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Identitätsstiftung durch Feindschaft

Das Verhältnis von französischer Identität und deutscher Alterität im französischen Diskurs 1944-1945

Identitätsstiftung durch Feindschaft
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Sabrina Dilly-Asal
  • Abgabedatum: Dezember 2009
  • Umfang: 75 Seiten
  • Dateigröße: 448,2 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 131
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-1375-5
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Dilly-Asal, Sabrina Dezember 2009: Identitätsstiftung durch Feindschaft, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Deutsch-französische Beziehungen, Diskursanalyse, Gaullismus, Identität, Alterität

Staatsexamensarbeit von Sabrina Dilly-Asal

Einleitung:

‘Auf der einen Seite ist Deutschland. Auf der anderen Seite Frankreich: Hier beginnt das Land der Freiheit, wie stolz ein Schild in den Farben der Trikolore ankündigt, das auf der linksrheinischen Seite steht’.

Am 08. Juli 1945 wurde die von den Franzosen errichtete Rheinbrücke zwischen Kehl und Straßburg durch General de Lattre de Tassigny feierlich eingeweiht. Ein Sonderberichterstatter der französischen Tageszeitung Le Monde berichtete in der Ausgabe vom 10.07.1945 von diesem Ereignis. Gelten Brücken gemeinhin als Verbindung zweier getrennter Elemente, so gab die neue Verbindung zwischen dem befreiten Frankreich und den besetzten rechtsrheinischen Gebieten dem Autor jedoch weniger Anlass über Gemeinsamkeiten und Verbindungen nachzudenken, als vielmehr über Gegensätze und Grenzen. Er betrachtete den Rhein nicht lediglich als natürliche Grenze zweier Staaten, sondern als Begrenzung des Geltungsbereichs fundamentaler Werte. Frankreich sei das Land der Freiheit, wie das an der Grenze aufgestellte Schild zeige. Deutschland wird in Opposition dazu automatisch zum Land der Unfreiheit.

Diese dichotomische Wahrnehmung ist aus den unmittelbaren Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges, der vierjährigen deutschen Besatzung und dem Bekanntwerden von NS-Verbrechen heraus zu erklären. Dabei sind Selbst- und Fremdwahrnehmung nicht als voneinander unabhängige Prozesse zu sehen, sie bedingen sich gegenseitig. Nationale Identitäten und Alteritäten sind Konstrukte, die in einem dialektischen Verhältnis zueinander stehen. Der Andere ist somit ein konstitutives Element des Selbst. Wie die Zuschreibungen ‘Land der Freiheit’ und ‘Land der Unfreiheit’ zeigen, wohnt dem nationalen Selbstverständnis immer auch eine implizite Abgrenzung inne.

‘Auf der einen Seite ist Deutschland. Auf der anderen Seite Frankreich’, zwei benachbarte Nationen, die sich in einer wechselvollen Geschichte mehrfach als Feinde gegenüberstanden und in kriegerischen Konflikten bekämpften, die dabei vom jeweils Anderen ausgeprägte Feindbilder entwarfen und dementsprechende Selbstbilder konstruierten. Entlang welcher Linien verlief nun dieser Grenzziehungsprozess aus französischer Perspektive?

Dieser Frage geht Heitmann in seiner grundlegenden Untersuchung zu den Entwicklungen des französischen Deutschlandbildes von Karl dem Großen bis 1960 nach und unterscheidet dabei verschiedene Ebenen. Auf politischer Ebene kann ihm zufolge erst ab dem frühen 19. Jahrhundert von einem französischen Deutschlandbild gesprochen werden, da Frankreich erst mit dem Entstehen eines deutschen Nationalismus seinen östlichen Nachbar als politische Einheit verstanden hat. Auf kultureller Ebene habe es hingegen schon früher eine umfassende Gesamtvorstellung von den Deutschen gegeben, die bis Mitte des 18. Jahrhunderts jedoch meist auf der Annahme einer prinzipiellen kulturellen Unterlegenheit beruht hätte. Nach einer relativ kurzen Phase germanophiler Tendenzen lässt Heitmann 1870 die Phase nationaler Auseinandersetzungen und nationaler Feindbilder beginnen und damit auch die kontinuierliche Verdüsterung des Deutschlandbildes, die mit dem Ersten Weltkrieg ihren absoluten Tiefpunkt erreichte. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs bestätigten dieses negative Bild, das sich erst in den 50er Jahren wieder zum positiven verändern sollte. Heitmann zieht klare Kontinuitätslinien von 1870 bis in die Nachkriegszeit, fokussiert in seiner Untersuchung allerdings auf die Entstehung von Alterität und Feindbildern und weniger auf Rahmen und Umstände ihrer Aktualisierung während der Weltkriege und der Nachkriegszeit. Die Arbeit von Fink geht im Wesentlichen auf Heitmann zurück. Wie Heitmann betont er die Kontinuitäten des Deutschlandbildes nach 1870 und stellt eine Aufhellung des Bildes nach 1945 fest. Fink setzt allerdings erst zu Beginn der französischen Klassik ein und geht zudem weitaus stärker auf den Zusammenhang von französischer Identität und deutscher Alterität ein. Er versteht das Deutschlandbild als Kontrastfolie für das französische Selbstverständnis und Kompensation französischer Minderwertigkeitsgefühle. Jeismann geht mit seiner Theorie der negativen Integration noch einen Schritt weiter als Fink, wenn er nicht nur einen engen Zusammenhang zwischen Fremd- und Selbstbild annimmt, sondern ein ausgeprägtes Feindbild zur Notwendigkeit nationaler Identitätsbildung erhebt, wenn also Identität erst durch Alterität entsteht. Dies zeigt Jeismann sehr ausführlich sowohl für die deutsche als auch für die französische Perspektive von 1792 bis 1918. Auf Grundlage dieses Konzeptes der negativen Integration untersucht Hüser die Kriege von 1870/1871, 1914-1918 und 1939-1945 sowie deren unmittelbare Nachkriegszeit auf die Bedeutung des Feindbilds Deutschland für die französische Identitätsbildung hin. Es handelt sich bei Hüsers vergleichender Arbeit allerdings weniger um eine tiefgehende Analyse deutscher Alterität und ihrer Funktionen während und nach Konfliktsituationen, als vielmehr um eine bloße Nebeneinanderstellung, die, um Gemeinsamkeiten der verschiedenen historischen Situationen ausfindig zu machen, mit äußerst grob gefassten Kategorien arbeitet.

Die hier genannten Arbeiten liefern wichtige Informationen zum Entstehen und zur historischen Entwicklung von deutscher Alterität und ihrer Bedeutung für die nationale Identität Frankreichs, sie vernachlässigen dabei allerdings die Endphase des Zweiten Weltkrieges. Dies ist dadurch zu erklären, dass diese Phase - wie bei Jeismann - nicht mehr in den Untersuchungszeitraum fällt, oder dass - wie bei Heitmann, Fink und Hüser - das Ende des Zweiten Weltkriegs lediglich in der Verlängerung des Ersten Weltkriegs betrachtet wird und daher nicht weiter auf diese Phase eingegangen wird, zumal bei ihnen das Ende des Zweiten Weltkriegs mit dem Beginn der Entspannungsphase der Nachkriegszeit zusammenfällt. Zwar lässt sich die Dichotomie ‘Land der Freiheit’ und ‘Land der Unfreiheit’ historisch bis zur Französischen Revolution zurückverfolgen, doch generell wird die aktuelle Wahrnehmung insbesondere von den Erlebnissen der jüngsten Vergangenheit geprägt. Traditionelle Muster werden aktualisiert und angepasst. Identität und Alterität sind somit immer auch das Ergebnis der Verbindung traditioneller Stereotype und aktueller Erfahrungen, die zu einem neuen Bild von sich selbst und dem Anderen amalgamiert werden.

Die vorliegende Arbeit setzt genau an diesem Punkt an, indem sie nach dem spezifischen französischen Selbst- und deutschen Fremdbild am Ende des Zweiten Weltkriegs fragt und damit eine Lücke in der Forschung schließt. In Anlehnung an Jeismanns Theorie der negativen Integration soll beleuchtet werden, welche Rolle Deutschland für die französische Identität spielte, beziehungsweise wie sich die Franzosen als Nation im Spiegel Deutschlands selbst neu erfanden. Den zeitlichen Rahmen dieser Untersuchung bilden die Befreiung von Paris am 25.08.1945 und die Gedenkfeier zum Ende des Ersten Weltkriegs am 11.11.1945, da mit der Befreiung von Paris die Konstituierungsphase einer erneuerten französischen Identität beginnt, die in der Etablierung des Gründungsmythos der Nach-Vichy-Zeit mündet. Dieser Mythos erlebte am 11.11.1945 seinen Kulminationspunkt, da nicht nur des Waffenstillstands des Ersten Weltkriegs gedacht wurde, sondern auch des Endes des Zweiten Weltkriegs, das als endgültiger Triumph der Franzosen in ihrem Selbstbehauptungskampf gegen die Deutschen gefeiert wurde.

Nationale Identität und Alterität als historisch-situative Konstrukte werden durch Diskurse generiert und im öffentlichen Raum immer wieder neu ausgehandelt, so dass gerade die öffentlichen Auseinandersetzungen zu diesem Thema untersucht werden müssen. Dabei ‘kommt den Medien bei der Untersuchung gesellschaftlicher Kommunikationsprozesse eine Schlüsselfunktion zu.’ Eine qualitative Diskursanalyse ist daher die Grundlage dieser Arbeit. Erkenntnisinteresse, Bedingungen und Grenzen dieser Methode werden in einem ersten Teil vorgestellt. Um den spezifischen historischen Kontext erfassen zu können, aus dem heraus diese Diskurse entstanden und auf den sie zurückwirkten, analysiert das zweite Kapitel die Krisensituation Frankreichs am Ende des Zweiten Weltkriegs, die auch eine Identitätskrise der Nation war, wie gezeigt werden wird. Als Reaktion auf diese nationale Krise wurde von de Gaulle und seiner politischen Bewegung ein Geschichtsmythos propagiert, dessen wesentliche Aufgabe in der Bildung einer neuen französischen Identität bestand. Das dritte Kapitel wird versuchen, eine Frage auf die Antwort zu geben, wie der gaullistische Diskurs französische Identität im Kontrast zu deutscher Alterität konstruierte. Dieser fand in den Reden de Gaulles und anderen offiziellen Verlautbarungen der Provisorischen Regierung seine Ausdrucksform, die über das Radio und als Abdruck in der Presse eine breite Öffentlichkeit erreichten. Doch war der Mythos des Gaullismus nicht die einzige medial vermittelte Identitätskonstruktion in Frankreich am Ende des Krieges. Zwar dominierte er ab 1944 den politischen Diskurs, doch beschäftigten sich zeitgleich auch Journalisten, Intellektuelle und Schriftsteller auf der Suche nach einem neuen französischen Selbstverständnis mit dem deutschen Nachbarn und erreichten über Zeitungen ein Massenpublikum. Daher sollen im letzten Teil dieser Arbeit die journalistischen Konstruktionen nationaler Identität und Alterität in den Blick genommen werden, die vor allem durch das Verwenden von Semantiken in spiegelbildlicher Abgrenzung zum Anderen charakterisierbar sind. Diese dichotomischen Sichtweisen offenbaren, als wie tief die Grenze und als wie unüberwindbar die Gegensätze zwischen Deutschland, dem ‘Land der Unfreiheit’, und Frankreich, dem ‘Land der Freiheit’, empfunden wurden.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Diskursanalyse – Ein ‘Blick in den Text der Zeit’ 5
3. Ein Land in der Krise – Frankreich am Ende des ZweitenWeltkriegs 8
3.1 Die Katastrophe von 1940 und das Trauma der Okkupation 9
3.2 Die multiple Zerrissenheit des Landes 11
3.3 Moralische Desorientierung 12
4. Der gaullistische Mythos als Antwort auf die nationale Krise 14
4.1 Der gaullistische Geschichtsmythos und seine Genese 15
4.2 Die Mytheme: Selbstdefinitionen und Fremdbilder 20
4.2.1 Die Selbstbefreiung 21
4.2.2 Vichy als Parenthese der französischen Geschichte 25
4.2.3 Eine Nation von Widerstandskämpfern 28
4.2.4 Der 30-jährige Krieg 30
5. Deutschland in der französischen Tagespresse – Der Anteil desEigenen im Bild des Anderen 34
5.1 Freiheit versus Sklaverei 35
5.2 Zivilisation versus Barbarei 42
5.3 Menschheit versus Nichtmenschen 52
6. Schlussbetrachtung 59
Quellen- und Literaturverzeichnis 65
1. Quellen 65
1.1 Reden und Ansprachen de Gaulles 65
1.2 Presseartikel aus Le Monde und Le Figaro 65
2. Literatur 68

Textprobe:

Kapitel 4.2, Die Mytheme: Selbstdefinitionen und Fremdbilder:

Bildet ein historischer Mythos den geistig-kulturellen Bezugsrahmen einer Gemeinschaft, so könnte man seine Mytheme als die Punkte verstehen, entlang derer dieser Rahmen gespannt ist. Sie sind die elementaren bedeutungstragenden Einheiten der mythischen Narration. Die Metapher des Rahmens macht deutlich, dass der Mythos ein geschlossenes System ist. Die Elemente innerhalb des Rahmens werden von den Elementen außerhalb des Rahmens getrennt. Der Mythos deckt also nicht die komplette Wirklichkeit ab, sondern nur eine Auswahl, er interpretiert die historische Wirklichkeit also in einer selektiven, komprimierten und stereotypisierten Weise, verleiht ihr aber den Anschein von Historizität. Einige Elemente werden dabei aus der mythischen Erzählung ausgeschlossen, während andere in den Vordergrund treten und zu Objekten der Erinnerungspolitik werden. Setzt sich ein historischer Mythos im Diskurs durch, werden seine Konstituenten zu Erinnerungsorten im Sinne Pierre Noras, der ‘Orte’ als symbolische Plätze der Erinnerungslandschaft definiert. Es kann sich dabei also auch um Personen, Institutionen, Ereignisse oder Gegenstände handeln. Der gaullistische Geschichtsmythos beinhaltete ebenfalls Mytheme, die sich ab 1944 als Erinnerungsorte im kollektiven Gedächtnis der französischen Nation festsetzten. Wie bereits angesprochen, beinhaltete die Rede de Gaulles zur Befreiung von Paris am 25.08.1944 bereits die wesentlichen Elemente des Mythos, die Eingang in das kulturelle Gedächtnis fanden und damit auch zur Identitätsbildung beitrugen. Es stellt sich nun die Frage, welche französischen Selbstdefinitionen in den Mythemen enthalten waren und wie sie Identität der eigenen Nation in Abgrenzung zu Deutschland konstruierten.

4.2.1, Die Selbstbefreiung:

Am 25.08.1944 zog General de Gaulle feierlich in das befreite Paris ein und begründete in seiner Rede das geschichtspolitische Selbstbild einer französischen Selbstbefreiung Frankreichs von der deutschen Besatzungsherrschaft. Bezog sich de Gaulle in dieser Rede auch speziell auf die Befreiung von Paris, so stand Paris als Allegorie gleichsam für ganz Frankreich. Dem gaullistischen Diskurs zufolge hätte sich Paris durch einen Volksaufstand selbst befreit und sei dabei von einer Panzerdivision der französischen Armee, der ‘2e Division Blindée’ unterstützt worden, so dass es schließlich gelungen sei, die Deutschen endlich aus der Hauptstadt zu vertreiben. Paris als der Hauptstadt Frankreichs kam bei der Befreiung eine besondere Bedeutung zu. Zwar waren bereits zuvor wichtige Städte befreit worden, doch spielt eine Hauptstadt generell eine besondere Rolle für die kulturelle Identität eines Landes. Sie ist Zentrum des souveränen Staates und Sitz staatlicher Gewalten, von ihr geht staatliche Autorität aus. Neben ihrer politischen Bedeutung kann sie auch wirtschaftliches und kulturelles Zentrum sein. Als Aushängeschild eines Landes und Prestigeobjekt ist sie ein wichtiger Bezugspunkt für die nationale Identität. Daher wird die Einnahme der Hauptstadt durch feindliche Kräfte auch oftmals als besondere Erniedrigung empfunden, muss sich doch die Nation in ihrem Zentrum geschlagen geben, das sie nicht zu schützen vermochte. Infolgedessen ist auch die Befreiung einer Hauptstadt mehr als nur das Beenden einer Besatzung. Sie ist nach der Erfahrung einer nationalen Demütigung Anlass und Ursache für nationalen Stolz. Die Ehre der Nation, wenn man so will, wurde wieder hergestellt und mit dem Zentrum des Staates auch die nationale Souveränität wiedergewonnen.

So war auch die Befreiung von Paris ein besonderes, emotional aufgeladenes Ereignis. Während sich die Franzosen durch die Niederlage im Sommer 1940 bereits gedemütigt fühlten, wog die Tatsache, dass Paris am 14. Juni 1940 kampflos der deutschen Armee überlassen worden war, ungleich schwerer. Die Parade der deutschen Wehrmacht durch die Pariser Innenstadt war eine Demonstration des deutschen Triumphs gewesen. Am Arc de Triomphe, dem Symbol für die militärische Stärke und den Ruhm der ‘grande nation’, hatten deutsche Generäle am selben Tag die Siegesparade der 18. Armee abgenommen. Die Wehrmacht hatte damit symbolisch ihre Überlegenheit über ganz Frankreich demonstriert, auch wenn der Waffenstillstand noch nicht unterzeichnet und der Süden noch unbesetzt war. Hitler war am 23. Juni nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands nach Paris gekommen, um sich vor dem Eiffelturm photographieren zu lassen. Der Feind und Eroberer hatte vor den Symbolen der Stadt triumphiert. Diese Schmach galt es durch die Glorifizierung der Befreiung zu kompensieren.

Hatte Frankreich Paris 1940 kampflos aufgegeben, so hatte sich Paris dem gaullistischen Diskurs zufolge im August 1944 in einem ‘nationalen Aufstand’ mit der Hilfe ‘ganz Frankreichs’ selbst befreit. De Gaulle hatte zuvor darauf bestanden, dass französische Truppen als Erste in die Stadt einmarschieren. Mit dieser Forderung konnte er sich Eisenhower gegenüber durchsetzen, der ursprünglich Paris umgehen und die Deutschen im Südwesten schlagen wollte. De Gaulle verfolgte mit der sofortigen Befreiung Paris mehrere Ziele. Zum einen wollte er den Pariser Aufstand unterstützen, um eine nationale Katastrophe zu verhindern, zum anderen beabsichtigte er sich möglichst schnell als politische Autorität in Paris zu etablieren und die Machtfrage in seinem Sinne zu entscheiden. Den vielbeschworenen nationalen Aufstand hatte es nicht gegeben und die Tatsache, dass die französische Armee als Erste nach Paris kam, war allein dem Wohlwollen Eisenhowers zu verdanken. Doch im Gegensatz zu dem Ausdruck ‘sich befreien’ war der Ausdruck ‘befreit werden’ als Modus zu passiv, um das Wiedererlangen nationaler Souveränität zu feiern und Dankbarkeit wäre eine schwache Basis für eine erneuerte nationale Identität gewesen. Daher war die Übertreibung und Glorifizierung des französischen Beitrags zur Befreiung die einzige Möglichkeit, der Nation zu einem neuen Selbstbewusstsein zu verhelfen.

Arbeit zitieren:
Dilly-Asal, Sabrina Dezember 2009: Identitätsstiftung durch Feindschaft, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Deutsch-französische Beziehungen, Diskursanalyse, Gaullismus, Identität, Alterität

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