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Individuelle Bewältigung von Flexibilitäts- und Mobilitätsanforderungen am Beispiel Wohnortwechsel

Individuelle Bewältigung von Flexibilitäts- und Mobilitätsanforderungen am Beispiel Wohnortwechsel
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Anja Stippler
  • Abgabedatum: Juni 2006
  • Umfang: 205 Seiten
  • Dateigröße: 1,6 MB
  • Note: 1,1
  • Institution / Hochschule: Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig Deutschland
  • Bibliografie: ca. 126
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0664-6
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Stippler, Anja Juni 2006: Individuelle Bewältigung von Flexibilitäts- und Mobilitätsanforderungen am Beispiel Wohnortwechsel, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Wohnortwechsel, Arbeitsmarkt, Flexibilität, Mobilität, Wohnort

Diplomarbeit von Anja Stippler

Einleitung:

Gesellschaftliche Veränderungen, Turbulenzen auf dem Arbeitsmarkt und der Wandel der Erwerbsarbeit führen zu immer neuen Anforderungen an den arbeitenden Menschen. Begriffe wie Flexibilität und Mobilität sind aus Arbeitnehmer- und Arbeitgebersicht nicht mehr weg zu denken und erfordern hohe Anpassungsleistungen auf Seiten des Individuums.

„Mobilität im Sinne von Beweglichkeit und Flexibilität hat sich in Zeiten der Globalisierung zu einem Erfordernis entwickelt, das als Strukturmerkmal allen Organisationen abverlangt und als Persönlichkeitsmerkmal von immer mehr Menschen erwartet wird. Leitfigur der Moderne ist der ‚mobile Mensch’: flexibel, ungebunden, leistungsstark“.

Eine Reaktionsweise auf die Veränderungen des Arbeitsmarktes ist eine erhöhte Mobilitätsbereitschaft, d.h., die Bereitschaft, täglich weite Strecken zum Arbeitsplatz auf sich zu nehmen oder gar den Wohnort zu wechseln. Untersuchungen haben ergeben, dass ein Wohnortwechsel mit weniger Belastungen und mehr Zeitersparnis verbunden ist als das tägliche Pendeln. Und doch führt auch die räumliche Veränderung zu vielen Einbrüchen und Veränderungen im Leben des Menschen sowie seiner sozialen und räumlichen Umwelt.

Die vorliegende Studie beschäftigt sich mit der individuellen Bewältigung der Flexibilitäts- und Mobilitätsanforderungen am Beispiel Wohnortwechsel.

Die (Industrie-) Soziologie analysiert die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse, lässt aber den Menschen und sein subjektives Erleben und Verhalten als Reaktion auf die Veränderungen weitgehend außer Acht. Aus diesem Grund erscheint mir die Verknüpfung von soziologischen und psychologischen Elementen in dieser Untersuchung angemessen, um das komplexe Phänomen des Wohnortwechsels, vor allem dessen Ursachen und Auswirkungen eingehend zu beleuchten.

Gang der Untersuchung:

Der erste Teil des Buches widmet sich dem theoretischen Hintergrund meiner empirischen Untersuchung „Wohnortwechsel“.

In den ersten zwei Kapiteln werden der Stellenwert von Erwerbsarbeit und dessen Wandel sowie die strukturellen und gesellschaftlichen Veränderungen, die den Menschen und sein Erwerbsleben beeinflussen, betrachtet. Hieraus ergeben sich neue Anforderungen an das Individuum, wobei insbesondere die Flexibilität und Mobilität betrachtet werden. Umzugsmobilität kann als eine Form der Arbeitskräftemobilität gesehen werden, um auf diese Anforderungen zu reagieren (Kapitel 3).

Die Auswirkungen eines Wohnortwechsels in Form von Stress und Bewältigung sind Gegenstand des vierten Kapitels. In diesem werden die psychologische Sichtweise der Umzugmobilität sowie bisherige empirische Ergebnisse zu den Folgen des Umzugs darstellt. Hithilfe des Modells des kritischen Lebensereignisses und des Stressmodells nach Lazarus werden die Prozesse nach erfolgtem Wohnortwechsel analysiert. Es werden verschiedene Vor- und Nachteile des Wohnortwechsels aufgezeigt, wonach dieses Ereignis je nach Bewertung auf Seiten des Individuums als Herausforderung und persönliche Weiterentwicklung oder als Belastung betrachtet werden kann.

Die Planung und Konstruktion eines Fragebogens zum Thema Wohnortwechsel, die Durchführung der Untersuchung sowie die Darstellung und Interpretation der Ergebnisse werden im zweiten Teil der vorliegenden Studie ausführlich dokumentiert.

Ziel der Untersuchung war es, Aussagen darüber zu formulieren, wodurch sich Personen, die einen Wohnortwechsel positiv bewältigen bzw. diesen als Herausforderung einschätzen, von Personen unterscheiden, die sich durch diese Ereignis belastet fühlen. Dabei werden ausschließlich die Folgen des Wohnortwechsels auf das Individuum sowie auf dessen Erleben und Verhalten nach diesem Ereignis betrachtet.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 1
I) Theoretischer Hintergrund 3
1. Bedeutung von Arbeit im Leben des Menschen 3
1.1 Arbeitsbegriff 3
1.2 Wert der Arbeit 4
1.3 Psychologischer Aspekt von Arbeit 7
2. Veränderungen des Arbeitsmarktes 8
2.1 Ausmaß und Struktur der Erwerbsarbeit 8
2.2 Globalisierung 12
2.3 Individualisierung 19
3. Neue Anforderungen an das Individuum 26
3.1 Flexibilität 27
3.1.1 Begriff 27
3.2 Mobilität 31
3.2.1 Mobilitätskulturen im Vergleich 35
3.2.2 Mobilitätsbereitschaft in Deutschland 38
3.2.3 Formen der räumlichen Arbeitskräfte-Mobilität 42
3.2.4 Umzugsmobilität 43
4. Wohnortwechsel - Psychologische Sichtweise der Umzugsmobilität 54
4.1 Das Modell des kritischen Lebensereignisses 55
4.2 Stress 64
4.2.1 Das Stressmodell nach Lazarus 67
4.2.2 Bewältigung von Stress 72
4.3 Psychosoziale Auswirkungen eines Wohnortwechsels 76
II) Empirische Untersuchung 80
1. Fragestellung und Hypothesen 80
2. Methode 85
2.1 Die Befragung 85
2.2 Planung und Aufbau der Untersuchung 85
2.3 Durchführung 90
2.3.1 Ablauf der Untersuchung 91
2.3.2 Stichprobe 92
2.4 Ergebnisse 93
3. Diskussion und Interpretation der Ergebnisse 104
Fazit und Ausblick 112
Literaturverzeichnis 113

Textprobe:

Kapitel 4. Wohnortwechsel - Psychologische Sichtweise der Umzugsmobilität:

Wohnortwechsel, soziologisch auch „geographische Mobilität“ oder „Wanderung“ genannt, ist zu einem typischen Prozess für die moderne Industriegesellschaft geworden und kann bereits als Massenphänomen bezeichnet werden.

Da ein Wohnortwechsel mit einer Vielzahl von Vorgängen verknüpft ist, kann seine Analyse nicht durch eine einzelne wissenschaftliche Disziplin geleistet werden.

Die Soziologie kann in diesem Zusammenhang Informationen über Bevölkerungsgruppen liefern, die zu einer hohen Wahrscheinlichkeit mit einem Wohnortwechsel konfrontiert werden sowie darüber, in welchen Regionen „Bevölkerungswanderungen“ bevorzugt verlaufen. Die Psychologie hingegen erklärt die Motive, die innerliche Antizipation und Vorbereitung eines Wohnortwechsels sowie die Anpassung an die neue Wohnumgebung.

Die Veränderungen des Wohnstandortes können folglich sowohl aus gesellschaftlicher als auch individueller Perspektive betrachtet werden, bzw. auf der Mikro- sowie der Makroebene. Wohnortwechsel können für die Gesellschaft „als Ausdruck des aktiven Sich-Einrichtens [...] in ihrer physischen und kulturellen Umwelt gelten“. Aus individueller Sicht gilt dies als Prozess der Selbstoptimierung, indem der Wohnortwechsel zur Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen subjektivem Wohnbedarf und tatsächlicher Wohnversorgung führen kann. Neben dieser Verbesserung der Lebensqualität durch Erhöhung der Wohnzufriedenheit kann die geographische Mobilität je nach verfügbaren Bewältigungsressourcen auch zu Lebenskrisen führen, die eine Gefährdung der psychischen und körperlichen Gesundheit darstellen.

„Der Ortswechsel stellt nicht nur objektiv einen Einschnitt im Lebenslauf eines Menschen dar – er wird auch subjektiv als einschneidendes Ereignis erlebt“. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, einen Wohnortwechsel zu den kritischen Lebensereignissen zu zählen und unter psychologischen Gesichtspunkten zu betrachten.

Das Modell des kritischen Lebensereignisses:

Neben anderen Disziplinen wie der Theologie, der Soziologie und der Medizin beschäftigen sich innerhalb der Psychologie verschiedene Richtungen mit dem Konzept des kritischen Lebensereignisses. Am unmittelbarsten mit diesem Konzept verknüpft sind die klinisch-psychologische und die entwicklungspsychologische Perspektive.

Das Konzept des kritischen Lebensereignisses wird u.a. in die Entwicklungspsychologie eingeordnet, wenn Ereignisse, „die eine Umstellung von Lebensplänen und Handlungsroutinen“ notwendig machen, als Auslöser von positiven Entwicklungsverläufen und negativen Entwicklungsstörungen betrachtet werden. Probleme und Krisen können sich sowohl positiv als auch negativ auf die Entwicklung eines Menschen auswirken, in Form von Herausforderungen und Anforderungen durch deren erfolgreiche Bewältigung oder in Form von Störungen, wenn keine angemessene Lösung oder Anpassung an die Situation erfolgt. Es werden Entwicklungsaufgaben, normative Lebenskrisen und kritische Lebensereignisse unterschieden.

Viele Konzepte gehen übereinstimmend davon aus, dass „kritische Lebensereignisse als solche im Leben einer Person auftretende Ereignisse verstanden werden, die durch Veränderungen der (sozialen) Lebenssituation der Person gekennzeichnet sind und die mit entsprechenden Anpassungsleistungen durch die Person beantwortet werden müssen“. Diese Ereignisse gelten als prinzipiell stressreich.

Rosch Inglehart macht deutlich, dass sowohl positive als auch negative Ereignisse kritische Lebensereignisse darstellen können. In ihrer vorläufigen Arbeitsdefinition bezeichnet die Autorin ein kritisches Lebensereignis als ein Ereignis, „das den kognitiv repräsentierten Erwartungen, Gewohnheiten, Wünschen und Befürchtungen einer Person widerspricht“. Das Besondere an kritischen Lebensereignissen ist, dass fast jeder irgendwann von einem Ereignis dieser Art betroffen sein wird, dieses eher unvorhergesehen eintritt und selten alle Menschen zur gleichen Zeit betrifft. „Jeder individuelle Lebenslauf ist gekennzeichnet durch eine kaum übersehbare Fülle von Ereignissen, die mehr oder minder abrupt und unvorhergesehen eintreten, die mehr oder minder gravierend in alltägliche Handlungsvollzüge eingreifen, die mehr oder minder dramatisch verlaufen und der Person Umorientierungen in ihrem Handeln und Denken, in ihren Überzeugungen und Verpflichtungen abverlangen“.

Kritische Lebensereignisse wie z.B. die Scheidung der Eltern, Arbeitslosigkeit, Ortswechsel, schwere Erkrankungen etc. treten im Gegensatz zu alterstypischen Entwicklungsaufgaben nicht für die Mehrheit in bestimmten Zeitspannen auf. Es sind somit „nicht-normative Einschnitte im Lebenslauf, die Neuorientierungen und die Bewältigung von Verlusten und neuen Anforderungen verlangen“.

„Solche Ereignisse können Veränderungen sozialer Rollen, persönlicher Ziele und Wertungsprioritäten sowie Aufbau neuer Fähigkeiten, neuen Wissens, neuer Haltungen und neuer Sozialbeziehungen erfordern“.

Die Auswirkung kritischer Lebensereignisse auf die mentale und physische Gesundheit stand zunächst im Zentrum der Forschung. Die Kumulation von kritischen Lebensereignissen wurde als Risikofaktor angenommen, konnte so aber nicht bestätigt werden. Dies wurde daran deutlich, dass eine Mehrzahl der Menschen durchaus in der Lage war, die Probleme und Verluste, die durch die kritischen Lebensereignisse hervorgerufen wurden, ohne tiefgreifende negative Auswirkungen zu bewältigen.

Zu den Bewältigungsmöglichkeiten zählen neben der Ursachenzuschreibung und Sinnsuche die konstruktive Problemlösung und das Festhalten an gewählten Zielen sowie eine flexible Anpassung der Ziele an die Gegebenheiten.

Des Weiteren wurden in der Auseinandersetzung mit kritischen Lebensereignissen Risiko- und Schutzfaktoren auf psychischer und sozialer Ebene identifiziert: Stresserfahrung, Selbstwirksamkeit, internale Kontrollüberzeugungen und ein breites Spektrum verfügbarer Problemlösungsstrategien stehen neben Formen der sozialen Unterstützung, die allerdings nicht immer positive Effekte vorweisen. Negativ wirkten sich in fast allen Fällen soziale Reaktionen wie Kritik, Vorwürfe, Abwertung der betroffenen Personen etc. aus.

Filipp hat ein allgemeines Modell zur Analyse kritischer Lebensereignisse entwickelt. In diesem Modell sind kritische Lebensereignisse gekennzeichnet durch die raumzeitliche Datier- und Lokalisierbarkeit des Ereignisses innerhalb oder außerhalb der Person, ein relatives Ungleichgewicht im Person-Umwelt-System, das eine qualitativ strukturelle Veränderung der Person-Umwelt-Beziehung nötig macht und die emotionale Wichtigkeit des Ereignisses für die Person (das Ungleichgewicht wird erlebt und ist mit einer positiven oder negativen emotionalen Reaktion verbunden).

Das Analysemodell betont das transaktionale Geschehen und den Prozessverlauf bei der Konfrontation, Auseinandersetzung und Bewältigung von kritischen Lebensereignissen. In diesem Prozess wird der Person eine aktive Rolle zugeschrieben, sowohl in der spezifischen Form der Wahrnehmung und Bewertung von Lebensereignissen als auch in der je individuellen Art der Auseinandersetzung mit diesem Ereignis. Zusätzlich kann eine Person häufig (mit)bestimmen, mit welchen kritischen Lebensereignissen sie zu welchem Zeitpunkt konfrontiert wird (z.B. Geburt, Umzug, Scheidung). Diese Sichtweise weicht von einer passiven Rolle der Person ab und schreibt dieser eine gewisse Entscheidungskontrolle über ihr Leben zu.

Ein Wohnortwechsel kann zu der Gruppe der „nicht-normativen“ kritischen Lebensereignisse gezählt werden. Zum einen kann dieser als „kritisches Lebensereignis“ betrachtet werden, da die Veränderungen, die mit einem Wohnortwechsel einhergehen sehr tiefgreifend, vielschichtig und langfristig sein können. Zum anderen trifft die Bezeichnung „nicht-normativ“ zu, da dieses Ereignis nicht an bestimmte Stadien im Lebenslauf gebunden ist und nicht für die Vielzahl der Menschen zum gleichen Zeitpunkt stattfinden muss.

Arbeit zitieren:
Stippler, Anja Juni 2006: Individuelle Bewältigung von Flexibilitäts- und Mobilitätsanforderungen am Beispiel Wohnortwechsel, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Wohnortwechsel, Arbeitsmarkt, Flexibilität, Mobilität, Wohnort

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