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Jugend und Rechtsextremismus

Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutschland

Jugend und Rechtsextremismus
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Michael Einhaus
  • Abgabedatum: September 2002
  • Umfang: 124 Seiten
  • Dateigröße: 705,4 KB
  • Note: 1,7
  • Institution / Hochschule: Westfälische Wilhelms-Universität Münster Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-6559-9
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-6559-9 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-6559-9 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Einhaus, Michael September 2002: Jugend und Rechtsextremismus, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Jugend, Rechtsextremismus, Rechtsradikalismus, Gewalt, Jugendarbeit

Diplomarbeit von Michael Einhaus

Problemstellung:

Noch kurz vor dem Fall der Mauer fanden rechtsextremistische Denk- und Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Jugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland kaum Beachtung, weder in der Öffentlichkeit noch auf Seiten der zuständigen Behörden. Neonazigruppierungen wie beispielsweise aus dem Umfeld von Michael Kühnen und gewalttätige Skinheads machten zwar durch rechtsextremistische Straftaten auf sich aufmerksam und stellten auch ein Risiko für die öffentliche Sicherheit dar, galten aber allgemein als nicht erwähnenswert und im sozialen Abseits stehend.

Als ein relevantes Problem erschien der Rechtsextremismus in erster Linie lediglich als ein Phänomen, das sich überwiegend unter den Erwachsenen der Gesellschaft finden ließe. Die Bedeutung und das Ausmaß des Rechtsextremismus wurde in diesem Kontext mit einschlägigen rechtsextremistischen Vereinigungen und Verbänden in Verbindung gebracht, die vornehmlich als Sammelbecken unverbesserlicher ewig Gestriger charakterisiert wurden. Vor diesem Hintergrund war Rechtsextremismus als unerfreuliches Vermächtnis eines abgeschlossenen Zeitabschnittes der deutschen Geschichte behandelt worden, dessen sich die nachfolgenden Generationen mit dem Verlauf der Jahre von selbst entwöhnen würden.

Der Rechtsextremismus, wie er sich hingegen in der heutigen Zeit darstellt, ist jedoch schon lange nicht mehr ausschließlich der Rechtsextremismus nationalistischer Hardliner. Rechtsextremismus hat sich zeitgemäß entwickelt und findet besonders bei jungen Menschen Zuspruch. Mit Beginn der 90er-Jahre hat der Rechtsextremismus eine ganz neue Qualität erreicht und ist in den verschiedensten Facetten, z.B. im Internet, in neonazistischen Gruppierungen, rechtsextremistischen Subkulturen, Parteien sowie Wähler- und Einstellungspotentialen, verschärft in Erscheinung getreten. Eine besondere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit der 90er-Jahre hat der Rechtsextremismus allerdings durch konkrete rechtsextremistische und fremdenfeindliche Gewalttaten zumeist jugendlicher Täter erregt. Fast täglich kam es zu Schändungen jüdischer Grabstätten und Synagogen oder Mahnmale für die Opfer des Holocaust, zu gewaltsamen Übergriffen auf Ausländer oder zu Brandanschlägen auf Asylbewerberheime und Wohnungen von Ausländern. Dabei haben die rechtsextremistischen Täter sogar oftmals den Tod ihrer Opfer billigend in Kauf genommen. Durch solche Taten schadet der Rechtsextremismus seit Beginn der 90er-Jahre und der damit verbundenen Wiedervereinigung Deutschlands nicht mehr ausschließlich der politischen Kultur, sondern der gesellschaftlichen Stimmung insgesamt, was eine besondere Herausforderung für die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland darstellt.

In meiner Diplomarbeit soll es im Folgenden genau um diesen jugendlichen Rechtsextremismus gehen, der sich oft in rechtsradikaler Gewalt gegen Asylbewerber, Ausländer, ethnische Minderheiten, Behinderte, Homosexuelle, Obdachlose oder einfach nur anders denkende bzw. anders aussehende Bürger artikuliert. Ausgehend von der Definition der Begriffe Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus, zwei Begriffe, die in der öffentlichen Diskussion sowohl alternativ als auch synonym verwendet werden, lege ich im nächsten Kapitel die Entwicklung der politisch motivierten rechtsextremistischen Gewalt- und Straftaten seit Beginn der 90er-Jahre dar und werde eine Analyse polizeilicher Ermittlungsakten zu Tatverdächtigen speziell fremdenfeindlicher Straftaten von Peucker, Gaßebner und Wahl (2001) präsentieren. Im darauf folgenden Kapitel stelle ich einen Erklärungsansatz möglicher Ursachen von Rechtsextremismus und Gewalt unter Jugendlichen vor, genauer gesagt den Erklärungsansatz des Soziologen Wilhelm Heitmeyer. Im Anschluß daran werde ich, weil es mich als angehender Diplom-Pädagoge natürlich ganz besonders interessiert, der Frage nachgehen, inwiefern die Pädagogik einen Beitrag zur Arbeit gegen Rechtsextremismus leisten kann. Abschließend möchte ich die zuvor erarbeiteten Kenntnisse kurz zusammenfassen und kritisch kommentieren.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 5
1.1 Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus - Versuch einer Definition 8
1.1.1 Rechtsextremismus als Sammelbezeichnung unterschiedlicher politischer Einstellungen 8
1.1.2 Die Rechtsextremismus-Definition nach Heitmeyer 15
1.1.3 Zur Verwendung der Begriffe Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus 17
2. Rechtsextremistische Gewalt- und Straftaten 19
2.1 Die Entwicklung der politisch motivierten rechtsextremistischen Gewalt- und Straftaten seit der Wiedervereinigung und ihr Ausmaß im Jahr 2001 21
2.1.1 Die Entwicklung der politisch motivierten rechtsextremistischen Gewalt- und Straftaten von 1990-2000 22
2.1.2 Zielrichtungen der Gewalttaten mit politisch motiviertem rechtsextremistischen Hintergrund im Jahr 2001 24
2.1.3 Verteilung der politisch motivierten rechtsextremistischen Gewalttaten auf die Bundesländer 25
2.2 Tatmerkmale, Tatverdächtigenstrukturen und soziale Hintergründe fremdenfeindlicher Straftaten laut polizeilicher Ermittlungsakten 29
2.2.1 Alter der Tatverdächtigen 31
2.2.2 Fremdenfeindliche Einzel- vs. Gruppentat 33
2.2.3 Organisation, Steuerung oder spontane Entwicklung der fremdenfeindlichen Straftat 36
2.2.4 Vorstrafen und kriminelle Milieus der Tatverdächtigen 38
2.2.5 Formaler Bildungsabschluss der Tatverdächtigen 40
2.2.6 Erwerbstätigkeit, Berufsstatus, Arbeitslosigkeit der Tatverdächtigen 42
2.2.7 Struktur der Herkunftsfamilie der Tatverdächtigen 44
2.2.8 Geschlecht der Tatverdächtigen 45
2.3 Zusammenfassung der Polizeiaktenanalyse 46
3. Erklärungsansätze möglicher Ursachen von Rechtsextremismus unter Jugendlichen 48
3.1 Der Individualisierungsansatz Heitmeyers 52
3.1.1 Die gesellschaftstheoretischen Aspekte der Modernisierung 55
3.1.2 Die milieutheoretischen Aspekte der Modernisierung 60
3.1.3 Die identitätstheoretischen Aspekte der Modernisierung 66
3.1.3.1 Identität und Interaktion 66
3.1.3.2 Arbeit und Identität 68
3.1.3.3 Politik und Identität 69
3.2 Das Wichtigste des Individualisierungsansatzes Heitmeyers in Kürze 74
3.3 Der Individualisierungsansatz Heitmeyers in der wissenschaftlichen Diskussion 76
4. Pädagogische Arbeit mit rechtsextremistischen Jugendlichen 80
4.1 Die Praxis der Akzeptierenden Jugendarbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendcliquen 84
4.1.1 Grundsätze der Akzeptierenden Jugendarbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendcliquen 85
4.1.2 Die zentralen Handlungsebenen der Akzeptierenden Jugendarbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendcliquen 89
4.1.2.1 Das Angebot sozialer Räume 90
4.1.2.2 Die Beziehungsarbeit 91
4.1.2.3 Die Akzeptanz bestehender Cliquen 92
4.1.2.4 Einmischung in die Lebenswelten Jugendlicher 93
4.2 Grenzen der pädagogischen Arbeit mit rechtsextremistischen Jugendlichen 95
4.3 Pädagogische Arbeit als notwendiger Bestandteil gesamtgesellschaftlicher Strategien gegen Rechtsextremismus 99
4.3.1 Die ökonomisch-soziale Ebene 99
4.3.2 Die kommunale Ebene 101
4.3.3 Die Ebene von Polizei und Justiz 102
4.3.4 Die politische Ebene 104
4.3.5 Die Ebene der politischen Bildung 106
4.3.6 Die Alltagsebene 107
5. Resümee 110
6. Literaturverzeichnis 112
7. Abbildungsverzeichnis 124

Automatisiert erstellter Textauszug:

63 zu entlarven, die Dominanz des Marktes im Hinblick auf Pluralisierungsversuche zu kritisieren, Global-Risiken ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, die atomisiertes Handeln absurd erscheinen lassen, neue Solidarisierungen zu schaffen u.a.m.“ (Heitmeyer et al. 1992, S. 23f). Diesbezüglich ist es die Aufgabe des politisch wirtschaftlichen Systems, durch „Institutionalisierung29“ und „Standardisierung30“ diese Kehrseiten der Pluralisierung für das politische System zu vereiteln. Mit Hilfe von sozialen Einrichtungen wie beispielsweise Altenheimen, betreuten Einrichtungen für Kinder, Beratungsstellen für Kinder und Eltern etc. übernimmt das politisch ökonomische System Funktionen, die bislang das alte traditionelle Milieu übernommen hat, um Desintegrationserfahrungen aufgrund der individuellen Vereinzelung zu vermeiden. Mit anderen Worten: Es wird „institutionalisiert31, was an Problemlagen auftaucht - es wird verrechtlicht und ökonomisiert - und es werden Milieu-Sur- [...]

59 zelne wird zwar aus konventionellen und bislang Halt gebenden Beziehungen heraus gelöst, im Gegenzug sieht er sich allerdings den zwingenden Notwendigkeiten der gesellschaftlichen Institutionen ausgesetzt, auf die er selbst nur einen geringen Einfluss hat. Vor allem der Arbeitsmarkt, das System der formalen Bildung oder aber auch die sozialpolitische Infrastruktur lenken die individuelle Biographie des Menschen in institutionalisierte Bahnen. Der Ein- und Austritt aus dem System der formalen Bildung, die Dauer der aktiven Erwerbstätigkeit und der Zeitpunkt des beruflichen Ruhestandes „erweisen sich (...) als institutionsgesteuerte Statuspassagen, die sowohl die Abfolge von Lebensaltern (Kindheit, Jugend, Erwachsenen- und Pensionsalter) als auch die alltäglich zu bewältigenden zeitlichen und sachlichen Probleme und Verhaltenszumutungen vorgeben“ (Heitmeyer et al. 1995, S. 35). In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Gesellschaft zwar modernisiert und die Individualisierung von Lebenslagen damit immer weiter fortschreitet, entsteht paradoxerweise dennoch „eine neue [...]

56 • eine beständige Senkung der Erwerbsarbeitszeit, die einerseits neue Freiräume und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung eröffnet, aber andererseits aufgrund unausgefüllter Zeit zu einer Belastung werden kann; • die zwischenmenschliche Flexibilität und die geographische Mobilität, die dazu beitragen, dass Individuen aus ihrer Familie heraus gelöst werden und ihren bisher heimatlich regional begrenzten Handlungs- und Mobilitätsradius in überregionale Gebiete verlagern. Dadurch können zwar neue Beziehungsmuster entstehen, diese sind aber in aller Regel nicht selbstverständlich zu erwarten und in den meisten Fällen nicht von langer Dauer; • die Errichtung eines sozialen Netzes durch eine angemessene Sozialpolitik, das z.B. Verlierer des freien Wettbewerbs auf dem Arbeitsmarkt auffängt. Solch eine Sozialpolitik macht aber die Existenz von Kollektivität und Gemeinschaftsgeist überflüssig; • die unnatürliche Gliederung von Kollektiven oder Betrieben in Hierarchien, mit der Möglichkeit von Auf- und Abstiegen innerhalb der jeweiligen Strukturen. Diese Entwicklung weckt und fördert „die Ausbildung individueller Aufstiegsorientierungen“ (Heitmeyer et al. 1995, S. 35). In diesen modernen gesellschaftlichen Strukturen „erscheinen Kollektivität und Solidarität als Denk- und Handlungspraxen zunehmend als dysfunktionale Relikte einer veralteten politischen (Klassen-)Moral“ (Heitmeyer et al. 1992, S. 16). Folglich verlieren generationsübergreifende, zwischenmenschliche Milieus mit ihren traditionellen, gemeinschaftlichen und gemeinsamkeitsstiftenden „Erfahrungs- und Deutungszusammenhängen“ zunehmend an Bedeutung und konventionelle, gesellschaftliche „Bewältigungsfunktionen (etwa Versorgungsbezüge, Hilfeleistungen etc.) und (...) Verständigungsformen (etwa de(r) Aufbau von kollektiv geteilten Deutungsmustern, allgemeinen, milieuinternalen, situationsspezifischen Umgangsformen, Konfliktregelungsmechanismen etc.)“ werden in zunehmender Größenordnung von gesellschaftlichen Institutionen übernommen (Heitmeyer et al. 1992, S. 16f). Diese Modernisierungsprozesse der Gesellschaft tragen allerdings nicht im geringsten zu einer Demontage sozialer Ungleichheit bei, sondern führen vielmehr dazu, dass verstärkt neue Dimensionen sozialer Ungleichheit in Erschei- [...]

Arbeit zitieren:
Einhaus, Michael September 2002: Jugend und Rechtsextremismus, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Jugend, Rechtsextremismus, Rechtsradikalismus, Gewalt, Jugendarbeit

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