Identitätsbildung unter den Bedingungen der individualisierten Gesellschaft
Und ihre Bedeutung als Ziel und Gegenstand der Sozialpädagogik
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Martin Moharrer
- Abgabedatum: September 2001
- Umfang: 83 Seiten
- Dateigröße: 593,5 KB
- Note: 1,1
- Institution / Hochschule: Leuphana Universität Lüneburg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-5927-7
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-5927-7 P - ISBN (CD) :978-3-8324-5927-7 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Moharrer, Martin September 2001: Identitätsbildung unter den Bedingungen der individualisierten Gesellschaft, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Armut, Milieu, Selbstentfremdung, Kohärenzsinn, Pädagogischer Bezug
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Diplomarbeit von Martin Moharrer
Einleitung:
In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit der Frage, wie sich der in den Begriffen wie Individualisierung, Pluralisierung oder Modernisierung gefaßte gesellschaftliche Wandel für die individuelle Lebensbewältigung äußert und welche Art von Kompetenzen und Ressourcen vom Einzelnen unabdingbar aufgebracht werden müssen, um ein im vorhandenen gesellschaftlichen Rahmen subjektiv zufriedenstellendes und selbstbestimmtes Leben zu führen. An diesen Ergebnissen enggeführt soll anschließend versucht werden, mit einem geeigneten sozialpädagogischen Modell an diese Bedingungen anzuschließen, indem wichtige Theorieelemente herangezogen werden, die in dieser Absicht aufeinander abgestimmt werden.
Die Beleuchtung der historisch bedingt hochgeschraubten psychosozialen Anforderungen an die Lebensgestaltung unter den modernen gesellschaftlichen Gegebenheiten weisen bei genauerer Betrachtung den gewöhnlich als Individualierungsprozess charakterisierten sozialen Wandel eher als unentrinnbare Zumutung einer Selbst- Verwirklichung aus, die in ihrer spezifisch sozialstrukturell vermittelten Form gegenwärtig keine andere Alternative mehr läßt, um subjektives Wohlbefinden dauerhaft zu sichern. Ich möchte mit meiner Arbeit in unter anderem die Vermutung unterstützen, daß die an das Individualitätsideal gekoppelten notwendigen Verhaltens- und Einstellungsmodi in demokratischen Leistungsgesellschaften nur zeitvariante Orientierunsmuster sind, die im wesentlichen mit den aktuellen Verhältnissen korrelieren und weniger einem überzeitlichen Grundbedürfniss nach Emanzipation und Mündigkeit entsprechen, das im Sinne einer fortschreitenden kulturellen und geschichtlichen Aufwärtsbewegung sich nun etwa folgerichtig Bahn bricht. Ich unterstelle also, daß Orientierungsmuster wie Selbstbestimmung, Selbststeuerung, Selbstfindung, Unabhängigkeit, gleichberechtigte Partizipation, etc. nicht mehr als nur die aktuellen „Paßformen“ sind, um in einer enttraditionalisierten Gesellschaft Geborgenheit, Sinn, Anerkennung, Zugehörigkeit und Selbstwert erleben zu können, d.h. die Erfüllung von „darunterliegenden“ Grundbedürfnissen, die in traditionellen vergangenen und gegenwärtigen Gesellschaftsformen durch andere Verhaltenskorrelate verfolgt und gesichert werden und wurden, z.B. durch die unreflektierte und unterwürfige Einlebung in hierarchischen Gemeinschaften und Gruppen.
Daß die gegenwärtig vorgegebenen Muster der Erfüllung dieser von mir vorausgesetzten menschlichen Grundbedürfnisse heute einen historisch unerreicht hohen emotialen, kognitiven, sozialen und materiellen Aufwand erforderlich machen, den ein wachsender Bevölkerungsanteil nicht bewältigen kann und folglich mit subjektiven Leiderfahrungen in verschiedenster Ausprägung erlebt, soll durch sozialwissenschaftliche Analysen und Untersuchungen untermauert werden. Mit diesen Hinweisen soll verdeutlicht werden, in welch durchdringender Form strukturell und kulturell geprägte Lebensstrukturen die Ausgangsbasis für Vorstellungen vom „guten“ und „richtigen“ Leben bilden, an denen wie selbstverständlich bewußt und unbewußt Wertorientierungen, Lebensziele, Einstellungen, denk- und handlungsleitende Motivationen ausgerichtet werden und wie daraus wiederum charakteristische, d.h. objektivierbare Formen von Erlebnisweisen in emotional relevanten Kategorien wie Selbstwertgefühl, Vertrauen, Hoffnung, Sinnerleben, soziale Geborgenheit und Handlungssicherheit resultieren.
Insbesondere soll am Beispiel „Armut“ das mit dem Individualisierungsprozess einhergehende Belastungspotential ausführlich beleuchtet werden, dem ein wachsender Bevölkerungsanteil nicht ohne institutionalisierte Hilfe erfolgreich standhalten kann.
Auf dieser Grundlage perspektivisch aufbauend, will ich unterstreichen, welche Art von Kompetenzen und Leistungen es im genaueren sind, die vom Einzelnen aufgebracht werden müssen, um eine positive Bewältigung der auf diese Weise gesellschaftlich geformten Bedürfnisstrukturen subjektiv zu erleben. Auf der subjektiven Ebene möchte ich die Art dieser gelungenen Bewältigungsform mit dem Begriff der Identitätsbildung bezeichnen und ihn als Verhaltensmodus herausstellen, der dem auf objektiver Ebene als Individualisierungsprozess beschriebenen sozialen Wandel entspricht. Es wird sich zeigen, daß gelungene Identitätsbildung weniger die abschließende Antwort auf die Frage „Wer bin ich ?“ bedeutet, als vielmehr eine aktive psychosoziale Integrationsleistung in ambivalenten und unsicheren Lebensverhältnissen, der emotional ein Hintergrundgefühl des „so seins“ und des „so sein dürfens“ entspricht trotz widersprüchlicher und selbstbildbedrohender Erlebnisweisen. Im Spannungsfeld von Vergesellschaftung und Autonomie bedeutet Identität, um eine Definition L. Krappmanns zu paraphrasieren, das gleichzeitige „so sein wie alle anderen und so wie kein anderer“.
Spätestens mit der eingehenden Reflexion der sozialen, psychischen und materiellen Bedingungen dieser notwendigen Form von Anpassung in der pluralisierten Leistungs- und Konsumgesellschaft wird die sozialpädagogische Relevanz dieses Themenkomplexes nahegelegt. Für die thematische Ausrichtung hat das die Konsequenz, daß ich folgender Frage nachgehe: Welche konzeptionellen theoretischen und methodischen Elemente muß ein allgemeines Modell der Sozialpädagogik beinhalten, um der Herausforderung an die subjektive Bewältigung der strukturell bedingten Individualitätsanforderungen angemessen zu begegnen ? Mit anderen Worten: Wie können Befindlichkeiten wie Selbstvertrauen, Selbstsicherheit und soziale Geborgenheit sozialpädagogisch am effektivsten bewirkt werden in einer Gesellschaft, die in sozialwissenschaftlichen Diagnosen mit Attributen wie Individualisierung, Pluralisierung, Anomie und Enttraditionalisierung gewöhnlich gekennzeichnet wird?
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 3 |
| 2. | Psychosoziale Ausgangsbedingungen für die Lebensführung in modernen Gesellschaften | 11 |
| 2.1 | Der Prozess der Individualisierung | |
| 2.2 | Individualisierung undSelbstentfremdung | 15 |
| 2.3 | Individualisierung als Bedingungswissen der Sozialpädagogik für ein professionelles Verständnisihrer Klientel | 17 |
| 3. | Voraussetzungen der gelingenden Identitätsbildung in individualisierten Gesellschaften | 27 |
| 3.1 | Identität und Gesellschaft | |
| 3. 2 | Fragmentierte Identität - Die Integration menschlicher Hilflosigkeit bei der Identitätsbildung | 33 |
| 3.3 | Voraussetzungen für die gelingende Identitätsbildung | 39 |
| 3.3.1 | Eigenschaften des Kohärenzgefühls | |
| 3.3.2 | Zentrale Einflußfaktoren auf das Kohärenzgefühl | 42 |
| 4. | Identität und Sozialpädagogik | 48 |
| 4.1 | Alltagsorientierte Sozialpädagogik | 50 |
| 4.2 | Normalisierungshandeln und Milieubildung: ein sozialintegratives Modell von unten | 55 |
| 4.2.1 | Identitätsbildung zwischen Milieu- und Netzwerkorientierung | |
| 4.3 | Identität und pädagogischer Bezug | 67 |
| 4.3.1 | Der pädagogische Bezug bei H. Nohl | 68 |
| 4.3.2 | Die Aktualität des pädagogischen Bezugs | 70 |
| 5. | Schlusswort | 77 |
| 6. | Literaturverzeichnis | 81 |
Das Rahmenkonzept der Alltagsorientierten Sozialpädagogik berücksichtigt in allgemeiner Form die gesellschaftlich vermittelten Individualisierungsanforderungen mit ihren charakteristischen Zumutungen an die spezifische Art der Ausbildung von Identität. Es folgt der untersuchten Gestalt der Bedingungen gelingender Identität, ohne eine konkretere pädagogische Antwort bieten zu wollen. Es ist ein universales allgemeinpädagogisches Konzept, das, so betont es E. Liebau, „niemanden ausschließt“ und „alle Menschen, große und kleine“, meint. „Dementsprechend ist es auch auf die unterschiedlichsten Praxisfelder beziehbar, handele es sich um die Familie, Schule, den Betrieb, die Straße.“ (Liebau, 1996, S. 123). Der alltagsorientierte Ansatz bietet ganz allgemein das theoretische Grundgerüst für eine darauf aufbauende modellhafte Konkretisierung eines sozialpädagogischen Konzepts, welches die Ausgangsschwierigkeiten sozialpädagogischer Klientel in einem stringenteren Modell konzeptionell aufgreift. L. Böhnisch unternimmt mit dem Konzept der offenen Milieubildung den Versuch, ein pädagogisches Modell zu entwerfen, welches explizit auf die gesellschaftlich induzierte Krisendynamik eingeht, die dem eingangs erläuterten sozialpädagogisch relevanten Problemdruck individualisierter Lebensführung zugrundeliegt, ohne sich jedoch auf bestimmte Praxisfelder einzuschränken. Es bietet sich deshalb meines Erachtens als ein umfassen53 [...]
liche Sache sein kann, also Fragmente, die Fragmente sein müssen. [...] Wenn unser Leben auch nur ein entferntester Abglanz eines solchen Fragments ist, in dem wenigstens eine kurze Zeit lang die sich immer stärker häufenden verschiedenen Themata zusammenstimmen und in dem der große Kontrapunkt vom Anfang bis zum Ende durchgehalten wird, [...], dann sollen wir uns über unser fragmentarisches Leben nicht beklagen, sondern daran sogar froh werden“ (ebd. S. 34). Keupp, der den von Antonovsky als zentrale Widerstandsressource behaupteten Kohärenzsinn nicht verwerfen will, weist mit diesem Zitat von Bonnhoefer auf einen Aspekt von Identität hin, den es unter den Bedingungen fortschreitender Erosion ganzheitlicher gesellschaftlicher Identitätsangebote zu beachten gilt: Selbst der geforderte Kohärenzsinn beinhaltet noch die Integration auch von dauerhaft bruchstückhaftem und nicht zusammenpassendem Selbsterleben. Dazu bemerkt Althusser: „Das Identitätsprojekt muß nicht von einem Wunsch nach einem kohärenten Sinnganzen bestimmt sein, wird aber von Bedürfnissen geleitet, die aus der persönlichen und gesellschaftlichen Lebenssituation gespeist sind. Insofern konstruieren sich Subjekte ihre Identität nicht in beliebiger und jederzeit revidierbarer Weise, sondern versuchen sich in dem, was ich Gefühl von Identität genannt habe, in ein ‚imaginäres‘ Verhältnis zu ihren wirklichen Lebensbedingungen setzen“ (Althusser, zit. nach Keupp/Höfer, 1997, S. 35). Kennzeichnend für den geforderten Identitätstypus ist also, in scheinbar widersprücher Weise, ein Gefühl von Kohärenz, das sich nicht nur auf nachvollziehbar zusammengehörige Persönlichkeitsanteile stützt, sondern auch Unzusammenhängendes und Isoliertes umfaßt. U. Beck betont, daß das aus struktur- und haltgebenden traditionellen Bezügen herausgelöste Subjekt ein Identitätsprojekt bestreiten muß, das die Nebenerscheinungen der zugemuteten „riskanten Freiheiten“ willig auf sich nimmt : „Die Individuen müssen, um nicht zu scheitern, langfristig planen und den Umständen sich anpassen können, müssen organisieren und improvisieren, Ziele entwerfen, Hindernisse erkennen, Niederlagen einstecken und neue Anfänge versuchen. Sie brauchen Initiative, Zähigkeit, Flexibilität und Frustrationstoleranz...“ (Beck, 1986, S 156). Damit deutet er etwas genauer die unweigerliche Kon34 [...]
In der Beleuchtung des Begriffes der „Identität“ geht es mir, wie schon angedeutet, weniger um die sozialpsychologisch motivierte Beschreibung eines spezifischen Identitätskonzeptes, welches einer bestimmten theoretischen Linie zugeordnet werden kann. Vielmehr unternehme ich den Versuch, mich bei der Herausarbeitung der gefragten Individualitätskompetenzen an den unterschiedlichen einschlägigen Theorien und Überlegungen zum Identitätsbegriff zu orientieren und dabei charakteristische Elemente zu beleuchten, die den verschiedenen Modellen trotz differenter gesellschaftlicher und theoretischer Annahmen zu eigen sind. Das wohl alle Identitätsdefinitionen konstituierende und für mein erlenntnisleitendes Interesse wesentliche Grundmerkmal ist der Aspekt der „Einheit“ . Es ist nicht zu übersehen, daß allen Entwürfen und Abhandlungen zum Thema Identität dieser Aspekt gemeinsam ist, wenn auch, wohlgemerkt, in den verschiedensten Ausprägungen: So läßt sich ein mit der Identitätsbildung unterstelltes Streben nach Einheit schon in den Betrachtungen der mittelalterlichen Sozialisationsbedingungen ausmachen: Identität wurde in den undifferenzierten „Mikrokosmen“ der Standesgesellschaft in erster Linie in Form einer „Wir-Identität“ entwickelt, vermittelt durch eine unreflektierte Übernahme unverrückbarer Sinngehalte und Wertorientierungen. Das auf diese Weise reibungslose Aufwachsen eines Kindes in derartigen Gesellschaftsformationen geschah und geschieht heute noch (wie u.a. den langjährigen Studien bei den Yurok- und den Sioux-Indianern von Erikson entnommen werden kann), indem „ seine individuelle Weise, Erfahrungen zu verarbeiten (seine Ich-Synthese), eine erfolgreiche Variante einer Gruppenidentität ist und im Einklang mit der RaumZeit und dem Lebensplan der Gruppe steht“ (Erikson, zit. nach Krappmann, [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832459277
Arbeit zitieren:
Moharrer, Martin September 2001: Identitätsbildung unter den Bedingungen der individualisierten Gesellschaft, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Armut, Milieu, Selbstentfremdung, Kohärenzsinn, Pädagogischer Bezug



