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Interkulturelle Kompetenz und Kosmopolitismus als pädagogische Herausforderung?

Interkulturelle Kompetenz und Kosmopolitismus als pädagogische Herausforderung?
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Katharina Kießler
  • Abgabedatum: Dezember 2009
  • Umfang: 101 Seiten
  • Dateigröße: 588,4 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Hamburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 92
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-1457-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Kießler, Katharina Dezember 2009: Interkulturelle Kompetenz und Kosmopolitismus als pädagogische Herausforderung?, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Interkulturalität, Multikulturalität, Transkulturalität, Bildungskonzept, Diskursanalyse

Diplomarbeit von Katharina Kießler

Einleitung:

Wir leben in einer globalisierten Welt. Die Menschheit hat die Schwelle zu einem globalen Zeitalter, auch wenn es manche nach wie vor nicht wahrhaben wollen, überschritten. Zwar wird der Mensch von Seiten der Soziobiologie oder der biologischen Evolutionsforschung als ein Nahbereichswesen charakterisiert, doch widerspricht diese Annahme in jeglicher Hinsicht der soziologischen Diagnose, dass wir längst zu einer Weltgesellschaft geworden sind und unser Leben in dieser gestalten müssen. Das Ausmaß, in dem unsere Lebenswelt in globale Bezüge eingebunden ist, ist unübersehbar: Grenzüberschreitender Austausch und grenzüberschreitende Produktion nicht nur von Waren, Dienstleistungen und Kapital, sondern auch – weniger erfreulich – von ökologischen Risiken, Terrorgefahren, Wirtschaftskrisen etc. Grenzüberschreitende Mobilität von Personen, die wiederum einen grenzüberschreitenden Austausch von Informationen und kulturellen Gütern begünstigt. Einhergehend mit der Globalisierung bzw. Denationalisierung sozialer Handlungszusammenhänge verändern sich auch die Reichweite und die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen, verschiebt sich das Koordinationssystem moralischer Maßstäbe.

‘Die Menschen der Gegenwart leben in unterschiedlichen historischen Zeiten und Kulturen, in sich aneinander stoßenden Ungleichheiten. Sie nehmen an globalen Prozessen Teil, in denen sich Angleichung und Differenzierung, Differenzierung und Entdifferenzierung, Anpassung und Widerstand gleichzeitig vollziehen und in denen die Angleichung der Lebenschancen unter Beibehaltung der kulturellen Vielfalt die Aufgabe ist’.

Mit der Globalisierung werden Pluralisierungsprozesse ausgelöst, die eine ethische und kulturell-religiöse Heterogenisierung der Gesellschaften unweigerlich zunehmen lassen und deshalb ist es absehbar, dass der konstruktive Umgang mit kultureller Vielfalt und vor allem mit kultureller Andersheit in den kommenden Jahren nicht nur zu den Schlüsselqualifikationen von Managern in weltweit agierenden Unternehmen gehört, sondern sich auch zu einem allgemeinen Bildungsziel bzw. Bestandteil einer jeden Persönlichkeit und zum Erfolgsfaktor für ein produktives Erleben kultureller Vielfalt herausbilden wird. Angesichts der Globalisierung wichtiger Lebensbereiche und einer weltweiten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Integration bedarf es einer verstärkten Akzeptanz von Differenzen und einer Förderung von Gemeinsamkeiten. Dabei sind Spannungen zwischen dem Lokalem, dem Regionalem und dem Globalen unvermeidbar.

Die Lebensbedingungen von Bürgerinnen und Bürgern in einem globalen Zeitalter verlangen nach spezifischen Kompetenzen. Lee Anderson hat diese bereits 1979 in vier große Bereiche kategorisiert, die sich verkürzt in den Stichwörtern ‘Teilhabe und Teilnahme an der globalen Gesellschaft’, ‘Entscheiden’, ‘Urteilen’ und ‘Einfluss ausüben’ darstellen lassen. Diese müssen meiner Meinung nach durch eine weitere wichtige soziale Kompetenz erweitert werden, nämlich den Umgang mit Menschen fremder Kulturen. Die Öffnung des menschlichen Wahrnehmungs-, Denk-, Urteils- und Handlungsfeldes zum Horizont einer globalen Gesellschaft ebenso wie die Befähigung mit Widersprüchen umgehen zu können, gelten daher als die zentrale pädagogische Aufgabe der Gegenwart.

Interkulturelle Kompetenz und Kosmopolitismus bzw. die Idee des Weltbürgertums gehören zu den geläufigen Begriffen, die immer wieder im Zusammenhang zu den genannten Phänomenen genannt werden und die es den Menschen ermöglichen sollen, nicht nur die Zusammenhänge zwischen lokaler, regionaler und globaler Ebene zu erkennen, sondern auch eine Handlungskompetenz für das multikulturelle Zusammenleben, internationale Kooperation und das globale Zeitalter zu entwickeln.

In der vorliegenden Arbeit sollen vor allem Antworten auf die Frage gesucht werden, was unter interkultureller Kompetenz und Kosmopolitismus grundsätzlich zu verstehen ist und inwiefern sie eine Herausforderung für die Pädagogik darstellen.

Um sich dem Inhalt des Begriffs ‘interkulturelle Kompetenz’ anzunähren und ihm eine theoretische Basis zu schaffen, werden im ersten Kapitel grundlegende Begrifflichkeiten geklärt, die dafür notwendig sind, die Reichweite des Verständnisses einzugrenzen. Im zweiten Kapitel wird das Konzept interkultureller Kompetenz genauer beleuchtet. Es werden verschiedene Definitionsmodelle vorgestellt, die abschließend einer kritischen Analyse unterzogen sowie auf ihre Anwendbarkeit geprüft werden.

Dass die Idee einer kosmopolitischen Bildung keine Innovation ist, die aus den gesellschaftlichen Umbrüchen aufgrund der Globalisierung entsprungen ist, sondern bereits in der vorchristlichen Antike ihre Wurzeln hat, wird im vierten Kapitel verdeutlicht. Als erstes wird ein Überblick über die Entstehungsgeschichte der kosmopoliten Idee gegeben, in dem die wichtigsten Vertreter und ihre Gedanken skizziert werden. Im anschließenden Kapitel werden auf der Basis der historischen Erkenntnisse die Bildungskonzepte herausgearbeitet. Das sechste Kapitel befasst sich damit, ein Bildungskonzept in kosmopolitischer Absicht aufzustellen. Dafür werden in einem ersten Schritt das Bildungsziel und das Verständnis von Bildung definiert. In einem zweiten Schritt werden die antiken und neuzeitlichen Konzepte untersucht und überprüft, welche Aspekte heutzutage nach wie vor von Bedeutung sind. Als drittes werden Aspekte von Theorien verschiedener Autoren vorgestellt, die die Eckpfeiler eines aktuellen Bildungskonzeptes darstellen. Abgeschlossen wird mit einer kurzen Skizze davon, wie ein solches Konzept aussehen könnte.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 3
KAPITEL :1Bausteine interkultureller Kompetenz. Begriffsklärung und theoretische Grundlagen 6
1.1 Der Kompetenzbegriff 6
1.2 Kultur – ein umstrittener Begriff 8
1.3 Multikulturalität – Transkulturalität – Interkulturalität 10
KAPITEL 2 : Interkulturelle Kompetenz – Ein komplexes Konzept 14
2.1 Definitionsmodelle Interkultureller Kompetenz 15
2.1.1 Listen- und Strukturmodelle 15
2.1.1.1 Kognitive Dimension 17
2.1.1.2 Affektive Dimension 19
2.1.1.2.1 Exkurs. Milton Bennetts Entwicklungsmodell interkultureller Sensibilität 19
2.1.1.3 Verhaltensbezogene bzw. pragmatische Dimension 22
2.1.2 Kritische Beurteilung 24
2.1.3 Prozessmodelle Interkultureller Kompetenz 29
2.1.3.1 Wissen 29
2.1.3.2 Verstehen 31
2.1.3.3 Handeln 32
KAPITEL 3 : ZwischenfazitI 33
KAPITEL 4 :ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DER KOSMOPOLITEN IDEE 40
4.1 Antike Wurzeln 42
4.1.1 Die Kyniker 43
4.1.2 Griechische Stoa 45
4.1.3 Römische Stoa 48
4.2 Frühe Neuzeit und Aufklärung 51
4.2.1 Christoph Martin Wieland 52
4.2.2 Immanuel Kant 54
4.3 Kosmopolitismus der Gegenwart 57
4.3.1 Kwame Anthony Appiah 58
4.3.2 Ulrich Beck. Reflexive Modernisierung und Kosmopolitismus versus Kosmopolisierung 61
4.3.2.1 Exkurs: Reflexive Modernisierung 61
4.3.2.2 Kosmopolitismus vs. Kosmopolisierung 62
KAPITEL 5 :Zwischenfazit II. Konstituierende Gedanken des Kosmopolitismus 64
KAPITEL 6 :Kosmopolitismus als Bildungskonzept 66
6.1 Antike und neuzeitliche Bildungskonzepte 67
6.1.1 Kosmopolitische Bildung in der Antike 67
6.1.2 Grundlegende Ideen des neuzeitlich kosmopolitischen Bildungsprogramms 69
6.2 Konzeptualisierungsvorschlag eines gegenwärtigen Bildungskonzeptes in kosmopolitischer Absicht 72
6.2.1 Bildungsziel und Bildungsverständnis 72
6.2.2 Analyse 74
6.2.3 Eckpfeiler eines aktuellen Bildungskonzeptes in kosmopolitischer Absicht 76
6.2.3.1 Klaus Seitz und das Konzept des Globalen Lernens 78
6.2.3.2 Edgar Morin. Die Ethik des Verstehens 81
6.2.3.3 Christoph Wulf. Der Andere und die Notwendigkeit anthropologischer Reflexion 83
6.2.3.4 Thomas Mohrs. Entwicklung eines weltbürgerlichen Bewusstseins 85
6.3 Zusammenfassung 87
Fazit 89
Literaturverzeichnis 92

Textprobe:

Kapitel 2.1.3, Prozessmodelle Interkultureller Kompetenz:

Derartige Prozessmodelle stehen in Übereinkunft mit neueren lerntheoretischen Diskussionen zum Begriff der Handlungskompetenz. Kompetenz wird dabei als ein multiples Konstrukt verstanden, das sich, wie im vorangegangenen Strukturmodell, aus Teilkompetenzen zusammensetzt, allerdings nicht in additiver Form, sondern als ein synergetisches Resultat des Interdependenzverhältnisses dieser.

Prozessmodelle oder synergetische Handlungsmodelle verstehen Interkulturelle Kompetenz als ein erfolgreiches ganzheitliches Zusammenspiel der Teilaspekte. Pan stellt zur Diskussion, Interkulturelle Kompetenz als einen Prozess zu sehen, der sich am Ablauf eines sich wiederholenden Zyklus von ‚Wissen-Verstehen-Handeln’ skizzieren lässt und die Dreidimensionalität des Strukturmodells nach Gertsen integriert.

2.1.3.1, Wissen:

Das interkulturelle Wissen stellt auch hier eine wichtige Voraussetzung für die Interkulturelle Kompetenz dar. Es wird von der Annahme ausgegangen, dass das Handeln von Interessen ausgelöst, aber gleichzeitig von Werten und Wissen wesentlich beeinflusst wird.

Auch Pan merkt kritisch die Umstrittenheit der Relevanz und des Umfangs der Wissenskomponente an. Diese sei komplex und dynamisch und beinhalte auf keinen Fall nicht nur ein Wissen um einige (exotische) Merkmale anderer Kulturen bzw. fremdkultureller Orientierungssysteme. Genauso wenig reiche ein Vergleich zwischen den eigenen und den anderen Orientierungssystemen aus, um sich mit den Kulturstandards seines fremdkulturellen Gegenübers auszukennen.

Betont werde viel mehr die Wichtigkeit einer Entwicklung des Bewusstseins der eigenen kulturellen Wurzeln. Wie schon in einem anderen Zusammenhang erläutert, entwickelt sich dieses Bewusstsein jedoch insbesondere oder erst im Kontakt mit einer anderen Kultur. Eine Person, die viel kulturelles (Tatsachen-)Wissen erworben hat, kann daher nicht automatisch als kompetent gelten, da die Veränderungsdynamik von Kulturen immer wieder mit berücksichtigt werden müssen. Auch hier wird wieder auf die Tatsache verwiesen, dass Kultur nicht an einzelnen Merkmalen zu definieren ist, und dass es sich nicht um etwas ‘Fertiges’ oder Statisches handelt. Daran wird nochmals deutlich, dass das Wissen über eine Kultur immer ein vorläufiges ist und dieses an die jeweilige Dynamik der Kultur angepasst werden muss.

Geige konstatiert die Schwierigkeit der Greifbarkeit dessen, was als Kulturwissen bezeichnet wird und relevant ist, folgendermaßen: ‘Kulturwissen [ist] immer nur für die Vergangenheit und nicht für die sie übersteigende Gegenwart, für das vorgestellte Kollektiv und nicht für das reale Individuum’.

Eine weitere Schwierigkeit des Kulturwissens liegt in seiner ambivalenten Funktion. Einerseits hilft es, sich in einer fremden Kultur zu orientieren, andererseits ist es gleichzeitig auch geprägt von Verallgemeinerungen und Stereotypen. Die Schlussfolgerung aus der Diskussion um die Relevanz des kulturspezifischen Wissens lautet auch hier wieder, dass dieses in interkulturellen Überschneidungssituationen notwendigerweise relativiert werden muss. Vielmehr sollte es als Orientierungsinstrument angesehen und wie eine Art ‚Werkzeug’ tentativ eingesetzt werden.

2.1.3.2, Verstehen:

Die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich in die Handlungsregeln des Gegenübers hineinzudenken, das so genannte Fremdverstehen, stellt eine weitere wichtige Komponente für interkulturelle Kompetenz dar. Fremdverstehen besagt, etwas nicht im eigenen zu verstehen, sondern im fremden Kontext verstehen zu suchen. Damit sind nicht nur Einfühlung und Analogiebildung gemeint, denn das bedeutete, das Fremde auf das Eigene zu reduzieren, sondern vielmehr, eine andere Perspektive einzunehmen und so Distanz zur eigenen zu gewinnen.

Frost betont die Relevanz des interkulturellen Verstehens, da nur so die Würde kultureller Differenzen gegenüber universalen und globalen Einheitsmodellen gewahrt und sie zugleich auf ein mögliches Miteinander hin gefragt werden kann. Außerdem werden so sowohl Modelle kultureller Vereinheitlichung als auch das Paradigma vom Krieg der Kulturen abgewiesen. Sie begreift angelehnt an Friedrich Schleiermachen Verstehen als ‚Befreunden des Fremden’, als einen Prozess der Wahrnehmung und Anerkennung des Fremden bei sich und bei anderen. ‘Der Einblick in die Fremden Welten kann nicht bedeuten, das Fremde als Fremdes aufzuheben, indem es in Vertrautes überführt wird. Das Andere im anderen verstehen zu lernen, heißt vielmehr, auch die Grenzen des eigenen Verstehens kennenzulernen. … Sich Befreunden mit dem Fremden heißt dann, das Fremde als Fremdes zu akzeptieren; Fremdes nicht in Vertrautes zu überführen, sondern sich damit vertraut machen, dass es das nicht integrierbare Fremde in anderen und in uns selbst zu respektieren gilt’.

Interkulturelles Verstehen verhilft folglich dazu, interkulturelle Sensibilität zu entwickeln, wie sie Bennett konstruiert hat. Dazu gehört, fremde Kulturen differenzieren und ihre Grundannahmen verstehen zu können sowie sich in ihr bewegen zu können, ohne die eigene Weltanschauung und kulturelle Identität zu verlieren bzw. zu verleugnen. Ethnozentrismus stellt ebenso wenig wie der Verzicht auf die eigene kulturelle Identität zugunsten der fremdkulturellen Identität einen Teilaspekt Interkultureller Kompetenz dar, sondern vielmehr ein Bewusstsein und eine stetige kritische Reflexion dieser im interkulturellen Handeln.

Arbeit zitieren:
Kießler, Katharina Dezember 2009: Interkulturelle Kompetenz und Kosmopolitismus als pädagogische Herausforderung?, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Interkulturalität, Multikulturalität, Transkulturalität, Bildungskonzept, Diskursanalyse

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