für Freunde | 78 |
| 4.3 | Die Nutzung von Räumen bei Jungen und Mädchen | 79 |
| VI. | Moderne Kindheit im eigenen Raum - differenzierte Untersuchungen | 82 |
| 1. | KINDERZIMMER AUF DEM LANDE | 82 |
| 1.1 | Der ländliche Raum - Sozialwissenschaftliche Gesichtspunkte | 82 |
| 1.2 | Ländliche Kindheit in historischer Perspektive - Zur Verbreitung des Kinderzimmers | 83 |
| 1.3 | Ländliche Kindheit im räumlichen Bezug | 84 |
| 2. | KINDER IM EIGENEN RAUM IN DER DDR | 85 |
| 2.1 | Kindheit in der DDR | 85 |
| 2.2 | Familie und Familienkindheit | 86 |
| 2.3 | Kindheit in der DDR im räumlichen Bezug | 87 |
| 3. | WOHNRAUM ALS FAKTOR SOZIALER UNGLEICHHEIT | 89 |
| 3.1 | Ein-Eltern-Haushalte | 91 |
| 3.2 | Kinderreiche Familien | 92 |
| Resümee | 94 | |
| Literaturverzeichnis |
Kindheit bis etwa in die sechziger Jahre scheint unmittelbar mit der Straße verbunden. Unter Straße versteht die Mehrheit der AutorInnen den im Wohnumfeld liegenden öffentlichen Raum wie die Straße, den Bürgersteig, den Park, Hinterhöfe usw. Beschreibungen des Straßenlebens von Kindern liegen mannigfaltig vor. Im Folgenden sei eine kleine Auswahl von Studien zur Straßenkindheit dargestellt. SCHLUMBOHM analysiert die Kinderstuben als Erziehungsinstanz der Kinder von Bauern, dem Bürgertum sowie des Adels in einer Zeitspanne von 1700-1850. 'Straßenkindheit verbindet SCHLUMBOHM mit Stadtkindheit, wobei er auch auf die ‚Gassenfreiheit‘ der Landkinder30 hinweist. (SCHLUMBOHM 1983, S. 10) Ganz allgemein spielte sich das alltägliche Leben der kleinen Leute in der Stadt (Handwerker, Krämer, Tagelöhner usw.) zu einem nicht geringen Teil auf der Straße ab. (Ebd., S. 216) Die Hauptfunktion der Familien bestand in einem ganz existentiellen Überlebenskampf, der keinen Raum für die Beschäftigung mit Kindern lies. Deshalb spielte sich auch ein großer Teil des Kinderlebens auf der Straße ab. Hauptaktion von Straßenkindheit war das gemeinsame Spiel sowie die Verteidigung des Territoriums der Kindergruppe, die sogar bis zum ‚Knabenkrieg‘ ging. (Ebd., S. 221 f.) [...]
Raum ist neben der Zeit eine Grundvoraussetzung aller sozialen Vorgänge. Die gesellschaftlichen Transformationen der Moderne haben die Zeit und den Raum von Menschen stark verändert. Das veränderte Mensch-Raum-Verhältnis kann durch einen Wandel der Raumaneignung beschrieben werden. Anfang des Jahrhunderts gab es keine speziellen Räume für Kinder, wie dies heute der Fall ist (Kinderspielplätze etc.). Die Kinder gingen zum Spielen nach ‚draußen‘, in die unmittelbare Wohnumgebung; die Zahl der in den Straßen wohnenden Kinder war groß. Ihre Orte erreichten die Kinder zu Fuß; die öffentlichen Verkehrsmittel stellten einen unerschwinglichen Luxus dar. Durch diese Form der Mobilität hatten die Kinder ein anderes Raumerleben und eine andere Raumwahrnehmung. Noch 1965 bezeichnet PFEIL die Umwelt von Kindern als einheitlichen Lebensraum. Nach dieser Konzeption eignen sich die Kinder mit zunehmender körperlicher, intellektueller und sozialer Entwicklung ihren Aktionsraum mittels konzentrischer Kreise an. Dabei geht PFEIL von der primären Umwelt aus (Familie), die nach und nach durch die weiteren Lebensbereiche (Nachbarschaft und Mietshaus; Einkaufsareal der Mutter usw.) erschlossen wird. Dieses ‚Modell des einheitlichen Lebensraumes‘ beschreibt eine von einer Einheit geprägte (räumliche und soziale) Lebenswelt von Kindern, die multifunktional nutzbar ist und in der alle Funktionstrennungen gleichmäßig im Raum verteilt sind. (PFEIL 1965, S. 12 ff.) Damit zeichnet PFEIL ein Bild von Kinderleben, welches von einem Kinderleben in der Großstadt in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts kaum zu unterscheiden ist. Seit den siebziger Jahren ist eine steigende Funktionsentmischung und Spezialisierung von Außen- und Innenräumen zu beobachten. (ZEIHER 1983, S. 179 ff.) Diese spezifisch moderne Form der Veränderung des Raumes geht mit einem Wandel von Kindheit einher. ZEIHER nimmt an, dass der moderne Raum kein einheitlich erfahrbares (Raum-)Phänomen mehr ist, sondern in vielen ‚verinselten‘ Teilräumen erscheint. (Ebd., S. 187 f.) Der ‚primäre Raum‘ (Wohnung, Wohnumfeld bis zum Quartier) ist in diesem Modell des verinselten Lebensraumes von den anderen Lebensbereichen wie Einkaufen, Hobby oder Freunde getrennt und verstreut gelegen. Der Gesamtraum als ganzer ist unbekannt oder zumindest bedeutungslos. Während ZEIHER (1983) dieses Modell (vorsichtig) als ein Alltagsmuster großstädtischer Kindheit darstellt, geht BÜCHNER davon aus, dass diese Nutzung von Raum und Zeit „historisch [...]
folgendermaßen dar: „Der soziale Raum weist die Tendenz auf, sich mehr oder weniger strikt im physischen Raum in Form einer bestimmten distributionellen Anordnung von Akteuren und Eigenschaften niederzuschlagen. Daraus folgt, dass alle Unterscheidungen in Bezug auf den physischen Raum sich wiederfinden im reifizierten sozialen Raum (oder, was auf dasselbe hinausläuft, im angeeigneten physischen Raum)“. (BOURDIEU 1991, S. 26) Der vom Individuum eingenommene Ort (topos) und sein Platz im angeeigneten physischen Raum (Raummaß) können nach BOURDIEU herausragende Indikatoren für seine Stellung im sozialen Raum abgeben. Die Lokalisierung im physischen Raum beeinflusse die Vorstellung der Akteure von ihrer Stellung im sozialen Raum und wirke damit auf ihr praktisches Handeln. (Ebd., S. 28) Die Fähigkeit im angeeigneten physischen Raum zu dominieren hängt nach BOURDIEU vom sozialen, kulturellen und ökonomischen Kapital ab. Auch FOUCAULT beschreibt Raum nicht als vor- oder außergesellschaftliches Ding. FOUCAULT nimmt jedoch in seiner Analyse keine Trennung des sozialen vom physischen Raum vor. Dieser getrennte physikalische Raum könne, so FOUCAULT, als Differenzbetrag aus dem ‚bewohnten‘ und ‚angeeigneten‘ Raum nichts weiter als eine gedankliche Abstraktion sein. Neben der Schwierigkeit der Definition des verbleibenden physischen Raumes erweise sich diese Abstraktion einzelner Bestandteile auch als eher hinderlich für die Analyse. (MÜMKEN 1997, S. 31 ff.) Wie auch BOURDIEUS gilt ein Schwerpunkt FOUCAULTS der Ordnung des Raumes. Diese Ordnung werde durch Macht und Wissen hervorgebracht. Macht ist nicht eine elitäre Konstruktion einiger Mächtiger, sondern eine produktive gesellschaftliche Situation im gesamten sozialen Körper. Dabei steht Macht und Wissen in enger Wechselwirkung, da die Ausübung von Macht Wissen hervorbringe, aber das Wissen auch Machtwirkungen erzeuge. (Ebd., S. 11 ff.) Dabei definiert sich das Wissen nach einer Richtung, die FOUCAULT als die ‚Wahrheit‘ bezeichnet, und die der Entwicklungslinie der jeweiligen gesellschaftlichen Situation (der Macht) entspricht. Die Ordnungsmacht des Raumes in der Moderne operiere nach FOUCAULT über Techniken der Disziplinierung, Regulierung und Normalisierung. Die Disziplinarmacht konstruiert eine Physik des Raumes und der Zeit. „Es entsteht ein Disziplinarraum, der durch Parzellierung und Funktionalisierung einen Ordnungsraum schafft, der die Individuen im Raum hierarchisiert.“ (Ebd., 1997, S. 18) [...]
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DDR, ländliche Kindheit, historischen Bezug, Wandel



