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Identität und kulturelle Differenz

Qualitative Studie zur Reintegration nach einjährigem Auslandsaufenthalt

Identität und kulturelle Differenz
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Sonja Schröder
  • Abgabedatum: Januar 2005
  • Umfang: 130 Seiten
  • Dateigröße: 1,2 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Technische Universität Berlin Deutschland
  • Bibliografie: ca. 51
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2621-7
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Schröder, Sonja Januar 2005: Identität und kulturelle Differenz, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Identität, Auslandsaufenthalt, Reintegration, Grounded Theory, Kulturschock

Diplomarbeit von Sonja Schröder

Einleitung:

Mit zunehmender Globalisierung aller Lebenstätigkeiten, besonders im Rahmen der Globalisierung der Wirtschaft, nehmen interkulturelle Erfahrungen heutzutage einen hohen Stellenwert ein. Der Auslandsaustausch ist daher ein aktuelles Thema in der Bildungspolitik. In bestimmten Berufsbranchen wird interkulturelle Erfahrung mittlerweile als „Muss“ im Lebenslauf eines karriereorientierten Menschen vorausgesetzt. So wird gerade bei Berufsanfängern Wert darauf gelegt, dass diese sich in Form von Studienaufenthalten oder Praktika „wertvolle internationale Erfahrungen“ und nicht zuletzt Sprachkenntnisse in einem fremden Land angeeignet haben. Zahlreiche Organisationen und Programme haben sich zu diesem Zweck auf den Austausch in unterschiedlichen Bereichen spezialisiert, z.B. auf die Vermittlung von Auslandssemestern oder -praktika im akademischen Bereich oder das High School Jahr im Schüleraustausch. Obwohl oft der Gedanke des Kennenlernens anderer Kulturen und somit Völkerverständigung im Vordergrund steht, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass hier wirtschaftliches Denken eine große Rolle spielt. So sind etwa internationale Konzerne bei der Auslandsentsendung von Mitarbeitern darauf angewiesen, auf flexible und anpassungsfähige „menschliche Ressourcen“ zurückgreifen zu können.

Durch Veränderungen der Gesellschaft werden höhere Anforderungen an die individuelle Mobilität gestellt. Damit wird der Mensch aus dem traditionellen Lebenszusammenhang herausgerissen und unter Umständen von seiner Herkunftsregion getrennt. Zur Auswirkung gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen auf das Leben des Einzelnen bemerkt Straub kritisch: Das ‚Sein‘ wird in modernen Gesellschaften in hohem Maß als ein von Kontingenz durchsetztes, durch Offenheit charakterisiertes Werden erfahren, das den einzelnen erhebliche Anpassungsleistungen, Eigenverantwortung und eine ihr Leben keineswegs nur bereichernde ‚Flexibilität‘ und Veränderungsbereitschaft abverlangt.

Schon viel früher diagnostizierte Beck als prominenter Vertreter einer soziologischen Gesellschaftsbetrachtung erhöhte Anforderungen an das Individuum: Indem es keine vorgezeichneten Lebensentwürfe mehr gibt, muss sich der Einzelne ohne verbindliche Vorlagen selbst entwerfen. Mit einem Mehr an persönlicher Freiheit und Autonomie geht also der Verlust verlässlicher Orientierungsschablonen und Bindungen einher.

Indem die Selbstverantwortlichkeit größer geworden ist, trägt im Gegensatz zu früheren Zeiten jeder Verantwortung für die eigene Biographie. In diesem Sinne kann ein zweckorientierter Auslandsaufenthalt durchaus als der Versuch gelten, die eigene Biographie aktiv zu gestalten. Das Basteln am eigenen Lebenslauf und das bewusste Steuern von Erfahrungen wäre im Sinne Becks, den Weg „von der Normalbiographie zur Wahlbiographie“ einzuschlagen.

Mit der Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung wird auch für Teilnehmer an Austauschprogrammen geworben. Die nicht hinterfragte Annahme, dass ein Auslandsaufenthalt zu einer Erweiterung des Horizonts, mehr Selbstbewusstsein und allgemein zur persönlichen Weiterentwicklung verhilft, kann ein wichtiger Grund für Auslandsaufenthalte sein. Auf die wissenschaftliche Überprüfung dieser Annahme, z.B. von Adler, die persönliche Veränderungen im Zuge von Auslandseinsätzen kanadischer Angestellter berichtet, wird in Kap. II.1.4 noch näher eingegangen. Unabhängig von der persönlichen Ebene ist der längere Auslandsaufenthalt zu Studien- oder Arbeitszwecken innerhalb der Ausbildung ein zunehmender Trend in der heutigen Gesellschaft, der allgemein begrüßt wird; legt er doch einen Grundstein für Flexibilität und (berufliche) Mobilität.

Eigene Erfahrungen mit längeren nicht-touristischen Auslandsaufenthalten markieren den Anfang meines Forschungsinteresses. Zum Zeitpunkt der Themensuche für die vorliegende Arbeit war ich gerade selbst von einem Auslandspraktikum zurückgekehrt. Die Suche nach einem „interkulturellen“ Thema führte mich zur Frage nach der persönlichen Bedeutsamkeit von Auslandserfahrungen. Auch erinnerte ich mich an eine Wiederkehr in Zusammenhang mit einem länger zurückliegenden Auslandsaufenthalt, die damals sehr bedeutsam für mich war, und die ich nach heutigem Wissen als Rückkehrschock bezeichnen kann (s. zum Begriff „Rückkehrschock“ Kap. II.1.2). Die Verwobenheit von persönlichem und wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse spiegelt sich nicht nur auf der Ebene der Entwicklung der Fragestellung wieder, sondern hat sich auch in der konkreten Interaktion mit meinen Interviewpartnern niedergeschlagen, wenn ich Erfahrungen im selben oder einem ähnlichen Land gemacht hatte (s. Kap. III.5.4).

Schon vor Beginn der Arbeit wusste ich durch Gespräche mit Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, dass meine persönliche Betroffenheit kein „Einzelschicksal“ ist. Für viele stellt der Auslandsaufenthalt eine äußerst bedeutsame Erfahrung dar, die oft auch als eine Zäsur in der Lebensgeschichte empfunden wird. In der Diplomarbeit wollte ich mich daher näher mit Fragen des Erlebens einer fremden Welt beschäftigen: Was hat das Fremde des Auslands mit mir zu tun, wie „passiert“ persönliche Veränderung und warum ist das Zurückkommen manchmal so schwer?

Der Zuspruch nicht nur von Bekannten und Unbekannten, sondern später auch das Interesse von Organisationen, an die ich mich zwecks Interviewpartnersuche gewendet hatte, bestätigten die praktische Relevanz der Reintegrationsthematik. Auf eine breitere, empirische Basis konnte ich meine Alltagsbeobachtungen durch die Literaturrecherche stellen, wonach Reintegration ein zunehmend relevantes Thema in Forschung und Praxis darstellt.

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung 5
1. Aktualität des Forschungsthemas 5
2. Eigenes Forschungsinteresse 6
II. Theoretischer Überblick 9
1. Zur Reintegrationsforschung 9
1.1 Historische Entwicklung 9
1.2 Spezielle Probleme der Reintegration 10
1.3 Ziele und Methodik der Reintegrationsforschung 11
1.4 Kulturspezifische Aspekte von Identität im Kontext Reintegration 13
1.5 Zusammenfassung 16
2. Kultur und kulturelle Identität 17
2.1 Kultur 17
2.2 Kulturelle Identität 18
2.3 Verwandte/ andere Formen von Wanderung / „Kulturwechsel“ 20
2.3.1 Migrationsforschung: Gemeinsamkeiten und Unterschiede 20
2.3.2 Wohnortwechsel als kritisches Lebensereignis: Unterschiede und Gemeinsamkeiten 22
3. Identitätstheorien 23
3.1 Personale und soziale Identität: Strukturtheoretische Überlegungen 23
3.2 Empirische Untersuchung von Identität 26
3.3 Interaktionistische Identitätstheorien 27
3.3.1 Krappmann: Balancierte Identität 27
3.3.2 Objektbeziehungstheorien angewandt auf Identität 28
3.3.3 Übertragung der Identitätstheorien auf den Forschungsgegenstand der interkulturellen Erfahrung 29
3.4 Das Fremde und das Eigene oder: Identität und Differenz 30
4. Präzisierung der Forschungsfrage 31
III. Methodisches Konzept 33
1. Projektwerkstatt qualitativen Arbeitens 34
2. Das problemzentrierte Interview nach Witzel 35
2.1 Begründung des gewählten Vorgehens des problemzentrierten Interviews 35
2.2 Struktur des PZI 37
2.2.1 Teilelemente / Instrumente des PZI 37
2.2.2 Gesprächstechniken des PZI 39
3. Leitfaden 40
3.1 Generierung des Leitfadens 40
3.1.1 Vorgehen und generelle Überlegungen 40
3.1.2 Generierungsprozess 41
3.2 Endversion 43
3.2.1 Erläuterung der Themenblöcke im Leitfaden 43
3.2.2 Interviewerverhalten 45
4. Stichprobe 45
4.1 Beschreibung der Stichprobenkriterien 46
4.2 Gewinnung der Interviewpartner 48
5 Fallauswahl 49
5.1 Schrittweise Auswahl als Grundprinzip qualitativer Forschung 49
5.2 Theoretisches Sampling 49
5.3 Begründete Auswahl 49
5.4 Datenerhebungsprozess und begründete Auswahl aus den vorliegenden Interviews 50
5.5 Samplestruktur 54
6. Auswertungsmethode 54
6.1 Auswertung des PZI nach Witzel 55
6.2 Handlungstheoretisches Modell der Grounded Theory 57
6.3 Exemplarische Darstellung des Auswertungsvorgehens 58
IV. Ergebnisse 61
1. Portraits der Interviewpartner und Situationsbeschreibungen von Fremdheit im Ausland 62
1.1 „Franziska“ 62
1.2 „Sven“ 65
1.3 „Carolin“ 69
1.4 „Matthias“ 72
2. Modell „Fremdheit im Ausland“ 75
2.1 Modellbeschreibung 75
2.1.1 Fremdheitsbedingungen 75
2.1.2 Phänomen des Fremdheitserlebens 79
2.1.3 Fremdheitsreduzierendes oder -aufrechterhaltendes Handeln 81
2.1.3.1 Veränderungsstrategien 82
2.1.3.2 Legitimationsstrategien 82
2.1.3.3 Einschätzungsstrategien 83
2.1.3.4 Rückzugsstrategien 84
2.1.3.5 Aufsuchende Strategien 85
2.1.4 Intervenierende Bedingungen 85
2.1.5 Konsequenzen 88
2.1.5.1 Reduzierung von Fremdheit 89
2.1.5.2 Aufrechterhaltung von Fremdheit als Folge fehlgeschlagenen Reduktionshandelns 91
2.1.5.3 Aufrechterhaltung von Fremdheit als Ziel 92
3. Modell „Fremdheit in der Reintegration“ 93
3.1 Kontext der Reintegration und Situationsbeschreibungen von Fremdheit in der Reintegration 93
3.1.1 „Franziska“ 93
3.1.2 „Sven“ 95
3.1.3 „Carolin“ 97
3.1.4 „Matthias“ 99
3.2 Modellbeschreibung 101
3.2.1 Fremdheitsbedingungen 101
3.2.1.1 Kontrasterfahrung 101
3.2.1.2 Interaktionsstörung 102
3.2.1.3 Wunsch nach Zugehörigkeit vs. Individualität 102
3.2.2 Phänomen des Fremdheitserlebens 104
3.2.3 Strategien 105
3.2.3.1 Veränderungsstrategien 105
3.2.3.2 Legitimationsstrategien 106
3.2.3.3 Einschätzungsstrategien 106
3.2.3.4 Rückzugsstrategien 106
3.2.3.5 Aufsuchende Strategien 107
3.2.4 Intervenierende Bedingungen 107
3.2.5 Konsequenzen 109
3.2.5.1 Reduzierung von Fremdheit 109
3.2.5.2 Aufrechterhaltung von Fremdheit als Folge fehlgeschlagenen Reduktionshandelns 111
3.2.5.3 Aufrechterhaltung von Fremdheit als Ziel 111
4. Zusammenfassung der Ergebnisse 112
4.1 Hauptergebnisse aus dem Modell „Fremdheitserleben im Ausland“ 112
4.2 Hauptergebnisse aus dem Modell „Fremdheitserleben in der Reintegration“ 112
4.2.1 Evaluation von Transformation 112
4.2.2 Individualität und Abgrenzung vs. (Re)Integration 113
4.3 Reflektion der Modellbildung 114
V. Diskussion 115
1. Theoretischer Rückbezug der Ergebnisse 115
2. Methodische Reflektion 116
VI. Literatur 121
Anhang 127
A. Aushang 127
B. Kurzfragebogen 128
C. Interviewvertrag mit Datenschutzvereinbarung 129
D. Interviewleitfaden 131
E. Kontextprotokoll 133
F. Transkriptionsregeln 134

Textprobe:

Kapitel 3.3.3, Identitätstheorien angewandt auf den Forschungsgegenstand der interkulturellen Erfahrung: Wenn es um die Frage geht, worin genau die von Identitätstheoretikern wie z.B. Straub geforderten Leistungen zur Einheit bestehen, d.h. wie das Individuum zunächst Fremdes integriert bzw. Nicht-Zusammenhängendes aushält in dem Bemühen, ein Gefühl der Einheit zu erreichen, dann ist es spannend, Identitätsprozesse unter einer Perspektive zu untersuchen, die sich durch besondere Akzentuierung von Differenz und Heterogenität auszeichnet. In meiner Bündelung der Forschungsgebiete Identität und Kultur ist mit dem Auslandsaufenthalt eine Situation von kultureller Differenz gegeben, in der Syntheseleistungen des Individuums sichtbar und analysierbar werden sollten.

Abgeleitet aus den oben dargestellten Identitätstheorien können im Zusammenhang mit den konkreten Erfahrungen im Ausland und bei der Rückkehr folgende identitätsrelevante Themenbereiche untersucht werden: Identitätsbildung, -akzentuierung und -veränderung in sozialen Interaktionen, Anpassung an die Erwartungen anderer und somit Veränderung, Erleben von Konsistenz und konsistentes Handeln in verschiedenen Situationen sowie der Umgang mit stereotypen Zuschreibungen bzgl. Eigen- und Fremdkultur.

Da im Zusammenhang mit Auslandsaufenthalten auch immer von Persönlichkeitsveränderungen die Rede ist, orientiere ich mich mit Krappmann (Kap. II. 3.3.1) an einem Ansatz, der von einer Identitätsentwicklung über die Lebensspanne ausgeht, denn sein Konzept der interaktiven Aushandlung impliziert die Möglichkeit zur Identitätsänderung.

Im Rahmen von Krappmanns Theorie der balancierten Identität sind die folgenden Überlegungen zum Umweltaspekt relevant. In der Konzeption des gesamten Zyklus gibt es zwei verschiedenen Umwelten, an deren Erwartungen sich das Individuum orientieren muss: zum einen besteht sie während des Auslandsaufenthalts aus Angehörigen der Gastkultur, zum anderen nach der Rückkehr aus Angehörigen der eigenen, bekannten Kultur. Wie in Kap. II.1.2 dargelegt wurde, stellen die Erwartungen der Umwelt einen kritischen Faktor bei der Reintegration dar: Natürlich wird angenommen, der Rückkehrer habe sich durch seinen langen Auslandsaufenthalt verändert, zugleich aber soll er sich selbst gleich geblieben, unverkennbar als der alte Freund, Bekannte, Kollege identifizierbar sein. Eine ähnliche Situation liegt im Ausland vor, wenn dem Fremdling abweichendes Verhalten zugestanden (evtl. sogar von ihm erwartet) wird, bei gleichzeitiger Erwartung, man möge sich um Anpassung bemühen. Widersprüchliche Erwartungen an den Rückkehrer bestehen also einmal innerhalb von Gast- und Heimatland, aber auch zwischen den zwei Umwelten.

Ein Auslandsaufenthalt stellt eine besondere Situation dar, in der Interaktionen prinzipiell schwieriger verlaufen. Die identitätsfördernde Fähigkeiten des Individuums treten dabei in besonderer Weise in den Vordergrund. Zum einen sind die Unkenntnis von Normen, Werten und Verhaltensstandards erschwerte Bedingungen für die Perspektivenübernahme. Insofern dürfte es schwerer sein, die geforderte Balance zu erreichen, da Erwartungen anderer weniger erkennbar sind. Zum anderen beinhaltet das Leben in einer anderen Kultur als der eigenen in hohem Maße mehrdeutige Situationen. Damit bekommt die Forderung nach Ambiguitätstoleranz ein besonderes Gewicht.

Des Weiteren spielen Bindungen bei der Frage nach kollektiven Zugehörigkeiten eine Rolle, auf die ich im Rahmen von Objektbeziehungstheorien (Kap. I.3.3.2) eingegangen bin. Im Zusammenhang mit Reintegration findet Martin Eltern, Geschwister, romantische Andere, und Freunde als bedeutsame Beziehungspartner.

Kapitel 3.4, Das Fremde und das Eigene oder: Identität und Differenz: Zur Frage, warum in einer anderen Umgebung die eigene kulturelle Identität akzentuiert hervortreten sollte, sind v.a. Graumann und Boesch mit ihren Überlegungen zum Verhältnis von Fremdem und Eigenem zu nennen. Beide argumentieren für die Notwendigkeit des Fremden für das Eigene, und erläutern, wie sich, indem das Fremde das Eigene konstituiert, Identität bildet. Insofern im Leben des Individuums immer wieder neue und fremdartige Situationen auftreten, berechtigt auch dieser Ansatz die Annahme einer lebenslangen Weiterentwicklung und somit auch Identitätsveränderung.

Wenn das Nicht-Identische (oder in anderen Worten, der Kontrast) somit das Komplementärstück für Identität darstellt und für deren Herausbildung unerlässlich ist, drängt sich die Frage auf, warum ausgerechnet Auslandserfahrung untersucht werden soll, wo es doch auch ohne kulturelle Differenz überall im Alltag Fremdes zu entdecken gibt. Mit obigen Überlegungen wird angenommen, dass im Ausland die Fremdheitserfahrungen potenziert sind, und es weniger Rückzugsmöglichkeiten i.S. einer Abwehr von zu fremdartigem für das Individuum gibt. Außerdem geht es um kulturelle Identität, die, so wird angenommen, erst in der Kontrasterfahrung ins Bewusstsein tritt.

Kapitel 4, Präzisierung der Forschungsfrage: Nachdem nun wichtige theoretische Überlegungen und Ergebnisse aller für mein Forschungsvorhaben relevanten Themen skizziert wurden, werde ich versuchen die einzelnen Fäden in der Präzisierung meiner Fragestellung miteinander zu verknüpfen.

Forschungsfrage: In meiner Diplomarbeit soll die interindividuelle Unterschiedlichkeit der Identitätsrelevanz während der Reintegrationsphase nach einem längeren nicht-touristischen Auslandsaufenthalt eruiert werden. Folgende Fragen stehen dabei im Vordergrund: Bewusstwerdung/ Relevanz der kulturellen Identität durch Kontrast: Wann und wie wird das Identitätsthema und insbesondere kulturelle Identität virulent im Ausland?

Integration und Transformation: Und wie wird diese Erfahrung integriert? Hat die Beschäftigung mit der eigenen kulturellen Identität einen verändernden Einfluss auf die Person (und wenn ja, in welcher Weise)?

ad 1.) Unter der Annahme, dass kulturelle Identität nur latent vorhanden ist, soll nach konkreten Situationen gefragt werden, in denen sie ins Bewusstsein tritt und untersucht werden, wie dabei mit denkbaren Perspektiven von Identität und Identitätszuschreibungen umgegangen wird.

ad 2.) Interessant ist, wie das Thema der kulturellen Identität für den Einzelnen Bedeutung erhält oder verliert, wenn die Kontrasterfahrung nicht mehr gegeben ist. Hierin liegt auch die Begründung für den Fokus der Reintegration.

Die Betrachtung der Identitätsfrage „Wer bin ich?“ mit den ihr innewohnenden Zeitperspektiven „Woher komme ich, wohin gehe ich?“ interessiert unter dem Aspekt, ob sich in der Auseinandersetzung mit einer fremden Kultur an der persönlichen Beantwortung dieser Fragen etwas ändert. Insofern Identität als sozial konstituiert und vermittelt betrachtet wird, muss bei der Annäherung an den Forschungsgegenstand nach dem spezifischen Erleben von sozialen Situationen gefragt werden.

Die Virulenz der Identitätsfragen soll bezogen auf unterschiedliche Phasen im Zyklus der Auslandsunternehmung, eruiert werden, also die Auslandszeit selbst, und die Rückkehr. Der Fragenteil nach Bewusstwerdung und Relevanz der kulturellen Identität (1) bezieht sich auf die Erfahrungen im Gastland, Themen der Erfahrungsintegration und Identitätstransformationen (2) tendenziell eher auf die Reintegrationsphase.

Aus dem Fokus „Reintegration“ ergibt sich folgender Vorteil: In der Auseinandersetzung mit der Fremdkultur wird kulturelle Identität spürbar, aber erst im Kontrast mit der Heimatkultur erfährt das Individuum eigene Veränderungen, wenn sie als „Verschiebungen des eigenen Wert-und Bezugssystems“ bewusst werden. Insofern wird es erst durch den hier gewählten Bezugspunkt möglich, bewusste Veränderung zu thematisieren. Fragen nach der Identitätsrelevanz während der Reintegrationsphase können sich z.B. auf Kontinuitätserleben beziehen. Wie wird Kontinuität in der Biographie hergestellt? – Diese Frage ist besonders spannend unter der Voraussetzung einer Identitätstransformation.

Auf Konzepte wie Wertorientierungen, Handlungsstandards sowie Bindungen an Heimat und wichtige Personen, die mit der kulturellen Identität in Verbindung stehen, soll bei der Betrachtung der subjektiven Sicht ein besonderes Augenmerk gerichtet werden. So ist bei der Frage nach einem Wandel des kulturellen Selbstverständnisses typischerweise eine Werteveränderung zu erwarten.

Da soziale Regeln kontextspezifisch sind, erfordert ein Leben in einer fremden Kultur demnach die Auseinandersetzung mit den eigenen und fremden Handlungsstandards.

Fragen nach Entfremdungserfahrungen in der Heimat können mit einer Selbstverortung zusammenhängen, denkbare Objektbeziehungen zu Landschaft, Sprache, Kultur, Menschen, oder Gegenständen können zur Sprache kommen. In Bezug auf Personenbeziehungen werden Fragen nach Veränderungen bzgl. Kontakt und persönlicher Bedeutsamkeit, Aufnahme von neuen und Loslösung von alten Beziehungen, Motive und Entscheidungsfindung vor der Ausreise, Verhältnis von Wahlbindungen und Herkunftsbindungen betrachtet. Der Grund für die Erwähnung von Motivationen und Entscheidungsfindung ist ein mögliches Zusammenspiel mit Wahl-und Herkunftsbeziehungen, dessen Einfluss auf den Lebensentwurf, i.S. einer Horizonterweiterung und/oder Zukunftsverunsicherung somit untersuchbar wird.

Das Ziel der Diplomarbeit ist die Anfertigung einer Theorieskizze, in welcher die genannten Konzepte miteinander verknüpft und in Beziehung zueinander gesetzt werden. Dabei sollen inhaltliche und formale Aspekte von Identität untersucht werden. Im Laufe des Forschungsprozesses verschob sich der Fokus von einer formaltheoretischen Betrachtung von Identität zu einer genaueren Analyse von Affirmations-vs. Transformationsprozessen im Umgang mit und als Antwort auf kulturelle Differenz.

Arbeit zitieren:
Schröder, Sonja Januar 2005: Identität und kulturelle Differenz, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Identität, Auslandsaufenthalt, Reintegration, Grounded Theory, Kulturschock

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