Indiens Fernsehen - Geplatzter Traum von nationalter Identität
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Susanne Polig
- Abgabedatum: Februar 2004
- Umfang: 111 Seiten
- Dateigröße: 983,0 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Hochschule Bremen, University of Applied Sciences Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-7847-6
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-7847-6 P - ISBN (CD) :978-3-8324-7847-6 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Polig, Susanne Februar 2004: Indiens Fernsehen - Geplatzter Traum von nationalter Identität, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Mediale Einflüsse, Bildungsprogramm, Doordarshan, Entwicklungsfernsehen, Seifenoper
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Diplomarbeit von Susanne Polig
Einleitung:
„Wir sind ein Volk”, tönte es am 9. November 1989 auf deutschen Straßen. Bereits lange vor der deutsch-deutschen Wiedervereinigung hatte Friedrich Schiller erkannt: „Wir sind ein Volk, und einig woll’n wir handeln.” Wer diesen Satz zum ersten Mal ausgesprochen oder aufgeschrieben hat spielt keine Rolle. Was zählt ist, dass vier Worte sich so tief ins Bewusstsein der Deutschen eingebrannt hatten, dass sie ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelten. Ein solches Gemeinschaftsgefühl bildet die Grundlage für das, was man als Nationalbewusstsein, nationale Identität oder Patriotismus bezeichnet – ein wichtiger Faktor für die Regierbarkeit eines Staates.
Dabei sind bei weitem nicht alle Länder der Erde mit einer so annähernd homogenen Bevölkerung ausgestattet wie die Bundesrepublik. Indien zum Beispiel ist einerseits eine Ansammlung von Slums und Elend, verfügt aber auch über High-Tech-Regionen, die sich durchaus am amerikanischen Silicon Valley messen können. Beinahe die Hälfte der Bevölkerung kann nicht lesen und doch gibt es auf dem Subkontinent einige der besten Bildungseinrichtungen des asiatischen Raums. Die scheinbare Unvereinbarkeit des Volkes, verschiedene ethnische Gruppen, Sprachen, Religionen und daraus resultierende regionale Abspaltungstendenzen machten den Regierungen von Anfang an zu schaffen. Dass die Menschen auf indischen Straßen „Wir sind ein Volk” rufen, ist kaum vorstellbar.
Jawaharlal Nehru, erster Premierminister nach der Unabhängigkeit, hatte damals die Vision, sein Land dem hohen Standard des Westens schrittweise anzugleichen. Sein Herz hing an großen Reformen, an sozialer Sicherung, Modernisierung und einem höheren Lebensstandard für die Armen. Darüber hinaus sollte das Volk eine selbstbewusste eigene Identität entwickeln und sich endlich als demokratische Gemeinschaft von der Bevormundung anderer lösen. Den materiellen Schritt konnte Nehru mit einer sozialistischen Linie weitgehend erreichen. Doch die intellektuelle Annäherung und Angleichung von Moralvorstellungen gelang nicht. Sein Modell einer Einheit in Vielfalt scheiterte an alten Traditionen, die zu tief in der Gesellschaft verankert waren und daran, dass die Menschen von seinen Botschaften nicht erreicht wurden. Die Tochter des legendären Staatsmannes, Indira Gandhi, entdeckte später das Fernsehen als geeignetes Medium um den der Plan einer intellektuellen Annäherung wieder aufzunehmen. Das Fernsehen konnte ideologische Botschaften gleichzeitig zu Millionen von Menschen bringen. Wenn es aber nicht nur Spielzeug die Reichen sein sollte, ein „chewing gum of the eye”, musste gutes Entwicklungsprogramm gemacht werden. Dabei sah sich Indiens Regierung in den Jahren nach der Unabhängigkeit ungewollt mit einer Doppelbelastung konfrontiert: Vor allem sollte politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit vorangetrieben werden. Doch zu diesem Ehrgeiz kam die Aufgabe der inneren Annäherung hinzu, die von der Regierung lieber gestern als heute erreicht worden wäre.
Die Idee, die Menschen mit Fernsehsendungen einander näher zu bringen und so eine nationale Identität zu fördern, ist keineswegs abwegig. Vor dem Hintergrund, dass viele amerikanische Kindergartenkinder den Fernseher lieber haben als ihren Daddy und deutsche Kinder glauben, Kühe wären lila, ist der starke Einfluss des Mediums nicht von der Hand zu weisen. In der indischen Realität hat der Fernseh-Plan Indira Gandhis nicht funktioniert. Nach mehr als sechzig Jahren kann das Land heute lediglich eine Fernsehhaushaltsdichte von 41 Prozent nachweisen. In den Vereinigten Staaten und Europa sind dagegen mehr als 90 Prozent der Haushalte mit einem Gerät ausgestattet – obwohl diese Länder nicht so verbissen dahinter waren, das Medium zu verbreiten. Die Verkaufszahlen für Fernsehgeräte in Indien sind zwar faszinierend: 1962 wurden ganze 41 Geräte gekauft, 1980 waren es bereits 1,5 Millionen und im Jahr 1998 erstaunliche 63 Millionen Stück. Dennoch liegt der Anteil der Fernsehempfänger auf dem Land bei nur rund 30 Prozent, in den Städten sind es etwa 80 Prozent.
Die Menschen im Südstaat Kerala fühlen sich heute noch ebenso wenig verbunden mit den Menschen aus Himachal Pradesh wie vor Jahrzehnten. Der Lebensstil und die Kultur der Assamesen sind den Menschen in Rajasthan fremd wie eh und je. Warum der Traum von nationaler Einheit in Indien immer wieder zerplatzt ist, soll im Laufe dieser Arbeit herausgestellt werden. Dabei richtet sich das Augenmerk sowohl auf die Fehler, die beim staatlichen Fernsehsender Doordarshan gemacht wurden, als auch auf politische Interessen, natürliche Gegebenheiten und infrastrukturelle Mängel, die für die Verwirklichung hinderlich waren.
Inhaltsverzeichnis:
| I. | Einleitung | 1 |
| II. | Das Massenmedium Fernsehen im indischen Kontext | 3 |
| 1. | Entwicklung und Einflüsse des Fernsehens | 3 |
| 1.1 | Der manipulierte Zuschauer: Fernsehkonsum und Auswirkungen | 3 |
| 1.1.1 | TV-Adaptionsphasen nach Kottak | 3 |
| 1.1.2 | Das Medium als Spannungslöser | 5 |
| 1.2 | Das Fernsehen und die nationale Identität | 6 |
| 1.2.1 | Der mediale Beitrag zum Nationalitätsgedanken | 6 |
| 1.2.2 | Die Verwendung imageträchtiger Symbole | 9 |
| 2. | Medien und Kultur im indischen Kontext | 10 |
| 2.1 | Strukturelle Gegebenheiten auf dem Subkontinent | 10 |
| 2.1.1 | Geografie und Geschichte des Landes | 10 |
| 2.1.2 | Menschen, Sprachen, Religion | 12 |
| 2.2 | Bollywood, AIR, Doordarshan: Die Medienlandschaft Indiens | 13 |
| 2.2.1 | Die Bedeutung des Kinos in der indischen Kultur | 13 |
| 2.2.2 | Die Entwicklung des staatlichen Rundfunks | 14 |
| 2.3 | Kultur im indischen Kontext | 17 |
| III. | Doordarshans Geschichte und Entwicklung | 20 |
| 1. | In den Kinderschuhen: Indisches Entwicklungsfernsehen | 20 |
| 1.1 | Die Anfänge des Bildungsfernsehens | 20 |
| 1.1.1 | Entwicklung und Bewusstseinsbildung | 20 |
| 1.1.2 | Entwicklungsarbeit im Fall Indien | 22 |
| 1.1.3 | SITE, KCP und Konsorten: Prominente Bildungsprojekte | 23 |
| 1.2 | Aus Erfahrung schlecht? Was SITE und KCP bewirkten | 25 |
| 1.2.1 | Experimentierergebnisse und gelernte Lektionen | 25 |
| 1.2.2 | Probleme des Mediums Fernsehen als Entwicklungshelfer in Indien | 27 |
| 2. | Laufen lernen: Expansion und die Invasion vom Himmel | 29 |
| 2.1 | „One day, one transmitter” – Doordarshans Expansion | 29 |
| 2.1.1 | Expansion und Kommerzgedanke | 29 |
| 2.2.2 | Dreistufiger Service und Regionalisierung | 31 |
| 2.2 | Die Invasion privater Satellitenkanäle | 32 |
| 2.2.1 | Senderneugründungen im indischen Raum | 32 |
| 2.2.2 | Inhaltliche Strategien der Privaten | 33 |
| 2.3 | Reaktionen Doordarshans auf die private Konkurrenz | 35 |
| 2.3.1 | U-Turn: Vom Entwicklungshelfer zum Kommerzsender | 35 |
| 2.3.2 | Liberalisierung und der Wandel der Identitätsvorstellung | 37 |
| 3. | Das indische Publikum und gesellschaftliche Veränderungen | 38 |
| 3.1 | Das Fernsehverhalten indischer Rezipienten | 38 |
| 3.1.1 | Wie sieht Mann/Frau fern? Der Gender-Aspekt | 38 |
| 3.1.2 | Sehnsucht nach Unterhaltung und besserem Programm | 40 |
| 3.2 | Trends contra Tradition: Die moderne indische Gesellschaft | 42 |
| 3.2.1 | Kritischer Diskurs über die Rolle des Unterhaltungsprogramms | 42 |
| 3.2.2 | Indiens neue Jugendkultur: Imitation filmischer Vorbilder | 43 |
| 4. | Doordarshans Indien, Indiens Doordarshan | 46 |
| 4.1 | Staatliche Fernsehanläufe zur nationalen Integration | 47 |
| 4.1.1 | Die Strategie der Regionalisierung | 47 |
| 4.1.2 | Mera Bharat Mahan und das Buhlen um Zuschauer | 48 |
| 4.2 | Die Seifenoper als Identität stiftendes Werkzeug | 50 |
| 4.2.1 | Faszination Seifenoper | 50 |
| 4.2.2 | Seifenopern und Serien auf Doordarshan | 52 |
| 4.2.3 | Ramayana und Mahabharata | 55 |
| 4.3 | Andere Länder, gleiche Probleme: Integrationsarbeit anderer Staaten | 57 |
| 4.3.1 | Eine Seifenoper in Indonesien | 57 |
| 4.3.2 | US-amerikanische Telekonditionierung | 60 |
| 4.3.3 | Kanada – Konflikt Bilingualität | 61 |
| IV. | Doordarshans verpasste Chancen | 62 |
| 1. | Senderinterne Fehlentscheidungen | 62 |
| 1.1 | Programmaufbau: Die Hardware-Software-Schere | 62 |
| 1.2 | Programmtenor: Am Publikum vorbei | 65 |
| 1.3 | David gegen Goliath: Kreativer Journalismus und bürokratische Mauern | 71 |
| 2. | Zentral –Dezentral: Der Norden gibt den Ton an | 73 |
| 2.1 | Machtkonzentration in Delhi | 74 |
| 2.2 | ‚Hindi, Hindu, Hindustan’ – Ignorieren anderer Kulturen | 76 |
| 2.2.1 | Hindi und der Hinduismus | 76 |
| 2.2.2 | Der Protest der Tamilen | 78 |
| 3. | Politische Einflussnahme auf den staatlichen Sender | 79 |
| 3.1 | Doordarshan als Sprachrohr der Regierungspartei | 80 |
| 3.1.1 | Gesetze für ein Propagandainstrument | 80 |
| 3.1.2 | Nachrichtenselektion und Entfremdung | 82 |
| 3.2 | Autonomie für Doordarshan: Die unendliche Debatte | 84 |
| IV. | Fazit und Ausblick | 88 |
| 1. | Verpasste Chancen, ungenutzte Vorteile: Eine Zusammenfassung | 88 |
| 2. | Indische Verdrängungsängste mit indischem Fernsehen beheben | 91 |
| 3. | Initiativen Doordarshans und Blick in die Zukunft | 92 |
| Literaturverzeichnis, Internetquellen, Interviewpartner | 95 |
Sendern. Zum ersten Mal war es der Bevölkerung möglich, ausführliche Sendungen in ihren Regionalsprachen zu empfangen.228 Allerdings wird bei aller Anerkennung für die Vielzahl an regionalen Satellitenkanälen oft vergessen, dass der Großteil der Bevölkerung nur terrestrischen Empfang hat. Trotzdem wird die Kanalvielfalt von Doordarshan als Alibi dafür benutzt, dass im terrestrischen Programm eine verschwindend kurze Sendezeit an die regionalen Kendras abgegeben wird.229 Die von Gupta gerne gesehenen verschiedenen Gruppen, die eine gefestigte Nation ausmachen, konnte Doordarshan nicht von einem bestimmten nationalen Bild Indiens überzeugen. Im Gegenteil: Der Sender hat schon immer eine gewisse Vorliebe für die Privilegierung einzelner Interessen gezeigt und damit nicht nur den Trend zu regionaler Abgrenzung gefördert, sondern auch den Konflikt zwischen Stadtund Landbevölkerung.230 Mit der Regionalberichterstattung auf den Satellitenkanälen hatte sich Doordarshan ein effektives Alleinstellungsmerkmal schaffen wollen: Große Zuschauermengen mit regionalsprachigen Nachrichten binden, die besonders für die ältere Generation auf dem Land von Bedeutung sind. Doch dieser scheinbare Vorsprung ist Vorsprung gewesen seit auch Zee TV mit seinen Alpha Channels genau diese Zielgruppe bedient. Weitere Privatsender begannen, regionale Programme in Bengali, Marathi, Gujarati oder Punjabi zu etablieren. Damit wurde das Schlachtfeld von der Hindi-Sparte auf regionalsprachige Programme verlegt. Doordarshan läuft nun Gefahr, die massiven Zuschauerverluste, die es im Hindi sprechenden Norden hinnehmen musste, auch im Süden zu erleiden, wo es bislang noch eine gute Position hatte.231 4.1.2. Mera Bharat Mahan und das Buhlen um Zuschauer Mit der zunehmenden Regionalisierung der indischen Politik in den Neunzigern wurden die Bundesstaaten selbstbewusster und feste regionale Identitätsvorstellungen kristallisierten sich heraus. Um Abspaltungstendenzen zu vermeiden, musste dringend ein nationaler Zusammenhalt geschaffen werden, innerhalb dessen sich die regionalen Gruppen vertreten und anerkannt fühlten. In der Regierung kam Panik auf, das ganze Land [...]
4.1. Staatliche Fernsehanläufe zur nationalen Integration 4.1.1. Die Strategie der Regionalisierung „For his own conception of the world, a man always belongs to a certain grouping, and precisely to that of all the social elements who share the same ways of thinking and working”, definiert Gramsci den Begriff Gemeinschaft.223 Dass sich in Indien niemals der Großteil der Bevölkerung einer einzigen oder vieler ähnlich denkender Gruppen anschließt, ist schon auf Grund der verschiedenen Sprachen und Religionen unwahrscheinlich. Indien ist ein Patchwork aus Kulturen auf der Suche nach einer modernen Identität, die kein schlechterer Abklatsch westlicher Ideale ist.224 Das Fernsehen ist im Gegensatz zum Film, bei dem sich das Publikum durch Eintritt in ein Kino für ein bestimmtes Werk entscheidet, ein Medium, das mit einer Botschaft theoretisch jeden Gerätebesitzer zeitgleich erreicht. Das Problem dabei ist, dass eine Botschaft, um wie gewünscht rezipiert zu werden, eine homogene Zuschauermenge braucht. In vielen westlichen Ländern herrscht eine solche Homogenität annähernd. Ist dies aber nicht der Fall, kann nicht gewährleistet werden, dass die Botschaft von jedem Zuschauer gleich aufgenommen wird.225 Die Funktion Doordarshans wurde von frühester Zeit an als Motor der Vereinigung indischer Kulturen definiert. Ein Nationalbewusstsein ist allerdings eine komplexe Angelegenheit, in dem für ethnische, sprachliche und regionale Gruppen Platz bleiben muss, ihre eigenen Identifikationskriterien auszudrücken.226 Bei der Jubiläumsfeier zum 25-jährigen Bestehen Doordarshans und der Einführung von DD2 wurde die Integrationsarbeit des Senders von Premierministerin Gandhi mit Lob überhäuft: „Doordarshan has played a vital role in promoting unity and national integrity in India. Programmes from various parts of the country, irrespective of religion and language, were telecast throughout the nation, strengthening the feeling of brotherhood and patriotism.“227 Auch Saksena lobte Mitte der Neunziger die Integrationsbemühungen Doordarshans. DD2 und die zahlreichen regionalen Satellitenkanäle zeugten von gutem Willen. 1996 verfügte jede Hauptstadt eines Bundesstaates über ein komplexes Netzwerk an Fernsehstudios und [...]
In den sechziger und siebziger Jahren als das indische Fernsehen in seiner Entwicklungsphase steckte, wurde es von der Regierung kaum ernsthaft wahrgenommen. Zu dieser Zeit war man beschäftigt, sich darüber klar zu werden, was mit dem neuen Medium bewirkt werden soll. Die Förderung einer nationalen Einheit entwickelte sich zum Hauptziel und im Laufe der Jahre hat Doordarshan einige Anläufe genommen, um dieses Ziel zu erreichen (Kapitel 4.1.). Ein Mittel, dem sich der Sender verschrieben hatte, war die Seifenoper. Inwieweit hiermit nationale Einheit unterstützt werden kann, soll in Kapitel 4.2. untersucht werden. In 4.3. werden Beispiele anderer Staaten im Ringen um nationale Einheit und deren Erfahrungen mit dem Fernsehen angeführt. [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832478476
Arbeit zitieren:
Polig, Susanne Februar 2004: Indiens Fernsehen - Geplatzter Traum von nationalter Identität, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Mediale Einflüsse, Bildungsprogramm, Doordarshan, Entwicklungsfernsehen, Seifenoper



