Interkulturalität im Film - Zur Darstellung interkultureller Erfahrungen und Problembereiche italienischer Immigranten in Montreal
Am Beispiel der Filme „Caffè Italia, Montréal“, „La Sarrasine“ und „La déroute“ des italo-kanadischen Regisseurs Paul Tana
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Julia Halm
- Abgabedatum: Januar 2006
- Umfang: 217 Seiten
- Dateigröße: 2,0 MB
- Note: 1,1
- Institution / Hochschule: Universität des Saarlandes Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-9799-6
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-9799-6 P - ISBN (CD) :978-3-8324-9799-6 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Halm, Julia Januar 2006: Interkulturalität im Film - Zur Darstellung interkultureller Erfahrungen und Problembereiche italienischer Immigranten in Montreal, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Transkulturalität, Soziolinguistik, Integration, Akkulturation, Identitätskonflikt
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Magisterarbeit von Julia Halm
Einleitung:
Die gängige Präsentation von Interkulturalität im Film beschränkt sich zumeist auf Formen der Darstellung des Exotismus, in denen Interkulturalität vor allem aus der einseitigen Betrachtungsweise der Ausgangskultur mit Blick auf das Fremde dargestellt wird. So wird das Fremde meist auf Stereotypen reduziert oder durch exotisch wirkende Personen und Inszenierungen, wie zum Beispiel der orientalischen Umgebung in Minghellas Der Englische Patient, wiedergegeben. Oft spielen europäische oder amerikanische Helden in einer exotisierten und für ein Publikum, das vor allem Filmproduktionen aus Hollywood gewöhnt ist, faszinierenden Umgebung die Hauptrollen in Filmen, die ebenfalls für eine europäische und amerikanische Zuschauerschaft gedreht wurden.
Mittlerweile sind jedoch neue Themen ins Blickfeld der Interkulturalität gerückt. Durch die Migrationsströme des letzten Jahrhunderts und die zunehmende Globalisierung der Wirtschaft, haben sich multikulturelle Gesellschaften entwickelt, in denen sich ethnische Gruppen und kulturelle Gemeinschaften nebeneinander herausbilden, die kulturell interagieren. Besonders die Frage der Immigration ist für viele Staaten hochaktuell und wirkt sich politisch wie auch sozial aus.
So hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Riege von Regisseuren aus Immigrantenkulturen gebildet, die aus ihrer besonderen Perspektive aus der Mitte der Immigrantengruppen Interkulturalität filmisch neu definieren. Es kann von einer „filmischen Wortergreifung“ von innen gesprochen werden, durch die diese Künstler Problematiken und Themen der Immigration aufgreifen und in ihren Werken umsetzen.
Gerade die Quebecer Region, die im kanadischen Staat durch ihre französischsprachige Mehrheit einen besonderen Status einnimmt, beherbergt eine große Zahl an Immigranten. So formierte sich seit den 70er Jahren, die durch die politische Machtübernahme der frankophonen Mehrheit maßgebliche Veränderungen in Quebec brachten, eine Generation von Künstlern italienischer Herkunft. In ihren Werken schlägt sich ihre italo-quebecer Identität und ihre Lage als Mitglieder einer ethnischen Minderheit nieder. Zu diesen Künstlern gehört der Regisseur Paul Tana, der als Sohn italienischer Immigranten in seinen Filmen das Thema der Einwanderung und im Besonderen die Gemeinschaft der italienischen Immigranten in Montreal behandelt. So stellt sich die Frage, wie Tana interkulturelle Erfahrungen und Problembereiche dieser Immigrantengemeinschaft in thematischer und filmischer Weise darstellt.
Im Rahmen dieser Arbeit wird diese Fragestellung auf die drei Filme Caffè Italia, Montréal, La Sarrasine und La déroute des italo-kanadischen Regisseurs bezogen und anhand einer Analyse betrachtet. Die Besonderheit dieser Arbeit liegt in der Thematisierung der Immigration aus Sicht eines Regisseurs, der selbst Teil der Einwanderer ist. Auf diese Weise wird ein völlig neuer Bereich bearbeitet, der bis heute noch nicht Einzug in die Forschung erhalten hat.
Im Mittelpunkt der Analyse werden zu diesem Zweck folgende Fragen stehen:
Welche Problematiken und interkulturelle Erfahrungen behandelt der Regisseur in seinen Filmen? Wie erfolgt die filmische Umsetzung und welche Filmgenres werden dafür herangezogen? Inwiefern spielt der historische und gesellschaftliche Kontext Montreals eine Rolle in Tanas Filmen?
Intention dieser Arbeit ist es demnach, den besonderen Blickwinkel des italo-kanadischen Regisseurs als Einwanderer auf die italienische Gemeinschaft in Montreal und die Interkulturalität, die seine Filme ausmacht, mit besonderer Berücksichtigung der filmischen Mittel darzulegen.
Zwar ist das Thema der Interkulturalität im Film ein wissenschaftlich viel bearbeiteter Aspekt, jedoch beschränken sich die meisten Arbeiten auf Analysen, die Interkulturalität mit einem Blickwinkel von Außen betrachten. So liegt jedoch die Besonderheit dieser Arbeit in der Perspektive des Regisseurs, der von seiner Position innerhalb der Gemeinschaft der Immigranten aus das Wort ergreift.
So betrachtet allein Summerfield (1993) in Crossing cultures through film Interkulturalität aus der für diese Arbeit nötigen Perspektive, sieht aber vor allem den Nutzen in pädagogischer Sicht. Das Medium Film dient ihr hierbei als Instrument zum interkulturellen Lernen. So ist ihr Werk ein didaktischer Leitfaden zum Einsatz von Film mit dem Ziel, Schüler und Studenten interkulturell zu sensibilisieren.
Da keine zum Thema passende theoretische Grundlage aufzufinden war, wurde auf Werke zurückgegriffen, die sich mit Interkulturalität in Literatur und Theater beschäftigen. Weil vor allem das Theater dem Medium Film in seiner Darstellungsweise sehr nahe ist, waren Theorien zu erwarten, die sich auch auf den Film beziehen lassen. Dennoch stellte sich heraus, dass sich Interkulturalität im Theater meist als Inszenierung von „exotischen“ Stoffen präsentierte. Zum Beispiel beschäftigt sich Pavis (1990) vor allem in Le théâtre au croisement des cultures mit der Inszenierung von Interkulturalität, wobei er weniger interkulturelle Thematiken, sondern vor allem die Umsetzung literarischer Vorlagen aus fremden Kulturen durch Bühnenbild und Schauspieler beschreibt. Auch die Rolle des Zuschauers, der mit der Adaptation von fremden Stoffen konfrontiert wird, ist hier von Bedeutung.
Obwohl Blioumi (2001) in Interkulturalität als Dynamik eine literarische Analyse vorschlägt, dient dieses Buch hier als eine der wichtigsten Forschungsgrundlagen, weil im Fokus ihrer Arbeit Migrationsliteratur steht. Sie stellt ein Analyseraster vor, das auch auf Filme bezogen werden kann und im Rahmen dieser Arbeit angewandt wird.
Im konkreten Zusammenhang mit den analysierten Filmen wird sich vor allem auf Artikel aus kanadischen Filmzeitschriften sowie der kanadischen Tagespresse bezogen, die zum Teil in Interviews mit dem Regisseur auf seinen Hintergrund als Immigrant eingehen und die Filme hinsichtlich dieses Aspekts interpretieren. Nilsson-Juliens (2002) Aufsatz Irgendwie anders: Paul Tanas Caffè Italia, Montréal betrifft die politische Realität Kanadas und stellt die Frage, ob das Medium Film die Mauern des Multikulturalismus durchbrechen kann. Dabei steht die Frage der Darstellung des Fremden oder des Immigranten und seines Platzes in der Gesellschaft im Mittelpunkt. Außerdem geht er besonders auf die Person des Regisseurs, seine Hybridität als Immigrant und deren Verarbeitung im Film ein.
Ebenso ist die „filmische Wortergreifung“ von Tana als Immigrant Ausgangspunkt von Lüsebrinks und Dions (2003) Filmanalyse Interkulturalität im außereuropäischen Film – am Beispiel von Xala (Senegal) und La Déroute (Québec). Der Fokus liegt hier sowohl auf der sprachlichen Komponente als auch auf der Vermischung von Einflüssen des alten und neuen Lebens der Immigranten.
In Sanakers (2001) Aufsatz Le Québec à l’écran: espace de rencontres et de conflits linguistiques. Etude sur la Sarrasine de Paul Tana lobt der Autor den kulturellen Realismus, durch den der Regisseur die Dreisprachigkeit der italienischen Immigranten inszeniert. Seine Analyse betrachtet die Sprache als Vehikel zur kulturellen Identifikation und analysiert sie im Bezug auf die räumliche Komponente.
Zur Filmanalyse wird sich im Folgenden auf die Artikel von Nilsson-Julien, Lüsebrink und Dion und Sanaker bezogen, die in diesem Bereich als Forschungsgrundlage dienen.
Da es sich bei der Untersuchung um eine Filmanalyse handelt, sind die drei erwähnten Filme primäre Quellen dieser Arbeit. Des Weiteren war es dank eines Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für einen Forschungsaufenthalt in Montreal möglich, spezielle Fragen zu den Filmen und den Thematiken in Interviews mit dem Regisseur (Anhang 1) und seinem Co-Drehbuchautor (Anhang 2) zu klären.
Um kurz den Aufbau dieser Arbeit zusammenzufassen, soll zunächst die vierteilige Grobgliederung dieser Arbeit vorgestellt werden: nach der Einleitung folgt eine Dokumentation der Interkulturalität am Beispiel der italienischen Immigranten in Montreal. Daran schließt der Analyseteil der Filme von Paul Tana an. Abschließend wird der Mehrwert dieser Arbeit in einem Fazit resümiert und daraufhin ein Ausblick auf die Entwicklung der Quebecer Gesellschaft gegeben.
Das Kapitel der Interkulturalität am Beispiel der italienischen Immigranten ist zweigeteilt. Zunächst erfolgt eine definitorische Erklärung relevanter Begriffe wie „Inter-“, „Trans- „ und „Multikulturalität“, woraufhin interkulturelle Aspekte dargestellt werden, die mit Immigration zusammenhängen. Hierzu gehören sprachliche Phänomene, Akkulturation sowie Integration und Assimilation. Auch die problematischen Aspekte der Interkulturalität, wie die Suche nach Identität und gesellschaftliche Konflikte, werden in diesem Abschnitt behandelt. Nach dieser theoretischen Heranführung an das Thema der Interkulturalität im Zusammenhang mit Immigration folgt die konkrete Weiterführung in einem deskriptiven Abschnitt über die italienische Gemeinschaft in Montreal. Wichtig erschien hierbei die geschichtliche Darstellung der italienischen Immigration nach Montreal, sowie Aspekte, die aktuell die italienische Gemeinschaft betreffen, wie die Quebecer Immigrationspolitik und die Frage der Identität. Diese Bereiche finden in den zu analysierenden Filmen ihre Erwähnung und sind aus diesem Grund von Relevanz.
Im analytischen Part dieser Arbeit werden nach einer kurzen Vorstellung des Regisseurs und seines Drehbuchautors die drei Filme untersucht. Dieses Kapitel macht den größten und wichtigsten Teil der Arbeit aus. Zum besseren Vergleich wurde folgendes Analyseschema auf jeden Film angewandt: Nach einer Inhaltsangabe und der Darstellung der Personenkonstellation folgt eine Analyse hinsichtlich der Dramaturgie und der filmischen Mittel. Schließlich werden die interkulturellen Aspekte herausgearbeitet. Zudem fließen die Ergebnisse von Sequenzanalysen ausgewählter Szenen in die verschiedenen Unterkapitel ein, die in je einem Sequenzprotokoll (Anhang 3-5) pro Film im Anhang nachzuvollziehen sind. Abschließend werden die Filme in einer Zusammenführung hinsichtlich der Problematiken, der interkulturellen Erfahrungen, der Filmgenres und des historischen Kontextes gegenübergestellt und verglichen. In einem Fazit wird zuletzt das Ergebnis der Arbeit zusammengefasst und ein Ausblick gegeben.
Inhaltsverzeichnis:
| Abbildungsverzeichnis | III | |
| I. | Einleitung | 1 |
| 1. | Forschungsgrundlage | 2 |
| 2. | Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit | 4 |
| II. | Interkulturalität am Beispiel der italienischen Immigranten in Montreal | 6 |
| 1. | Theoretische Aspekte | 6 |
| 1.1 | Definitorische Einführung | 6 |
| 1.1.1 | Begriffserklärung „Interkulturalität“ und „Hybridität“ | 6 |
| 1.1.2 | Abgrenzung von „Multikulturalität“ und „Transkulturalität“ | 8 |
| 1.2 | Interkulturalität durch Immigration | 9 |
| 1.2.1 | Sprachliche Phänomene der Interkulturalität | 9 |
| 1.2.2 | Akkulturation | 12 |
| 1.2.3 | Integration und Assimilation | 14 |
| 1.3 | Problematische Aspekte der Interkulturalität | 16 |
| 1.3.1 | Identitätskonflikt | 16 |
| 1.3.2 | Gesellschaftliche Konflikte | 18 |
| 2. | Italienische Immigranten in Montreal | 21 |
| 2.1 | Geschichtlicher Abriss der italienischen Einwanderung in Montreal | 22 |
| 2.2 | Die heutige italienische Gemeinschaft in Montréal | 25 |
| 2.2.1 | Kanadische Immigrationspolitik und ihre Umsetzung in Quebec | 26 |
| 2.2.2 | Die Frage der Identität | 30 |
| III. | Immigration im Film am Beispiel von Caffè Italia, Montréal, La Sarrasine und La déroute | 35 |
| 1. | Eine Produktion in Teamwork: Paul Tana, „l’artiste immigrant“, und sein Co-Drehbuchautor Bruno Ramirez | 35 |
| 2. | Filmanalyse von Caffè Italia, Montréal | 39 |
| 2.1 | Inhalt und Personen: Die Geschichte der italienischen Einwanderung und die Suche nach Identität | 41 |
| 2.2 | Dramaturgie und filmische Mittel: Die Form der „Doku-Fiktion“ | 43 |
| 2.3 | Interkulturelle Aspekte: Auf der Suche nach Identität | 52 |
| 2.3.1 | Mögliche Facetten der Identität | 52 |
| 2.3.2 | Hybridität auf mehreren Ebenen | 61 |
| 2.3.3 | Sprachliche Darstellung der Interkulturalität | 63 |
| 2.3.4 | Identität vor dem Hintergrund des „Multiculturalism Act“ | 65 |
| 2.4 | Zusammenfassung | 66 |
| 3. | Filmanalyse von La Sarrasine | 67 |
| 3.1 | Inhalt und Personenkonstellation: Ein tragischer Mordfall und die Emanzipation der italienischen Einwanderin Ninetta | 68 |
| 3.2 | Dramaturgie und filmische Mittel: Theatrale Elemente und Perspektivenwechsel durch elliptische Erzählweise | 72 |
| 3.3 | Interkulturelle Aspekte: Die Anfänge der Interkulturalität | 77 |
| 3.3.1 | Emanzipation aus dem Patriarchat | 78 |
| 3.3.2 | Ausländische Traditionen und die Reaktion darauf | 81 |
| 3.3.3 | Phänomene der multikulturellen Gesellschaft | 88 |
| 3.3.4 | Die Abhängigkeit der Sprache vom Raum | 97 |
| 3.4 | Zusammenfassung | 101 |
| 4. | Filmanalyse von La déroute | 101 |
| 4.1 | Inhalt und Personenkonstellation: Das Familiendrama des italienischen Selfmademan Joe Aiello | 102 |
| 4.2 | Dramaturgie und filmische Mittel: Der Film im Film als Prolog zur Tragödie | 106 |
| 4.3 | Interkulturelle Aspekte: Von der Darstellung der Gemeinschaft zur Darstellung einer Konfrontation | 111 |
| 4.3.1 | Synkretismus aus Moderne und Tradition | 112 |
| 4.3.2 | Sprachliche Vermischung | 118 |
| 4.3.3 | Der Generations- und Traditionskonflikt: Joe versus Bennie | 121 |
| 4.4 | Zusammenfassung | 136 |
| 5. | Vergleichende Zusammenführung | 137 |
| 5.1 | Problematiken | 137 |
| 5.2 | Interkulturelle Erfahrungen | 141 |
| 5.3 | Die Wahl der Filmgenres | 142 |
| 5.4 | Paul Tanas Filme im historischen Kontext | 144 |
| IV. | Fazit und Ausblick | 147 |
| Literaturverzeichnis | 149 | |
| Anhang | 154 | |
| Anhang 1: Gespräch mit Paul Tana, am 01.08.2005 | 155 | |
| Anhang 2: Gespräch mit Bruno Ramirez, am 28.07.2005 | 169 | |
| Anhang 3: Sequenzanalyse zu Caffè Italia, Montréal | 191 | |
| Anhang 4: Sequenzanalyse zu La Sarrasine | 194 | |
| Anhang 5: Sequenzanalyse zu La déroute | 203 |
Doch nicht nur der Kern der Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit. Ramirez hatte sich für Recherchen in ländliche Regionen von Quebec begeben, in Pfarreien historische Dokumente wie Geburtsurkunden, Eheregister und Gemeindebücher durchforstet und somit ein bis dahin noch kaum historisch erforschtes Territorium betreten.332 Ebenso waren Zeitungsartikel aus der Epoche eine ergiebige Quelle. Als Ergebnisse dieser Recherchen flossen in La Sarrasine prägnante Sätze ein, die zur Darstellung der damaligen Haltung gegenüber Immigranten aussagekräftig waren. So ist zum Beispiel Félicités Satz „Si ç’avait [sic] été un Canadien français, y’aurait [sic] été pendu!“333, den sie wütend ihrem Vater entgegenschleudert, ein Zitat eines Beobachters des Prozesses gegen Giaccone. Es ist ein Beispiel der Unzufriedenheit einiger Franko-Quebecer über die schließlich erfolgte Begnadigung des Italieners. So kann man in diesem Fall von einem dokumentarischen Aspekt sprechen, der jedoch sehr diskret in das Gesamtwerk eingebaut ist.334 Um die Vielzahl der Personen zu überblicken, werden im Folgenden die verschiedenen Personengruppen sowie ihre Beziehungen untereinander vorgestellt.335 Es ist eine Unterscheidung nach der Herkunft möglich, sodass sich drei Kreise ergeben: die italienischen Immigranten, die Franko-Quebecer und die Anglo-Quebecer. Im Mittelpunkt der italienischen Immigranten steht der Schneider Giuseppe Moschella, der mit seiner Frau Ninetta eine Pension führt. Seine Pensionsgäste sind der Tagelöhner Melo, sein Cousin Joe und der Musikant Pasquale. Giuseppes Lehrling Carmelo erhält in der Pension Kost und Logie. Als Giuseppe nach seiner Verhandlung ins Gefängnis muss, treten zwei weitere Nebenpersonen auf: Celi, ein innerhalb der italienischen Gemeinde angesehener Bürger, versucht, mehr eigennützig als für Giuseppe, eine Begnadigung zu erreichen. Giuseppes Bruder, Salvatore, soll Ninetta gegen ihren Willen mit nach Italien nehmen. Sowohl Celis Plan, sein Ansehen zu steigern, als auch Salvatores Mission scheitern. Ninetta durchkreuzt ihre Vorhaben, da sie sich einerseits eigenmächtig um einen einflussreichen Anwalt kümmert und sich andererseits mit Carmelos Hilfe versteckt hält. Salvatore gibt daraufhin die Suche auf und reist allein in die Heimat ab. [...]
Ausgangspunkt der Geschichte von La Sarrasine ist eine wahre Begebenheit, die sich 1904 in Montreal abspielte: Der Co-Drehbuchautor Ramirez war zufällig während Recherchen über Kriminaldelikte der Italiener in Montreal für das Magazin Vice Versa auf eine Begebenheit aus den Jahren 1904/05 gestoßen, die zum Ausgangspunkt von La Sarrasine werden sollte.329 Ein italienischer Immigrant, der sich durch Fleiß in seinem Beruf als Schneider und durch seine Bemühungen, sich in die Montrealer Gesellschaft zu integrieren, eine solide Existenz und Ansehen geschaffen hat, bringt im Streit einen Franko-Quebecer um. Er stellt sich freiwillig der Justiz und wird zum Tode verurteilt. In Tanas Film wird durch Bemühungen der Frau des Schneiders und der gesamten italienischen Gemeinschaft in Montreal die Begnadigung durch das Justizministerium in Ottawa erreicht. Die Todesstrafe wird in eine lebenslängliche Haft umgewandelt. Schließlich erhängt sich jedoch der Häftling in seiner Zelle. Zurück bleibt seine Frau Ninetta, die nach der Festnahme ihres Mannes Giuseppe ins Rampenlicht rückt. Obwohl sie zunächst in der Rolle als Hausfrau, die ihrem Mann untergeordnet ist, auftritt, ergreift sie die Initiative, um Giuseppe zu retten. Als dieser sie jedoch nach seiner Begnadigung nach Italien zurückschicken will, widersetzt sie sich ihm und beschließt, sich ein eigenes Leben in ihrer Wahlheimat Kanada aufzubauen. Ebenso wie der bereits analysierte Film Caffè Italia, Montréal, der auf ein dokumentarisches Hauptgerüst aufbaut, besitzt La Sarrasine eine dokumentarische Dimension. Durch die Adaptation eines historischen „fait divers“330, wird sie jedoch nicht filmisch, sondern inhaltlich umgesetzt. Im Rampenlicht der damaligen Boulevardpresse stand der italienische Schneider Antonio Giaccone, der in seinem Haus Immigranten bewirtete und eine beispielhafte Vergangenheit aufweisen konnte. Er pflegte keinerlei Kontakte zur Mafia und lehnte jegliches gesetzeswidriges Verhalten ab. Als dieser Schneider dennoch einen FrankoKanadier umbrachte, stellte sich die italienische Gemeinschaft hinter ihn und erreichte eine Begnadigung der verhängten Todesstrafe.331 [...]
Tanas dritter Spielfilm La Sarrasine konnte sowohl auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene Erfolge verbuchen. Nachdem 1990 der Film das Quebecer Filmfest „Les Rendez-Vous du Cinéma Québécois“ eröffnet hatte, kam er 1992 in die Auswahl für den „Génie“, den man als den kanadischen Oskar bezeichnen kann. Zwar konnte kein Preis für den Film gewonnen werden, jedoch wurde Tony Nardi als bester männlicher Schauspieler für seine Rolle prämiert. Nicht zuletzt wurde der Streifen im gleichen Jahr auf der Berlinale im offiziellen Wettbewerb für Kanada vorgeführt.328 Wie schon in Caffè Italia, Montréal spielt auch in La Sarrasine das Element des Feigenbaums eine Rolle. Jedoch beziehen sich Tana und Ramirez nur in ihrem Vorwort zum veröffentlichten Drehbuch auf das Mittelmeergewächs. Auch hier gilt es als Metapher für die Verwurzelung der Einwanderer mit der neuen Heimat. Aus diesem Grund wurde dieses Element, jedoch auf unauffällige Weise, im Film eingebaut: Zwar handelt es sich in diesem [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832497996
Arbeit zitieren:
Halm, Julia Januar 2006: Interkulturalität im Film - Zur Darstellung interkultureller Erfahrungen und Problembereiche italienischer Immigranten in Montreal, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Transkulturalität, Soziolinguistik, Integration, Akkulturation, Identitätskonflikt



