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Inhaltliche Codierung von Lyrik zwischen Manipulation und Agitation

Musik- und Textpräsentation der Gruppe Ton Steine Scherben

Inhaltliche Codierung von Lyrik zwischen Manipulation und Agitation
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Rafael Schreiber
  • Abgabedatum: Oktober 2001
  • Umfang: 113 Seiten
  • Dateigröße: 720,7 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin Deutschland
  • Bibliografie: ca. 51
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-5946-8
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-5946-8 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-5946-8 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Schreiber, Rafael Oktober 2001: Inhaltliche Codierung von Lyrik zwischen Manipulation und Agitation, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Rock, Pop, Songtexte, Gedichte, Lied

Staatsexamensarbeit von Rafael Schreiber

Populäre Musik ist ein Bestandteil unseres Lebens. Sie kommt beiläufig aus dem Radio und dem Fernseher oder wird von uns bewußt gewählt bei Konzerten oder gekauften Tonträgern. Populäre Musik ist in der Regel in Liedform ausgeprägt. Das Lied ist naturgemäß auch Träger von Texten, die uns, ähnlich wie das Lied selbst, manchmal erreichen und manchmal nicht. So viele Lieder, so viele Texte.

Das zentrale Thema dieser Arbeit ist die Frage nach der Art und Weise der Darstellung bestimmter Inhalte in zum populäre Lied gehörenden Texten. Gleichzeitig werden allgemeine Besonderheiten dieser Liedtexte dargestellt.

Der Fokus liegt hierbei auf der Gruppe „Ton Steine Scherben“, eine der ersten deutschsprachigen Rockbands in den siebziger Jahren, die aufgrund vieler politisch sehr radikaler und agitativer Liedtexte polarisierte. Die Liedtexte sollen in die Lyrik eingeordnet und nach der Art ihrer Gestaltung untersucht werden. Dazu wird zuerst die literaturhistorische Nähe von Lied und Lyrik sowie ihre parallele und manchmal gegensätzlich verlaufende Entwicklung dargestellt.

Gang der Untersuchung:

Den Hauptteil der Arbeit nimmt die Untersuchung der „Ton Steine Scherben“ - Lieder unter verschiedenen Aspekten und im Vergleich zur herkömmlichen Lyrik ein.

Das betrifft erstens den formellen Aufbau. Welches sind die äußeren Merkmale im Aufbau eines Liedtextes? Zum Vergleich und zur Abgrenzung wird hierzu in Kapitel 2.3 das Volkslied herangezogen.

Zweitens werden inhaltliche Aspekte untersucht. Es wird versucht, Themengruppen mit der Art ihrer Kodierung, also Verschlüsselung, in Verbindung zu setzen. Dazu gehören z.B. Kriterien wie Bildlichkeit und Redeweise.

Drittens werden Besonderheiten der Kommunikation durch das Lied erörtert. Dies betrifft vor allem die kommunikative Wirkung des populären Liedes als Komplex von Text, Musik und Präsentation, sowie durch seine Bestimmung als Massenkommunikation. Zwar liegt naturgemäß der Schwerpunkt dieser literaturwissenschaftlichen Arbeit auf der Textebene, jedoch sind Musik und Präsentation in verschiedenen Anteilen ebenso Teil der Gesamtwirkung des Liedes und, soweit möglich, zu untersuchen. Der Präsentationsebene wird hier nur ein sehr geringer Anteil zukommen.

Der letzte Teil der Arbeit widmet sich einem speziellen Lied der Gruppe besonders, analysiert und interpretiert es und gleicht so die vorher allgemein und empirisch ermittelten Erkenntnisse auf konkreter Ebene ab.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung und Zielsetzung 3
1. Die Entwicklung von Lied und Lyrik 4
1.1 Lyrik und ihr Begriff 4
1.2 Historische Entwicklung 5
1.3 Das populäre Lied 17
1.4 Zusammenfassung 21
2. Der Rocksong und seine Kodierung bei "Ton Steine Scherben" 23
2.1 Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes 23
2.2 Methodik im allgemeinen 24
2.3 Der formelle Aspekt 25
2.3.1 Methodik 25
2.3.2 Allgemeines zur Form von Lied und Gedicht 26
2.3.3 Das Volkslied als Vergleichsobjekt 27
2.3.4 Herausarbeitung der zu untersuchenden Kriterien 29
2.3.5 Probleme der Verserkennung in den Textabdrucken 33
2.3.6. Analyse und Ergebnis 35
2.3.7 Zusammenfassung 41
2.4 Der inhaltliche Aspekt 43
2.4.1 Einleitung 43
2.4.2 Thematische Klassifikation 43
2.4.3 Methodik und Kriterien der Untersuchung 45
2.4.4 Untersuchung 46
2.4.4.1 Wortarten 46
2.4.4.2 Formen subkultureller Geheimsprache? 54
2.4.4.3 Zeitformen 54
2.4.4.4 Bildformen 56
2.4.4.4.1 Allgemeines zur Bildlichkeit 59
2.4.4.4.2 Die Themen "Liebe" und "Politischer Protest" 58
2.4.4.5 Redeweise 61
2.4.5 Zusammenfassung 63
2.5 Der kommunikative Aspekt 66
2.5.1 Einleitung 66
2.5.2 Was ist Kommunikation? 66
2.5.3 Lied und Gedicht als kommunikativer Akt 68
2.5.4 Text und Musik 71
2.5.5 Zusammenfassung 73
3. Kodierung von Inhalten in einem konkreten Lied 74
3.1 Einleitung 74
3.2 Der Untersuchungsgegenstand: "Der Turm stürzt ein" 74
3.3 Kontext und Entstehung 76
3.4 Allgemeines zum Inhalt des Liedes "Der Turm stürzt ein" 76
3.5 Analyse und Interpretation 76
3.6 Musikalische Umsetzung und Interpretation 86
3.7 Zusammenfassung 88
4. Zusammenfassung der Ergebnisse und Schlussbetrachtungen 89
Anhang I: Thematische Einordnung der "Ton Steine Scherben" - Songs 95
Anhang II: Langspielplatten von "Ton Steine Scherben" 98
Anhang III: Formelle Kriterien der Lieder 98
Anhang IV: Zählung der Worte und Wortartenbestimmung 105
Literatur 106
Tabellenverzeichnis 110

Textprobe:

Kapitel 1.3, Das populäre Lied:

Das populäre Lied entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts aus der Wiener Operette. Einzelne Lieder einer Operette kamen beim Publikum besonders gut an und wurden zu „Gassenhauern“, zu beliebten und populären Liedern. Daraus folgte, daß von vornherein Lieder auf ihre Funktion als Einzelstück hin komponiert wurden, die sogenannten „Schlager“ (weil sie beim Publikum „einschlugen“).

Heute wird zwischen der ernsten (E-) Musik und der populären (U wie Unterhaltungs-) Musik unterschieden. Folgt man diesem Muster, dann ist an dem erwähnten Entwicklungspunkt des Schlagers aus der Operette der Übergang von E- Musik zu U- Musik zu beobachten.

In den zwanziger Jahren wurde der Schlager durch den 1923 eingeführten Rundfunk einem breiteren Publikum zugänglich. Musikalisch drängten amerikanische Rhythmen und Liedformen auf den deutschen Markt (Cakewalk, Shimmy, Charleston) und wurden rasch populär. Kabaretts und Revuen wirkten dabei als Katalysatoren. Der deutsche Schlager griff die amerikanischen Einflüsse auf, brach sie aber auch ironisch. Viele in den zwanziger Jahren entstehende Schlager sind im Text von Spaß und Witz gekennzeichnet, häufig voller erotisch - frivoler Anspielungen.

Text und Komposition lagen in der Regel in verschiedenen Händen, wobei üblicherweise die fertigen Melodien anschließend vertextet wurden. Wichtige Schlagertexter der zwanziger Jahre waren Fritz Löhner - Beda, Charles Amberg und Hermann Frey.

Während des Dritten Reiches war die deutsche Schlagerproduktion von internationalen Einflüssen isoliert, jedoch nahm ihre Menge zu, sicher auch aufgrund der fehlenden ausländischen Konkurrenz. Die deutsche Schlagerproduktion war zu jener Zeit von etwa einem Dutzend Texter dominiert, so Bruno Balz („Ich brech die Herzen der stolzesten Frau’n“) oder Hans - Fritz Beckmann („Ich wollt’, ich wär ein Huhn“). Für die Verbreitung des Schlagers gewann der Tonfilm zunehmend an Bedeutung.

Betrachtet man die populärsten Schlager der dreißiger und vierziger Jahre, so stellt man eine schematische Konzentration auf den Wechsel von Strophe und Refrain fest. Dies ist beispielsweise bei dem erwähnten „Ich brech die Herzen der stolzesten Frau’n“ (1938), bei „Veronika, der Lenz ist da“ (1930, Comedian Harmonists) oder dem umstrittenen „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ (1938, Text: Bruno Balz) der Fall. Hier stellt sich auch ein formeller Unterschied zum Song à la Tucholsky oder Brecht (vgl. „Die Ballade von Mackie Messer“) dar.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs der Einfluß US - amerikanischer Tanzstile und Rhythmen um ein Vielfaches. Insbesondere in der BRD lehnten sich Kompositionen und Arrangements oft stark an den Boogie - Woogie und den Swing an. Hierfür ist das Texter/Komponisten - Duo Evelyn Künnecke / Michael Jary beispielgebend. Wichtig für die Entwicklung des Schlagers ist seine Kopplung an den Interpreten in den fünfziger Jahren. Das Lied „(zirkulierte) nur noch in Ausnahmefällen abgelöst von seiner Realisierung durch einen bestimmten Sänger oder eine bestimmte Sängerin.“ Dies hing auch mit dem Siegeszug der Schallplatte zusammen. Vorher war die kommerzielle Verwertung der Schlager an Notendrucke gekoppelt. Entweder der Privatmann oder Tanzkapellen spielten den Schlager auf ihre individuelle Weise. Jetzt wurden Sänger Stars, und allein deren Namen konnten für den Erfolg eines Liedes garantieren. Thematisch zentral war in den westdeutschen Schlagern der fünfziger und frühen sechziger Jahre der Themenkomplex Fernweh/Heimweh (wie Freddy Quinns „Junge, komm bald wieder“, 1962). Zeitreflexion und Zeitkritik fanden sich in den Schlagertexten selten.

In Amerika entstand aus der Verknüpfung von Blues und Country - Music der Rock ’n’ Roll. Unter dessen Einfluß entwickelte sich in England der Beat. Amateurmusiker begannen, unabhängig von Plattenfirmen und kommerziellen Songschreibern, auf ihre individuelle Art den Rock ’n’ Roll nachzuspielen. Am erfolgreichsten waren die Beatles ab 1960. Aufgrund der unglaublichen Resonanz der Musik und der engen Verknüpfung von Jugendkultur und dieser Musik wurde der Schlager, wie er in Deutschland existierte, an den Rand der populären Musik gedrängt.

Den Begriff Pop (-uläre Musik) besetzte jetzt eher der englische Beat und der amerikanische Rock (von Rock ’n’ Roll). In Westdeutschland spielten viele junge Bands die Beatles nach oder dichteten eigene englische Texte mit in der Regel mäßigem Erfolg. Deutsche Texte von deutschen Beat- oder Rockgruppen kamen fast gar nicht vor.

Die sich in weitestem Sinne auf die Wurzeln des Rock ’n’ Roll beziehende Musik soll hier im folgenden einfach Rockmusik genannt werden. Der umfassendere Begriff Popmusik schließt zwar eigentlich Rockmusik mit ein. In der heute üblichen Begrifflichkeit von populären Musikstilen stehen sich Rock und Pop allerdings gegenüber, wobei Rock den Nimbus des „Authentischeren“, „Ehrlicheren“ hat, während Pop als eher kommerziell ausgerichtet angesehen wird. Dies liegt unter anderem am Produktionsstil, der bei Rockmusik revolutionär war. Die Art und Weise der Rocksong - Produktion, beginnend beim englischen Beat, war bestimmt „durch die kollektive Identität von Texter, Komponist, Arrangeur und Interpret in der Rockgruppe.“, ganz im Gegensatz zur oben beschriebenen Schlagerherstellung.

Zum anderen wurde die Rockmusik stark durch die amerikanische Folk- und Protestsongbewegung und deren Ikonen der 60er Jahre wie Bob Dylan politisiert. Eigentlich verschmolz die amerikanische Protestsongbewegung mit dem Rock. Dies führte zu einer erhöhten Relevanz der Texte eines Rocksongs, was also das generelle Bild von Anspruch und erwähnter Authentizität unterstützte.

In der DDR wurde die Rock- und Beatmusik auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED 1965 verurteilt. Nichtsdestotrotz entwickelte sich eine Amateurszene, der sich um 1970 der Jugendverband FDJ als Schirmherr mit der Losung „DDR konkret“ annahm. Gruppen wie die „Puhdys“, „electra“ oder „Panta Rhei“ entwickelten sich aus dieser nun offiziell legitimierten Richtung. Als wesentlich für die Texte der DDR - Rockmusik, die übrigens im Gegensatz zur BRD von Anbeginn durchgehend deutschsprachig waren, gelten die ausgesprochen metaphernreichen Texte.

Die Ersten, die in der Bundesrepublik Rockmusik mit deutschen Texten machten, waren um 1970 auftretende Politrockgruppen, wie „Ton Steine Scherben“, „Lokomotive Kreuzberg“ oder „Floh de Cologne“. Als Vorreiter der deutschsprachigen Rockmusik sind sie aufgrund der einseitigen und radikalen Haltung vieler Texte umstritten.

Ein enormer kreativer Aufbruch erfolgte 1980/81 mit der Neuen Deutschen Welle (NDW), Tanzmusik mit unbekümmerten Texten und tendenzieller Nähe zum Schlager. Die Neue Deutsche Welle mit Gruppen wie Trio, DAF oder Geier Sturzflug war allerdings nach drei Jahren nahezu völlig verschlissen, aufgrund eines „beispiellosen Vermarktungsfeldzugs“, wie Peter Wicke schreibt.

Hier kann man bereits den Unterschied zwischen Rock und Pop ausmachen. Rock versteht sich als traditionell (Rock ’n’ Roll- und Beattradition ist gemeint) und mit generell erhöhter Gewichtung auf den Texten. Demgegenüber wird Pop verstanden als eher mit modernen Produktionsmöglichkeiten (z.B. Synthesizer) „gemacht“ und mit Texten, die sich eher an Singbarkeit und Einprägsamkeit orientierten („Ich düse, düse, düse im Sauseschritt“ aus ‚Codo’ von D.Ö.F.). Dieser Unterschied ist allerdings ebensowenig trennscharf, wie der Unterschied von Rock und Pop überhaupt.

Trotzdem ist die Neue Deutsche Welle der Start des deutschen Pop, und Pop bedeutet ab hier eben nicht mehr jede Form populärer Musik.

Von der Neuen Deutschen Welle übriggebliebene Künstler wie Nena und Falco und einige neue Sänger wie Herbert Grönemeyer, Heinz - Rudolf Kunze oder Klaus Lage dominierten in den späten achtziger Jahren den westdeutschen Markt für deutschsprachigen Rock und Pop.

Die ostdeutschen Bands verloren mit der Wiedervereinigung 1989 fast alle ihr Publikum, nur wenige wie „Die Prinzen“ oder „Keimzeit“ überlebten, andere zerbrachen und formierten sich aus den Splittern neu, wie z.B. „Rammstein“.

Die populärmusikalisch größte Sensation der neunziger Jahre ist der Transport des ursprünglich amerikanischen Raps und Hip - Hops, also rhythmischen Sprechgesangs, auf die deutsche Sprache. Am Beginn des deutschsprachigen Hip - Hops stehen die „Fantastischen Vier“ mit ihrem Lied „Die da!?“ (1992), und sie zogen unzählige Gruppen nach sich. Der sprachliche Ausdruck, der elegante Umgang mit Reimen, die Suche nach unverbrauchten Formulierungen, also die sprachliche Originalität war und ist von zentraler Wichtigkeit für deutsche Rapper und Hip - Hopper. Hinter dieser Formfixierung scheinen Inhalte jedoch oft zurückzutreten. Politische Themen treten anteilig untergeordnet auf.

Insgesamt könnte man sagen, daß Rap und Hip - Hop heute das musikalische Leitmotiv der Jugendkultur sind, so wie der Beat Anfang der sechziger Jahre.

Automatisiert erstellter Textauszug:

Die Verben Während Substantive, wie eben gezeigt, anscheinend themenverteilt gewichtet sind, ist das bei Verben nicht so deutlich. Die untersuchten Lieder der Kategorie „Liebe“ enthalten nicht sichtbar mehr Verben als die Lieder der Kategorie „Politischer Protest“. Dies spiegelt sich außer in einzelnen Liedern auch im Mittelwert wider, der im Verbanteil der Kategorie „Liebe“ (22,8%) noch unter dem der Kategorie „Politischer Protest“ (25,8%) liegt. Ich hatte festgestellt, daß tendenziell mehr Substantive im Themenbereich „Politischer Protest“ auftreten und hätte bei den Verben also eine umgekehrte Gewichtung erwarten dürfen. Dem ist aber nicht so. Hier stellt sich noch einmal die Frage von der prinzipiellen Gegensätzlichkeit von Verbal- und Nominalstil. Allerdings ist zu berücksichtigen, daß die Auswahl der untersuchten Lieder sehr gering ist. Dies fällt um so mehr ins Gewicht, da der durchschnittliche Anteil der Verben nach Tabelle 6 sich in beiden Gruppen nur geringfügig unterscheidet. Hier liegt der Unterschied zur Beobachtung des Auftretens der Substantive, bei denen sich die mittleren Werte der Themenkomplexe deutlicher unterschieden. Wie bereits erwähnt, färbt der überdurchschnittlich hohe Verbanteil von Lied P5 (41%) auf den Mittelwert der gesamten Gruppe „Politischer Protest“ ab. Dies ändert aber nichts am trotzdem häufigen Auftreten der Verben in den anderen Liedern der Themengruppe. Eine deutliche Aussage bezüglich der Verben und ihrem Auftreten in den thematischen Gruppen läßt diese Untersuchung nicht zu. Jedoch macht die Untersuchung deutlich, daß Verben und Substantive keineswegs entgegengesetzt verteilt sein müssen. Da sowohl Verben als auch Substantive prozentual stärker in der Gruppe „Politischer Protest“ vertreten waren, stellt sich nun die Frage, welche Wortarten im Themenkomplex „Liebe“ stärker auftreten. Adjektive Adjektive treten in den untersuchten Liedern im Vergleich zu anderen Wortarten seltener auf. Eine Verteilung nach Thema scheint gegeben, da 6 % („Liebe“) etwa 2 % („Politischer Protest“) gegenüberstehen. [...]

Was bedeutet das? Im Lied „Menschenjäger“ erleben wir in der letzten Strophe eine Aufzählung von Substantiven, die stakkatoartig sämtliche „Feinde“ des Autors (Text: Möbius alias Rio Reiser) benennt: Menschenjäger Schreibtischtäter Popos Kripos NPD Faschisten Sadisten CIA Neckermänner Genscher Springer Krupp und alle Kriegsgewinnler Neubauer Ruhnau Nixon Hübner Schreiber (Aus: „Menschenjäger“, Text / Musik: Möbius / Steitz, 1972) Jegliche Bewegung ist stillgestellt. Steigerung erfährt diese Strophe jedoch durch Konkretisierung und die laufende Ausweitung des Bedeutungsbereichs des „Menschenjäger“ - Bildes. Eine ähnliche Wirkung durch Aufzählung wird in „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ erzielt: Radios laufen Platten laufen Filme laufen TV’s laufen Reisen kaufen Autos kaufen Häuser kaufen Möbel kaufen Wofür? (Aus: „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“, Text / Musik: Möbius / Krause, 1971) Trotz der vielen vorhandenen Verbformen wird diese Strophe (und die anderen auch) von den Substantiven dominiert, die sich ändern und das Bild prägen, während die Verben kaum eine Bewegungswirkung erzielen, obwohl z.B. „laufen“ ein Verb der Bewegung ist. Die Bewegung, die in dieser Strophe entsteht, ähnelt eher einer im Kreis laufenden Maus, weil die Verben „laufen“ und auch (wenn auch weniger) „kaufen“ durch die angebundenen und aufgezählten Substantive in ihrer Vorwärtsbewegung aufgehalten werden. Insofern korrespondiert die Form hier sehr gut mit dem Inhalt des Textes, in dem es um die öde Gleichförmigkeit des bürgerlichen Lebens geht. Interessant ist auch der Wechsel der Satzfunktion des Substantivs nach der Hälfte der Strophe vom Subjekt zum Objekt. [...]

Alle Werte sind Prozentangaben. Der erste Wert ist der Anteil an der Gesamtwortzahl des jeweiligen Liedes. Der zweite Wert (hinter „/“) ist der Anteil der Wortarten am Refrain. Die ausgewählten Wortarten betreffen ca. 65 % aller Worte der betrachteten Lieder. Wie unter 2.4.4 wurden den einzelnen Liedern Kürzel zugeordnet. Vor dem Vergleich der thematischen Wortartenverteilung stellt sich mir eine grundsätzliche Frage. Es werden die Bezeichnungen Nominalstil (für einen erhöhten Anteil von Substantiven) und Verbalstil (es gibt überdurchschnittlich viele Verben im Text) häufig entgegengesetzt verwendet. Führt die Dominanz der einen Wortart überhaupt zu einem unterdurchschnittlich häufigen Auftreten der anderen? Es könnten ja beispielsweise beide in ihrer Verwendung ansteigen oder absinken (auf Kosten oder zugunsten anderer Wortarten). Bedingt sich also das Auftreten von Verben und Substantiven (umgekehrt) relational? Über allen zehn untersuchten Liedern liegt der mittlere Substantivanteil bei 17,6 %. Der mittlere Anteil der Verben beträgt 24,3 %. Fünf Lieder enthalten einen zum Mittelwert relativ erhöhten Substantivanteil („Nominalstil“), nämlich L3, P1, P2, P4 und P5. Bei davon vier Liedern läßt sich ein durchschnittlich geringerer Verbanteil feststellen. (Außer P5: „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“, welches übrigens aufgrund des außerordentlich hohen Verbanteils die Statistik über den Mittelwert färbt.). Demgegenüber haben auch Lieder mit deutlich höherem Verbanteil tendenziell weniger Substantive. Dies betrifft deutlich die Lieder L2, L5 und P3. Nichtsdestotrotz gibt es Ausnahmen, bei denen weder eine Dominanz der Substantive noch der Verben zu verzeichnen ist. Dies bedeutet nur, daß die Kategorien Nominaloder Verbalstil auf jene Texte nicht anwendbar sind. In der Tendenz ist jedoch eine Gegensätzlichkeit der beiden Wortarten zu beobachten. Stehen die Wortarten nun im Verhältnis zum Inhalt, d.h. zur thematischen Gruppe? Die Substantive Tatsächlich sind in den untersuchten Liedertexten des thematischen Komplexes „Politischer Protest“ mehr Substantive enthalten als im Vergleichsbereich „Liebe“. Dies betrifft den Mittelwert, somit können einzelne Lieder auch herausfallen. Eine Ausnahme ist „Mein Name ist Mensch“ (Politischer Protest), welches weniger Substantive beinhaltet als „Bist Du’s“ (Liebe). [...]

Arbeit zitieren:
Schreiber, Rafael Oktober 2001: Inhaltliche Codierung von Lyrik zwischen Manipulation und Agitation, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Rock, Pop, Songtexte, Gedichte, Lied

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