Internationale Konfliktsituation in der Kaukasus-Region in Bezug auf Erdölressourcen
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Dominique Böhme
- Abgabedatum: Februar 2004
- Umfang: 102 Seiten
- Dateigröße: 3,9 MB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Philipps-Universität Marburg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-7996-1
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-7996-1 P - ISBN (CD) :978-3-8324-7996-1 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Böhme, Dominique Februar 2004: Internationale Konfliktsituation in der Kaukasus-Region in Bezug auf Erdölressourcen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Terror, Sicherheitspolitik, Osterweiterung, Energiepolitik, Fossile Brennstoffe
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Diplomarbeit von Dominique Böhme
Einleitung:
Nach fast 90 Jahren weltpolitischer Abstinenz ist der Kaspische Raum, und Kaukasien als integraler Bestandteil desselben, schlagartig ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit zurückgekehrt.
Spätestens seit die US- Amerikaner 1994 den gesamten kaspischen Raum als eigene Interessenzone deklarierten , begann das Ringen um Einfluss in dieser Region. Mächtige weltpolitische Akteure streiten seit fast zehn Jahren um die Kontrolle der enormen energetischen und mineralischen Lagerstätten. Akteure sind international operierende Staaten welche in weltweiten Handels- und Wirtschaftsregimen, etwa der OECD, zusammengeschlossen sind, INGOs/ NGOs, regionale Eliten, Warlords und Clans. Aber auch staatliche Lokalmächte wie die Türkei und der Iran versuchen ihre Machtpositionen zu errichten, zu bewahren und auszubauen. Die den eigenen Gesetzmäßigkeiten unterworfene, dem gesamten Prozess innewohnende Dynamik erbrachte den Vergleich mit dem „Great Game“ der imperialistischen Epoche Großbritanniens und Russlands. Dieses „Spiel“ um Macht, Einfluss und Kontrolle über Rohstoffressourcen ereignet sich zudem vor dem Hintergrund grausam ausgetragener ethnischer Konflikte und brutal erzwungener Bevölkerungstransfers.
Die prekäre sozioökonomische Situation, die Verelendung weiter Teile der Bevölkerung und die schwierige politische und wirtschaftliche Lage auf der einen, sowie die Interessen der Akteure in Bezug auf monetäre Aspekte auf der anderen Seite stehen in extremen Widerspruch zueinander und verschärfen die Gewaltspirale zusätzlich . Die hieraus resultierende Beschleunigung konfliktreicher Prozesse, welche unter anderem durch die Radikalisierung des islamischen Glaubens kanalisiert wird, erzeugt eine ungeheure soziale und ethnische Sprengkraft. Der komplexe Ereignishorizont macht es schwierig, bei diesem hochaktuellen Thema bestimmte Kristallisationspunkte und Schemata zu erkennen und restlos alle relevanten Vorgänge angemessen zu berücksichtigen.
In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden, dass wesentliche Prozesse gegen Ende des Jahres 2003 erneut aktiviert, beziehungsweise nochmals intensiviert wurden . Die anhaltenden Demonstrationen in Aserbaidschan und die Entmachtung des georgischen Präsidenten Schewardnadse stellen somit vorläufige Höhepunkte einer nicht absehbaren Entwicklung dar. Hinzu kommt eine scheinbar wachsende Terrorgefahr, welche vom Mittleren- und Nahen Osten in diesen Raum getragen wird und dem latent existierenden Potential gewaltbereiter Aktivisten erneuten Auftrieb gab und noch gibt. Im November 2003 erreichte diese Welle die Türkei und offenbarte sehr eindringlich das Gefährdungspotential für Europa. Doch auch staatliche Akteure wie beispielsweise Russland befinden sich seit Jahren in permanentem Kriegszustand in den Republiken der Russischen Föderation beziehungsweise Russländischen Föderation. Die Konflikte in Tschetschenien und Dagestan sind bei weitem noch nicht beendet, und auch der ruhende Krieg zwischen den Azeri und den Armeniern ist nicht beigelegt worden.
Auf der anderen Seite steht die EU vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte. Die Osterweiterung wird ab dem Jahr 2004 beginnen, und mit ihr rückt der kaukasische Raum stärker in den Blickwinkel der Europäer. Die politische und wirtschaftliche Brisanz für die EU offenbart sich somit in einer wahrscheinlich instabilen Außengrenze im Osten. Der im Bereich des möglichen liegende Beitritt der Türkei zur EU, welcher ein potentielles Hineinziehen dieser in die Konfliktsituation des Nahen Ostens bedeuten könnte, problematisiert diese Erweiterung nicht unerheblich. Die zusätzlichen energiepolitischen Präferenzen der EU in Bezug auf den kaukasischen Raum und die Konfliktsituationen zwischen den anderen Akteuren erzwingen eine umsichtige europäische Politik, um nicht selbst destabilisiert zu werden.
Die internationale Konfliktsituation in Bezug auf die Erdölressourcen des kaukasischen Raumes, kann kaum unbeeinflusst von den sie umgebenden Konflikten und den Geschehnissen der Weltpolitik betrachtet werden. Insofern wird diese Konfliktsituation im erweiterten Kontext verortet und als Bestandteil mehrdimensionaler analytischer Ebenen, welche aus den vielfältigen Interessenlagen und den sich daraus ergebenden Konfliktlinien resultieren, impliziert.
Staatsgrenzen können hierbei keine analytische Trennlinie darstellen, weil die Konfliktentwicklungen miteinander korrespondieren. Insofern sind die kaukasische Sezessionsdynamik auf der einen und die staatliche Bündnispolitik auf der anderen Seite durch ethnoterritoriale, sozialökonomische und kulturellreligiöse Konflikte beeinflusst und wirken dabei unter anderen als Katalysator.
Die im Laufe der Zeit verstärkt hervorgetretene und durch das Engagement internationaler Akteure beschleunigte Artikulation der sozialökonomischen Komponente dieses „Great Game“ grenzt die vielfältigen weiter vorherrschenden und mehr oder weniger stark betonten Bestandteile des Krisenpotentials weitestgehend aus diesen Betrachtungen aus. Das Augenmerk des Diskussionsgegenstandes wird also von den mehrdimensionalen Konfliktursachen ausgehend auf die inzwischen dominierenden wirtschaftlichen und geostrategischen Elemente gelenkt. Hieraus resultieren politische Ambitionen und weitergehendes Engagement aller Akteure und generiert wiederum eine internationale Konfliktsituation, mit all ihren facettenreichen Ausprägungen. Aus diesem Grund ist eine Konfliktsituation in Bezug auf Erdölressourcen tatsächlich gegeben. Mit der Zeit hat sich allerdings eine Verschiebung der Primärinteressen der Akteure ergeben, welche weiterführend analysiert werden soll.
So ist unter anderem durch das Wirken der Konsortien, welche aus multinationalen Explorationsgesellschaften bestehen, die Konfliktschwelle im Bereich der Ölgewinnung überwiegend gesunken. Auf der anderen Seite ist die, ursächlich natürlich ebenso aus den Rohstoffressourcen der kaukasischen Staaten resultierende, Konfliktsituation in Bezug auf die Erstellung neuer Transportwege und sonstiger Infrastruktur sukzessive gewachsen und damit Grund genug, diese Problematik mit allen Konsequenzen für die Welt als eigentlichen Diskussionsgegenstand zu definieren. Konkretisiert werden soll diese Problematik durch einen Rückgriff auf die energiepolitischen Interessen der EU, die Darstellung handlungspolitischer Optionen und sachpolitischer Zwänge, sowie möglicher Gefahren, welche sich für die EU daraus ergeben könnten.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 1.1 | Eingrenzung des Diskussionsgegenstandes | 3 |
| 1.2 | Bemerkungen zum Erkenntnisinteresse und zur Quellenlage | 4 |
| 1.3 | Aufbau und Methodik dieser Arbeit | 6 |
| 2. | Der kaukasische Raum | 9 |
| 2.1 | Geographische und ethnische Räumlichkeit | 9 |
| 2.2 | Die historischen Grundlagen und Zusammenhänge bis ins zwanzigste Jahrhundert | 10 |
| 2.3 | Die Entwicklung Kaukasiens nach 1990 | 14 |
| 3. | Rohstoffvorkommen und Pipelines | 18 |
| 3.1 | Das energetische und ökonomische Potential Kaukasiens | 18 |
| 3.2 | Das bestehende Rohstofftransportsystem und aktuelle Pipelinekonzeptionen | 21 |
| 4. | Die Akteure in Kaukasien | 26 |
| 4.1 | Die kaukasischen Republiken als Akteure | 26 |
| 4.2 | Russland als Akteur | 30 |
| 4.3 | Der Iran als Akteur | 35 |
| 4.4 | Die Türkei als Akteur | 39 |
| 4.5 | Die EU als Akteur | 42 |
| 4.6 | Die USA als Akteur | 46 |
| 5. | Diskussion | 52 |
| 5.1 | Die Fortentwicklung der akteurbezogenen Interessen nach dem „11. September“ bis zum Jahr 2003 | 52 |
| 5.2 | Die EU und die strategische Achse USA – Türkei | 58 |
| 5.3 | Die EU und die strategische Achse Russland – Iran | 61 |
| 5.4 | Resümee | 64 |
| 5.5 | Das „Worst- Case- Szenario“ | 67 |
| 5.6 | Das „Optimal- Case- Szenario“ | 72 |
| 6. | Zusammenfassung und Ausblick | 75 |
grenzüberschreitend agieren, könnten Konflikte von außen gesteuert werden und in die Türkei wirken. Vorstellbar wäre dies vom Iran aus. Des weiteren hat die PKK den Waffenstillstand seit kurzem aufgekündigt135 und auch die Peschmerga im Norden des Irak wollen ihre gewonnene Autonomie nicht aufgeben. Sie stehen einer militärischen und politischen Initiative im Nordirak weiterhin skeptisch gegenüber und machten bereits öffentlich bekannt, einen Guerillakrieg führen zu können136. Erschwerend kommt hinzu, daß in Kaukasien weitere 250000 Kurden leben, welche die schwelenden Konflikte zusätzlich internationalisieren könnten. Eben diese Problematik bietet allerdings auch die Chance, ausgleichend auf das Verhältnis mit dem Iran zu wirken, da auch dieser ein potentielles Kurdenproblem besitzt. In dieser Beziehung wird sogar von einem „modus vivendi“ gesprochen137. Insgesamt wird deutlich, wie abhängig die Türkei von den USA in jeder Beziehung ist, um eine einigermaßen selbstbewußte Kaukasuspolitik zu gestalten. Eine klare Linie ist indes nicht auszumachen. Die vollständige Aufgabe der überholten Vorgaben, welche bis 1994 die türkische Kaukasuspolitik bestimmten, erfolgte nicht und eine tragfähige, zukunftsorientierte, pragmatische und, in Bezug auf die kaukasischen Republiken, transparente Alternative wurde nicht entwickelt. Insofern kann die „türkische Kaukasuspolitik weiterhin als richtungslos, ohne Profil und ohne eine Position wirklicher Stärke“138 vollständig erschließend charakterisiert werden. [...]
durch einen armenischen Korridor in die Türkei mußte zu Gunsten der exorbitant teureren Pipeline durch Georgien verifiziert werden. Trotzdem will die Türkei allein durch die Tatsache, daß die Pipelines mit Unterstützung der USA gebaut werden, das „[...] Zentrum der Energieverteilung werden“, wie der damalige Außenminister Karayalcin es formulierte130. Nicht nur finanziell auch sozioökonomisch ist ein Scheitern dieses Prestigeprojektes für die Türkei nicht hinnehmbar. Es sind Einnahmen aus Transitgebühren in Höhe von 250 Millionen US- Dollar pro Jahr zu erwarten, zudem werden mehr als 500000 Arbeitsplätze für mehrere Jahre in einer der strukturschwächsten Regionen der Türkei geschaffen. Es wird allerdings eine weitere Dimension erkennbar, sollte die Türkei wirklich dieses angestrebte Zentrum werden. Sie selbst erfährt im eigenen Ermessen aufgrund der geographischen Lage an der Schnittstelle Balkan- Mittlerer OstenKaukasus eine strategische Aufwertung131. Diese strategische Lage kann selbst von der EU kaum mehr ignoriert werden. Sollte ein Großteil des für Westeuropa bestimmten Erdöls zudem über die Türkei herangeführt werden, stellt Ankara ein neues geopolitisches Gewicht dar. Dies könnte dann vor allem gegen die EU gerichtet werden132. Es läge dann an der Türkei in den Beitrittsverhandlungen gestärkt zu agieren und Bedingungen festzulegen133. Die USA haben genau diesen Umstand seit längerem begriffen. Für sie ist dieses Land interessant, weil es jenseits des Kerngebietes der NATO liegt. Das heißt, das Verhältnis ist nicht durch Aufgaben traditioneller Beistandsverpflichtungen definiert134. Insofern entspricht die Türkei den neuen amerikanischen Interessen und ist als Bündnispartner in der Region mittlerweile alternativlos. Das bedeutet jedoch nicht, daß durch den Bau von Abschnitten der Pipeline seit 1999 eine konfliktfreie Zukunft der Türkei zu erwarten ist oder sie ihre gewonnene Machtposition planmäßig ausbauen kann. Das Kurdenproblem wurde nach der [...]
starke wirtschaftliche Verflechtung mit dem Iran für eine aktive, gegen Teheran gerichtete, Politik ungeeignet. Eine zu starke Unterstützung Aserbaidschans hätte eine Untermauerung der azerischen Ansprüche auf die nordwestlichen Provinzen des Iran bedeutet, in welchen 15 Millionen Azeri leben122. Nach der armenischen Offensive Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde diese Politik gänzlich revidiert und offenbarte die außenpolitische Schwäche der Türkei, so daß man die Beistandsversprechen, welche man Aserbaidschan gegeben hatte, nicht einlösen konnte123. Eine Föderation turksprachiger Staaten vom Mittelmeer bis nach China124 und die gewollte Einflußnahme in Adscharien und Abchasien125 waren potentiell gegen die GUS gerichtet und überforderten die Türkei ökonomisch und militärisch126. Das Kurdenproblem lähmte bis zur Festnahme Öcalans die pantürkische Politik zusätzlich. Nach ihrem Scheitern wurde jedoch am Grundmuster dieser Außenpolitik festgehalten. Man nahm einen verstärkten russischen Einfluß in Aserbaidschan in Kauf127 und versuchte nun in enger Anlehnung an die USA das ökonomische Gewicht der Türkei zu erhöhen. Dies könnte für die Zukunft vorteilhaft sein, um mit der gewachsenen ökonomischen Bedeutung, resultierend aus der Konkurrenz zu Rußland durch die Pipelines nach Ceyhan und der daraus eventuell folgenden Ölversorgung Europas, auch einen wachsenden politischen und militärischen Einfluß in der Region unter amerikanischer Protektion zu begründen128. Die Türkei will in der Zukunft weiterhin die islamische Führungs- und Ordnungsmacht im Nahen Osten sein und sieht sich selbst als Kernstaat mit pantürkischer Führungsperspektive129. Durch die enge bündnispolitische Anlehnung an die USA wurde ein Ausgleich mit dem Iran unmöglich und trieb ihn zusätzlich unfreiwillig in das Bündnis Moskau- Jerewan. Eine Lösung des Arzach- Konfliktes wird hierdurch erschwert. Bis heute steht Armenien, durch den Iran versorgt und von Rußland beschützt, zwischen Baku und Ankara. Die kostengünstige Pipelinealternative [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832479961
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Böhme, Dominique Februar 2004: Internationale Konfliktsituation in der Kaukasus-Region in Bezug auf Erdölressourcen, Hamburg: Diplomica Verlag
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Terror, Sicherheitspolitik, Osterweiterung, Energiepolitik, Fossile Brennstoffe



