Das Hybride der Slums
Architektur ohne Architekten: Hybride städtebauliche Agglomerate
- Art: Studienarbeit
- Autor: Eike Musall
- Abgabedatum: März 2008
- Umfang: 55 Seiten
- Dateigröße: 14,3 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Bergische Universität Wuppertal Deutschland
- Bibliografie: ca. 40
- ISBN (eBook): 978-3-8366-3140-2
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Musall, Eike März 2008: Das Hybride der Slums, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Dritte Welt, Städtebau, Favela, Ghetto, Stadtentwicklung
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Studienarbeit von Eike Musall
Abstract:
Einem Labyrinth gleich verkörpern Spontansiedlungen und Selbstbauviertel Ordnung und Unordnung, Klarheit und Konfusion, Einheit und Vielfalt, Kunst und Chaos in einem. Der abrupte Wechsel zwischen Alt und Neu, Hoch und Niedrig, Hektik und Ruhe widerspricht allen herkömmlichen Regeln des Städtebaus, ergibt aber eine faszinierende und vielschichtige Lebendigkeit.
Im Bereich städtebaulicher Agglomerate sind die hybriden Zonen, welche ohne das Mitwirken von Planern und Architekten entstehen, eine ganz besondere Spezies. In ihnen steckt ein gewaltiges Laboratorium urbanen Lebens, eine unerschöpfliche Quelle menschlicher Energie und Kreativität.
Im Zuge der fortschreitenden Globalisierung und der regionalen Urbanisierungen erwachsen rund um den Globus wahre Megastädte. Verantwortlich hierfür sind, durch unterschiedlichste Einflüsse getrieben, meist die aus den ruralen Gebieten flüchtenden Bewohner, die nun neuen Wohnraum suchen und ihn auf teil- oder illegalen Bauflächen finden. Durch ihren sozialen Stand sind zudem immer mehr Stadtbewohner, zumeist armer Länder, vom formellen Wohnungsmarkt ausgeschlossen und besiedeln informelle Siedlungen. Häufig sind diese nicht direkt als Slum zu deklarieren, doch entstehen die meisten Selbstbauquartiere aus rudimentärsten Baustoffen und unter schwierigsten Bedingungen. Die Siedlungen spiegeln eine starke Ambivalenz wieder, da sie einerseits als Ventil für den Druck auf den Wohnungsmarkt diesen entspannen und andererseits durch Marginalität und Expansion eine parasitäre Bedrohung, nicht nur für die Grenzen einer Stadt darstellen. Allerdings sind durchaus reizvolle Phänomene mit den so genannten Squatter Settlements verbunden. So wandeln sich diese, durch die sich ständig ändernden Lebens- und Sozialverhältnisse bzw. Konsolidierungen der Viertel getrieben, dauerhaft und immer aufs Neue. Durch ihre massige Zahl und den nicht endenden Drang, ihr Heim zu verbessern und zu verschönern bzw. es anzupassen, verbauen Squatter wohl mehr Backsteine als es die formelle Architektur tut. Sie sind die größten Bauherren der Welt.
Sicherlich sind die informellen Siedler nicht als Begründer städtebaulicher Agglomerate außerhalb architektonischer Planung zu sehen. So haben sich bereits in der Antike ganze Siedlungen an bestehende Strukturen gedockt oder in China viele Bevölkerungsgruppen eigene Ideen von Städtebau entwickelt - z.B. im Erdreich ihrer Lösfelder oder an steilen Berghängen. Allerdings treten diese Strukturen nur regional in kleinen Zahlen auf und weisen die fortdauernden hybriden Züge außerhalb „simpler“ Nutzungsmischung meist nicht auf.
Im Feld der informellen Quartiere bewirken unter anderem die selten klaren Besitzverhältnisse einen hybriden Charakter. Solange nicht seitens der Behörden eine Legalisierung deklariert wird, befinden sich ganze Landstriche im besitzrechtlichen Schwebezustand. Dabei sind die Irrwege und Motivationen nicht weniger undurchschaubar wie die Agglomerationen selbst. Nicht nur wegen der baulichen Wandlungen von einem Tag auf den anderen ergeben sich laufend neue Bilder für das Slum selbst oder deren Umgebung. Auch sich wandelnde Nutzungen und Interpretationen der Räume verschaffen den informellen Quartieren ebenso einen hybriden Eindruck, wie die vielen Widersprüche: Freies Bauen bei ärmsten Bedingungen, strengste Rasterungen bei chaotischsten Verhältnissen oder umgreifende Globalisierung aus den Slums heraus? Schwierig vorstellbar und doch ganz eindeutig… Leider gibt es viel zu viele erschlagende Fakten, welche sich mit dem Thema Slum und informellem Bauen verbinden, die man kaum auslassen und dennoch nicht alle nennen kann. Es soll möglichst objektiv der hybride Charakter der Spontansiedlungen gezeigt werden und zumindest eine Fixierung auf die Armuts- und Elendsverhältnisse ebenso unterdrückt werden, wie die Idealisierung der „freien“ Wohnverhältnisse. Allerdings kann eine Beschreibung dieser unausweichlichen mit dem Spontanbau verbundenen Faktoren nicht ausbleiben, denn streicht man nur das Liebevolle und tatsächlich zu Bewundernde heraus, läuft man Gefahr, dieses Thema nicht vor seinem wahren Hintergrund zu betrachten.
Inhaltsverzeichnis:
| I. | ABSTRACT | 2 |
| II. | INHALTSVERZEICHNIS | 4 |
| III. | ABBILDUNGSVERZEICHNIS | 5 |
| IV. | HINTERGRUND | 7 |
| V. | INFORMELLE EXPANSION | 8 |
| Eigendynamik | 10 | |
| Zukunft?! | 12 | |
| Exkurs: (K)ein Problem der Armen | 14 | |
| VI. | SLUMTUNING | 15 |
| VII. | HYBRIDE INSIDE | 17 |
| Genesis | 17 | |
| Chaos contra plan | 18 | |
| Evolution | 21 | |
| Durchmischt | 26 | |
| Informelle Modelle | 30 | |
| Undurchschaubarkeit | 34 | |
| Vernetzung | 35 | |
| Polarisierung der Megacities | 37 | |
| Hybride Globalisierung | 39 | |
| VIII. | ANTIINFORMELL | 40 |
| Vorbild oder Abbild | 42 | |
| IX. | HYBRIDE COLONIA PERIFERICA, MEXIKO-CITY | 44 |
| Was ist Mexiko-City | 44 | |
| Wandel in Jalalpa | 47 | |
| X. | RESÜMEE | 52 |
| XI. | LITERATURVERZEICHNIS | 54 |
Textprobe:
Kapietel VII, Hybride inside:
Genesis:
Laut verschiedenster Lexikonauszüge könnte informelles Bauen kurz zusammengefasst in etwa so definiert werden: Viel zu viele, kriminelle und kranke Arme, die, weil ohne Einkommen, in minimaler Bausubstanz hausen und diese auf illegal besetzten Flächen errichtet haben.
Dabei ist das längst nicht alles. Die Hintergründe, die dazu führen, dass sich Städte in Fläche und Einwohnerzahl vergrößern, sind bereits beschrieben. Mit welchen Ausmaßen dies geschieht, ebenso. Wie die Zusammenhänge des informellen Bauens sich aber wirklich darstellen, kann die obige Lexikondefinition nicht beantworten. Es muss unterschieden werden zwischen rein informellen Siedlungen und dem übergeordneten Begriff Slum. Jener umfasst nämlich alle Elendsviertel, auch diese, die nicht auf informeller Bebauung fußen, wie z.B. die beschriebenen Besetzerviertel in der Kernstadt. Hier sind meist nur die Wohnverhältnisse informell, da ungenutzte Brachen, Ruinen aller Art oder auch stillgelegte Bahnwaggons neben nicht genehmigter Vermietung zu der Bewohnerfülle führen.
Grundsätzlich kann informelles Bauen nicht immer mit „auf der Müllkippe wohnen“ oder ähnlichen Horrorszenarien assoziiert werden. Gerade in südamerikanischen Großstädten gelingt es vielen Bewohnern bei zunehmender Konsolidierung der Siedlungsquartiere mit ganz eigenen Baustilen sehr ansehnliche Gebäude, Straßenzüge und schließlich sogar ganze Stadtteile zu errichten und dabei ihre soziale Stellung innerhalb der Gesellschaft zu verbessern.
„Grober Backstein, Stroh, Recycling-Plastik, Zementblöcke und Abfallholz“ stellen dabei anfangs die Hauptbestandteile des informellen Bauens dar. Und vermag ein Elendsviertel sich nicht zu entwickeln, bleibt es auch dabei. „Außer einem Schachbrett mit einigen hundert oder tausend Grundstücken gibt es zunächst nichts, keine befestigten Straßen, kein Wasser, keine Elektrizität.“ Informelle Siedlungen entwickeln sich durch anfänglich wenige Zuwanderer- oder Armenfamilien, die ein ungenutztes Stück Land, sei es staatlichen oder privaten Besitzes, mit provisorischen und einfachsten Mitteln außerhalb offizieller Planungen und Vorgaben bebauen. Erste kleinere Hüttensammlungen entstehen und bleiben entweder unentdeckt, unbeachtet oder werden schlicht weg geduldet, da dieses Stück Land kein Interesse hervorruft. Wird dies innerhalb der unteren sozialen Schicht durch bisher kaum bekannte Kanäle verbreitet, kommen weitere Siedler hinzu und die eingangs lose Struktur wächst zu einer kleinen Kolonie.
Durch die bereits beschriebenen Phänomene der Urbanisierung bzw. des Auswanderns aus dem Stadtzentrum in die Peripherie reist der Zulauf nicht ab und eine Vergrößerung in Fläche und Dichte bleibt nicht aus. Während die neu hinzukommenden Behausungen wiederum aus primitivsten Materialien erstellt werden, verbessert sich die bauliche Substanz der ersten Hütten langsam und rudimentäre Straßen entwickeln sich. Bereits zu diesem Zeitpunkt können sich durchaus mehrere Hundert Kolonisten zusammen gefunden haben.
Ein wichtiger Baustein dieser sich entwickelnden Amöbe ist dabei nicht selten ein Parzellenraster, welches organisiert, dass jeder Siedler ein ähnlich großes Stück Land mit Zugang zu einer Erschließung bekommt und dabei unterschiedlichste Bauformen ebenso zulässt wie eine Nutzungsmischung, Verdichtung und spätere Vertikalisierung. Dieser geordnete Bauteppich hat nichts mit den traditionellen und ländlichen Siedlungsmustern gemein. Und auch ist keineswegs der Drang nach Ordnung und Gleichberechtigung dessen Grundstein. Vielmehr geht er gar nicht von den Siedlern selbst aus, denn „diese wilden Grundstücksparzellierungen waren kein Ergebnis von Landbesetzungen: Das Land wechselte tatsächlich durch legale Verkäufe den Besitzer. Illegal ist im Allgemeinen die Parzellierung. Jedoch sollten diese Siedlungen besser als extralegal denn als illegal bezeichnet werden. Familien mit niedrigen bis mittleren Einkommen, die aus dem formellen Siedlungsmarkt ausgeschlossen sind, kaufen Grundstücke von Unternehmern, die unerschlossenes Land erwerben, um es jenseits gewerblicher Nutzungspläne, Parzellierungsvorschriften oder Versorgungsstandards aufzuteilen“.
Es wird ersichtlich, welche Strukturen an den scheinbar chaotischen Selbstbausiedlungen hängen und wodurch sie geprägt werden.
Chaos contra plan:
Neben noch folgenden, hybriden Mustern bezüglich Bausubstanz und mehrfach wechselnden bzw. sich unterscheidenden sozialen Konsolidierungsstufen ruft gerade der Städtebau interessante Punkte hervor. Scheinbar chaotisch und doch durchdacht erscheint dieser während Entstehung und Entwicklung. Dabei formt er eigene, dem Formellen fremde, aber auch ganz nahe Gesetze. Der Spontanbau besteht aus einer Kombination zweier Gegensätze: Einer rigiden Ordnung, welche durch die Zonierungen hervorgerufen wird, und der Unabhängigkeit des individuellen Bauens, welche die große Varianz von Unterschieden gebärt.
„Überall an der Peripherie überziehen irreguläre Bodenhändler die Landschaft mit ihren Parzellenrastern […] und teilen diese in große Zonen ein, welche wiederum in Grundstücke unterteilt werden. Hierbei umfasst eine solche Zone zwanzig bis sechzig Grundstücke von ca. 120-200m2 Größe. Diese werden nun an die einkommensschwachen Familien weitergegeben - also verkauft - die dort ihre Selbstbauquartiere errichten. Um überhaupt eine aus dem Nichts hervorzurufende Behausung errichten zu können, muss also Baugrund, welcher illegal bebaut werden soll, teuer bezahlt werden, was aber nicht bedeutet, dass das Land nun erworben ist und schon gar keine Garantie dafür gibt, dass man es behalten, geschweige denn bebauen darf. Der „Kauf“ sichert lediglich das „Recht“ sich hier aufhalten zu können, ohne von den Mafiaclans vertrieben zu werden. Unsicher bleibt dabei, ob nicht offizielle Vertreibung dieses ersetzt. Die Besitzverhältnisse sind also, positiv ausgedrückt, flexibel, da immer in einer Art ungewissem Schwebezustand.
[…] Da in der Regel jede Infrastruktur fehlt, ist das Selbsthilfe-Bauen auch immer Selbsthilfe-Städtebau, wobei mit unendlicher Mühe nicht nur das eigene Haus errichtet, sondern auch das parzellierte Rohbauland bewohnbar gemacht wird.“ Das von den mafiösen Bodenhändlern - auch Landlords genannt - errichtete, rechtwinklige Grundstücksraster beinhaltet weder Straßen- noch Wegenetz. Dieses wird erst nach und nach durch ein Trampelpfadmuster „verlegt“ - was bedeutet, dass die am meisten genutzten Pfade zuerst verbessert werden - und einhergehend mit Hausbau und Sicherung der Grundstücksgrenzen nach Bedarf und im Kollektiv ausgebaut. Es kommt nicht selten vor, dass selbst mehrere Jahre alte Straßen oder Wege quasi über Nacht versetzt oder umgebaut werden. Wird entschieden, dass das eingesetzte Material an anderer Stelle dringender benötigt wird, verschwindet eine ganze Straße und taucht an anderer Stelle wieder auf. Das Straßen-, Wege- und später auch Treppensystem sichert durch die Rasterung neben Erschließung und Grundstücksbegrenzungen vor allem die Möglichkeit, dass nach einer eventuellen Anerkennung durch die Behörden, Infrastruktur in die Stadtteile installiert werden kann und eine gewisse Ordnung herrscht - auch wenn dies nicht das primäre Ziel der Landlords ist. Außerdem nutzt es den Siedlern selbst, indem zumindest ein geringes Maß an „Freiflächen“ - hierbei handelt es sich lediglich um nicht überbautes Land - bestehen bleibt und irgendwann sogar Kanäle verlegt werden können.
Mit dem Hintergrund späterer Konsolidierung vieler dieser Viertel leisten die informellen Siedler also wahre Pionierarbeit, indem sie riesige Areale bebaubar machen sowie nach und nach erschließen bzw. ein wenig an vorhandene Strukturen anbinden. Dies kann sogar mit antiken Großprojekten verglichen werden, da dies selbstverständlich alles ohne oder nur mit primitivsten Hilfsmitteln geschieht und die Landflächen immer nur die Restflächen der Stadt darstellen, die bisher für formelle Bebauung ausgeschieden sind, da sie schlechte Grund- oder Topographieverhältnisse aufweisen.
Das der illegale Erwerb von Bauland das einzige „Siedlungsmodell“ ist, welches den einkommensschwachen Schichten den Zugang zu einem Stück Bauland verschafft, ist Tatsache. Leider aber eben auch, dass dies trotz allem, wie beschrieben, mit Kosten verbunden ist. So sind „Besetzer […] häufig gezwungen, beträchtliche Bestechungsgelder an Politiker, Gangster oder die Polizei zu bezahlen, um Zugang zu Grundstücken zu bekommen, und manchmal zahlen sie diese informellen Mieten in Form von Bargeld und/oder Wählerstimmen auf Jahre hinaus.“ Hinzu kommen vielerlei Kosten, die ein Wohnen außerhalb von vorhandener Infrastruktur und Stadtzentrum mit sich bringen. Teilweise muss nicht nur Wasser in Behältern gekauft werden, sondern täglich auch eine Fahrkarte für den weiten Weg zum Händler oder zur (ebenfalls informellen) Arbeitsstelle gelöst werden.
Verallgemeinern lässt sich das anfängliche Entstehen und Wachsen über den Globus nicht unbedingt. Armut und Platzmangel sind zwar fast ausschließlich der vorrangige Grund, doch sind einige der ersten informellen Siedlungen in Südamerika gar nicht ungeplant entstanden. So wurden ungenutzte Landflächen ausgedienten Soldaten für ihre Siedlung geschenkt oder Armen in Manila Bereiche an nicht vergebenen Ufergebieten zur Verfügung gestellt, um diese aus dem Zentrum fern zu halten. Auch fußen einige Favelas auf bäuerlichen Siedlungen, die durch das Stadtwachstum überrannt und einverleibt wurden. Auch kleinere temporäre Arbeitersiedlungen sind, nur weil in der Nähe eine Straße oder eine Kirche errichtet wurde, quasi dazu überredet worden, bestehen zu bleiben und zu wachsen. Letztlich erwuchsen diese Siedlungen aber - genau wie die „modernen“ Spontansiedlungen - aus einst primitivsten Verhältnissen empor. Und wachsen weiter.
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Musall, Eike März 2008: Das Hybride der Slums, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Dritte Welt, Städtebau, Favela, Ghetto, Stadtentwicklung



