Identifikationsmanagement von Fußballfans
Ausländische Spieler in der Fußball-Bundesliga und ihre Akzeptanz
- Art: Dissertation / Doktorarbeit
- Autor: Volker Schütz
- Abgabedatum: März 2006
- Umfang: 207 Seiten
- Dateigröße: 896,1 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Deutsche Sporthochschule Köln Deutschland
- Bibliografie: ca. 103
- ISBN (eBook): 978-3-8366-0355-3
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8366-0355-3 P - ISBN (CD) :978-3-8366-0355-3 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Schütz, Volker März 2006: Identifikationsmanagement von Fußballfans, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Sport, Fußball, Europäischer Gerichtshof, Bosman-Urteil, Europäische Union
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Dissertation / Doktorarbeit von Volker Schütz
Einleitung:
Am 15. Dezember 1995 fällte der Europäische Gerichtshof in Luxemburg ein Urteil in einer Sache, die unter normalen Umständen kein großes Aufsehen erregt: Ein belgischer Arbeitnehmer verklagte seinen Arbeitgeber, da dieser es ihm seiner Ansicht nach entgegen der Vorschriften des Vertrages über die Europäische Union unmöglich machte, innerhalb der EU von seinem Recht auf Freizügigkeit Gebrauch zu machen und einen Arbeitsplatz in Frankreich anzunehmen. Dass dieser Fall dennoch Berühmtheit erlangte, lag am Beruf des Klägers sowie der Funktion des Beklagten. Jean-Marc Bosman war Fußballprofi in Diensten des belgischen Erstligisten Racing Club de Liège (RCL). Das Urteil hat in der Folge die Organisation des professionell beriebenen Sports in Europa grundlegend verändert, da fortan Transfersummen nach Ablauf eines Vertrages und Klauseln, die die Anzahl ausländischer Spieler begrenzen, nichtig waren.
Ein Urteil von der Tragweite der Rechtsache Bosman löst kontroverse Diskussionen über mögliche Konsequenzen aus. Im erwähnten Fall wurden bereits vor der Urteilsfindung Szenarien durchgespielt, wie die Organisation des Sports, insbesondere des Fußballs, in Zukunft aussehen werde. Auffallend ist dabei, dass vor allem von Seiten der Sportfachverbände, aber auch von vielen nationalen Politikern, das Urteil meist negativ bewertet wurde. Für das Bundesinstitut für Sportwissenschaften erstellte Wuttke (1996) im Jahr nach dem Urteil eine Sammlung an Presseberichten, die die Reaktionen auf den Richterspruch skizzieren. So sprach beispielsweise der Staatsrechtler R. Scholz, der im Auftrag des Deutschen Fußballbundes (DFB) ein Rechtsgutachten bezüglich des Bosman-Urteils erstellt hatte vom „Ausverkauf des Fußballsports.“ Er bewertete das Bosman-Urteil als Verstoß gegen das Europäische Gemeinschaftsrecht, da es dem in der EU angewandten Subsidiaritätsprinzip, nach dem möglichst viele Sachverhalte auf unteren (=nationalen) Ebenen geregelt werden sollen, widerspreche. Wie der ehemalige Präsident des Bundesligisten Borussia Dortmund, G. Niebaum, ging Scholz davon aus, dass man Fußballprofis keinen Arbeitnehmerstatus zubilligen könne, da deren Gehaltsgefüge den Schutz durch das Arbeitnehmerrecht nicht rechtfertige.
Der Europäische Gerichtshof (EuGH) kam in diesem Punkt zu einer anderen Auffassung. Scholz forderte darüber hinaus, nötigenfalls den EU-Vertrag dahingehend zu verändern, dem professionell betriebenen Sport eine Sonderrolle zuzubilligen. In diesem Punkt scheint er aber dem Sport eine zu große Bedeutung zuzusprechen, denn warum sollte der Sport als einziger Bereich des Wirtschaftslebens eine Ausnahme sein? An dieser Stelle ist der Einwand von Abgeordneten des EP gerechtfertigt, beim EU-Vertrag handele es sich nicht um „irgendeinen Wisch“, den man bei Bedarf revidieren könne, sondern er stelle eine Art Grundgesetz für Europa dar. G. Eilers, Justitiar des DFB, ging soweit, seine eigene Berufsgruppe zu schelten: „Die Juristen finden immer mehr einen Weg in den Sport und hauen alles um.“ Als grundsätzlich sportwidrig bezeichneten der damalige DFB-Präsident E. Braun und der Liga-Direktor W. Straub das Luxemburger Urteil. Der Generalsekretär der UEFA, G. Aigner, prophezeite, der Fußball werde sein Flair verlieren und der damalige Berliner Sportsenator J. Kiemann machte das Urteil für die wachsende Europa-Verdrossenheit der Bürger verantwortlich.
Detaillierte Kritik galt sowohl der Abschaffung der Ausländerklauseln als auch dem Wegfall der Ablösesummen. Letzteres erregte die Gemüter, weil vielen Vereinen der Ruin prophezeit wurde, wenn diese Einnahmequelle in der Folge nicht mehr existiere. Der damalige Ligaausschussvorsitzende und Präsident des VfB Stuttgart, G. Mayer-Vorfelder, bezeichnete kurz nach Bekantwerden des Urteils dessen Folgen als eine Katastrophe, weil viele Vereine zum Konkursrichter müssten, da sie die Spieler nicht mehr als Aktiva in ihren Bilanzen aufführen dürften. Ähnlich verteidigte E. Braun das abzuschaffende Transfersystem, da es sich von der untersten Liga bis in die Spitze hinauf bewährt habe. UEFA-Präsident L. Johansson ging noch weiter. Er prophezeite einen Tag nach der Urteilsverkündung, dass dieses Urteil Chaos schaffen werde. Es sei eine Attacke auf den Fußball, denn es vernichte ein System, dass jahrelang gut war. Neben den bereits zitierten Verbandsfunktionären war es u.a. der Spielerberater W. Farian, der der Bundesliga nach dem Urteil den Tod voraussagte.
Der Fußball gehe kaputt, behauptete er und verteidigte das bisherige System, da es doch geklappt habe und die Bundesliga boomte. Seine Behauptung jedoch, dass alle Beteiligten zufrieden waren, traf zumindest auf J. M. Bosman nicht zu. An der teilweise martialischen Wortwahl kann man ablesen, mit welch großer Emotionalität die Diskussion geführt wurde. Dass der ehemalige französische Staatspräsident Charles de Gaulle das System in Frankreich bereits in den Sechzigerjahren abschaffte, weil er der Ansicht war, dass französische Spieler keine Sklaven seien, sei dabei schon deshalb nur am Rande erwähnt, weil der Vergleich von Fußballprofis mit Sklaven nicht zulässig ist. Dass aber ein Großteil der Spieler in Bosman einen Vorreiter sahen und somit das alte Transfersystem nicht alle Beteiligten zufrieden stellte, wird dadurch deutlich, dass der belgische Fußballprofi nur in der Lage war, seinen Jahre dauernden Prozess zu führen, weil er von der europäischen Spielergewerkschaft Fifpro finanziell unterstützt wurde.
Ähnlich emotional fiel auch die Kritik am zweiten Punkt des Urteils, dem Wegfall der Ausländerklauseln, aus. Nach Meinung von Verbandsfunktionären handele es sich beim Fußballsport um eine nationale Angelegenheit. Mit einer zu großen Zahl an ausländischen Spielern in den europäischen Klubmannschaften würde mit dem nationalen Charakter den Fans ein wichtiger identifikationsstiftender Faktor verloren gehen. Neben weniger ernst zu nehmenden Kommentaren wie vom ehemaligen Bundestrainer Berti Vogts, wonach Mannschaften verstärkt Ausländer einsetzen, weil sich Majovic offenbar besser anhöre als Mayer, argumentierte beispielsweise die UEFA in der Verhandlung vor dem EuGH, dass im Europacup die Klubmannschaften repräsentative Vertreter ihres Landes seien und es so nicht möglich sei, die Ausländerklausel fallen zu lassen. Ebenso verstand es die UEFA als ihre Aufgabe, die nationalen Fußballtraditionen ihrer Mitgliedsverbände zu verteidigen. Ähnlicher Ansicht war E. Braun, wonach jede Meisterschaft ihren nationalen Charakter brauche, der seiner Meinung nach offenbar nur durch die Anzahl der spielenden einheimischen Fußballer zu gewährleisten ist. W. Niersbach, damaliger Pressesprecher des DFB, behauptete, dass es nicht im Sinne des Fußballs sein könne, wenn beispielsweise der VfB Stuttgart mit 11 Ausländern antrete.
Aber nicht nur von Seiten der Verbandsfunktionäre wurde Kritik am Wegfall der Ausländerklausel laut, sondern auch in Pressekommentaren waren ähnliche Befürchtungen zu lesen. Die Kölnische Rundschau fragte beispielsweise in einer Bestandsaufnahme ein Jahr nach dem Bosman-Urteil, dass die Frage offen bleibe, ob sich die Zuschauer auf Dauer mit weitgehend von Ausländern gebildeten Mannschaften identifizieren. Die gleiche Zeitung empfand es ein Jahr zuvor noch als „Horrorszenario,“ wenn der deutsche Meister künftig in der Champions-League mit zwei Italienern, drei Briten, zwei Griechen, zwei Franzosen, einem Kosovo-Albaner und einem Deutschen spiele. Auch der Kölner Express nannte es ein Horrorszenario, wenn demnächst ein Deutscher Meister ohne einen einzigen deutschen Spieler spiele.
Das oben angeführte Gutachten von R. Scholz fand auch in Bezug auf das Verbot von Ausländerklauseln keine akzeptable Lösung für den Profifußball. Sport sei demnach ein Bereich der nationalen Identifikation. Das Urteil vermittle aber den Eindruck, dass der EuGH im Bereich des Profisports keine nationale Regelung mehr haben will. Auch für Scholz scheint die Vorstellung von Mannschaften, die mit einer relativ großen Zahl an ausländischen Spielern besetzt sind nicht akzeptabel. Er merkte dazu an: „Wenn man es auf die Spitze treibt, kann sich der AC Mailand in der Fußball-Bundesliga anmelden und um die deutsche Meisterschaft spielen“.
Neben ablehnenden Haltungen waren aber auch positive Äußerungen zu vernehmen. So sah der damalige Präsident des Bundesligisten MSV Duisburg, W. Fischdick, den Wegfall der Ausländerklauseln grundsätzlich als positiv. Mit ihm haben sich die meisten Clubpräsidenten und -manager schnell mit den neuen Regelungen arrangiert. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Wagner, hielt die neugewonnene Freizügigkeit für ein verbrieftes Menschenrecht. R. Rauball, Rechtsanwalt und Präsident von Borussia Dortmund, war der Ansicht, wenn ein Verein mit neun Ausländern auflaufe, dann seien es diejenigen Spieler, die die Fans sehen wollen, da ansonsten Vereinsführung und Trainer etwas falsch gemacht hätten. Er schätzte die Toleranz des Publikums hoch ein. Einige ausländische Spieler würden sogar bis zur Heldenverehrung geachtet. Wenn sich jemand mit einem Verein identifiziere, dann sei es gleich, welcher Nationalität dieser Spieler ist.
An den oben beschriebenen Bewertungen des Bosman-Urteils bezüglich seiner Wirkungen durch den Wegfall der Sperrklauseln für ausländische Spieler wird deutlich, dass die Argumentation immer wieder auf den Begriff der Identifikation hinaus läuft. Der angebliche Identitätsverlust der Fans ist eines der zentralen Argumente der Bosman-Gegner. Während die Spieler und ihre Vereine das Identifikationsobjekt darstellen, sind diejenigen, die den Fußball begleiten, betrachten und konsumieren das Subjekt der Identifikation, also die Zuschauer und Fans, die jedes Wochenende ins Stadion gehen oder die Spiele in den Medien verfolgen.
Betrachtet man die oben angeführten Reaktionen sowie die Berichterstattung in der Presse in den Jahren nach dem Bosman-Urteil, so fällt eines deutlich auf. Während die Kritik am Verbot der Transferregelungen immer wieder mit Tatsachen und Zahlen versucht wird zu belegen, werden im Falle der Ausländerklauseln lediglich Behauptungen aufgestellt, die bislang noch nicht bewiesen bzw. widerlegt wurden. Es wird offensichtlich vorausgesetzt, dass die Behauptung stimme, eine hohe Zahl an ausländischen Spieler beeinträchtige die Identifikation der Fans. Ein anderer Grund könnte sein, dass die hohen Zuschauerzahlen sowie die guten Einschaltquoten bezüglich der Fernsehberichterstattung bislang noch keinen Anlass gaben, die Identifikation der Fans zu untersuchen, da sie zumindest wirtschaftlich keine negativen Spuren hinterlassen hat. Die Untersuchung der vorliegenden Arbeit zielt daher darauf ab, diese Lücke zu schließen.
Gang der Untersuchung:
Die Arbeit ist in drei Teile unterteilt. Im ersten Teil werden nach einer detaillierten Beschreibung des Falles, der zum Bosman-Urteil führte, die Gründe erläutert, wie der Sport Gegenstand der europäischen Rechtsprechung werden konnte. Es ist als Teil einer Entwicklung zu verstehen, die der Sport in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat. Durch zunehmende Professionalisierung und Kommerzialisierung hat der Sport Eingang in klassische juristische Tätigkeitsfelder wie Arbeits- und Wirtschaftsrecht gefunden und somit befassen sich die Gerichte in ebenso zunehmendem Maße mit ihm. Hier wird auch die Frage beantwortet, inwiefern Sportler vor dem nationalen und europäischen Recht als Arbeitnehmer gelten, da dies für das Verständnis des Bosman-Urteils von Bedeutung ist.
Das letzte Kapitel des ersten Teils der Arbeit befasst sich mit den Konsequenzen des Bosman-Urteils für den Sport in Europa. Hier wird deutlich, dass es sich um ein mehrdimensionales Problem handelt, da die Auswirkungen verschiedene Bereiche betreffen. Zum einen hat das Urteil juristische Konsequenzen, da die Organisation des Profifußballs, aber auch des gesamten professionellen Sports in Europa verändert werden musste. Das gilt sowohl für nationale als auch für pan-europäische Verbandsstatuten und –satzungen. Die Konsequenzen sind ebenso ökonomischer Natur, da Transfersummen nach Ablauf eines Spielervertrages fortan wegfallen und den Vereinen nicht mehr zur Verfügung stehen.
Zudem können die Spieler nun mit dem Druckmittel des ablösefreien Wechsels höhere Verträge aushandeln, was zu höheren Personalkosten führt. Auf der anderen Seite stiegen die Ablösesummen bei einem Wechsel aus einem laufenden Vertrag immens, was auch nicht ohne wirtschaftliche Folgen geblieben ist. Nicht zuletzt aber hat das Urteil Auswirkungen auf den Sport direkt, da die Anzahl ausländischer Spieler in der Folge stark anstieg und bis heute auf hohem Niveau in fast allen europäischen Ligen ist. Die Konkurrenzsituation ist somit größer geworden.
Der zweite Teil der Arbeit befasst sich mit der theoretischen Grundlage der sich anschließenden Untersuchung. Hier wird neben der Definition des Begriffes Identifikation die Frage beantwortet, was die soziale Identität des Menschen beinhaltet und in welchem Zusammenhang sie mit der Unterstützung eines Fußballvereins durch Fans steht. Grundlage der theoretischen Überlegungen ist die Theorie der sozialen Identität des englischen Psychologen H. Tajfel. Sie legt dar, dass der Mensch seine soziale Identität durch die Mitgliedschaft in sozialen Gruppen festlegt. Entscheidend für das Zugehörigkeitsgefühl in einer sozialen Gruppe ist deren Erfolg im so genannten Intergruppenvergleich oder anders formuliert deren Beitrag zu einem positiven Selbstkonzept des Individuums.
Die Theorie der sozialen Identität wird im Hinblick auf das Thema der Arbeit durch die Theorie der Organisations-Identifikation der amerikanischen Psychologinnen J. Dutton, J. Dukerich und C. Harquail ergänzt; denn erst so kann die Frage beantwortet werden, was Fußballvereine zu einer für die soziale Identität des Individuums relevanten sozialen Gruppe macht. Der Theorie der Organisations-Identifikation folgend, wird die Identifikation mit einer Organisation durch zwei individuelle Images bestimmt, die der Fan von seinem Verein hat. Dabei geht es vor allem darum, was die Person an dem betreffenden Verein als zentral, überdauernd und einzigartig empfindet und wie der Verein das Image der Person bei Außenstehenden beeinflusst. Als Ergebnis werden Motive von Fußballfans für den Stadionbesuch antizipiert und die Frage beantwortet, was einen Fußballverein für Fans attraktiv macht.
In diesem Kapitel wird zudem die für die Untersuchung wichtige Orientierungshypothese aufgestellt, die im Kern mit den Behauptungen der Kritiker des Bosman-Urteils übereinstimmt (siehe oben). Sie geht davon aus, dass das Luxemburger Urteil negative Auswirkungen auf die Identifikation von Fußballfans mit ihren Vereinen hatte. Damit soll keine Richtung vorgegeben werden, sondern es geht um die Verifizierung oder Falsifizierung dieser Hypothese. Davon ausgehend werden im Folgenden gemäß der theoretischen Überlegungen Hypothesen aufgestellt, die die Grundlage für den zur Anwendung kommenden Fragebogen bilden.
Auf der Grundlage der theoretischen Überlegungen wird im dritten Teil der Fragebogen entwickelt, der in der Untersuchung zur Anwendung kam. Dieser wurde von insgesamt 609 Fans der Vereine Borussia Dortmund (Deutscher Meister 2002), FC Schalke 04 (5. Platz), 1. FC Köln und SC Freiburg (beide Vereine stiegen aus der Bundesliga ab) per Internet gegen Ende der Saison 2001/2002 beantwortet. Die Vereine wurden nach verschiedenen Kriterien ausgesucht, die im entsprechenden Kapitel näher beschrieben werden.
Inhaltsverzeichnis:
| Inhalt | 2 | |
| Verzeichnis der Tabellen | 5 | |
| Verzeichnis der Abbildungen | 9 | |
| Verzeichnis der Abkürzungen | 11 | |
| Teil I | ||
| 1. | Einleitung | 12 |
| 2. | Der Fall Bosman: Voraussetzungen und Folgen eines Urteils | 18 |
| 3. | Das Bosman-Urteil als Folge der Verrechtlichung des Sports | 22 |
| 3.1 | Kommerzialisierung als Ursache für den wachsenden Einfluss der Rechtsprechung auf den Sport | 27 |
| 3.2 | Sportler als Arbeitnehmer | 30 |
| 4. | Konsequenzen des Bosman-Urteils für den Sport in Europa | 34 |
| 4.1 | Konsequenzen des Bosman-Urteils aus juristischer Sicht | 34 |
| 4.2 | Konsequenzen des Bosman-Urteils aus sportlicher Sicht | 38 |
| 4.3 | Konsequenzen des Bosman-Urteils aus ökonomischer Sicht | 41 |
| Teil II | ||
| 5. | Das Phänomen der Identifikation von Fans mit einem Verein | 45 |
| 6. | Die Theorie der sozialen Identität des Menschen | 50 |
| 6.1 | Interpersonales Verhalten vs. Intergruppenverhalten | 51 |
| 6.2 | Das Phänomen der Intergruppendiskriminierung | 52 |
| 6.3 | Der Zusammenhang zwischen Intergruppendiskriminierung und sozialer Identität | 54 |
| 7. | Die Entwicklung sozialer Identität durch die Identifikation mit einer Organisation: Vereine als soziale Gruppen | 58 |
| 7.1 | Das Modell der Organisationsidentifikation | 59 |
| 7.2 | Spezifische Verhaltensweisen als Konsequenz der Identifikation mit einem Verein | 61 |
| 7.3 | Die Funktion des intrinsischen Images eines Vereins beim Aufbau von Fan-Identifikation | 64 |
| 7.3.1 | Die Rolle des Selbstkonzepts für ein attraktives intrinsisches Image des Vereins | 66 |
| 7.3.2 | Antizipation der Motivstruktur eines Fußballfans | 69 |
| 7.3.3 | Der Zusammenhang zwischen Selbstkonzept und Attraktivität eines Vereins | 78 |
| 7.4 | Das Motiv Erfolg | 80 |
| 7.5 | Das Motiv Regionale Herkunft | 82 |
| 7.6 | Das Motiv Soziale Herkunft und Entfremdung | 83 |
| 7.7 | Die Funktion des extrinsischen Images eines Vereins beim Aufbau von Fan-Identifikation | 85 |
| Teil III: | ||
| 8. | Die empirische Untersuchung | 94 |
| 8.1 | Methodik der Untersuchung | 94 |
| 8.2 | Die Entwicklung des Fragebogens | 96 |
| 8.2.1 | Die Team-Identification-Scale und deren deutsche Adaption | 96 |
| 8.2.2 | Die untersuchungsspezifische Erweiterung des Fragebogens | 98 |
| 9. | Darstellung und Interpretation der Ergebnisse | 108 |
| 9.1 | Die Untersuchungsgruppe | 108 |
| 9.2. | Motivstruktur der Probanden: Untersuchungsgegenstand Intrinsisches Image | 110 |
| 9.2.1 | Motiv Erfolg | 111 |
| 9.2.2 | Motiv Regionale Identifikation | 126 |
| 9.2.3 | Motiv Soziale Identifikation und Entfremdung durch die Spieler | 143 |
| 9.2.3.1 | Identifikationspotenzial und Vorbildcharakter der Spieler | 143 |
| 9.2.3.2 | Vereinstreue der Spieler | 152 |
| 9.2.4 | Motiv Soziale Identifikation und Entfremdung durch den Verein | 161 |
| 9.2.4.1 | Die Höhe der Spielergehälter | 161 |
| 9.2.4.2 | Die Höhe der Ablösesummen | 167 |
| 9.3 | Untersuchungsgegenstand Extrinsisches Image | 170 |
| 9.3.1 | Die Auswirkungen des ablösefreien Wechsels auf das extrinsische Image der Fans | 177 |
| 9.3.2 | Die Auswirkungen der Nationalität der Spieler auf das extrinsische Image der Fans | 183 |
| 10. | Fazit und Ausblick | 186 |
| 11. | Epilog – Im Jahr 10 nach Bosman | 189 |
| Anhang | 192 | |
| Der Fragebogen | 192 | |
| Literatur | 200 |
Inhaltsverzeichnis:
| Inhalt | 2 | |
| Verzeichnis der Tabellen | 5 | |
| Verzeichnis der Abbildungen | 9 | |
| Verzeichnis der Abkürzungen | 11 | |
| Teil I | ||
| 1. | Einleitung | 12 |
| 2. | Der Fall Bosman: Voraussetzungen und Folgen eines Urteils | 18 |
| 3. | Das Bosman-Urteil als Folge der Verrechtlichung des Sports | 22 |
| 3.1 | Kommerzialisierung als Ursache für den wachsenden Einfluss der Rechtsprechung auf den Sport | 27 |
| 3.2 | Sportler als Arbeitnehmer | 30 |
| 4. | Konsequenzen des Bosman-Urteils für den Sport in Europa | 34 |
| 4.1 | Konsequenzen des Bosman-Urteils aus juristischer Sicht | 34 |
| 4.2 | Konsequenzen des Bosman-Urteils aus sportlicher Sicht | 38 |
| 4.3 | Konsequenzen des Bosman-Urteils aus ökonomischer Sicht | 41 |
| Teil II | ||
| 5. | Das Phänomen der Identifikation von Fans mit einem Verein | 45 |
| 6. | Die Theorie der sozialen Identität des Menschen | 50 |
| 6.1 | Interpersonales Verhalten vs. Intergruppenverhalten | 51 |
| 6.2 | Das Phänomen der Intergruppendiskriminierung | 52 |
| 6.3 | Der Zusammenhang zwischen Intergruppendiskriminierung und sozialer Identität | 54 |
| 7. | Die Entwicklung sozialer Identität durch die Identifikation mit einer Organisation: Vereine als soziale Gruppen | 58 |
| 7.1 | Das Modell der Organisationsidentifikation | 59 |
| 7.2 | Spezifische Verhaltensweisen als Konsequenz der Identifikation mit einem Verein | 61 |
| 7.3 | Die Funktion des intrinsischen Images eines Vereins beim Aufbau von Fan-Identifikation | 64 |
| 7.3.1 | Die Rolle des Selbstkonzepts für ein attraktives intrinsisches Image des Vereins | 66 |
| 7.3.2 | Antizipation der Motivstruktur eines Fußballfans | 69 |
| 7.3.3 | Der Zusammenhang zwischen Selbstkonzept und Attraktivität eines Vereins | 78 |
| 7.4 | Das Motiv Erfolg | 80 |
| 7.5 | Das Motiv Regionale Herkunft | 82 |
| 7.6 | Das Motiv Soziale Herkunft und Entfremdung | 83 |
| 7.7 | Die Funktion des extrinsischen Images eines Vereins beim Aufbau von Fan-Identifikation | 85 |
| Teil III: | ||
| 8. | Die empirische Untersuchung | 94 |
| 8.1 | Methodik der Untersuchung | 94 |
| 8.2 | Die Entwicklung des Fragebogens | 96 |
| 8.2.1 | Die Team-Identification-Scale und deren deutsche Adaption | 96 |
| 8.2.2 | Die untersuchungsspezifische Erweiterung des Fragebogens | 98 |
| 9. | Darstellung und Interpretation der Ergebnisse | 108 |
| 9.1 | Die Untersuchungsgruppe | 108 |
| 9.2. | Motivstruktur der Probanden: Untersuchungsgegenstand Intrinsisches Image | 110 |
| 9.2.1 | Motiv Erfolg | 111 |
| 9.2.2 | Motiv Regionale Identifikation | 126 |
| 9.2.3 | Motiv Soziale Identifikation und Entfremdung durch die Spieler | 143 |
| 9.2.3.1 | Identifikationspotenzial und Vorbildcharakter der Spieler | 143 |
| 9.2.3.2 | Vereinstreue der Spieler | 152 |
| 9.2.4 | Motiv Soziale Identifikation und Entfremdung durch den Verein | 161 |
| 9.2.4.1 | Die Höhe der Spielergehälter | 161 |
| 9.2.4.2 | Die Höhe der Ablösesummen | 167 |
| 9.3 | Untersuchungsgegenstand Extrinsisches Image | 170 |
| 9.3.1 | Die Auswirkungen des ablösefreien Wechsels auf das extrinsische Image der Fans | 177 |
| 9.3.2 | Die Auswirkungen der Nationalität der Spieler auf das extrinsische Image der Fans | 183 |
| 10. | Fazit und Ausblick | 186 |
| 11. | Epilog – Im Jahr 10 nach Bosman | 189 |
| Anhang | 192 | |
| Der Fragebogen | 192 | |
| Literatur | 200 |
Textprobe:
Kapitel 5., Das Phänomen der Identifikation von Fans mit einem Verein:
Der Begriff Identifikation wird im Zusammenhang mit Fußballfans geradezu inflationär gebraucht. Auch die sportwissenschaftliche Forschung hat sich diesem Thema bereits häufig gewidmet. Vor allem im angloamerikanischen Raum existieren viele Untersuchungen zu diesem Thema. Dabei wurde sich der Problematik von unterschiedlichen Feldern der Wissenschaft genähert, sodass die Identifikation von Sportzuschauern mit einem Verein viele Dimensionen hat. Es ist primär ein sportsoziologisches Thema, da es eng mit dem Streben des Menschen nach sozialer Identität einhergeht.
So konnten Smith und Wann die positiven Effekte des Fan-Seins sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft nachweisen, die sich u.a. in geringerer Aggressionsbereitschaft, Fairness und Gemeinschaftsgefühl äußern. Nicht davon zu trennen ist die (sozial-) psychologische Dimension der Identifikation, die Aufschluss darüber gibt, warum Menschen die Nähe zu sozialen Gruppen suchen. Für die Vereine ist es zu einer ökonomischen Fragestellung geworden, weil Identifikation bedeutet, dass Fans bereit sind, viel Zeit und Geld in den Verein zu investieren, sei es durch den Kauf von Eintrittskarten für die Spiele oder Fanartikeln.
Fan eines bestimmten Vereins zu sein, ist ein Thema, das polarisiert. Es bedeute, dass man sich mit Anderen aus dem eigenen sozialen Umfeld auseinandersetzt, ob mit Freunden, Arbeitskollegen oder Familienmitgliedern. Das fällt besonders schwer in Zeiten des Misserfolgs, wenn Spott zu ertragen ist und eine positive Selbstreflexion über den Erfolg der Mannschaft nicht gelingt. Diese kognitive Dissonanz, auf der einen Seite die Verbundenheit zum Verein, auf der anderen Seite die genannten Widersprüche, überwindet jeder Fan unterschiedlich. Die einen besinnen sich bei Erfolglosigkeit auf andere Werte, die der Verein verkörpert, vielleicht sogar auf die Erfolgsbilanz der Vergangenheit. Andere wenden sich vom Verein ab und wollen mit dessen Niederlagen nichts zu tun haben.
Identifikation ist demnach nichts Feststehendes, sondern eher ein labiles Konstrukt, das unter Umständen auch verloren gehen kann. Das Auf und Ab der Leistungen eines Vereins zwingt den Fan also zu einem regelrechten Identifikationsmanagement. Die Ausführungen im Folgenden werden zeigen, dass jeder Fan über Identifikationsstrategien verfügt. Diese erfüllen eine wichtige psychologische Funktion. Das Fan-Sein ist für die betreffenden Individuen eine durchaus ernste Angelegenheit, da die emotionale Verbundenheit zum Verein einen großen Teil im Selbstkonzept der Person einnimmt. Somit hat der Fußball eine weitaus größere Bedeutung, als eine bloße Freizeitaktivität.
Will man nun die Auswirkungen des Bosman-Urteils auf die Identifikation näher untersuchen, müssen die Strategien des Identifikationsmanagements in Betracht gezogen werden. Außerdem muss man Einblick darin gewinnen, was den Verein im Leben eines Fans so wichtig macht; denn auf den ersten Blick ist der Nutzen des Fan-Seins eher nebensächlich. Eine grundsätzliche Klärung soziologischer Begriffe ist dafür nötig. Daran schließt sich eine Beschreibung der Theorie der sozialen Identität nach Tajfel an. Das Kapitel wird zeigen, dass auf der Basis dieser Theorie, das Verhalten von Fußballfans nachvollzogen werden kann. Vereine und Fanclubs können nämlich als soziale Gruppen angesehen werden, über die das Individuum seine soziale Identität definiert.
Das Kapitel geht im Anschluss daran der Frage nach, was die Verbundenheit zu einem Verein ausmacht. Das geschieht anhand des Modells der Organisationsidentifikation. Dieser Teil der Arbeit ist im Sinne des Themas im Lichte des Bosman-Urteils verfasst. Das bedeutet, dass die den „Mechanismus“ der Identifikation erklärenden Faktoren auf die formulierte Orientierungshypothese hin untersucht werden. Sie geht davon aus, dass das Urteil negative Auswirkungen auf die Identifikation von Fans hat. Dieses Kapitel klärt also, ob der Bereich der Identifikation überhaupt von ihm berührt wird. Das Ergebnis dieser Vorgehensweise sind Hypothesen, welche die Basis für die Erstellung der Items für den Fragebogen sind, der im praktischen Teil der Arbeit zur Anwendung kommt.
Es gilt aus soziologischer Sicht als gesichert, dass nahezu alle menschlichen Verhaltensweisen das Ergebnis von Erfahrungen und Lernprozessen sind, die der Mensch in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt im Laufe seines Lebens erwirbt. Der Mensch wird demnach nicht als Mensch geboren, sondern er entwickelt sich erst nach seiner Geburt dazu. Die Persönlichkeit des Menschen wird erst durch die Übernahme von Normen und Werten der Gesellschaft, in der er lebt, entwickelt. König spricht von einer „zweiten sozial-kulturellen Geburt“.
Der Prozess der Vermittlung sozialer Normen und Werte wird in der Soziologie die Sozialisation des Menschen genannt. Vom Begriff der Erziehung unterscheidet sie sich insofern, als dass mit Sozialisation auch die ungeplanten, unbewussten Lernvorgänge gemeint sind, welche die Persönlichkeit des Menschen prägen. Die Sozialisation beschränkt sich auch nicht nur auf die Kindheit, sondern durchzieht das ganze Leben, da der Mensch mit immer neuen sozialen Situationen konfrontiert wird. Prägende Wirkung können u.a. die Gruppe der Gleichaltrigen, Vereine (auch Fanclubs), politische Parteien, Massenmedien etc. haben. Die Sozialisation ist aus so vielen einzelnen Ereignissen zusammengesetzt, dass es unmöglich ist, sie einem einzigen Handlungsfeld zuzuordnen. Die Tatsache, dass der Mensch von Geburt an nur rudimentär mit Verhaltensweisen ausgestattet ist, macht zwar auf der einen Seite eine intensive Zuwendung der ihn umgebenden Gesellschaft notwendig; auf der anderen Seite ermöglicht sie ihm, unterstützt durch seine große Lernfähigkeit, eine „sozial-kulturelle Variabilität“ (ebd.), die ihm gegenüber anderen Lebewesen einen enormen Vorteil und Status einbringt.
Eng mit dem Begriff der Sozialisation geht der der sozialen Rolle einher. Durch das Konzept der sozialen Rolle gelingt es, die jeweiligen Verhaltensweisen der sozialen Situation angepasst in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Der Mensch spielt je nach sozialer Situation unterschiedliche Rollen. Sie sind ein dynamischer Prozess, mit dem er in soziale Interaktion tritt. Soziale Rollen sind von dem betreffenden Individuum unabhängig, das heißt die rollenüblichen Verhaltensweisen werden von der Gruppe stets erwartet, ganz gleich, wer sie einnimmt.
Im Gegensatz dazu ist die soziale Position des Menschen statisch. Sie weist dem Menschen durch bestimmte Signale die jeweilige Rolle zu. Mit einer sozialen Position sind auch unterschiedliche Erwartungen verbunden. So nimmt eine Person in der Gesellschaft mehrere Rollen ein. Auf diese Weise werden verschiedene Erwartungen an sie herangetragen, die nicht immer miteinander kompatibel sind. Nimmt man das Beispiel eines Fußballfans, so wird schnell deutlich, dass die betreffende Person in seinem Leben nicht nur die Rolle des Fußballfans bekleidet. Weitere hat er in seinem Beruf, seiner Familie, in Vereinen etc. inne. Die Rollenvorstellungen innerhalb der Sozialisationsinstanzen können sich dabei widersprechen. Gleichgesinnte aus dem Fanclub haben andere Erwartungen an ihn als seine Familie. Er sieht sich daher in der Situation, in jedem Fall, egal wie er sich verhält, bestimmten Erwartungen zu widersprechen. Man spricht hier von einem Rollenkonflikt. Je mehr soziale Rollen eine Person bekleidet, desto größer ist zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit von Rollenkonflikten.
Neben den Rollenerwartungen entwickeln soziale Gruppen zudem interne Erwartungen bezüglich der Verhaltensweisen ihrer Mitglieder. Dieser als Gruppennormen bezeichnete Verhaltenskodex ist nicht explizit festgeschrieben, sondern funktioniert eher latent. Die Gruppenmitglieder erfahren die regulative Wirkung über zwei zu beobachtende Phänomene: durch die Verhaltenskonformität der übrigen Gruppenmitglieder und durch die Sanktionierung nicht normgerechten Verhaltens. Die Konformität im Verhalten bei Fußballfans kann man z.B. an der subtil herrschenden Kleiderordnung erkennen. Fans, die sich stark mit ihrem Verein identifizieren, tragen oft dessen Farben und sind zudem bereit, jede Saison das aktuelle Trikot der Mannschaft zu kaufen. Sanktionierungen laufen in der Regel durch Spott, Unterdrückung und Ablehnung ab. Gruppennormen sind für einen dynamischen Gruppenprozess unentbehrlich. Sie helfen den Mitgliedern bei der Orientierung in bestimmten Situationen und bei der Regulierung der sozialen Interaktion. Das verbindliche Akzeptieren der Gruppennormen ist darüber hinaus der erste entscheidende Schritt zum Aufbau einer Identifikation mit der Gruppe.
Der im Vorangegangenen beschriebene Sozialisationsprozess ist nicht die einzige Instanz bei der Formation menschlicher Verhaltensweisen. Individuierende Aspekte der Sozialisation werden von der Theorie des Symbolischen Interaktionismus in den Vordergrund gestellt. Demnach entsteht menschliches Verhalten nicht allein durch die bloße Teilnahme an sozialen Prozessen, sondern erfordert soziale Interaktion und Kommunikation, vor allem durch symbolische Zeichen wie der Sprache. Der Begründer des Symbolischen Interaktionismus, G. H. Mead, verdeutlicht diesen Zusammenhang durch die Begriffe I und Me. Genau wie im grammatikalischen Sinn repräsentiert das I den subjektiven Aspekt der Persönlichkeit. Es bezeichnet das Individuelle der Person, also das, was ihn von allen anderen Menschen unterscheidet. Das I drängt nach der Verwirklichung der individuellen Bedürfnisse, Vorstellungen und Interpretationen seiner Rolle. Es stellt die so genannte personale Identität dar.
Demgegenüber steht das Me, der Objektfall. Hierunter versteht man jene im Vorangegangenen beschriebenen normierten Rollen, die von der Gesellschaft vorgeschrieben sind. Es bildet die soziale Identität der Persönlichkeit. Soziale und personale Identität bilden zusammen die Ich-Identität des Menschen. Es liegt auf der Hand, dass das I und das Me einer Person nicht vollständig miteinander kompatibel sind. Sie bilden vielmehr ein labiles Konstrukt. Je größer der gesellschaftliche Druck in eine bestimmte Richtung ist, desto mehr muss der Mensch seine eigenen Bedürfnisse zurückstellen. Eine völlige Ignorierung sozialer Normen und Werte führt dagegen zu Konflikten mit der Gesellschaft. Die Ich-Identität versucht daher im Normalfall eine Balance aufzubauen. Krappmann formuliert Fähigkeiten, über die ein Individuum verfügen sollte, um diese Balance aufrechtzuerhalten. Dazu gehören Rollendistanz (die Fähigkeit des Menschen sich Normen gegenüber reflektierend zu verhalten), Empathie (die Fähigkeit, sich in andere Personen hineinzuversetzen), Ambiguitätstoleranz (die Fähigkeit, die Verschiedenheit von Interaktionspartnern zu dulden) und Identitätsdarstellung (die Fähigkeit, die eigene Identität in Interaktionen einzubringen).
Beginnt eine Person, sich mit einer Gruppe zu identifizieren, so wird sie ihr Verhalten in Richtung der Gruppennormen verändern. Das geschieht zumeist unbewusst. Der soziale Druck, den ein Individuum auszuhalten bereit ist, steigt dabei in dem Maße, in dem die Aussicht auf soziale Belohnungen, die sich direkt aus der Gruppenmitgliedschaft ergeben, steigt. Für das Thema dieser Arbeit ist die soziale Identität des Menschen von besonderem Interesse, da Fußballfans sich bewusst sozialen Gruppen (Verein, Fanclub) anschließen, die einen großen Teil des Selbstkonzeptes des Fans ausmachen. Somit erklärt sich die Identifikation mit einem Verein aus der sozialen Identität des Individuums, weshalb sich das nächste Kapitel diesem Umstand widmet.
In diesem Zusammenhang gilt es abschließend, die Begriffe Identität und Identifikation voneinander zu unterscheiden. Die Identität, die wie oben beschrieben eine personale und eine soziale Dimension aufweist, ist das Selbstkonzept eines Individuums. In ihr manifestiert sich das Bewusstsein, das ein Mensch von sich selbst hat. Man spricht auch vom Selbstbild oder von der Selbstdefinition. Man kann die Identität als eine Art Bestandsaufnahme der eigenen Person ansehen, durch die die Person ihren Platz in der Gesellschaft definiert. Es handelt sich dabei um einen individuierenden Prozess, der sich durchaus vom tatsächlichen Zustand unterscheiden kann.
Die Identifikation dagegen bedarf eines Identifikationsobjektes. Sie ist einer der Abwehrmechanismen des Ichs, mit denen „Konflikte abgewehrt werden, die im normalen Verlauf des Lebens auftreten“. Durch die Identifikation mit dem Identifikationsobjekt erreicht die Person eine Erhöhung des Selbstwertgefühls. Identifikationsobjekte sind dabei meist Personen oder Institutionen von hohem Rang. Die Identifikation eines Fußballfans bezieht sich sowohl auf den jeweiligen Verein als auch auf die Spieler. Das eröffnet ihm die Möglichkeit, sich im Prestige der Mannschaft zu sonnen und so an Erfolgen teilzuhaben, die ihm ansonsten verschlossen bleiben. Das wiederum hat positive Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl des Fans. Identifikation ist also im Umkehrschluss ein Abwehrmechanismus gegen negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, die durch den nicht vorhandenen Erfolg hervorgerufen würden.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836603553
Arbeit zitieren:
Schütz, Volker März 2006: Identifikationsmanagement von Fußballfans, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Sport, Fußball, Europäischer Gerichtshof, Bosman-Urteil, Europäische Union



