Interkulturelle Begegnungen im Souvenirverkauf auf Java
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Susanne Harkort
- Abgabedatum: Juni 2006
- Umfang: 156 Seiten
- Dateigröße: 3,1 MB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 110
- ISBN (eBook): 978-3-8428-0873-7
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Harkort, Susanne Juni 2006: Interkulturelle Begegnungen im Souvenirverkauf auf Java, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Tourismus, Interkulturalität, Indonesien, Interaktion, Souvenir
48,00 €
PDF-eBook Download: 48,00 €
Magisterarbeit von Susanne Harkort
Einleitung:
Das Thema meiner Arbeit ist im Feld der weltweiten Praxis des Souvenirverkaufes angesiedelt und damit vor allem der ethnologischen Tourismusforschung zuzuordnen. Speziell geht es um interkulturelle Aspekte in den wirtschaftlichen Austauschbeziehungen zwischen Souvenirverkäufern und Touristen. Fragestellungen, welche die gegenseitige Wahrnehmung, Verhalten und weiterführende Auswirkungen der Begegnungen betreffen, möchte ich anhand eines lokalen Beispiels behandeln, zu dem ich geforscht habe: Souvenirverkaufssituationen im zentraljavanischen Yogyakarta.
Begegnungen von Touristen und im Tourismussektor arbeitenden Einheimischen stellen wahrscheinlich in unserer immer globalisierteren Welt - abgesehen von Begegnungen zwischen Migranten und den Einwohnern der jeweiligen Emigrationsländer - zahlenmäßig die häufigsten direkten Kontakte zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen dar. Der weiterhin wachsende Wirtschaftszweig des Tourismus verzeichnete im Jahr 2005 laut World Tourism Organisation (UNWTO) trotz Naturkatastrophen und Terroranschläge 808 Mio. international Reisende.
Der Umstand, dass viele Urlauber - v. a. Pauschaltouristen - ihre Zeit im Ausland häufig in Enklaven aus Hotelanlagen und auf organisierten Rundreisen in geschlossenen Gruppen verbringen, schränkt die Kontakte zwischen Lokalbevölkerung und Touristen erheblich ein. Nichts desto trotz finden zahlreiche Interaktionen mit einheimischem Servicepersonal in Hotels und Restaurants sowie mit lokalen Kleinunternehmern in Läden und auf öffentlichen Flächen statt. Souvenirverkäufer machen unter diesen Personen einen großen Anteil aus. ‘One of the most common encounters Western tourists have while traveling in developing countries is with stationary or roaming vendors (...) one of the most ubiquitous segments of the informal sector (...) and one which has a widespread tourist appeal’. Die Begegnungen zwischen Verkäufern und Touristen bieten beiden Seiten gleichermaßen Möglichkeiten, Menschen aus anderen sozialen und kulturellen Umfeldern ‘hautnah’ zu erleben, zu interagieren, Kontakte zu knüpfen und etwas über sie oder sich selbst zu erfahren. Menschen unterschiedlicher gesellschaftspolitischer und wirtschaftlicher Hintergründe treten mit ihren unterschiedlichen Einstellungen, Werten, Motivationen und Handlungsmustern für begrenzte Zeit miteinander in Beziehung.
Doch wie sehen die Begegnungen wirklich aus? Wie nehmen die Partizipanten einander wahr? Welche Einstellungen gegenüber den ‘Anderen’ existieren bereits aus welchen Gründen? Können sich die Selbst- und Fremdbilder bei wiederholtem Umgang verändern? Welche Handlungsoptionen werden gewählt? Und gibt es letztendlich etwas, das die Menschen über das Aufeinandertreffen der Motivation, etwas zu verkaufen oder zu konsumieren hinaus, einander näher bringt und zu einem Austausch oder zur Entstehung von etwas Neuem führt? Oder bleibt es bei aufeinander projizierten Stereotypen?
Wenig wird über die Auswirkungen der Begegnungen zwischen internationalen Touristen und Einheimischen geschrieben: ‘A few authors (…) do allude to some ways Southeast Asians interact with their visitors – at least during the ephemeral occasions when they are relating to one another. But beyond the instrumental purposes of their relationships (buying a carving, visiting a batik shop, responding to the attention of a bar girl), the meaning and impact of the encounter on the traveler is rarely spelled out’, wobei Phillips hinzufügt, dass der Ausdruck ‘ephemeral” keineswegs besage, dass die Begegnungen in ihrer Summe ohne Auswirkungen auf die Südostasiaten seien.
In der vorliegenden Arbeit möchte ich anhand des empirischen Datenmaterials den aufgezählten Fragestellungen nachgehen und untersuchen, welche Formen das Zusammentreffen zwischen Souvenirverkäufern und Touristen annehmen kann. Möglicherweise über die Situation hinausführende Auswirkungen sollen ermittelt werden. Souvenirs nehmen in den wechselseitigen Beziehungen zwischen Verkäufern und Touristen eine wichtige Rolle ein, da sie die Akteure zusammenführen. In Souvenirs akkumulieren Touristen zahlreiche Bedeutungszuschreibungen. Die daraus resultierenden Kaufmotivationen initiieren Interaktionen zwischen beiden Personengruppen, beeinflussen das angebotene Sortiment, dessen Präsentationsform und handlungsorientierte Verkaufsstrategien. In diesem Sinne sind Souvenirs Requisiten in Aushandlungsprozessen zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft. Ihre Rolle soll in der Untersuchung einen angemessenen Platz einnehmen.
Dazu, den Fokus auch auf die Dinge zu lenken, inspirierte mich mein persönliches Interesse: Als gelernte Goldschmiedin mit Produktions- und Verkaufserfahrung in einem deutschen mittelständischen Unternehmen verfüge ich über praktische Einblicke in Verkäufer-Kunden-Objektbeziehungen - jedoch ohne interkulturelle Komponente.
Aufbau der Arbeit:
Die Arbeit gliedert sich in sechs Teile - die Einleitung als ersten Abschnitt eingerechnet. In Kapitel 2 bewege ich mich von der Makroperspektive auf die Rahmenbedingungen der Akteure zur Mikroperspektive interpersonaler Begegnungen. Ausführungen zu internationalem Tourismus als Phänomen einer globalisierenden Welt und die Erläuterung verschiedener Kulturbegriffe geben den Verständnishintergrund ab. Die Vorstellung bestimmter Charakteristika von Tourismus und informeller Wirtschaft in sog. Entwicklungsländern soll den Kontext der Souvenirverkäufer und Reisenden beleuchten. Beschreibungen zur Konstruktion kollektiver Imaginationen, die mit Reisemotivationen und Konsumbedürfnissen in Verbindung stehen, zeigen auf, welche Einstellungen und Bilder von Touristen in den Urlaub mitgebracht werden. Schließlich werden die Darstellung von Begegnungen zwischen Händlern und Touristen in der Literatur thematisiert. Um interpersonale Vorgänge nachvollziehen zu können, werden Konzepte aus der Sozialpsychologie und Soziologie eingebracht. Diese kontextualisierende ‘tour d´horizon’ nehme ich vor, da eine Lokalstudie mit dem Fokus auf der Mikroebene zwischenmenschlicher Beziehungen ansonsten Gefahr liefe, im Tunnelblick das Gesamtbild aus den Augen zu verlieren, welches die Szenerie bedingt. Es wäre ein Trugschluss, wie z. B. im Funktionalismus praktiziert, aus der Untersuchung einer ahistorischen Mikroebene alleine Erklärungen ableiten zu können. Laut Ulf Hannerz sollte Ethnologie die Spaltung von Makro- und Mikroanthropologie überwinden, indem deren Konzeptbildung in Zusammenhang gesehen wird. In Kapitel 3 gehe ich auf fragestellungsrelevante Verhältnisse des Forschungsortes Yogyakarta ein. In Kapitel 4 stelle ich die Forschung vor, welche ich in den Jahren 2004 und 2005 durchführte. Der erste Besuch fand im Rahmen einer Lehrforschung statt, die ein Kooperationsprojekt mit der örtlichen Gadjah Mada-Universität einschloss. Die Forschungsarbeit erfolgte zum Teil mit dem antropologi-Student Hafid Nur Adikara als Tandempartner. Bei meinem selbstorganisierten zweiten Aufenthalt setzte ich die Forschung über bereits geknüpfte Kontakte gezielter fort. In der Auswertung in Kapitel 5 ziehe ich vorwiegend Interviewergebnisse heran. Die emische Perspektive von Verkäufern und Touristen findet ihren Niederschag in der Relevanz unterschiedlicher Gesichtspunkte. Abschließend stelle ich in Kapitel 6 die theoretischen und forschungsbezogenen Ergebnisse in einem Rück- und Ausblick vereint dar.
Da die - für die Touristen urlaubsalltäglichen und die indonesischen Verkäufer arbeitsalltäglichen - Verkaufssituationen zu den zuvor erwähnten wenigen Berührungspunkten zählen, bei denen sich Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen leibhaftig gegenüber stehen, erachte ich eine ethnologische Untersuchung, welche die unterschiedlichen Dimensionen des Aufeinandertreffens in Verkaufssituationen auslotet, für wichtig. Mit der steigenden Zahl von interkulturellen face-to-face-Kontakten in Alltag und Urlaub steigt auch ein Informationsbedarf, dessen Deckung zu einem besseren gegenseitigen Verständnis beitragen kann. Hierin sehe ich meinen Beitrag. Interkulturelle Kontakte, wie sie weltweit im Rahmen einer Reise stattfinden, können von Ethnologen analysiert werden, um Wahrnehmungsdiskrepanzen aufzudecken, zu einer Neueinschätzung zu führen oder - noch besser - zu einem genaueren Hinsehen in jeder neuen Begegnung zu ermutigen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung und Darstellung der Thematik | 9 |
| 1.1 | Aufbau der Arbeit | 11 |
| 2. | Theoretischer Teil: Von der Makroperspektive zur Mikroperspektive | 13 |
| 2.1 | Begriffserläuterungen | 13 |
| 2.1.1 | Tourismus und Globalisierung | 13 |
| 2.1.2 | Kultur | 15 |
| 2.1.2.1 | Der ethnologische Kulturbegriff | 15 |
| 2.1.2.2 | Kultur in der Interkulturellen Kommunikation | 15 |
| 2.1.2.3 | Der Kulturbegriff in der Arbeit | 16 |
| 2.2 | Reisen in die pleasure periphery: Entwicklungsländertourismus | 16 |
| 2.2.1 | Entwicklungsländertourismus als Finanzspritze oder Blutsauger? | 17 |
| 2.2.2 | Der informelle Wirtschaftssektor | 18 |
| 2.2.3 | Reisemotivationen | 21 |
| 2.2.3.1 | Reisen mit Imaginationen im Gepäck: Tourismus und Neokolonialismus | 22 |
| 2.2.3.1.1 | Der Reiz des Unbekannten: Die Entwicklung von Entdeckerphantasien | 23 |
| 2.2.3.1.2 | Exotik und Orientalismus | 25 |
| 2.2.3.1.3 | Authentizität | 27 |
| 2.2.4 | Täter-Opfer-Beziehungen oder Begegnungen selbstbestimmter Akteure? | 27 |
| 2.3 | Tourismus und Konsum: Souvenir(ver-)kauf | 30 |
| 2.3.1 | Die Kommodifikation von traditionellem Kunsthandwerk zu Souvenirs | 31 |
| 2.3.2 | Konsumenten auf der Spur: Kaufmotivationen unter der Lupe | 32 |
| 2.3.2.1 | Zeige mir, welches Souvenir du kaufst, und ich sage dir, wie du reist | 33 |
| 2.3.2.2 | Ansprüche an Souvenirs am Beispiel von ‘Authentizität’ | 34 |
| 2.3.2.3 | Einfluss von Kaufmotivationen auf die materielle ‘Souvenirkultur’ | 35 |
| 2.3.3 | Interkulturelle Begegnungen unter kommerziellem Vorzeichen in der Literatur | 36 |
| 2.3.3.1 | Begegnungen zwischen Touristen und Lokalbevölkerung | 36 |
| 2.3.3.2 | Strukturorientierte Darstellung des informellen Souvenirverkaufs | 38 |
| 2.3.3.3 | Von sozialen Verpflichtungen, Raumkontrolle und authentifying stories | 38 |
| 2.3.3.4 | Von utopischen Räumen und Kulturspekulanten | 39 |
| 2.4 | Eindrucksbildung und Interaktion in der Sozialpsychologie und Soziologie | 41 |
| 2.4.1 | Soziale Beziehungen als mathematische Gleichung | 41 |
| 2.4.2 | Eindrucksbildung | 42 |
| 2.4.3 | Einstellungen: Vorurteile und Stereotype | 42 |
| 2.5 | Zusammenfassung | 43 |
| 3. | Lokale Hintergründe zu Java und Yogyakarta | 45 |
| 3.1 | Das touristische Javabild | 45 |
| 3.2 | Javanische Märkte: Schnittstellen im kommerziellen Diskurs um kulturelle Einflüsse | 46 |
| 3.3 | Forschungsrelevante Elemente javanischer Weltsicht und Umgangsformen | 47 |
| 3.4 | Tourismus in Yogyakarta | 48 |
| 3.4.1 | Voraussetzungen auf überregionaler Ebene | 48 |
| 3.4.2 | Yogyakarta, das kulturelle Herz Javas | 49 |
| 3.4.3 | Yogyakarta als touristischer Standort | 50 |
| 3.4.4 | Landschaften des Souvenirverkaufs in Yogyakarta | 50 |
| 3.4.5 | Exkurs: Vom Kulturgut zur Touristenkunst: Kommodifikation von Batik | 53 |
| 4. | Forschung | 55 |
| 4.1 | Das Forschungsfeld als Interaktionsraum | 55 |
| 4.1.1 | Touristenkategorien | 55 |
| 4.1.2 | Interaktionen in unterschiedlichen Verkaufssituationen | 55 |
| 4.1.2.1 | Begegnungen im öffentlichen Raum | 56 |
| 4.1.2.2 | Interaktionen in Ladengeschäften | 58 |
| 4.1.2.3 | Hereingefallen – ein Erfahrungsbericht aus einer ‘Touristenfalle’ | 58 |
| 4.2 | Auswahlkriterien und Vorstellung der Informanten | 61 |
| 4.2.1 | Die Verkäufer | 62 |
| 4.2.2 | Die Käufer | 63 |
| 4.3 | Forschungsmethode und -prozess | 64 |
| 4.3.1 | Teilnehmende Beobachtung | 64 |
| 4.3.2 | Das Gewinnen von Interviewpartnern | 65 |
| 4.3.3 | Vorgehensweise bei der Auswertung | 66 |
| 5. | Analyse | 67 |
| 5.1 | Souvenirs unter dem Stern der Kundenwünsche | 67 |
| 5.1.1 | Wiedergabe von Kaufmotivationen im Souvenirsortiment? | 67 |
| 5.1.1.1 | ‘Japanese like simple’: Differenzierte Zuordnung von Kundenbedürfnissen | 68 |
| 5.1.1.2 | ‘I always do what I like’/’We support the tradition’: Freiheit und Idealismus | 68 |
| 5.1.1.3 | ‘Whatever I sold I try to get again’: Getätigte Käufe als Kaufvorhersage | 70 |
| 5.1.1.4 | ‘Turis asing ingin apa?’: Der unbekannte Kunde | 70 |
| 5.1.1.5 | Übereinstimmungen in der Wahrnehmung des Konsumverhaltens | 71 |
| 5.1.1.6 | Zusammenfassung | 72 |
| 5.1.2 | Kaufmotivationen der Touristen | 73 |
| 5.1.2.1 | Geschmacksgewohnheiten auf Reisen: Objektbezogene Kaufmotivationen | 74 |
| 5.1.2.2 | Kondensierung von Wunschbildern in Souvenirs | 74 |
| 5.1.2.3 | Vom Erinnern und Schenken: Klassische Souvenirfunktionen | 74 |
| 5.1.2.4 | ‘We bought more than we can carry’ oder ‘they should sell other things’: Kunden(un-)zufriedenheit | 75 |
| 5.1.2.5 | Zusammenfassung | 78 |
| 5.2 | Der Einfluss von Ladengestaltungen auf Kaufmotivationen | 79 |
| 5.2.1 | Die Gestaltung von Läden mit vorwiegend indonesischer Kundschaft | 80 |
| 5.2.2 | Ganz Indonesien in einem Laden | 80 |
| 5.2.3 | ‘If I put like this, they will not afraid’: Ladengestaltung für ‘Angsthasen’ | 81 |
| 5.2.4 | Traumurlaub im Urlaub: Imaginationsförderliche Gestaltungselemente | 82 |
| 5.2.5 | ‘I just read in the books’: Do-it-yourself-Ladeneinrichtung nach westlichem Rezept | 84 |
| 5.2.6 | Zusammenfassung | 85 |
| 5.3 | Schwerpunkte in der Wahrnehmung der Touristen beim Souvenirkauf | 85 |
| 5.3.1 | Emotionale Ambivalenzen in Interaktionen | 86 |
| 5.3.1.1 | ‘It´s great fun, bargaining’: Begegnungen zwischen Lernerfahrung und Kick | 87 |
| 5.3.1.2 | ‘I can´t say no easily’: Mitgefühl verpflichtet | 88 |
| 5.3.1.3 | ‘Sometimes it´s not fun’: Handeln in Bedrängnis | 89 |
| 5.3.1.4 | Zusammenfassung | 90 |
| 5.3.2 | ‘Habe ich zu viel gezahlt oder zu wenig?’: Die ewige Preisfrage | 91 |
| 5.3.2.1 | ‘Getting ripped off’: Gesichtsverlust durch Übervorteiltwerden | 91 |
| 5.3.2.2 | ‘I would feel ashamed’: Großzügigkeit als Image-Management | 93 |
| 5.3.2.3 | Zusammenfassung | 94 |
| 5.3.3 | Straßenstand oder Ladengeschäft? Pro und kontra der Einkaufslokalitäten | 94 |
| 5.3.3.1 | ‘It´s a lot easier buying in the shops”: Sicherer Erfahrungskonsum in Läden | 95 |
| 5.3.3.2 | ‘Ich glaub´ die Shops sind für Touristen’: Antitouristisches Programm | 97 |
| 5.3.3.3 | Zusammenfassung | 98 |
| 5.4 | Verkaufsstrategien der Ladenverkäufer in der Interaktion | 99 |
| 5.4.1 | ‘Have a look is OK’: Mit Zurückhaltung zum Erfolg | 99 |
| 5.4.2 | ‘I always tell them the story of the thing’: Das Spiel mit Imaginationen | 101 |
| 5.4.3 | ‘I push them to try in the soft way’: Kinästhetische Verkaufsstrategien | 104 |
| 5.4.4 | ‘They sometimes bargain far too low’: Probleme der Verkäufer mit dem Handeln | 105 |
| 5.4.5 | Zusammenfassung | 106 |
| 5.5 | Begegnungen zwischen Kommerz und interkulturellem Austausch | 107 |
| 5.5.1 | Interkulturelle Erfahrungen der Verkäufer | 107 |
| 5.5.1.1 | ‘Money to money’: Geschäftsorientierte Interaktionen | 108 |
| 5.5.1.2 | ‘It opened our mind’: Bewusstseinserweiternde Begegnungen | 109 |
| 5.5.2 | Interkulturelle Begegnungen aus Sicht der Touristen | 111 |
| 5.5.2.1 | ‘They are sellers, we are tourists’: Gefangen in Rollenzuschreibungen | 111 |
| 5.5.2.2 | ‘Es ist immer nett, wenn man sich unterhalten kann’: Annäherungen | 112 |
| 5.5.3 | Zusammenfassung | 113 |
| 5.6 | Begegnungen zwischen Souvenirverkäufern und Touristen in der Zusammenschau | 114 |
| 6. | Rückblick und Ausblick | 117 |
| 6.1 | Zusammenführung der Makro- und Mikroperspektiven | 117 |
| 6.2 | Resumée | 119 |
| Literaturverzeichnis | 121 | |
| Anhang | 129 | |
| Interviewausschnitt A: Touristeninterview mit Tommy T6a und Karen T6b | 129 | |
| Interviewausschnitt B: Verkäuferinterview mit Adi V4 | 130 | |
| Interviewausschnitt C: Verkäuferinterview mit Anto V3a und Novi V3b | 131 | |
| Abbildungen | 133 |
Textprobe:
Kapitel 2.2.3.1, Reisen mit Imaginationen im Gepäck: Tourismus und Neokolonialismus:
Touristen ‘haben aufgrund tradierter, medial wie literarisch vermittelter Inhalte bereits vor der Reise eine Idee, wohin sie reisen und wen sie dort erwarten. (...) Bilder über die Fremde prägen als gesellschaftlich gewachsene und komplexe Vorstellungen die Reisewünsche und Reisemotive im heutigen Tourismus’. Bilder des Anderen, die ständig produziert und reproduziert werden, kursieren in Printmedien, sowie im Fernsehen und Internet. Erzählungen von Freunden, Kollegen oder Verwandten stellen für viele Menschen wichtige Informationsquellen über potentielle Urlaubsziele dar. In der Deutschen Reiseanalyse von 1989 gaben bei Mehrfachnennungen rund 33 % der 6000 Befragten an, Reiseinformationen aus Gesprächen, z. B. beim Betrachten von Urlaubsfotos erhalten zu haben, was auf eine sozial verankerte Kultur des Tourismus verweist. Mittlerweile sind Reiseführer wie Lonely Planet über backpacker-Kreise hinaus bekannt und waren 2000 bei etwa 40% der deutschen Reisenden im Gepäck vorzufinden.
Die Herkunft stereotypisierender Bilder u.a. in der Reisewerbung, sind teilweise in der Vergangenheit zu suchen. Betrachtet man die Imaginationen erzeugenden Motive eingehender, so sind sie teilweise mit aus der Kolonialzeit fortgeführten asymmetrischen Machtbeziehungen gekoppelt, welche von den postcolonial studies und tourismuskritischen Studien untersucht werden. Die unterschiedlichen Möglichkeiten, ‘die ‚Begegnungen‘ zwischen den (ehemals) kolonialisierenden Gesellschaften und ihren ‚Anderen‘ zu inszenieren’, werden analysiert.
Etwas Schwierigkeiten habe ich zugegebenermaßen mit der allumfassenden Perspektive, die das Fortbestehen kolonialer Beziehungsstrukturen in Begegnungen zwischen ‘Westlern’ und dem ‘Rest der Welt’ aufzeigt. Auch als angehende Ethnologin befinde ich mich keinesfalls außerhalb der postulierten Machtstrukturen. Als relativ gut situierte Mitteleuropäerin ist es mir zu einem gewissen Grad unangenehm, einen Blick auf Verhältnisse zu werfen, die ich eventuell als Forscherin reproduziere: ‘To study a culture is to construct an implicit structure of power in which the studied becomes ‘other’ and the interpreter the powerful norm that it is unnecessary to study’. Eine Umgangsmöglichkeit mit dieser Problematik stellt das deutsch-indonesische wissenschaftliche Kooperationsprojekt dar.
2.2.3.1.1, Der Reiz des Unbekannten: Die Entwicklung von Entdeckerphantasien:
Frühe Reiseliteratur - exploration writing - Ende des 19. Jh. beschrieb die Entdeckung unbekannter Weltregionen durch Expeditionen. Die Weißen präsentierten sich den zu Hause Gebliebenen als heldenhafte Entdecker des Landes, das den ansässigen Einheimischen natürlich längst bekannt war. Die Entdeckung fand laut Mary Pratt mit dem Auge statt. In Besitz genommen wurden die Gebiete mit Worten.
Auch heute wird bei vielen Reisewilligen der Entdeckergeist durch den Mythos des ‘Unberührten’ und ‘Unbekannten’ geweckt, der eine grundlegende Dichotomie von ‘Eigenem’ und ‘Fremdem’ voraussetzt. ‘Der Tourist des Orients, Afrikas oder Lateinamerikas nimmt die Perspektive des Entdeckers an, (...) Die Popularität von Abenteuer- und Naturtourismus spiegelt die Besetzung des Tourismus mit Männlichkeit, Aggression und Invasion mit dem Ziel der Eroberung der Welt der Anderen wieder’. Reiseführer machen sich hierfür unentbehrlich. Sie stellen das Reisen als abenteuerlich aufregend, aber mit ihrer Überlebenshilfe als sicher dar. Reisenden ist es auch im Informationszeitalter wichtig, das Reiseland auf eigene Faust erkunden zu können. Die Deutsche Reiseanalyse ergab, dass neben 24,4 % der Reisenden, die vor Abreise alles über das Reiseziel wissen wollten, 33,9 % nur die notwendigen Dinge zu erfahren wünschten. Ganze 38,1 % brachen unvorbereitet auf, da sie entweder Abenteuer erleben wollten oder den eigenen Gewohnheiten vertrauten. Das Informationsdefizit wurde absichtlich aufrecht erhalten, um eine selbst gezogenen Grenze überschreiten zu können.
An den Entdeckergeist der Touristen wird auch dort erfolgreich appelliert, wo längst nur ausgetretene Pfade vorzufinden sind. Die kolonialistische Vergangenheit vieler Länder, Folgen der Globalisierung, wie materielle und soziale Verarmung werden von Reiseveranstaltern verschwiegen oder verklärt. Ein Kulturbegriff, der Kultur als etwas Unveränderliches und Ortsfestes konstruiert, wird damit in der Tourismusindustrie weiterhin gepflegt. Das vermittelte Bild sagt eher etwas über die Bedürfnisse von Reisewilligen aus, als über die Dargestellten. Die erwähnte Bildung eines Gegensatzes zwischen ‘Eigenem’ und ‘Fremdem’ ist an sich nichts Verwerfliches, sondern etwas zutiefst Menschliches. Kritisch zu sehen sind die daran geknüpften Bewertungen.
In der frühesten Kindheitsentwicklung ist die Unterscheidung zwischen Bekanntem und Fremdem von fundamentaler Bedeutung für die Wahrnehmung und Einteilung der Welt. Fremd ist zuerst alles außerhalb der Mutter. Dabei ist das, was als fremd definiert wird, immer eine subjektive Teilmenge der Gesamtwahrnehmung. Die Dichotomie ‘wir’ und ‘die Anderen’ verschafft Orientierung durch eine Aufteilung der Welt in ‘schwarz’ und ‘weiß’. Menschen, denen man sich zugehörig fühlt, werden positiv attribuiert. Unerwünschte Anteile werden abgespalten und auf Außenstehende übertragen, z. B. indem Kindern eingebläut wird, sich vor ‘Fremden’ in Acht zu nehmen. Eine ambivalente Haltung entsteht: ‘Als Ergebnis erzeugt dieser Abspaltungsprozess Angst und Aggression, aber auch Faszination und Neugierde’.
Dieses entwicklungspsychologische Merkmal sorgt auch im fortgeschrittenen Alter für eine Mischung aus Misstrauen und Faszination. Im Urlaub überwiegt Letztere, da das Unbekannte nicht zu nahe kommt. Das Leben ist ‘lange genug im Blick, um Phantasien freizusetzen, aber nicht lange genug, um das, was phantasiert wurde, mit harter Gegenwart zu konfrontieren’. Man kann die ‘Anderen’ als Anstöße nutzen, um sich in der phantasierten Differenz seiner eigenen Identität bewusst zu werden. Diese Möglichkeit der selektiven Wahrnehmung empfinden Touristen als Freiheit. Den touristischen Drang, Differenzerfahrungen zu machen, interpretiert Backes somit als Bedürfnis nach Individualisierung. Im Kennenlernen unbekannter Räume und Menschen werden auch neue innere Räume betreten und in die eigene Persönlichkeit integriert. Das vermeintlich ‘Fremde’ dient Reisenden im Ferntourismus als Projektionsfläche für unterschiedliche Arten von Imaginationen, die ich im folgenden Kapitel vorstellen möchte, da sie auch im Souvenirverkauf anzutreffen sind.
Zu Hause kommt Misstrauen gegenüber dem vermeintlich Fremden schneller zum Zug, da man ihm schwerer ausweichen kann. So finden Faszination und Misstrauen gegenüber Fremdem ihre Entsprechungen im Tourismus und Rassismus, die von Tourismuskritikern auf eine Stufe gestellt werden. ‘Während im Tourismus die Differenz positiv erlebt wird - durch Suchen und Entdecken von Neuem -, wird im Rassismus Differenz negativ wahrgenommen. Sie dient der Abwertung und Ausgrenzung’.
Touristen nehmen auch im Urlaub unterschiedliche Distanzen zwischen sich und der lokalen Bevölkerung ein. In Touristentypologien wird u.a. danach unterschieden in wieweit Touristen im Urlaub Vertrautes aufsuchen oder nach ungewohnten Erfahrungen suchen. Eine Typologie, die sich dieses Themas annimmt, stammt von Erik Cohen. Er unterscheidet vier Kategorien, die sich entlang eines Kontinuums anordnen. Am einen Ende steht der organized mass tourist, der unterwegs ähnlichen Komfort sucht, wie zu Hause und in einer Sicherheit vermittelnden environmental bubble reist. Der individual mass tourist reist ebenso von Hotel zu Hotel und hat touristische Sehenswürdigkeiten auf dem Programm. Er verfügt lediglich über individuellere Zeiteinteilung und Routenplanung. Der explorer erkundet das Land auf eigene Faust und nimmt Kontakte zur einheimischen Bevölkerung auf. Grund-legende Annehmlichkeiten sind ihm wichtig. Am anderen Ende des Kontinuums steht der drifter, der an die örtlichen Gegebenheiten anpasst unter Einheimischen lebt. Wird die von den Touristen gewählte Distanz von Einheimischen unterschritten, können diese als lästige Begleiterscheinung oder Bedrohung wahrgenommen werden. Hinweise in Reiseführern und von Reiseveranstaltern warnen zudem vor Einheimischen ‘wenn diese sich zu freundlich geben, ungefragt den Weg in preiswerte Hotels und Restaurants weisen oder gar Ware zum Verkauf anbieten. (…) hinter jedem Handel könnte ein Betrug stecken und hinter jedem freundlichen Fremden ein hinterhältiger Dieb’.
48,00 €
PDF-eBook Download: 48,00 €
Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842808737
Arbeit zitieren:
Harkort, Susanne Juni 2006: Interkulturelle Begegnungen im Souvenirverkauf auf Java, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Tourismus, Interkulturalität, Indonesien, Interaktion, Souvenir



