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Jugendmedienkultur Hip-Hop

Jugendkulturspezifische Mediennutzung und Medienkompetenz

Jugendmedienkultur Hip-Hop
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Oliver Gallina
  • Abgabedatum: März 2008
  • Umfang: 99 Seiten
  • Dateigröße: 2,4 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Bielefeld Deutschland
  • Bibliografie: ca. 70
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4975-9
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Gallina, Oliver März 2008: Jugendmedienkultur Hip-Hop, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Jugendkultur, Hip Hop, Medienkompetenz, Mediennutzung, Jugendszenen

Diplomarbeit von Oliver Gallina

Einleitung:

In der vorliegenden Arbeit werde ich mich mit der Jugendkultur Hip-Hop unter besonderer Betrachtungsweise der Mediennutzung und Medienkompetenz ihrer Aktivisten und Anhänger beschäftigen. Ziel dabei soll es sein, die zwei verschiedenen pädagogischen Konzepte oder Ansatzweisen „Jugendkultur“ und „Medienkompetenz“ miteinander zu verbinden, genauer gesagt die Jugendkultur, und im Besonderen die Hip-Hop-Jugendkultur, unter dem Blickwinkel der Medienpädagogik und dem Konzept der Medienkompetenz zu betrachten. Ich habe mich aus mehreren Gründen für die Jugendkultur Hip-Hop als thematischen Schwerpunkt für diese Arbeit entschieden: Zum einen hat Hip-Hop seit über 30 Jahren, davon seit mehr als 25 Jahren auch in Deutschland, als Jugendkultur Bestand und kann als „weltweit die erfolgreichste und langlebigste jugendliche Populärkultur“ bezeichnet werden. Dabei sind die zentralen Werte dieser Jugendkultur – Respekt, Toleranz und friedlicher Wettstreit – unter den meisten Anhängern und Aktivisten auch heute noch aktuell. Weiterhin hat diese kreative Jugendkultur wie kaum eine andere die Jugendlichen, die Popkultur und auch die dominierende Kultur der westlichen Gesellschaften nachhaltig geprägt: mit ihrer Musik, mit ihrer Mode, ihren Symbolen und Sprechweisen und vor allem den im Stadtbild jeder westlichen Groß- und auch Kleinstadt sichtbaren Graffitis. Auch hat die Hip-Hop-Kultur eine Vielzahl an eigenen Medien und Medienformen entwickelt: neben den grundlegenden Elementen DJing, MCing, Breakdance und Graffiti, die jeweils für sich schon als eigene jugendkulturelle Medien anzusehen sind, auch eine Fülle an weiteren Formen der jugendkulturspezifischen Mediennutzung.

Die genannte Aufzählung liefert sowohl die Gründe für mein eigenes, langjähriges Engagement in der Bielefelder Hip-Hop-Szene als auch für die Auswahl dieser Jugendkultur für die nun vorliegende Diplomarbeit. Den Themenkomplex der Medienpädagogik und insbesondere das Theoriekonzept der Medienkompetenz habe ich aus persönlichem sowie fachlichem Interesse an der Arbeit mit Medien ausgewählt. Somit lag es für mich nahe, die beiden genannten Bereich in dieser Arbeit zu verbinden.

Ausgangspunkt für die Bearbeitung des Themas soll zunächst die Bedeutung der Lebensphase Jugend und der Jugendkulturen für die Entwicklung und Identitätsbildung von jungen Menschen sein. Die „Jugend“ als eigenständige Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter hat sich erst im Laufe der Geschichte herausgebildet und kann erst seit der Mitte des letzten Jahrhunderts als gültige Phase für nahezu alle Schichten und Milieus der westlichen Gesellschaften postuliert werden. Hier sind seitdem auch die Jugendkulturen als ein zentrales Element für die Entwicklung der Jugend und ihrer Einstellungen, für die Sinngebung und Identitätsstiftung durch Idole, Rollenvorbilder, Wertesysteme und Weltbilder, zu erkennen. Ein Exkurs zum Begriff der „Kultur“ und ihrer Bedeutung, auch und gerade im Sinne von „Jugendkultur“, soll eine begriffliche und definitorische Eingrenzung ermöglichen und dem Leser das Verständnis der unterschiedlichen Konzepte erleichtern. An dieser Stelle geht es dann auch um die Abgrenzung oder besser gesagt Unterscheidung der Begrifflichkeiten Jugendkultur, Subkultur und Szene. Da die Beschäftigung mit den Medien der Jugendkulturen den Schwerpunkt dieser Arbeit darstellt, folgt hier auch eine allgemeine Beschreibung der in Jugendkulturen üblichen Medien und Mediennutzungsformen.

Als Nächstes werde ich die Jugendkultur Hip-Hop als eine relativ junge, aktuelle und die meiner Meinung nach momentan größte jugendkulturelle Strömung näher beleuchten. Dabei werde ich von ihren historischen Ursprüngen in den Ghettos der USA ausgehen und die weitere Entwicklung mit ihrer Verbreitung bis nach Deutschland und den Anfängen der Jugendkultur in der Bundesrepublik beschreiben. Ebenso werde ich die jüngsten Entwicklungen der deutschen Hip-Hop-Kultur und deren Erscheinungsbild und Merkmale zu Beginn des dritten Jahrtausends erläutern.

In einem weiteren Schritt werde ich das Konzept „Medienkompetenz“ vorstellen, wobei ich mich an der Ausarbeitung von Baacke orientieren werde, aber auch auf Erweiterungen, Änderungen und Kritikpunkte eingehe sowie die aktuelle theoretische Diskussion, etwa um die Begrifflichkeiten von Medienkompetenz und Medienbildung, aufgreife. Die vier von Baacke beschriebenen Dimensionen der Medienkompetenz sollen im Hinblick auf ihre Bedeutung in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen (unter dem Schlagwort der Schlüsselkompetenz) und unter Einbeziehung der seit der Erarbeitung des Konzepts sich weiterentwickelten neuen Medien aktualisiert und mit Beispielen unterfüttert werden.

Den Kernpunkt der Arbeit bildet im Anschluss die jugendkulturspezifische Bedeutung und Vermittlung von Medienkompetenz in den unterschiedlichen Bereichen der Jugendkulturen und ihrer Medien. Medienkompetenz als Schlüsselkompetenz in der mediatisierten Gesellschaft zu Beginn des dritten Jahrtausends wird zunehmend nicht mehr in der klassischen Bildungsinstitution Schule, sondern in informellen Situationen, wie zum Beispiel in Jugendkulturen und Szenen, erworben Nach der allgemeinen Beschreibung der Bedeutung von Medienkompetenz für die Jugendkulturen zu Beginn des dritten Jahrtausends werde ich auf die Besonderheiten der Jugendkultur Hip-Hop in der Verbindung mit der Theorie der Medienkompetenz eingehen. Dabei geht es zunächst um die jugendkulturspezifischen Medien, die Zeitschriften, Internetseiten, Diskussionsforen, Mixtapes, Musik-, Graffiti- und Breakdance-Videos oder DVDs und ihre Nutzung. Anhand von einigen Beispielen sollen die Medien und ihre spezifischen Nutzungsformen weiter verdeutlicht werden. Anschließend werde ich explizit für jede der Kulturformen der Hip-Hop-Kultur die einzelnen Dimensionen der Medienkompetenz nach Baacke beschreiben. Anhand der einzelnen Bereiche DJing, MCing, B-Boying und Writing sowie von typischen Szenemedien werde ich jeweils die vier Dimensionen der Medienkompetenz beispielhaft aufzeigen und in ihrer speziellen Bedeutung und Ausformung im Rahmen der Jugendkultur Hip-Hop ausdifferenzieren. Mit dieser Explikation und Beschreibung werde ich das theoretische Modell der Medienkompetenz konkret auf die Jugendkultur Hip-Hop, ihre jugendkulturspezifischen Medien und Mediennutzungsmuster anwenden.

Am Abschluss der Arbeit erfolgen in einem Fazit ein medienpädagogischer Blick auf die Jugendkultur Hip-Hop und eine zusammenführende Betrachtung der Anwendung des Medienkompetenzkonzepts auf die Jugendmedienkultur Hip-Hop.

Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis 1
1. Einleitung 2
2. Jugend und Jugendkulturen 5
2.1 Überblick über die Entwicklung der Lebensphase Jugend 6
2.2 Aktuelle gesellschaftliche Rahmenbedingungen der Lebensphase Jugend 8
2.3 “Die Jugend als solche“ – Kennzeichen der Jugendphase zu Beginn des dritten Jahrtausends 10
2.4 Jugendkulturen als Identitätsstifter 12
Exkurs: Jugend-Kultur – die „Kultur“ der Jugendkultur 13
2.5 Jugendkultur, Subkultur, Szene – Nomenklaturen 15
2.6 Jugendkulturen und ihre Medien 19
3. Jugendkultur Hip-Hop 24
3.1 Von New York nach Heidelberg – Eine Welle schwappt über den großen Teich 25
3.2 Die Ausdrucksformen der Hip-Hop-Kultur 30
3.2.1 DJing 31
3.2.2 MCing 33
3.2.3 B-Boying 35
3.2.4 Writing 36
3.3 Vom Underground zum Mainstream und wieder zurück – die Entwicklungen der Jugendkultur Hip-Hop in Deutschland 38
3.4 Merkmale der Jugendkultur Hip-Hop zu Beginn des dritten Jahrtausends 41
4. Medienkompetenz 45
4.1 Das Konzept „Medienkompetenz“ nach Dieter Baacke (Bielefelder Medienkompetenzmodell) 46
4.1.1 Der Kompetenzbegriff 47
4.1.2 Die vier Dimensionen der Medienkompetenz 48
4.2 Erweiterungen, Ergänzungen, Kritik an Baackes Ausarbeitung 52
Medienkompetenz versus Medienbildung? 56
4.3 Massenmedien und neue Medien in der Lebenswelt von Jugendlichen 57
4. Medienkompetenz in der Entwicklung Jugendlicher zu Beginn des dritten Jahrtausends 58
5. Medienkompetenz in Jugendkulturen 60
5.1 Die Bedeutung von (neuen) Medien für Jugendkulturen heute 61
5.2 Verschiedene Formen der Mediennutzung in Jugendkulturen 64
5.3 Bedeutung und Vermittlung von Medienkompetenz in Jugendkulturen 68
6. Medienkompetenz in der Jugendkultur Hip-Hop 70
6.1 Die Medien der Jugendkultur Hip-Hop und ihre Nutzung 71
6.2 Die besondere Bedeutung von neuen Medien für die Jugendkultur Hip-Hop 80
6.3 Spezifische Aneignung von Medienkompetenz in der Jugendkultur Hip-Hop 83
6.3.1 DJing 84
6.3.2 MCing 88
6.3.3 B-Boying 93
6.3.4 Writing 98
6.4 Fazit und Ausblick 105
Literaturverzeichnis
Onlinedokumente
Abbildungsverzeichnis und Bildnachweise

Textprobe:

Kapitel 3.3, Vom Underground zum Mainstream und wieder zurück – die Entwicklungen der Jugendkultur Hip-Hop in Deutschland:

Nach dem ersten kommerziellen Erfolg der Fantastischen Vier wuchs die Jugendkultur in Deutschland rasant an. Zwar gab es schon vor dem Album „Vier Gewinnt“ Hip-Hop-Veröffentlichungen in Deutschland, doch zeigte der Erfolg dieser Platte, dass auch in Deutschland mit deutschsprachigem Hip-Hop Geld zu verdienen war. Waren es einige Jahre zuvor noch hauptsächlich junge Migranten gewesen, die Hip-Hop als Jugendkultur in Deutschland aufgebaut und weiterentwickelt haben, so waren es nun die „deutschen Mittelschicht-Rapper“, die von dem kommerziellen Boom am meisten profitierten. Bands wie Advanced Chemistry, Absolute Beginner oder Fettes Brot (damals noch Poets of Peeze) gab es auch schon vor der Hit-Single „Die Da“, doch erst nach dem Erfolg dieser Platte kamen die großen Plattenfirmen auch auf diese Hip-Hop-Formationen zu und boten Plattenverträge an. Allerdings mussten sich nun die Formationen, die Hip-Hop in Deutschland mit aufgebaut hatten und seit fast 10 Jahren dabei waren, mit den Fantastischen Vier vergleichen lassen und ihre gewachsene Position und ihr Verständnis von Hip-Hop gegenüber den Medien verteidigen, die ja von den Fantastischen Vier ganz anderes gewohnt waren. Weiterhin verkörperten die Fantastischen Vier nur den musikalischen Teil der Hip-Hop-Kultur, was ebenfalls überhaupt nicht dem Verständnis der Hip-Hop-Aktivisten der „Alten Schule“ (in Anlehnung an die Old School der New Yorker Hip-Hopper) entsprach. „Plötzlich fand sich die Hip-Hop-Szene in einer äußerst undankbaren Situation wieder. Einerseits wollte und konnte man die Definition von Hip-Hop nicht Leuten überlassen, die davon offensichtlich keine Ahnung hatten. Andererseits führten die Fragen – Wer hat denn nun zuerst auf Deutsch gerappt? Was ist das, deutscher Hip-Hop? – in eine Richtung, die den meisten Hip-Hops [sic] fern lag“. So steckten die Aktivisten der „Alten Schule“ in einem Dilemma: Einerseits wurde Hip-Hop durch die Fantastischen Vier noch bekannter, andererseits war es eben nicht das, was sie selbst unter Hip-Hop verstanden. Dennoch konnten auch einige Rapper und Bands der „Alten Schule“ von dieser Kommerzialisierung profitieren, denn auch ihre Platten ließen sich nun besser verkaufen und ihre Musik, die, anders als die der Fantastischen Vier, auch einen inhaltlichen Anspruch hatte, fand mehr Zuhörer.

Ab der Mitte der 90er Jahre kann von einem kommerziellen Boom des Hip-Hop in Deutschland gesprochen werden. Neben zahlreichen neuen Bands und Kooperationen und deren Veröffentlichungen nahm auch die Zahl anderer Hip-Hop-kultureller Publikationen wie Magazine, Fanzines, Internetseiten und dergleichen zu. Auf dem Musiksender VIVA lief seit 1993 eine deutschsprachige Hip-Hop-Sendung, „Freestyle“, die zunächst noch alle Seiten der Hip-Hop-Jugendkultur beleuchtete. 1995 wurde diese abgesetzt und mit „Wordcup“ durch eine reine Rap- und Video-Sendung abgelöst. In dieser Zeit gab es auch im Graffiti und Breakdance weitere Entwicklungen und Fortschritte, beispielsweise wurden die Styles der Writer immer ausgefeilter und professioneller und auch hier gab es erste Tendenzen der Kommerzialisierung. So gab es auch zu diesem Zeitpunkt Mitte der 90er Jahre bereits erste „Stars“ der Graffiti- und Breakdance-Szene, die von ihren Künsten und Aufträgen leben konnten. Große Konzerne engagierten bekannte Graffiti-Künstler wie z. B. SEAK oder DAIM, um sich mit speziellen Kollektionen, beispielsweise von Rucksäcken der Marke „Eastpak“, ein jugendliches Image zuzulegen und neue Käuferschaften zu erschließen. Auch wurden zahlreiche Breakdance-Crews für Musikvideo-Produktionen eingekauft, die von der Musikrichtung her nichts mehr mit Hip-Hop zu tun hatten. Somit haben sich Graffiti und Breakdance durch Vermarktungsstrategien der Medien und Wirtschaftskonzerne in den Augen der Öffentlichkeit teilweise vom Gesamtkonzept Hip-Hop gelöst.

Nachdem ab der Mitte der 90er Jahre bis etwa kurz nach der Jahrtausendwende vor allem der deutschsprachige Rap eine Hochkonjunktur erlebte, haben es in den letzten Jahren wieder weniger neue deutschsprachige Hip-Hop-Künstler und Bands in die Charts geschafft. Dennoch gibt es weiterhin eine große Anzahl an Künstlerinnen und Künstlern im deutschen Hip-Hop, die ganz unterschiedliche Stilarten ausgebildet und geprägt haben. Als Zentren der deutschen Hip-Hop-Jugendkultur, vor allem was das Musikbusiness angeht, haben sich inzwischen Hamburg, Stuttgart und Berlin herausgebildet. Aber auch in allen anderen Teilen der Republik, ob Groß- oder Kleinstadt, gibt es Hip-Hop-Künstler, Rapper, Graffiti-Sprüher und Breakdancer.

In Berlin entstand dagegen die wichtigste Neuentwicklung im deutschen Hip-Hop, ein besonders durch Sexismus und Brutalität auffallender Rap-Stil, der von Künstlern wie Bushido, S.I.D.O, Fler, Massiv und anderen um die Labels Aggro Berlin, Ersguterjunge oder Optik Records geprägt wurde. Die Alben einiger Künstler wurden von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert, was ihre Popularität, aber auch ihre umstrittene Position im deutschen Hip-Hop noch einmal festiget und sogar steigerte. Jedoch scheinen gerade diese aggressiven und provozierenden Inhalte bei den Jugendlichen und Heranwachsenden gut anzukommen, da sie hierin offensichtlich ein Mittel der Abgrenzung von den inzwischen etablierten und „erwachsenen“ Hip-Hoppern gefunden haben. Auch werden einige der besagten Künstler wie Bushido und S.I.D.O. von der Bravo als neue Teenystars vermarktet.

Arbeit zitieren:
Gallina, Oliver März 2008: Jugendmedienkultur Hip-Hop, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Jugendkultur, Hip Hop, Medienkompetenz, Mediennutzung, Jugendszenen

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