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Interkulturelles Lernen am Beispiel von türkischer Migrantenliteratur im Deutschunterricht

Interkulturelles Lernen am Beispiel von türkischer Migrantenliteratur im Deutschunterricht
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Aysegül Aktürk
  • Abgabedatum: Oktober 2007
  • Umfang: 76 Seiten
  • Dateigröße: 362,0 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Augsburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 58
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2371-1
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Aktürk, Aysegül Oktober 2007: Interkulturelles Lernen am Beispiel von türkischer Migrantenliteratur im Deutschunterricht, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Hybridität, Interkulturell, Sprachvariation, Migrant, Kanak Sprak

Staatsexamensarbeit von Aysegül Aktürk

Einleitung:

Den Zahlen des statistischen Bundesamtes zufolge lebten im Jahre 2005 in der BRD rund 7,3 Millionen ausländische Bürger, davon 1.796.696 türkischstämmige Migranten. Die zunehmende kulturelle Heterogenität seit einigen Jahrzehnten und gescheiterte Integrationsversuche zogen nicht nur politische und gesellschaftliche Konflikte mit sich. Zafer Senocak, ein türkischer Autor, der seit mehreren Jahren in Deutschland lebt, spiegelt in seinem Gedicht eindrucksvoll und treffend die soziokulturelle Situation von Migranten, die zwischen „zwei Welten“ ihre Identität verloren haben, wider.

Die gesellschaftlichen Veränderungen wirken sich auch auf die Schulen aus, die darauf reagieren müssen. Lehrkräfte werden immer mehr mit Anforderungen konfrontiert, die aus diesem gesellschaftlichen Wandel resultieren. Diese kulturelle Vielfalt in der Gesellschaft stellt jedoch auch ein Potenzial dar, das neue Perspektiven, Chancen und Möglichkeiten bietet. Die Bedeutung der heranwachsenden Generation für das interkulturelle Miteinander muss erkannt und der Unterricht für andere Kulturen geöffnet werden. Durch das interkulturelle Lernen, das auf Toleranz und gegenseitigem Verständnis basiert, können Schüler interkulturelle Kompetenzen erwerben und im Zeitalter der Globalisierung optimal auf ihre Zukunft vorbereitet werden.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Notwendigkeit einer Ausweitung des Deutschunterrichts auf interkulturelle Kontexte darzulegen. Sie soll herausarbeiten, inwieweit der Einsatz von türkischer Migrantenliteratur im gymnasialen Deutschunterricht zum interkulturellen Lernen beitragen kann. Im zweiten Kapitel werden zunächst die Hintergründe der Arbeitsmigration in Deutschland aufgedeckt und auf die Entstehung sowie Verbreitung der Migrantenliteratur eingegangen. Die türkischstämmigen Autoren, deren literarische Werke im Deutschunterricht vermittelt werden sollen, migrierten im Zuge der Arbeiterwanderung mit ihren Familien oder alleine nach Deutschland. Das dritte Kapitel stellt diese Autoren und ihre literarischen Werke vor. Im vierten Kapitel werden fünf prosaische und lyrische Texte dieser Autoren thematisch analysiert, sowie für den Deutschunterricht didaktisiert. Dabei gilt das Hauptinteresse der Sprache und wie sich diese seit den Anfängen der „Gastarbeiterliteratur“ mit den sozialen und kulturellen Gegebenheiten verändert hat. In Kapitel 5 werden die gewonnenen Ergebnisse zusammengetragen und zum Schluss auf die Diskrepanz zwischen dem Lehrplankanon und der interkulturellen Schulrealität hingewiesen.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 3
2. Migrantenliteratur in Deutschland: ein historischer Überblick 4
2.1 Die Entstehung eines neuen Genres 5
2.1.1 Arbeiterwanderung in den 60er Jahren 5
2.1.2 „Gastarbeiterliteratur“ - „Literatur der Betroffenheit“ - „Migrantenliteratur“ 7
2.2 Verbreitung der Migrantenliteratur in Deutschland 10
3. Literatur türkischer Migranten in Deutschland 12
3.1 Pioniere türkischer Migrantenliteratur 12
3.1.1 Aras Ören 12
3.1.2 Yüksel Pazarkaya 14
3.2 Weitere Autoren der ersten und jüngeren Generation 15
3.2.1 Emine Sevgi Özdamar 15
3.2.2 Osman Engin 17
3.2.3 Feridun Zaimoglu 18
4. Sprache als Spiegel der sozialen und kulturellen Gegebenheiten 19
4.1 „Made in Germany“. Aras Ören 21
4.1.1 Beziehung zur Heimat - didaktische Begründung 21
4.1.2 Interpretationsskizze 23
4.1.3 Kulturübergreifende Darbietung des Gedichts - methodische Hinweise 25
4.2 „deutsche sprache“. Yüksel Pazarkaya 26
4.2.1 Didaktische Begründung 26
4.2.2 Interpretationsskizze 28
4.2.3 Methodische Überlegungen 31
4.3 „Mutterzunge“. Emine Sevgi Özdamar 32
4.3.1 Sprache als Medium der Kulturvermittlung - didaktische Begründung 32
4.3.2 Interpretationsskizze 33
4.3.3 Methodische Überlegungen 36
4.4 „Ich bin Papst“. Osman Engin 39
4.4.1 Reflektierte Selbst- und Fremdwahrnehmung - didaktische Begründung 39
4.4.2 Satirische Relativierung von Vorurteilen und aufgezwungene Identitäten - thematische Analyse 41
4.4.3 Produktive Verfahren zur Thematisierung - methodische Hinweise 42
4.5 „Kanak Sprak“ und „Koppstoff“. Feridun Zaimoglu 44
4.5.1 Das Konzept 44
4.5.2 Identität durch Sprache 45
4.5.3 Didaktische Begründung 47
4.5.4 Hybridität als Unterrichtsgegenstand - methodische Überlegungen 48
5. Resümee 51
5.1 Zur Sprache und Thematik der Texte 52
5.2 Zusammenfassung der Lernziele und Methoden 53
5.3 Prämissen und Folgerungen 54
6. Der Lehrplan und die interkulturelle Schulrealität - ein Ausblick 55
7. Literaturverzeichnis 58
8. Anhang 62
Made in Germany 62
deutsche sprache 62
Mutterzunge 63
Ich bin Papst 68
Der direkte Draht zum schwarzen Mann 70
Der Wissenhaber verschluckt sich nicht an Klugheit 74

Textprobe:

Kapitel 3, Literatur türkischer Migranten in Deutschland: Im Vergleich zur Literatur italienischer und arabischer Migranten verfolgte die türkische Migrantenliteratur eine andere Entwicklungslinie. Hierbei handelt es sich nicht um einen solidarischen Zusammenschluss von Autoren, die einen kooperativ intendierten Literaturprozess und eine gemeinsame Problembewältigung bezweckten. Vielmehr geht es um die Textproduktion einzelner Autoren. Die meisten türkischen Schriftsteller waren bereits in ihrem Heimatland literarisch tätig und hatten nach der Ausreise nicht das Bedürfnis, sich einer Autorengruppe anzuschließen, um die Migration in ihren Texten zu verarbeiten. Die bekanntesten türkischen Schriftsteller dieses Genres und ihre literarischen Werke sollen nun kurz vorgestellt werden.

Kapitel 3.1, Pioniere türkischer Migrantenliteratur: Kapitel 3.1.1 Aras Ören: Einer der Pioniere türkischer Migrantenliteratur ist Aras Ören, der zwar als erster die spezifischen Gastarbeiterprobleme seiner Landsleute ins öffentliche Bewusstsein trug, selber aber nicht als Gastarbeiter nach Deutschland kam. Ören immigrierte 1969 nach Berlin, weil er mit der Stagnation des kulturellen Lebens in der Türkei unzufrieden war. Seine literarische Tätigkeit begann er bereits mit 18 Jahren in der Türkei mit Gedichten und erweiterte diese 1958 mit prosaischen Werken. Zwei Jahre später veröffentlichte er in Istanbul seinen ersten Gedichtband mit dem Titel „Terkedilmislerin Aksami“ („Abend der Verlassenen“) in türkischer Sprache. Zwischen 1959 und 1969 widmete sich Ören hauptsächlich in Istanbul dem Schauspiel, was durch seinen Militärdienst und mehreren Deutschlandaufenthalten unterbrochen wurde. Nachdem er am internationalen Wettbewerb der Jugendtheater in Erlangen teilnahm, ging er 1962 seiner Profession als Schauspieler an der „Neuen Bühne“ in Frankfurt nach und startete von 1965 bis 1967 mehrere Versuche, eine Theatergruppe für türkische Immigranten in Deutschland zu gründen. Seit 1974 arbeitet Aras Ören als Redakteur und seit 1996 als Leiter in der türkischen Redaktion im Sender Freies Berlin (SFB). Im Rahmen der Tübinger Poetik Dozentur hielt er 1999 drei Vorlesungen zum Thema „Privatexil - ein Programm?“.

Aras Ören war einer der wenigen Autoren, der in seiner Muttersprache schrieb und seine Werke ins Deutsche übersetzen ließ. Er ist zwar als deutscher Schriftsteller anerkannt, die Sprache in seinen Texten ist jedoch türkisch. Sein erster Gedichtband „Disteln für Blumen“, der 1970 in deutscher Übersetzung erschien, fand wenig Beachtung. Drei Jahre später gelang ihm mit seiner Berlin Trilogie („Was will Niyazi in der Naunynstraße“, „Der kurze Traum aus Kagithane“ und „Die Fremde ist auch ein Haus“) der Durchbruch. Der Protagonist Niyazi überwindet nach sieben Jahren Deutschlandaufenthalt seine Ernüchterung und sucht nach Lösungswegen, um die Entfremdung in der deutschen Gesellschaft aufzuheben. In „Bitte nix Polizei“ (1981) kommt Ören von diesen utopischen Imaginationen ab und kritisiert sogar in seinen weiteren Werken, wie „Eine verspätete Abrechnung“ (1988) und „Berlin Savignyplatz“ (1995), den anfänglichen Optimismus der Gastarbeiter. Er beschreibt eine einkehrende Isolation und sucht nach einer vertrauten Welt in der Vergangenheit und in der Zukunft, zwischen Heimat und Fremde. Sein Roman „Granatapfelblüte“ (1998) stellt nun die Reise eines türkischen Dichters von Berlin in die Türkei dar, die mit einer Reise durch die Sprachen und Kulturen vergleichbar ist. Der Ich-Erzähler, der seine Kreativität aus der türkischen Sprache schöpft, erhofft sich dabei eine geistige Neuorientierung, kann sich allerdings von seiner Vergangenheit nicht loslösen. Auf der Suche nach der Gegenwart verfolgt Aras Ören auch in seinen Romanen „Sehnsucht nach Hollywood“ (1999) und „Der Haifisch in meinem Kopf“ (2000) gesellschaftliche und persönliche Spuren, die sich aus Bruchstücken der Realität zusammensetzen.

Für sein literarisches Schaffen wurde Ören mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem 1983 mit der Literarischen Ehrengabe der Bayrischen Akademie der Schönen Künste und 1985 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis. Dieser Erfolg machte Aras Ören zum prominentesten und meistgelesenen türkischen Schriftsteller in Deutschland.

Kapitel 3.1.2 Yüksel Pazarkaya: Der 1940 in Izmir geborene Schriftsteller kam mit 18 Jahren nach Deutschland, um sein Chemiestudium in Stuttgart zu absolvieren. Seine Auswanderung fand also statt, noch bevor die Migrationsbewegung von der Türkei nach Deutschland einsetzte. In seinem Essay „Literatur ist Literatur“ behauptet er: „Als jemand, der unter den türkischen Autoren als erster auch Migrationserfahrungen, die eigenen wie die der anderen, zu Papier gebracht hat, sträubt sich in mir etwas gegen diesen Begriff. Ich fühle mich von ihm weder angesprochen noch erfasst. Um es noch deutlicher auszusprechen, ich bin kein Gastarbeiterautor, und meine Texte sind keine Gastarbeiterliteratur.“ Pazarkaya führte seine akademische Laufbahn mit dem Studium der Fächer Germanistik und Philosophie fort und promovierte 1972 in Literaturwissenschaft. Im selben Jahr war er als Fachbereichsleiter für Fremdsprachen an der Stuttgarter Volkshochschule tätig. Von 1986 bis 2002 war er Redaktionsleiter beim Westdeutschen Rundfunk in Köln. Von 1980 bis 1982 war er Herausgeber der zweisprachigen deutschtürkischen Zeitschrift „Anadil/Muttersprache“. Im Frühjahr 2000 hatte er die Chamisso-Poetik-Dozentur an der Technischen Universität Dresden inne. Seit 2003 lebt er als freier Schriftsteller in Bergisch-Gladbach.

Mit seiner literarischen Tätigkeit begann er erst nach seiner Immigration und schreibt seit 1960 Gedichte, Prosa, Theaterstücke, Hör- und Fernsehspiele auf türkisch und deutsch. Im Gegensatz zu Aras Ören entschied sich Pazarkaya für die deutsche Sprache als Mittel seiner Kreativität. Seine ersten Gedichte publizierte Pazarkaya 1965 in einer Zeitung in Stuttgart, worin er den Kulturschock beschreibt, den die türkischen Erstankömmlinge erleben. Im Band „Heimat in der Fremde“, der aus drei illustrierten Erzählungen besteht, schildert er die Beziehung zwischen Deutschen und Türken. Das Phänomen der Migration bearbeitet der Autor auch in seinem Gedichtband „Ich möchte Freuden schreiben“ und in seinem Essay „Beobachtungen zum `Deutschland-Türkischen´“, die beide im Jahre 1983 erschienen sind. In seinem Werk „Rosen im Frost“ legt er eine Studie zur türkischen Kultur dar, wodurch ihm eine wichtige Rolle als Kulturvermittler zukommt. Diese Vermittlungsfunktion kommt auch in seinem Gedichtband „Babylonbus“ zum Vorschein, in dem Themen wie zwischenmenschliche Beziehungen und Liebe als menschliche Güte verarbeitet werden. Ähnlich wie bei Aras Ören, der in „Granatapfelblüte“ die Reise eines Dichters beschreibt, erzählt Pazarkaya in seinem Roman „Ich und die Rose“ von der Rückkehr des Protagonisten Orhan in seine Heimat. Als Autor, der sich in beiden Sprachen wohl fühlt, übersetzte er Werke von Brecht, Lessing und Goethe ins Türkische und aus dem Türkischen die Gedichte von Orhan Veli und Nazוm Hikmet, sowie Erzählungen von Aziz Nesin.

Er erhielt mehrere Literaturpreise in der Türkei, unter anderem den „Haldun-Taner-Erzählpreis“, den „Dr. Orhan Asena Preis“ und den „Ismet Küntay Theaterpreis“. 1987 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen, 1989 der Adalbert-von-Chamisso-Preis und 1994 der Kinderbuchpreis des Berliner Senats.

Arbeit zitieren:
Aktürk, Aysegül Oktober 2007: Interkulturelles Lernen am Beispiel von türkischer Migrantenliteratur im Deutschunterricht, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Hybridität, Interkulturell, Sprachvariation, Migrant, Kanak Sprak

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