Zur Identitätsentwicklung weiblicher Figuren Margaret Lawrences 'The Stone Angel', 'A bird in the house' und 'The Diviners'
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Sybille Huck
- Abgabedatum: Februar 2003
- Umfang: 103 Seiten
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Friedrich-Schiller-Universität Jena Deutschland
- Bibliografie: ca. 83
- ISBN (CD) :978-3-8366-0784-1 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Huck, Sybille Februar 2003: Zur Identitätsentwicklung weiblicher Figuren Margaret Lawrences 'The Stone Angel', 'A bird in the house' und 'The Diviners', Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Margaret Lawrence, Kanada, Gender, Rollenverhalten, Identitätsentwicklung
48,00 €
PDF-eBook auf CD: 48,00 €
Magisterarbeit von Sybille Huck
Einleitung:
Divining for Reality: Die Frau und Autorin hinter dem Manawaka Zyklus.
Margaret Laurence wurde als Jean Margaret Wemyss am 18. Juli 1926 in Neepawa geboren. Im frühen Kindesalter verliert Laurence ihre Mutter. Der Vater, der daraufhin Margarets Tante heiratet, stirbt nur fünf Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau. Diese Elternlosigkeit führt zu einer fundamentalen Identitätsschwäche der Autorin, die oft auch ihren Romanheldinnen charakteristisch ist. Im Haus der Großeltern zieht die Stiefmutter ihre Nichte auf und unterstützt deren Leidenschaft für Literatur und das Schreiben. Einen wesentlichen Einfluss auf die junge Margaret übt ihr Großvater mütterlicherseits aus. Das Verhältnis zu ihm verarbeitet sie später semi-autobiographisch in A Bird in the House. Im Interview mit Clara Thomas erinnert sie sich:
He was a pioneer. He was a very strong, authoritarian old man - never remember him as anything but an old man ... I recall him as a man impossible to please and I recall myself rebelling desperately against his hard, harsh sort of personality. Yet many years later, thinking of him and particularly through writing the stories, I realise that all of us in our family had inherited a great many of his characteristics, both good and bad. ... I could realise that even though he had been a very hard man, he had had a very hard life and he had characteristics of strength and of pride that were admirable – and the other side of the coin was his inability to show affection. So that it was the sort of puritanical thing with the two-sided coin.
Geprägt vom harschen Verhalten desselben wächst in Laurence frühzeitig der Wunsch, fortzugehen. „When I left my hometown Neepawa at the age of eighteen, I guess, I couldn’t wait to get out of that town. I thought, I never ever want to live in a small town again“. Sie schreibt sich in das Honors English Program der heutigen University of Winipeg ein. Nebenbei arbeitet sie schon dort für eine Tageszeitung. Früh geheiratet, ziehen sie und ihr Mann Jack Laurence zuerst nach England, später nach Somalia und Ghana. Hier beginnt Laurence ihre schriftstellerische Karriere mit der Übersetzung somalischer Erzählungen: A Tree for Poverty. Intensiv setzt sie sich mit der Geschichte und Kultur der dort lebenden Völker auseinander, und beginnt, sich selbst neu zu begreifen. In Ghana schreibt Laurence an ihrem ersten Roman This Side Jordan, den sie 1957, nach ihrer Rückkehr nach Kanada, beendet und in Vancouver veröffentlicht. Nach dem Schreiben von The Tomorrow-Tamer, einem Band aus Kurzgeschichten, im Jahre 1963 veröffentlicht, sieht sie sich in der Lage, sich ihrer eigenen Vergangenheit zu stellen. 1962 trennt sich Margaret Laurence von ihrem Ehemann und geht mit den beiden in Afrika geborenen Kindern nach Buckinghamshire in England, wo sie vier der fünf Manawaka Romane fertig stellt. Nach Ihrer Scheidung von Jack Laurence im Jahr 1969, ist sie für einen Neuanfang in ihrer Heimat bereit und lebt seit 1974 bis zu ihrem Selbstmord 1987 in Lakefield.
Die Idee zur Entstehung der Manawaka Werke, insbesondere zu The Stone Angel, kam Laurence während ihrer Jahre in Afrika. Dort formierte sich in ihrem Kopf allmählich die Gestalt der Hagar Currie, die, verbunden mit ihrer Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln, dafür verantwortlich war, dass Laurence in die Heimat zurückkehrte. So spiegelt sich die in der Biographie der Autorin vorhandene Überwindung der Vergangenheit und das Finden der Heimat als Hauptgedanke in vielen der Romane wider.
Die literarische Welt Kanadas begann sich bald nach Erscheinen des Stone Angels für die Schriftstellerin zu interessieren, was nicht zuletzt an der guten Vorarbeit von Thomas, einer engen Freundin, lag. Ihre Werke Margaret Laurence und, später, The Manawaka World of Margaret Laurence riefen weitere Kritiker auf den Plan. Doch spaltet sich die öffentliche Meinung, wie aus dem folgenden Kommentar von Ronald Labonte ersichtlich ist:
Margaret Laurence has already earned the very dubious award of High Priestess of Canadian fiction. She’s probably the most talked about, written about, and maybe even thumbed through of all Canadian authors. By dint of all this she is our most controversial writer – but not in the sense that her art’s topic is scandalous or that her techniques strain against prevailing conventions (it’s quite the opposite). No, despite the heavy doses of purple prose and the improbability of some of her secondary characters, Laurence produces novel after novel that reads with a slippery panache while creeping into the reader’s skull in a disquieting fashion. Simply put, she bridges the gap between the Harlequin pastiche and the art of intellect, and in the exercise bothers the hell out of everyone around her who can’t figure out from which side of the bridge she should be approached.
Viele sehen in Laurence eine der herausragendsten Autorinnen Kanadas. „Laurence had been lionized by the public and revered by many as a predominant shaper of post-war Canadian literature, setting the pace for other Canadian women like Margaret Atwood and Alice Munro. Posthumously she has been widely honoured with gatherings as well as being featured on a Canadian postage stamp”. Zugleich steht der Manawaka Zyklus im Ruf der Vergangenheitsbewältigung der Autorin. Der persönliche Bezug ist in den Romanen unverkennbar. Laurence beschäftigte sich in diesem Rahmen jedoch auch mit den Problemen ihrer Zeit und vor allem regionalen Themen. „[H]er work does build on and markedly extend elements that can be recognised as parts of a Canadian tradition in fiction – the strong voices of women writers, the West, the Canadian Scottish mythology, the small town, the search for home and the language of home“. Auf diesem Hintergrund verstrickt Laurence ihre Protagonistinnen in zahlreiche Konflikte, bis sich deren Identitätssuche dem Ende nähert. Die Autorin verharrt aber nicht auf Eindrücken der inneren Welt des (fiktiven) familiären Umfeldes sondern erweitert die Perspektive um die (realen) Konflikte der äußeren Welt: „Laurence’s depiction of war, depression, class conflict, ecological hazards, social injustice, or colonial oppression is couched, always, in terms of inner human realities such as love and hate, pride, loneliness, defiance, courage, and longing“.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 3 |
| 1.1 | Divining for Reality– Die Frau und Autorin hinter dem ManawakaZyklus | 3 |
| 1.2 | To come to some kind of understanding of oneself: Identitätsentwicklung in den Romanen von Margaret Laurence | 6 |
| 1.3 | Der Identitätsbegriff in der Theorie | 11 |
| 2. | The Stone Angel: Hagar Currie zwischen Ästhetik und Rebellion. | 17 |
| 2.1 | Kindheit und Prägungsphase der Hagar Currie | 20 |
| 2.2 | Wege in die Wildnis und zurück: Hagars soziale Verfehlung | 28 |
| 2.3 | Die innere Leere: Hagars sozialer Rückzug | 34 |
| 2.4 | Wege in die Selbstfindung: Hagars Befreiung am Shadow Point | 40 |
| 3. | A Bird in the House: Vanessa MacLeods Identitätsentwicklung im Schatten der Vergangenheit | 46 |
| 3.1 | Manawaka und die Lairds of Morven: Vanessas Kindheit im Spiegel der Vergangenheit | 50 |
| 3.2 | The Professional Listener: Vanessas (Selbst)Wahrnehmung im psycho-sozialen Umfeld | 54 |
| 3.3 | The caught sparrow in the attic: Leben und Tod in A Bird in theHouse | 57 |
| 3.4 | Having the known world fall to pieces: Insider und OutsiderManawakas | 60 |
| 3.5 | Jericho’s Brick Battlements: Vanessas Entwicklung zwischen Ordnung und Chaos | 64 |
| 4. | The Diviners: Morag Gunn im Strom des Lebens | 65 |
| 4.1 | River of Now and Then: Das Rekonstruieren einer Kindheit | 70 |
| 4.2 | The Nuissance Grounds: Ein Leben im Abseits | 72 |
| 4.3 | Halls of Sion: Im psychosozialen Gefängnis des Patriarchats | 76 |
| 4.4 | Rites of Passage: Pilgerfahrt zum Ursprung | 82 |
| 4.5 | The Diviners: Das Finden der eigenen Stimme | 86 |
| 5. | Schluss | 90 |
| 5.1 | Parallelen in der Identitätsentwicklung | 90 |
| 5.2 | Weitere Forschungsansätze | 93 |
| 5.2.1 | Identitätsentwicklung in A Jest of God und The Fire-Dwellers | 93 |
| 5.2.2 | Kanada als Protagonistin der Manawaka Romane | 94 |
| Literaturverzeichnis | 98 |
Textprobe:
Kapitel 4, The Diviners: Morag Gunn im Strom des Lebens:
The Diviners ist das letzte Werk des Manawaka Zyklus und gleichzeitig der letzte Roman, den Margaret Laurence jemals schreiben sollte. Die Komplexität des Szenarios beschäftigte sie in dem Maße, dass Walter E. Swayze, ein Wegbegleiter, meint, „the writing of (the novel) almost killed her“. The Diviners beeindruckt vor allem durch die Dialoge und die Vielfalt der Symbolik, die allerdings erst durch genauere Betrachtung erschlossen werden kann. Der Roman, der laut Swayze „her richest, most technically sophisticated and accomplished“ ist, beeindruckte Myriaden von Lesern. Diese Faszination, die die Leser von The Diviners ergreift, schildert Marian Engel nach zweimaligem Lesen:
I opened it again with trepidation. There are no absolutes. Critical theories are useful as can-openers but whether a book is good or bad ... with minor works only God and one’s own taste can tell, and one’s taste buds can go off; and it’s only the hairs on the back of one’s neck that tell that a book is major; perhaps after four years the frisson is gone? It is not. I re-read the book with the same galloping eagerness and enjoyment and admiration, And the thought, how do I dare know this woman, she’s too good to be speakable to; and small twitches of recognition. Some things bothered me about it still, some things impressed me, but its greatness was there like an object; it’s as solid as a pound of cooking chocolate.
Doch waren nicht alle Kritiken, den Roman betreffend, positiv. Kurz nach Erscheinen 1974 ging ein Rumoren durch die literarische Welt Torontos. Engel sah Gründe darin, dass „Toronto critics (...) are afraid of the monumental, particularly in the works of women“. Dass dem nicht unbedingt so war, und dass es durchaus plausiblere Gründe für die Inakzeptanz des Romans gab, legte W.J. Keith in seinem Aufsatz „Margaret Laurence’s The Diviners: The Problems of Close Reading“ offen. Er verweist darin auf Michael Peterman, der argumentierte, dass „what troubles many readers of The Diviners is not so much the fact that Morag is a liberated heroine who, as Engel puts it, achieves her ‘apocalypse’ without ‘the agency of man’, rather, it is that the three men in Morag’s life fail to take hold as flesh and blood characters“.
Dass Laurence letzlich mit dem Governor General’s Award geehrt wurde, schmälert die negativen Reviews. Für Keith jedoch blieb bis zum Schluss ein „unease“, den er fundamentalen Schwächen des Romans auf sprachlicher und struktureller Ebene zuschreibt.
The Diviners ist ein Bildungs- und Künstlerroman. „The Diviners is a figural narrative akin to Joyce’s A Portrait of an Artist as a Young Man. Although told in the third person, we see the world through the eyes of one character. (...) The Diviners is a portrait of the artist on both its narrative levels. The younger Morag who eventually writes novels is portrayed by an older Morag writing a novel about her“. Indem sie ihr Leben bewusst rekapituliert, nutzt Morag Gunn, die Protagonistin, die Möglichkeiten, Geschehnisse zu verändern und in die ihr richtig erscheinenden Worte zu fassen. So beeinflusst sie den Verlauf der Ereignisse und äußert sich als Erzählerin im Roman und des Romans an verschiedenen Stellen zur Dynamik der Zeit. „A popular misconception is that we can’t change the past – everyone is constantly changing their own past, recalling it, revising it. What really happened? A meaningless question. But one I keep trying to answer, knowing there is no answer“.
In ihrem Bemühen um eine Antwort auf die Frage nach der eigenen Herkunft verschafft Morag sich und dem Leser Einblicke nicht in ihr Leben allein, „but also [in] the inherited time of perhaps two or even three past generations, in terms of parents‘ and grandparents‘ recollections, and the much much longer past which has become legend, the past of a collective cultural memory“. Laurence bettet die individuelle Identitätssuche in das Gesamtkonzept der kulturellen Identität ein. In The Crafting of Chaos bekräftigt Hildegard Küster diesen Zusammenhang. „Morag’s search for her roots reflect a motif in Canadian literature which must be discussed within a national context. The narrator’s occupation with the past is given expression not only in the form of the generational paradigm but also in the presentation of the history of Manitoba“. Dabei thematisiert Laurence Begriffe wie Mythos und Wahrheit und erörtert deren Interdependenz. An einer Stelle erklärt Morag: „I like the thought of history and fiction interweaving“. Nicht-fiktionale wie fiktionale Ereignisse führen letztlich zu einem Sich-Selbst-Bewusstwerden der Protagonistin, der Akzeptanz des Vergangenen und, dies ist neu, einem aktiven Weitertragen der Wurzeln an die Nachfolgegeneration, ihre Tochter Pique.
Anknüpfend an Laurences Schreibtradition präsentiert sie mit The Diviners wieder eine Biographie. Ungleich A Bird in the House verzichtet sie in diesem Roman auf äußerliche Parallelen zu ihrem Leben, verpflichtet die Protagonistin aber, sich auf die Suche nach ihren Wurzeln zu begeben, was ihrem eigenen Selbstfindungsprozess ähnelt. Der Roman, so Laurence, nähert sich in seinem Schreibstil dem literarischen Genre der Spiritual Autobiography an. „Morag consciously sets out to write down her memories, to get her life into some kind of perspective, to see what has happened to her. One might call it an ‚examined life,‘ and she is examining her own life“.
Sprache und deren Umgang spielt somit in The Diviners eine große Rolle, was auch aus der Äußerung Susan Warwicks herauszulesen ist, die meint, „[t]he reader comes to understand, in the first instance, that Morag’s telling of the story plays a central role in the story which is told“. Die Geschichte, die Morag erzählt, ist ihre eigene. Um diese dem Leser verständlich zu vermitteln, greift Laurence zu diversen Hilfstechniken. Am Bedeutsamsten sind ihre Snapshots, Fotografien, die Morag an die Vergangenheit erinnern. Des weiteren integriert Laurence so-genannte ‚Memory Bank Movies‘, die, jeweils mit Überschriften versehen, Eindrücke des Vergangenen vermitteln, und, im Unterschied zur sonst verwandten Ich-Erzählweise, in der dritten Person wiedergegeben werden. Buss meint, dass „[h]er memory moments, her movies,‘ serve to allow her to re-experience again and again certain emotional connections, thus fulfilling the basic function of ritual, to make more whole the individual’s experience, and to recreate the original divine modal or archetype in the human psyche“. Geschichten Lieder, Gedichte, Briefe, Zeitungsartikel und ähnliches verleihen der Romankonstruktion Fülle, dienen aber vordergründig als Gedächtnisstütze und somit der Vergangenheitsbewältigung. Wahrscheinlich basiert Laurences etwas widersprüchliche Darstellungsform von Vergangenheit und Gegenwart in erster Linie auf der Annahme der Vergänglichkeit des Momentes. So spielt sie mit der Zeit, indem sie gegenwärtiges Geschehen im Imperfekt, die Schilderung der Vergangenheit sprachlich im Präsenz darbietet, und damit ihrer Überzeugung symbolhaft Ausdruck verleiht, dass die Vergangenheit mit der Gegenwart verwoben und in ihr akut relevant ist. Buss nennt The Diviners bezeichnend „a story outside historical time where only cyclical repetition matters“.
48,00 €
PDF-eBook auf CD: 48,00 €
Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836607841
Arbeit zitieren:
Huck, Sybille Februar 2003: Zur Identitätsentwicklung weiblicher Figuren Margaret Lawrences 'The Stone Angel', 'A bird in the house' und 'The Diviners', Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Margaret Lawrence, Kanada, Gender, Rollenverhalten, Identitätsentwicklung



