Jahresringe: Grundgedanken über das Älterwerden mit geistiger Behinderung in geschützten Werkstätten
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Anja Braun
- Abgabedatum: Februar 2007
- Umfang: 55 Seiten
- Dateigröße: 1.008,8 KB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Agogis Berufliche Bildung im Sozialbereich Schweiz
- Originaltitel: Jahresringe. Grundgedanken über das Älterwerden von Menschen mit geistiger Behinderung in geschützten Werkstätten
- Bibliografie: ca. 25
- ISBN (eBook): 978-3-8366-0844-2
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Braun, Anja Februar 2007: Jahresringe: Grundgedanken über das Älterwerden mit geistiger Behinderung in geschützten Werkstätten, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Alter, Down Syndrom, Behindertenarbeit, Biografiearbeit, Personenzentrierter Ansatz
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Diplomarbeit von Anja Braun
Einleitung:
Zur ersten bewussten Auseinandersetzung mit dem Alter kam es bei mir im Alter von 14 Jahren. Im Rahmen einer Projektwoche „schnupperte“ ich im lokalen Altersheim. Man zeigte mir die so genannte Siechenstation. Der Name, die Gerüche und das Bild, das sich mir darbot, haben sich mir auf ewig eingeprägt. Ich fand es einfach nur schrecklich. Trotzdem begann ich eine Ausbildung zur staatlich geprüften Hauswirtschafterin in einem Altenwohnheim in Deutschland. Nach Wünschen für die ersten drei Monate der Ausbildung befragt, meldete ich mich für die Pflegestation mit dem Hintergedanken „es dann hinter mir zu haben“. Gelernt habe ich jedoch eines sehr schnell: alte Menschen sind nicht gleich alte Menschen. Mein persönliches Bild vom Alter und vom Altern wurde durch den intensiven Kontakt mit den Bewohner/innen positiv beeinflusst.
Heute arbeite ich schon mehr als elf Jahre in einer Werkstatt für Menschen mit (grösstenteils kognitiven) Beeinträchtigungen, werde selbst älter und erlebe die Klient/innen beim Älterwerden. Das Durchschnittsalter in der Werkstatt steigt beständig. Ich kann zum Teil eine Zunahme von älteren Klient/innen und erschreckend schnell voranschreitenden Verfall beobachten. Auch ein Klient in meiner Gruppe gehört zu jenem Personenkreis. Ich musste bereits einige Anpassungen vornehmen, um diesem Klienten ein würdiges Älterwerden und ein erfolgreiches Arbeiten trotz seines „Abbaues“ zu ermöglichen. Doch habe ich den Wunsch mehr zu tun, als nur auf Offensichtliches zu reagieren.
Problemstellung:
Während im Bereich Wohnen kürzlich ein Konzept zum Thema „Älter werden im Wohnheim“ erarbeitet wurde, gibt es im Bereich Arbeit noch nichts dergleichen. Ich kann jedoch erkennen, dass durch das steigende Durchschnittsalter auch im Arbeitsbereich neue Anforderungen auf uns zukommen. Einige Klient/innen haben das Pensionsalter bereits erreicht. Andere, mehr als je zuvor, werden bald folgen.
Ich bin der Meinung, dass die Begleitung in den Ruhestand und die Gestaltung der Übergangsphase auch in den Aufgabenbereich von Sozialpädagog/innen im Arbeitsbereich fallen. Hierbei bedarf es der Zusammenarbeit mit Klient/innen, dem Wohnbereich und, wo es möglich ist, den Angehörigen. Schon vor dem Erreichen des Pensionsalters der Klient/innen sehe ich Handlungsbedarf in Bezug auf strukturelle Anpassungen, Änderungen in der Form der Begleitung und der Erfassung der Bedürfnisse von Klient/innen in fortgeschrittenem Alter.
Meine Themenwahl gründet auf der Aktualität und der Brisanz des Themas „Altern mit geistiger Behinderung“.
In dieser Arbeit geht es hauptsächlich um Personen mit kognitiver Beeinträchtigung, die in Werkstätten arbeiten und bei denen der Alterungsprozess verstärkt eingesetzt hat. Andere Personen, ob mit psychischer und/ oder körperlicher Beeinträchtigung sowie Migrant/innen können nicht berücksichtigt werden, da dies den Rahmen der Diplomarbeit sprengen würde. Sterben, Tod und Trauer habe ich in diesem Zusammenhang bewusst ausgeklammert. Auch Demenz wird nur kurz erwähnt, da der Arbeitsbereich (noch) nicht bzw. nicht in grösserem Umfang von dieser Krankheit tangiert wird.
Gang der Untersuchung:
Nach der Einleitung setze ich mich vertieft mit Alter und Altern auseinander. Die umfangreiche Beschäftigung mit den biologischen Alterungsprozessen dient u. a. zur Erfassung des Handlungsbedarfes im Bereich Werkstatt.
Danach widme ich mich in Kapitel 3 dem Alterungsprozess bei Menschen mit geistiger Behinderung bzw. Down Syndrom, wobei ich zunächst auf den Begriff „Geistige Behinderung“ eingehe. In diesem Kapitel weise ich auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Alterungsprozesses von Menschen der allgemeinen Bevölkerung und mit geistiger Behinderung hin.
In Kapitel 4 wird das Thema Arbeit behandelt. Das heilpädagogische Zentrum in Liechtenstein sowie die Werkstatt, in der ich tätig bin, wird vorgestellt. Kapitel 5 beschäftigt sich mit dem Thema Ruhestand. Auch hier wird jeweils auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten hingewiesen.
Kapitel 6 gehört Herrn F. Er wird vorgestellt und kommt mit seinen Wünschen und Bedürfnissen in Bezug auf den Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand zu Wort.
Kapitel 7 befasst sich mit der Lebenslaufperspektive und beinhaltet eine mögliche Methode für die Arbeit mit älter werdenden Klient/innen. In Kapitel 8 stelle ich den personenzentrierten Ansatz vor und mache auch Aussagen zu meiner persönlichen Haltung, bevor ich mich in Kapitel 9 den Aspekten für den Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand von Menschen mit geistiger Behinderung widme.
In Kapitel 10 beantworte ich die eingangs gestellten Fragen, beurteile die Zielerreichung und zeige einige Konsequenzen und Perspektiven für die sozialpädagogische Arbeit auf.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 1.1 | Motivation | 1 |
| 1.2 | Begründung der Themenwahl | 1 |
| 1.2 | Eingrenzung des Themas | 1 |
| 1.3 | Fragestellung und Ziele | 2 |
| 1.4 | Gliederung und Aufbau | 2 |
| 1.5 | Anmerkungen zum Sprachgebrauch | 3 |
| 1.6 | Anmerkungen zum Personenschutz | 3 |
| 2. | Die Dimensionen des Alter(n)s | 3 |
| 2.1 | Begriffsklärung: Das Alter | 3 |
| 2.2 | Begriffsklärung: Das Altern | 4 |
| 2.3 | Altern aus biologischer Sicht | 5 |
| 2.4 | Altern aus psychologischer Sicht | 7 |
| 2.4.1 | Lernen und Gedächtnis | 7 |
| 2.4.2 | Veränderungen des Selbstbildes, Persönlichkeitsveränderungen | 8 |
| 2.5 | Altern aus soziologischer Sicht | 10 |
| 2.6 | Altern und Entwicklung | 11 |
| 3. | Altern mit geistiger Behinderung | 12 |
| 3.1 | Begriffsklärung: Geistige Behinderung | 13 |
| 3.2 | Besonderheiten beim Altern von Menschen mit geistiger Behinderung | 14 |
| 3.3 | Altern mit Down Syndrom | 16 |
| 3.3.1 | Down Syndrom: Typische Merkmale und medizinische Begleitsymptome | 16 |
| 3.3.2 | Besonderheiten beim Altern von Menschen mit Down Syndrom | 17 |
| 3.4 | Fazit aus Kapitel 2 und 3 für die sozialpädagogische Arbeit aus meiner Sicht | 18 |
| 4. | Arbeit: Mehr als nur ein Broterwerb | 19 |
| 4.1 | Die Funktionen der Arbeit | 19 |
| 4.1.1 | Allgemeine Aspekte | 19 |
| 4.1.2 | Die psychosozialen Funktionen der Arbeit | 19 |
| 4.1.3 | Die „Wiederentdeckung“ älterer Arbeitnehmer | 20 |
| 4.2 | Die Funktion von Arbeit für Menschen mit geistiger Behinderung | 21 |
| 4.3 | Aufgaben und Ziele einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung | 21 |
| 4.4 | Aufgaben der Sozialpädagog/innen in einer Werkstatt | 22 |
| 4.5 | Die Werkstatt „Fabrica“ | 23 |
| 4.6 | Älterwerden in der Werkstatt Fabrica | 24 |
| 4.6.1 | Aktuelle Problemlage | 24 |
| 4.6.2 | Strukturelle Ressourcen der Fabrica in Bezug auf älter werdende Klient/innen | 25 |
| 4.6.3 | Ressourcen des HPZ in Bezug auf älter werdende Klient/innen | 26 |
| 5. | Der Ruhestand: Eintritt in einen neuenLebensabschnitt | 26 |
| 5.1 | Zum Begriff Ruhestand | 26 |
| 5.2 | Chancen und Risiken der (vorzeitigen) Pensionierung | 27 |
| 5.3 | Probleme und Perspektiven bei der Pensionierung von Menschen mit geistiger Behinderung | 28 |
| 5.4 | Fazit aus Kapitel 4 und 5 für die sozialpädagogische Arbeit aus meiner Sicht | 30 |
| 6. | Älter werden in der Werkstatt: Herr F | 31 |
| 6.1 | Beschreibung von Herrn F | 31 |
| 6.2 | Ausgewählte Persönlichkeitsbereiche von Herrn F | 33 |
| 6.3 | Anzeichen für den einsetzenden Alterungsprozess bei Herrn F | 34 |
| 6.4 | Herr Fs Wünsche und Vorstellungen in Bezug auf den Übergang in den Ruhestand | 35 |
| 7. | Die Lebenslaufperspektive in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung | 36 |
| 7.1 | Die Lebenslaufperspektive als entwicklungsorientiertes Modell | 36 |
| 7.2 | Der Lebenslauf auf Makro-, Meso- und Mikroniveau | 37 |
| 7.3 | Die Funktionen der Biografiearbeit | 38 |
| 8. | Der personenzentrierte Ansatz in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung | 39 |
| 8.1 | Grundlagen der personenzentrierten Arbeit | 39 |
| 8.1.1 | Das humanistische Menschenbild | 39 |
| 8.1.2 | Die personenzentrierte Haltung | 40 |
| 8.1.3 | Weitere ausgewählte Grundlagen | 41 |
| 8.2 | Richtlinien für den Alltag | 41 |
| 8.3 | Die Beziehung zwischen Klient/in und Begleiter/in im personenzentrierten Ansatz | 42 |
| 8.4 | Fazit aus Kapitel 7 und 8 für die sozialpädagogische Arbeit aus meiner Sicht | 43 |
| 9. | Aspekte für den Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand in einer geschützten Werkstatt | 44 |
| 9.1 | Anpassungen an die Bedürfnisse älterer Klient/innen | 44 |
| 9.2 | Anpassung der Begleitung älterer Klient/innen | 45 |
| 9.3 | Zusätzliche Aufgaben der Bezugspersonen von älteren Klient/innen im Bereich Werkstatt | 45 |
| 10. | Der Schluss | 46 |
| 10.1 | Beantwortung der Fragestellung | 46 |
| 10.2 | Beurteilung der Zielerreichung | 48 |
| 10.3 | Konsequenzen und Perspektiven | 49 |
| 10.4 | Schlussbetrachtungen | 50 |
| 11. | Literaturverzeichnis | 51 |
| 12. | Anhang | 53 |
Textprobe:
Kapitel 9, Aspekte für den Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand in einer geschützten Werkstatt:
Diese Aspekte beziehen sich nicht nur auf die Institution, in der ich arbeite. Sie beziehen sich jedoch hauptsächlich auf den Bereich Arbeit und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Anpassungen an die Bedürfnisse älterer Klient/innen: Zunächst sind die körperlichen Aspekte zu beachten, die sich aus dem biologischem Alterungsprozess ergeben. Als erforderlich sehe ich an: (1) Helle, klar strukturierte Räumlichkeiten mit Orientierungshilfen, (2) Rückzugsmöglichkeiten, Liegemöglichkeiten, (3) Sanitäre Anlagen mit Duschen in genügender Anzahl, (4) Arbeiten, die weniger Kraft und Ausdauer beanspruchen, (5) Vermeidung von zuviel Lärm, (6) Aus- und Weiterbildung des betreuenden Personals im Pflegebereich und in Gerontologie, (7) Erfassung der zu erwartenden Betroffenen in den nächsten 5-10 Jahren.
(8) In Bezug auf die Werkstatt Fabrica wird eine andere Pausenregelung benötigt, zum einen, weil der Lift nicht mehr ausreicht, zum anderen, weil der Hilfsbedarf einiger Klient/innen gestiegen ist und insbesondere die Nachmittagspause mit 15 Minuten zu kurz ist. Der „Stau“ an der Kaffeemaschine wäre damit vermeidbar, und somit auch der Stress, den dies für einige der älteren Klient/innen bedeutet.
Die Bedürfnisse, die in der Befragung von Freese (Kapitel 5.3) genannt wurden und mit denen von Herrn F größtenteils übereinstimmten, sind trotz aller Vergleichbarkeit individuell und müssen erfragt werden. Anpassungen an die Bedürfnisse der Klient/innen kann man jedoch vorbereiten mit:
(1) Flexiblen Arbeitszeiten und einer flexiblen Ruhestandsregelung. Dies bedingt häufig die Neustrukturierung im Wohnbereich, aber auch eine hohe Flexibilität im Bereich Werkstatt.
(2) Erfassung von Bedürfnissen und Ängsten in Bezug auf das Älterwerden bzw. den Ruhestand. Dies kann beispielsweise in der Erwachsenenbildung geschehen, aber auch im Wohnbereich. In der Werkstatt kann es Teil der Förderplanung sein, einen Menschen mit geistiger Behinderung auf den Ruhestand vorzubereiten. Wichtig ist hierbei darauf zu achten, dass alle mit dem bzw. der Klient/in arbeitenden über den Stand der Dinge informiert sind.
(3) Ein alternatives Freizeitangebot - im Wohnheim, in der Gemeinde, mit Freiwilligen oder Angehörigen. Wichtig scheint auch die Ermöglichung des Erhalts der sozialen Kontakte in der Werkstatt.
Anpassung der Begleitung älterer Klient/innen: Auch in diesem Bereich sollten biologische Alterungsprozesse nicht ausser Acht gelassen werden. Insbesondere gilt das für das Gedächtnis und Lernen, die zwar dem psychologischen Altern zugehören, von biologischen Abbauprozessen jedoch beeinflusst werden. Es gibt einige konkrete Anpassungen, die in einer Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigung umgesetzt werden können:
(1) Die Arbeiten müssen noch überschaubarer gemacht werden, klar gegliedert und nicht zu komplex sein. Auch das Anbieten von Stützen für das selbständige Handeln gehört zur Begleitung älterer Klient/innen.
(2) Zeitdruck und Reizüberflutung wirken sich negativ auf das Lernen aus.
(3) Das Erleben einer älteren Person mit geistiger Behinderung ändert sich möglicherweise, als Begleitung muss dem Rechnung getragen werden. Dazu gehört, dass Begleiter/innen empathisch auf das Erleben eingehen und die Person ernst nehmen.
(4) Selbstbestimmung ermöglichen. Dazu gehören auch selbst gewählte Arbeiten, die möglichst in eigenem Rhythmus ausgeführt werden können.
(5) Den Rahmen und den Spielraum neu überprüfen. Die Bedürfnisse älterer Klient/innen ändern sich.
(6) Die Ressourcen älterer Mitarbeiter/innen gezielt einsetzen. Dies kann einfach „nur“ die Ermöglichung eines Gesprächs mit dieser Person sein, die von ihren Erlebnissen und Befinden erzählt und so Einblick gestattet in den Alterungsprozess. Es kann aber auch das Einsetzen der Person als „Lehrer“ bzw. Mentor für neue Mitarbeiter/innen sein.
(7) Bestehende Ressourcen erhalten, neue Ressourcen nicht übersehen. Auch ältere Menschen mit geistiger Behinderung entwickeln sich weiter. Statt defizitorientiert ressourcenorientiert arbeiten und auf die Entwicklungsmöglichkeiten vertrauen, die jeder Mensch hat. Eine Ressource, die bei Herrn F mit zunehmendem Alter verstärkt zum Tragen kommt, ist sein Humor. Damit trägt er positiv zum Gruppenklima bei.
Zusätzliche Aufgaben der Bezugspersonen von älteren Klient/innen im Bereich Werkstätten: In der Zusammenfassung von Kapitel 6.4 nannte ich schon einige mögliche Zusatzaufgaben für Gruppenleiter/innen bzw. Sozialpädagog/innen im Bereich Werkstatt. An dieser Stelle möchte ich diese Aufgaben noch etwas genauer betrachten.
Die Biografiearbeit: In vielen Institutionen gibt es schon eine umfassende Anamnese von Klient/innen. Dies gilt jedoch nicht für alle Institutionen und vor allem nicht für den Arbeitsbereich. Außerdem sind die heute älteren Klient/innen noch nicht so gefördert und genau erfasst worden wie das bei den jüngeren der Fall ist. Hier ist man auf die Erzählungen der Klient/innen angewiesen, und wo das nicht möglich ist, auf die der Angehörigen. Auch der Einbezug der Angehörigen ist nicht immer möglich, teilweise sogar von ihnen unerwünscht. Außerdem kann eine umfassende Biografie im Arbeitsbereich nur schwerlich erstellt werden, da die Zeit dafür oft nicht vorhanden ist. Daneben wird eine Trennung von Privatleben und Arbeit oft als notwendig angesehen.
Für Menschen mit einer stärkeren kognitiven Einschränkung sehe ich jedoch Vorteile in der Bearbeitung der Biografie auch im Arbeitsbereich. Dies im gleichen Sinne wie die AAMR, die die Erfassung der Beeinträchtigung zur Ermittlung des Unterstützungsbedarfes gebraucht.
Die Gestaltung des Ablöseprozesses: Sicherlich kann man den Ablöseprozess nicht vereinheitlichen. Allerdings kann man sich und die betreffende Person darauf vorbereiten. Einige Aspekte nannte ich schon wie die Veranschaulichung von Alterungsprozessen oder die professionelle Beziehungsgestaltung. Es muss sich gefragt werden:
Was kann die Institution als solche an Ressourcen bereitstellen? Wer ist an diesem Prozess mitbeteiligt? Inwieweit müssen die Beteiligten mit einbezogen werden? Wie ist der Mensch um den es geht und worauf muss ich bei ihm oder ihr speziell achten? Wann beginnt der Prozess, wie leite ich ihn als Sozialpädagog/in ein? Nicht zu vergessen ist das eigene Selbst: Wie werde ich mit dem Ablöseprozess als Person umgehen? Wo finde ich nötigenfalls Hilfe: in der Gestaltung des Ablöseprozesses und als Person?
Diese Fragen sind nicht abschließend. Sie bieten jedoch einen Anhaltspunkt für die Gestaltung des Ablöseprozesses.
Der Übergang in den Ruhestand: Auch hier stellen sich sehr ähnliche Fragen. Hinzu kommen die Bedürfnisse der einzelnen Klient/innen sowie der institutionelle Rahmen. Auch die Kreativität der Sozialpädagog/innen in Werkstätten ist gefragt: Welche Hilfsmittel, welche Arbeiten kann ich anbieten, wie gestalte ich diese Arbeiten, wie passt das mit meinem Produktionsauftrag zusammen? Was kommt an pflegerischen Aufgaben auf mich zu, wie kann ich diese bewältigen. Gibt es institutionelle Hilfe dabei wie z.B. Zusatzausbildung, Weiterbildung oder die Anstellung einer versierten Fachkraft?
Der Abschied von Bezugspersonen und Mitarbeiter/innen: Auch hier ist die Institution gefragt: welche Form wird der Verabschiedung in den Ruhestand gegeben? Herr F wünscht sich ein Fest zur Pensionierung. Für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung ist die Arbeit häufig mehr als nur Arbeit, das gilt es bei der Verabschiedung zu bedenken. Sind nur die Mitarbeiter/innen der eigenen Gruppe eingeladen oder alle Mitarbeiter/innen der Abteilung? Gibt es eine Zeremonie? Gibt es ein Geschenk? Wer führt die Verabschiedung durch? Der Direktor, der Abteilungsleiter, die Bezugsperson oder sogar die betroffene Person? Dürfen Freunde und Familienmitglieder eingeladen werden? Inwiefern kann auf die individuellen Bedürfnisse der Klient/innen in Bezug auf die Gestaltung des Abschieds Rücksicht genommen werden?
Auch diese Fragen betrachte ich nicht als vollständig. Eine mögliche Schwierigkeit sehe ich in dem Abbruch einer langjährigen Arbeitsbeziehung. Die Person des Gruppenleiters, der Gruppenleiterin ist möglicherweise über viele Jahre zentral im Leben des Klienten, der Klientin gewesen. Ebenso wichtig waren die Gruppenmitglieder. Auch für diese wird sich in der Folge einer Pensionierung eine Veränderung ergeben, die erst verarbeitet werden muss. Eine sorgfältige Gestaltung des Ablöseprozesses kann viel dazu beitragen, den Abschied zu erleichtern.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836608442
Arbeit zitieren:
Braun, Anja Februar 2007: Jahresringe: Grundgedanken über das Älterwerden mit geistiger Behinderung in geschützten Werkstätten, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Alter, Down Syndrom, Behindertenarbeit, Biografiearbeit, Personenzentrierter Ansatz



