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Interventionen bei familiären Kommunikationsproblemen im systemischen Kontext

Interventionen bei familiären Kommunikationsproblemen im systemischen Kontext
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Franziska Lenz
  • Abgabedatum: April 2010
  • Umfang: 108 Seiten
  • Dateigröße: 733,2 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Rostock Deutschland
  • Bibliografie: ca. 49
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-0230-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Lenz, Franziska April 2010: Interventionen bei familiären Kommunikationsproblemen im systemischen Kontext, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: System, Familie, Kommunikation, Beratung, sozial

Diplomarbeit von Franziska Lenz

Einleitung:

Die systemische Therapie und Beratung hat in den letzten Jahren stetig an Bedeutung gewonnen. Der Ansatz der Systemiker ist insofern ein neuer, dass er sich nicht auf das Problem eines einzelnen Menschen fokussiert, sondern den Blick auf das ganze System, in dem das Problem eingebettet ist, richtet. Das ermöglicht neue Sichtweisen, die insbesondere für den pädagogischen Bereich von großer Bedeutung sind. Es wird danach gefragt, welche Funktion das Problem im System hat. Um dies zu erforschen, ist es zunächst notwendig, das System hinsichtlich der darin vorherrschenden Beziehungs- und Kommunikationsmuster zu ergründen. Eine umfangreiche Übersicht über systemisches Denken und Arbeiten in sozialpädagogischen Bereichen hat Mariana Obst im Bezug auf verschiedene Autoren erarbeitet. Dieses Werk eignet sich als Einführung in die Systemtheorie und der damit verbundenen Bedeutung für die Soziale Arbeit.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Interventionen bei familiären Kommunikationsproblemen im systemischen Kontext. Dieser Schwerpunkt ist auf Grund seiner Aktualität und die bewirkte Veränderung aller bisherigen humanistischen Denkweisen gewählt worden. Diese Betrachtungsweise hat sich über mehrere Jahrzehnte entwickelt und ist in seiner Ausformung noch nicht vollendet. Trotzdem ist die Bedeutung für die Psychologie, Soziologie und Pädagogik schon heute nicht zu unterschätzen. Die Grundgedanken entstammen der Biologie sowie der Kybernetik. Das Systemdenken ist besonders für diejenigen, die sich noch nie damit befasst haben, schwer zu begreifen, sodass erst eine intensive Auseinandersetzung eine Übernahme in das eigene Denkmuster ermöglicht.

In diesem Zusammenhang erfolgt zunächst die Herausarbeitung spezifischer Kommunikationsprobleme und deren Bearbeitungsmöglichkeiten (Interventionen). Besondere Aufmerksamkeit gilt der Familie, die als Schonraum von Individuen zahlreiche Konfliktpotentiale in sich birgt, da es das einzige System ist, das die Person als Ganzes thematisiert und diskutiert. Die Familie ist ein hochkomplexes soziales System mit spezifischen Merkmalen sowie Anforderungen. Sie haben sich in den letzten Jahrhunderten in ihrer Struktur und entsprechend der gesellschaftlichen Ansprüche in ihrer Funktion stark verändert, bilden aber trotzdem den Kern jeder Gesellschaft. Aus diesem Grund wird der Familie ein Kapitel gewidmet, um die Muster, die Rollenverteilung und –erwartung, aber auch die Besonderheiten der Familie aufzuzeigen. Eine Familie muss sich flexibel den Bedürfnissen aller darin Agierenden anpassen, gleichzeitig aber Schutz und Geborgenheit geben und dabei eine Einheit bilden, die sich von dem sie umgebenden System Umwelt abgrenzt.

Das Beheben der Kommunikationsprobleme in Familien stellt das Thema des 5. Kapitels dar. Einleitend sind die wichtigsten systemischen Konzepte, die sich vorrangig Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt haben, in einem Exkurs dargestellt. Nach Klärung des Interventionsbegriffs werden ausgewählte Interventionen und ihre Wirkung erläutert. Davon ausgehend erfolgt die Analyse, mit Hilfe welcher Interventionen die im 3. Kapitel aufgezeigten Kommunikationsstörungen behoben werden können, wobei eine Unterscheidung hinsichtlich ihrer primären Wirkung erfolgt. Ziel der Interventionen ist die Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten der Klienten, wobei diese am Lösungsprozess stark beteiligt sind. Es sollen neue Sichtweisen und Problemlösestrategien erarbeitet werden, die es dem bzw. den Klienten ermöglichen, Konflikte künftig auf andere Art und Weise zu beheben. Dabei sind die Interventionen sehr vielfältig, da sie dynamisch und flexibel sind. Es sind keine starren Vorgaben, die abzuarbeiten sind, um das Problem zu beheben, sondern sie können je nach Klient und Situation variiert werden. Sehr charakteristisch für systemische Interventionen sind paradoxe Aufgabenstellungen, die in Form von Hausübungen absolviert werden sollen, um dem Klienten neue Handlungsoptionen zu eröffnen.

Die vorliegende analytische Auseinandersetzung hat das Ziel einer Gegenüberstellung von Kommunikationsstörungen und verschiedenen Interventionstechniken, was in diesem Rahmen bisher nicht entwickelt wurde. In der Literatur finden sich zahlreiche Beschreibungen systemischen Arbeitens und der Interventionen, wobei stets auf das Vorhandensein von Kommunikationsproblemen hingewiesen wird. Jedoch gibt es keine Übersicht, die den Einsatz der einzelnen Interventionstechniken spezifischen Kommunikationsproblemen zuordnet bzw. diese begrifflich formuliert. Infolgedessen soll diese Problematik innerhalb der vorliegenden Arbeit aufgegriffen und darüber hinaus geschaut werden, ob eine systematische Zuordnung möglich ist.

Im Verlauf dieser Arbeit werden Begriffe wie Klient, Betroffener, Beteiligter und einige mehr analog verwendet und dienen einem besseren Lesefluss. Ebenso verweist die Einzahl oder Mehrzahl der Begriffe nicht ausschließlich auf das Gesagte, sondern steht stellvertretend für verschiedene Variationen. Innerhalb der Familie hat häufig eine Person ein Problem, was von der gesamten Familie aber als unerwünscht und belastend empfunden wird. Also stellt nicht nur der Symptomträger den Klienten der systemischen Beratung darstellt, sondern ebenso dessen Familie.

Darüber hinaus ist anzumerken, dass die systemischen Konzepte und Interventionsformen in erster Linie der Psychologie entstammen, inzwischen aber auch im pädagogischen Bereich genutzt werden. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit ausschließlich der Berater benannt. Das systemische Denken hat lineare Kausalzusammenhänge in der Sozialen Arbeit abgelöst, sodass der Berater die gesamte Familie im Fokus hat. Zum Beispiel hat sich die systemische Beratung in Trennungs- und Scheidungsfragen bewährt. Durch das Auflösen des Elternsubsystems wird das Gesamtsystem Familie in seiner ursprünglichen Form destabilisiert und muss sich folglich neu organisieren. Insbesondere durch festgefahrene Kommunikationsmuster wird die Bewältigung solcher Krisen erschwert, sodass Hilfe von außen, z. B. durch das Jugendamt, benötigt wird. Durch zirkuläres Fragen, die Erstellung von Genogrammen oder dem Einsatz des Refraimings wird der Familie eine andere Sichtweise als ihre bisherige aufgezeigt, sodass sie mit Hilfe der Beratung ihre Schwierigkeiten überwinden und das Familiensystem wieder im Gleichgewicht ist. Ein weiterer Bereich, in dem systemisches Denken sich niedergeschlagen hat, ist die nach § 31 SGB VIII bezeichnete Sozialpädagogische Familienhilfe. Durch das Arbeiten mit der Familie im direkten Umfeld werden Verstrickungen, starre Muster und Kommunikationsstörungen sichtbar und können in Zusammenarbeit mit den Familienmitgliedern bearbeitet werden. Weiterhin hat sich diese Denkweise im Bezug auf Heimerziehung als hilfreich erwiesen. Durch das Einbeziehen aller Familienmitglieder kann kontinuierlich an einer Rückführung in die Familie gearbeitet werden. In der Regel sind solche Pläne auf zwei Jahre angelegt. Ein Positivbeispiel für das Funktionieren solcher Rückführungen stellt das Haus Leuchtturm, eine in das SOS-Dorf Ammersee integrierte heilpädagogische Wohngruppe, dar. Auf einen Fall dieser Wohngruppe wird im 6. Kapitel genauer eingegangen. Bereits an dieser Stelle wird offensichtlich, welche herausragende Bedeutung systemisches Denken für den pädagogischen Bereich hat und höchstwahrscheinlich auch künftig haben wird. Insbesondere die Übernahme einer anderen Perspektive, die das gesamte System und dessen Umwelt im Blick hat, hat Veränderungen in der Sozialen Praxis bewirkt.

Abschließend ist folgende Anmerkung zu beachten: in der deutschen Sprache werden durch den generischen Maskulin beide Geschlechter gleichermaßen angesprochen. Zugunsten eines besseren Leseflusses wird in dieser Arbeit auf eine geschlechtsspezifische Differenzierung verzichtet.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Begriffe 5
2.1 Kommunikation 5
2.2 Familie 6
2.3 System 7
2.4 Problem – eine systemische Definition 13
3. Kommunikation nach Watzlawick, Beavin und Jackson 15
3.1 Kommunikationsbegriffe 16
3.1.1 Rückkopplung 16
3.1.2 Redundanz 16
3.1.3 Metakommunikation 17
3.2 Eigenschaften 18
3.3 Kommunikationsstörungen 22
3.3.1 Die Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren 23
3.3.2 Störungen auf der Inhalts- und Beziehungsebene 24
3.3.3 Interpunktion als Auslöser von Kommunikationsstörungen 27
3.3.4 Übersetzungsfehler analoger und digitaler Kommunikation 29
3.3.5 Störungen in symmetrischen und komplementären Interaktionen 30
3.4 Paradoxe Kommunikation 31
Exkurs: Kommunikation nach Luhmann 33
3.5 Zusammenfassung 36
4. Familie 37
4.1 Geschichtlicher Abriss – Von der Hausgemeinschaft zur Familie 38
4.2 Eigenschaften des Familiensystems 39
4.2.1 Grenzen und Subsysteme 41
4.2.2 Beziehungs- und Interaktionsmuster 43
4.3 Funktion der Familie 45
4.4 Kommunikation in Familien 48
4.5 Besonderheiten des Systems Familie 50
4.6 Zusammenfassung 52
5. Interventionen der systemischen Arbeit 54
5.1 Begriffsklärung 56
Exkurs: Systemische Theorien 57
5.2 Primär aufdeckende Interventionen 61
5.2.1 Genogramm 61
5.2.2 Skulpturarbeit 63
5.2.3 Familienbrett 64
5.2.4 Schlussfolgerungen 65
5.3 Primär behebende Interventionen 67
5.3.1 Externalisieren 67
5.3.2 Refraiming 68
5.3.3 Hausübungen 70
5.3.4 Reflektierendes Team 72
5.3.5 Schlussfolgerungen 73
5.4 Fragen 75
5.4.1 Fragen als Interventionstechnik 76
5.4.2 Bedeutung für Kommunikationsprobleme und andere Interventionen 78
5.5 Zusammenfassung 80
6. Beispiele systemischer Interventionen in der Sozialen Arbeit 83
6.1 Haus Leuchtturm – Familie L. 83
6.2 Das Familienbett 88
7. Zusammenfassung und Ausblick 91
Quellenverzeichnis I

Textprobe:

Kapitel 4, Familie:

In diesem Abschnitt sollen die Familie und ihre Besonderheiten näher beleuchtet werden. Familiäre Kommunikationsprobleme bilden einen Kernteil dieser Arbeit, sodass es unerlässlich ist, herauszufinden, was sich hinter dem Begriff ‘Familie’ verbirgt und weshalb die darin vorherrschende Kommunikation von großer Bedeutung für die gesamte Gesellschaft ist. Es sei darauf hingewiesen, dass die Familie ein soziales System und zugleich ein Teilsystem der Gesellschaft ist und demnach maßgeblich am Funktionieren dieser beteiligt ist. Es besteht nicht aus Personen, sondern aus Interaktionen und der Kommunikation darüber. Die einzelnen Personen sind als personale Systeme zu verstehen, die Träger der Kommunikation sind. Daraus lässt sich schließen, dass der Mensch als personales System in verschiedene Sozialsysteme eingebettet ist, abhängig von der jeweiligen Interaktion, die ausgeführt wird. Für ein soziales System stellen Personen ‘Umwelt’ dar. So wird das System ‘Vater’ zum Subsystem des Sozialsystems ‘Familie’, wenn er eine Interaktion ausführt, die beispielsweise die Kindererziehung betrifft. Die Familie stellt ein operational geschlossenes System dar, das sich nach außen abgrenzt, aber von seiner Umwelt abhängig ist. Dennoch können äußere Faktoren nicht in das System eindringen, sondern lediglich zum Inhalt familiärer Kommunikation werden. Welche Inhalte das sind, wird individuell und in Abhängigkeit familieninterner Relevanzen entschieden, wobei stets eine Unterscheidung zur Systemumwelt gegeben ist.

Im Folgenden wird zunächst ein kurzer geschichtlicher Abriss der Entwicklung der Familie dargestellt, der nachstehende Erläuterungen bezüglich der Struktur aber auch der Funktion der Familie stützt und infolgedessen die Besonderheiten hervorhebt. Die Familie ist das einzige System, welches gleichzeitig Erholungs- und Schonraum darstellt, ebenso für Sicherheit und Geborgenheit sorgen soll, aber auch für die Versorgung aller Mitglieder zuständig ist. Innerhalb des Systems können Grenzen ausgetestet, aber auch wichtige Verhaltensweisen für gesellschaftliches Zusammenleben erlernt werden. Besondere Bedeutung kommt dabei der Kommunikation zu, die unter Berücksichtigung des 3. Kapitels nochmals gesondert beleuchtet wird.

4.1, Geschichtlicher Abriss – Von der Hausgemeinschaft zur Familie:

Die Familie blickt auf eine lange Geschichte zurück. Jedoch muss hier klar unterschieden werden zwischen dem, was heute allgemein als ‘Familie’ angesehen wird und was im damaligen Sinn darunter zu verstehen war.

In den vorangegangenen Jahrhunderten bis zur aufkommenden Industrialisierung stellte die Familie eine ‘Hausgemeinschaft’ dar, das heißt es lebten und arbeiteten ebenso verwandte wie nicht-verwandte Personen gemeinsam in einem Haushalt. Es gab keine kommunikative Abgrenzung der Verwandtschaftsfamilie zu den restlichen Hausbewohnern, sie galt als Untergruppe des Gesamthaushalts. Im Laufe der Industrialisierung hat eine Trennung von Arbeits- und Privatleben stattgefunden, sodass die Familiengröße auf verwandte Personen reduziert wurde und ihre Produktionsfunktion verloren hat. Zumindest zeitweise haben einige Familienmitglieder die Familie verlassen um einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, das heißt sie haben sich in ein anderes soziales System begeben, das sich über spezifische Funktionen (entsprechend der beruflichen Tätigkeit) definiert hat. Diese Veränderungen der Gesellschaft haben ebenso eine familieninterne Veränderung hinsichtlich der Beziehungen bewirkt. Kinder haben nun keinen ökonomischen Nutzen mehr, sondern werden zu einem ‘emotional bedeutsamen Beziehungspartner’, der den Eltern einen Sinn ihres Lebens vermittelt.

Im Laufe der Entwicklung hat die Familie weitere Aufgaben an externe Dienstleister abgegeben, wie beispielsweise Schulen und Kindergärten. Erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts ist die Familie in der Form unseres heutigen Verständnisses vorzufinden – als soziales System mit vorwiegend personenzentrierter Kommunikation. Die Intensität der Beziehungen untereinander ist im Laufe der Entwicklung stetig gestiegen, was durch die so genannte ‘verantwortete Elternschaft’ und die damit geringere Kinderanzahl pro Familie begründet ist. Insbesondere die Position von Einzelkindern wird kontrovers diskutiert, da sie zum einen innerhalb der Verwandtschaft besondere Wertschätzung und Aufmerksamkeit genießen, was zum anderen aber durch Verwöhnungseffekte zur defizitären Entwicklung beitragen kann.

4.2, Eigenschaften des Familiensystems:

Die Familie wird zum einen als soziales System und zum anderen als Teilsystem gesehen, das in das System Gesellschaft eingebettet ist. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen die Erwartungen, Muster und Regelungen der Kommunikation, die den Handlungen zugrunde liegen und eine Definition der Beziehung der Interagierenden zulassen. Die Reproduktion der Kommunikationsmuster ermöglicht Entwicklung und Zugehörigkeit, kann aber ebenso zu Irritationen und Störungen führen.

Nach Hofer weist das Familiensystem in erster Linie folgende Eigenschaften auf: die Beziehungen der Familie werden als Einheit verstanden, welche aus Subsystemen, zum Beispiel dem Eltern-Subsystem oder Geschwister-Subsystem, bestehen. Darüber hinaus wird dem System eine homöostatische Eigenschaft zugesprochen, das heißt, es ist auf die Herstellung bzw. Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts ausgerichtet. Das betrifft insbesondere die Stabilität von Beziehungen, sodass diese auch bei eintretenden Störungen nicht gefährdet werden. Damit diese Stabilität erreicht wird, ist es zunächst notwendig, gewisse Regeln im System zu errichten, damit sich die Mitglieder im Falle einer Irritation oder Störung daran orientieren können. Der Aufbau von Regeln geschieht in Folge von sich wiederholenden Interaktionen der Familienmitglieder. Neben der Kontinuität ist Dynamik charakteristisch für das Familiensystem. Das bedeutet, dass die Familie einen dauernden Charakter hat, sich aber flexibel veränderten Bedingungen anpasst. Diese treten im Familienalltag häufig auf, seien es der Schuleintritt oder –abschluss, ein Arbeitsplatzwechsel, der Tod eines geliebten Familienmitglieds. Solche Veränderungen muss die Familie ausbalancieren und sich folglich reorganisieren, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Eine vierte Eigenschaft, die der Familie zugesprochen wird, ist die Wechselseitigkeit zwischen Umwelt und System. Das bedeutet, dass jedes Verhalten einer Person auf eine andere wirkt, diese wiederum aber das oben genannte Verhalten möglicherweise erst ausgelöst hat. Es entsteht ein zirkulärer Prozess wechselseitiger Beeinflussung, sodass nicht ausgemacht werden kann, wer den Anstoß gegeben hat. Daraus lässt sich schließen, dass durch die gegenseitige Einflussnahme Veränderungen in Gang gesetzt werden, die wiederum das gesamte System Familie ändern.

Im Gegensatz dazu hat Erler für die familiale Kohäsion vier Variablen herausgearbeitet: Strukturflexibilität, Metakommunikation, Systemtransparenz sowie Umweltoffenheit.

Mit Strukturflexibilität ist die Anpassungsleistung der Familie gemeint, welche auf Grund sich ändernder Bedürfnisse der einzelnen Mitglieder sowie sich wandelnder Umweltbedingungen stets gefordert ist. Das heißt, es muss eine Balance zwischen einer gewissen Starrheit und der Flexibilität interner Familienstrukturen erzeugt werden. Verdeutlicht werden soll dies an einem Beispiel: das Erwachsenwerden eines Familienmitglieds ist zumeist eine schwierige Angelegenheit für die gesamte Familie, da bisherige Systemstrukturen nicht mehr aufrechterhalten werden können. Ein junger Erwachsener muss anders behandelt werden als das unmündige Kind, welches auf elterliche Fürsorge angewiesen ist. Das heißt, die Familie muss lernen, den jungen Erwachsenen mit anderen Augen als vorher zu sehen, ihm mehr Respekt entgegen zu bringen, seine Meinung akzeptieren und ggf. hinterfragen. Die Eltern können nicht mehr darüber ‘bestimmen’, was für die Person am Besten ist, sondern sich damit arrangieren, dass ihr einst kleines Kind nun selbst Entscheidungen trifft. Vieles des eben Gesagten gilt bereits bei dem jüngeren Kind, jedoch ist es ein Unterschied, ob ein Dreizehnjähriger rebelliert, weil er länger mit seinen Freunden zusammen sein möchte oder ob ein Einundzwanzigjähriger beschließt, sich spät abends mit seinen Freunden zu treffen. Dies erscheint logisch, jedoch ist es für Familien oftmals schwer, diese neue Situation auszubalancieren, denn es müssen neue Strukturen hinsichtlich der Kommunikation und des Miteinanderlebens entwickelt werden.

Metakommunikation und Systemtransparenz fasst Erler als Balance von Kohäsion und Konflikt im System Familie zusammen. Letztgenanntes stellt dabei die Kenntnis über sich selbst bezüglich eigener Wünsche, Bedürfnisse etc. dar, während mit Metakommunikation die Kommunikation über diese gemeint ist. Die Beherrschung dieser Variablen ist äußerst wichtig, da sie ein Verständnis anderer Subsysteme ermöglichen und die Person sich folglich in seinen Handlungen daran orientieren kann.

Die Umweltoffenheit bezieht sich auf die Balance zwischen Isolation und Offenheit. Es geht dabei um die Notwendigkeit der Durchlässigkeit der Systemgrenzen, um Erfahrungen sowohl im kognitiven als auch affektiven Bereich sammeln zu können. Wer sich komplett von seiner Umwelt abzuschließen versucht, schränkt sich damit in seiner Erfahrungswelt ein. Es darf nicht außer Blick geraten, dass das Familienleben stark von äußeren Faktoren wie Arbeits- und Schulzeiten, Öffnungszeiten von Betreuungseinrichtungen und beispielsweise Supermärkten beeinflusst wird. Jede Familie strukturiert ihr Privatleben zwar selbst, muss sich aber notwendigerweise an der Umwelt orientieren um am System Gesellschaft teilnehmen zu können.

Beide Autoren sind sich einig, dass das Familiensystem aus Subsystemen besteht, die sich durch gegenseitige Einflussnahme kennzeichnen. Des Weiteren heben sie das Streben nach Gleichgewicht sowie den dynamischen Charakter des Systems hervor und verweisen auf die wechselseitige Abhängigkeit von System und Umwelt. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Grenzziehung zwischen System und Umwelt, aber auch zwischen den Subsystemen. Dies soll im Folgenden weiter ausgeführt werden.

Arbeit zitieren:
Lenz, Franziska April 2010: Interventionen bei familiären Kommunikationsproblemen im systemischen Kontext, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
System, Familie, Kommunikation, Beratung, sozial

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