Die Holocaust-Denkmäler in Bremen
- Art: Staatsexamensarbeit
- Autor: Jürn Lohse
- Abgabedatum: April 2005
- Umfang: 104 Seiten
- Dateigröße: 1,4 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Bremen Deutschland
- Bibliografie: ca. 77
- ISBN (eBook): 978-3-8366-0260-0
- ISBN (CD) :978-3-8366-0260-0 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Lohse, Jürn April 2005: Die Holocaust-Denkmäler in Bremen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Bremen, Judenvernichtung, Gedenkstätte, Vergangenheitsbewältigung, Kollektives Gedächtnis
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Staatsexamensarbeit von Jürn Lohse
Einleitung:
Nach den Ergebnissen einer Studie des Emnid-Instituts müsste die Geschichte des Nationalsozialismus neu geschrieben werden. Denn 26 Prozent der Befragten gaben in dieser Studie an, Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, geholfen zu haben; 13 Prozent behaupteten, im Widerstand gegen die Nationalsozialisten aktiv gewesen zu sein; 17 Prozent wehrten sich angeblich mit Worten gegen die Nationalsozialisten, wenn es darum ging, Drangsalierte zu verteidigen. „Dass die deutschen Volksgenossinnen und -genossen zu großen Teilen eher eine Gemeinschaft von Freiheitskämpfern als von willigen Vollstreckern bildeten, verdeutlichen auch Zahlen wie die, dass lediglich ein Prozent“ der Befragten angab, Deutsche wären „an Verbrechen beteiligt“ gewesen.
„Antijüdisch sind nach Auffassung der Befragten ganze drei Prozent gewesen.“ Diese Repräsentativumfrage ist eine Momentaufnahme des kommunikativen Gedächtnisses der Deutschen. Sie wurde durchgeführt, nachdem eine qualitative Studie aus dem Jahr 1998 zum Nationalsozialismus sieben unterschiedliche Tradierungstypen (Opferschaft, Rechtfertigung, Distanzierung, Faszination, Überwältigung, Heroisierung und Viktimisierung) des Nationalsozialismus unterscheiden konnte, die belegen, dass trotz der umfangreichen Aufklärung durch Medien und Schulen Holocaust und Nationalsozialismus im Familiengedächtnis, d. h. in einer Form des kommunikativen Gedächtnisses, anders als geschichtspolitisch gewollt tradiert werden.
Neben dem kommunikativen Gedächtnis stellt das kulturelle Gedächtnis eine weitere und andere, weil dauerhafte Form des Erinnerns dar. Während das kommunikative Gedächtnis maximal drei Generationen umfasst und nur Erinnerungen aus der neueren Vergangenheit zu bewahren vermag, schafft das kulturelle Gedächtnis Artefakte, die zum Lernen auffordern und durch Bildungsinstitutionen gefördert und abgestützt werden. Das kommunikative Gedächtnis basiert auf Erinnerungen von Zeitzeugen, also einer historisch abgegrenzten Gruppe, und vergeht mit diesen Trägern. Das kulturelle Gedächtnis dagegen dient dazu, mit den Bürgern einer Gesellschaft in langfristiger historischer Perspektive überlebenszeitlich zu kommunizieren und sich damit einer Identität zu vergewissern, die durch Zugehörigkeit zu einer generationsübergreifenden Überlieferung und weitgespannten historischen Erfahrung entsteht. Mit dem „Aussterben“ der Zeitzeugen des Holocaust kommt den nachfolgenden Generationen die verantwortungsvolle Aufgabe zu, das kommunikative Gedächtnis in ein kulturelles zu transformieren.
Durch eine bewusste Transformation wird gegenwärtig der Versuch unternommen, Formen für eine inter- und transgenerationelle Sicherung zu finden, die zu einer nicht abbrechenden sowie nachhaltigen Holocaust-Überlieferung und „Erziehung nach Auschwitz“ führen sollen. Unter den verschiedenen kulturellen Artefakten stellt das Denkmal eine eigene Form des kulturellen Gedächtnisses an den Holocaust dar, die in ihrer Besonderheit Gegenstand meiner Untersuchung sein wird. Zu fragen ist: Wie wurde der „Holocaust“ in Bremen mit Hilfe des kulturellen Artefakts „Holocaust-Denkmal“ erinnerungspolitisch und ästhetisch verarbeitet?
Es war nicht einfach, einen adäquaten und für alle zu untersuchenden Objekte treffenden Oberbegriff zu finden. Ich habe mich für das Wort „Holocaust-Denkmal“ entschieden, weil es eine gängige Bezeichnung für die von mir zu untersuchenden Artefakte darstellt. Das Wort „Holocaust“ bedeutet in seinem Ursprung „Brandopfer“ und bezieht sich auf den im Alten Testament vorgeschriebenen Brauch des Brandopfers. In den 1960er Jahren, als man an die Verfolgung und Vernichtung der Juden in Bremen und Umgebung jenseits des kommunikativen Gedächtnis zu erinnern. Dazu gehören folgende zwölf Holocaust-Denkmäler im Stadtgebiet Bremens: Ehrenanlage auf dem Osterholzer Friedhof; Ehrenmal auf dem Jüdischen Friedhof; Gedenktafel Aumunder Synagoge; „Gedenkstätte Reichskristallnacht“; Gedenktafel Synagoge im Schnoor; Gedenktafel „Jüdisches Altenheim“; Gedenkstein Goldbergplatz; Gedenkstein Schwachhauser Synagoge, Gedenkstein Justizvollzugsanstalt Oslebshausen; Gedenktafel am Hauptbahnhof; Gedenktafel am Barkhof und die Gedenktafel am Leibnizplatz.
Inwieweit diese Bremer Artefakte zur Erinnerung an die Judenverfolgung und -vernichtung in Bremen einen Beitrag zu einer vergangenheits- und zukunftsverpflichtenden Rezeption des Holocaust leisten konnten, hing von den jeweiligen Zeitumständen zwischen 1947 und 2001 ab. Nach dem Zeitpunkt ihrer Errichtung teile ich diese Zeitspanne in vier Perioden ein: Die erste Periode umfasst die Jahre zwischen 1947-1952 mit zwei Holocaust-Denkmälern; in der zweiten Periode bis 1978 werden keine errichtet; es folgt eine Periode bis 1988 in der sieben und eine Periode bis 2001, in der drei Holocaust-Denkmäler errichtet werden. Meine Einteilung der Perioden korrespondiert in weiten Teilen mit „geschichtskulturellen“ Phasen Nachkriegsdeutschlands, in die ich am Anfang eines jeden Kapitels meiner Arbeit einführen werde, um das jeweilige Holocaust-Denkmal seinem zeit- und mentalitätsgeschichtlichen Rahmen zuzuordnen.
Problemstellung:
Dabei wird zu überprüfen sein, wie sich eine periodenhafte Rezeption des Holocaust in Form von Holocaust-Denkmälern auf eine allgemeine, gesamtgesellschaftliche, periodenhafte Rezeption übertragen lässt. Dazu werde ich meine Periodisierung mit dem politisch- und mentalitätsgeschichtlich angelegten Periodisierungsvorschlag von A. Assmann vergleichen. A. Assmann unterteilt die Rezeption des Holocaust nach 1945 in drei erinnerungsgeschichtliche Phasen. Die erste Phase nennt sie „Vergangenheitspolitik15“ (1945-1957), die zweite Phase „Kritik der Vergangenheitsbewältigung“ (1958-1984) und die dritte Phase steht bei ihr unter dem Zeichen der „Erinnerung“ (ab 1985). Aus der Gegenüberstellung meiner Denkmalsperioden und A. Assmanns erinnerungsgeschichtlichen Phasen leite ich folgende Untersuchungsansätze ab:
1. Wie wirkte sich das jeweilige Zeitgeschehen auf die Ideen der Denkmalsinitiatoren sowie auf die Art der Denkmäler und deren Vorstellung in der Öffentlichkeit aus?
2. Wie sind die bei der Einweihung gehaltenen Reden historisch mit dem jeweiligen Holocaust-Denkmal verbunden sind?
3. Haben an den Holocaust-Denkmälern Gedenkveranstaltungen stattgefunden und finden diese heute noch statt? Wer hat an welchen Gedenktagen mit welchen Erinnerungshandlungen an diesen Gedenkveranstaltungen teilgenommen?
Aus diesen Analyseschritten ergibt sich mit der zuvor erhobenen Frage, ob die Bremer Holocaust-Denkmäler ihrer Errichtungszeit gemäß an den Holocaust erinnern und ob sie bzw. wie sie mahnend in die Zukunft weisen, als zusammenfassende Frage: Welche Ansätze des vergangenheits- bzw. zukunftsverpflichtenden Gedenkens an den Holocaust spiegeln sich in den zwischen 1947 und 2001 in Bremen errichteten Holocaust Denkmälern wider?
Gang der Untersuchung:
Den Hauptteil der Arbeit habe ich dementsprechend wie folgt gegliedert: In der ersten Periode (Punkt 2) geht es um das Gedenken an den Holocaust auf Friedhöfen.
In der zweiten Periode (Punkt 3) zeige ich auf, wie sich das Gedenken an den Holocaust ohne Errichtung von Holocaust-Denkmälern in Bremen fortsetzt.
In der dritten Periode (Punkt 4) gehe ich auf die besondere Konjunktur von Holocaust-Denkmälern im Zusammenhang mit dem Gedenken an die „Reichskristallnacht“ ein. In der vierten Periode (Punkt 5) erörtere ich das „Gedenken am Ende der Zeitzeugenschaft“. Im Schlussteil (Punkt 6) verweise ich auf eine fehlende Gedenktafel und skizziere die Anfänge des Bremer Projekts „Stolpersteine“.
Die Ergebnisse meiner Untersuchungen fasse ich im Fazit zusammen.
Inhaltsverzeichnis:
| Inhaltsverzeichnis | ||
| 1. | Einleitung | 5 |
| 2. | Gedenken auf Friedhöfen (1947-1952) | 10 |
| 2.1 | Zeitumstände | 10 |
| 2.2 | Die Ehrenanlage auf dem Osterholzer Friedhof (1947/51) | 15 |
| 2.2.1 | Nichtjüdisches Erinnern oder die Denkmalszäsur nach 1945 | 15 |
| 2.2.2 | Beschreibung der Ehrenanlage | 16 |
| 2.2.3 | Grundsteinlegung 1947 | 17 |
| 2.2.4 | Die Reden zur Grundsteinlegung | 18 |
| 2.2.5 | Die Einweihung des Ehrenmals „Brüderlichkeit im Tod“ (1951) | 20 |
| 2.2.6 | Die Einweihung der Steintafeln (1951) | 22 |
| 2.3 | Das Ehrenmal auf dem Jüdischen Friedhof (1952) | 23 |
| 2.3.1 | Jüdisches Erinnern | 23 |
| 2.3.2 | Das Ehrenmal | 26 |
| 2.3.3 | Die Reden zur Einweihungsfeier | 28 |
| 2.3.4 | Jährliche Gedenkfeiern | 31 |
| 3. | Gedenken ohne Holocaust-Denkmäler (1953-1978) | 32 |
| 3.1 | Einführung | 32 |
| 3.2 | Die Zeit von 1953-1978 | 32 |
| 3.2.1 | Die Zeit von 1953-1958 | 32 |
| 3.2.2 | Die Zeit von 1958-1968 | 33 |
| 3.2.3 | Die Zeit von 1968-1978 | 38 |
| 4. | Gedenken im Fokus „Reichskristallnacht“ (1978-1988) | 41 |
| 4.1 | Die Zeitumstände 1978 – 1988 | 41 |
| 4.2 | Die Gedenktafel für die Synagoge in Aumund (1978) | 45 |
| 4.3 | Die Gedenktafel für die Synagoge im Schnoor (1982) | 49 |
| 4.4 | Die „Gedenkstätte Reichskristallnacht“ (1982) | 50 |
| 4.4.1 | Das Projekt „Gedenkstätte Reichskristallnacht“ | 50 |
| 4.4.2 | Die acht Entwürfe | 52 |
| 4.4.3 | Der ausgelobte Entwurf | 63 |
| 4.4.4 | Zur Kritik und Gegenwart der „Gedenkstätte Reichskristallnacht“ | 65 |
| 4.5 | Die Gedenktafel am ehemaligen jüdischen Altenheim (1983) | 67 |
| 4.6 | Der Gedenkstein auf dem Goldbergplatz (1985) | 69 |
| 4.7 | Die Gedenksteine vor der Synagoge (1988) | 72 |
| 4.8 | Der Gedenkstein vor der Justizvollzugsanstalt (1988) | 73 |
| 5. | Gedenken am Ende der Zeitzeugenschaft (1991-2001) | 75 |
| 5.1 | Zeitumstände | 75 |
| 5.2 | Die Gedenktafel am Hauptbahnhof | 79 |
| 5.3 | Die Gedenktafel am Barkhof | 81 |
| 5.4 | Die Gedenktafel am Leibnizplatz | 82 |
| 6. | Die Fortsetzung des Gedenkens im 21. Jahrhundert | 84 |
| 6.1 | Eine Gedenktafel, die fehlt | 84 |
| 6.2 | Das Bremer Projekt „Stolpersteine“ | 85 |
| 7. | Fazit | 89 |
| Quellen- und Literaturverzeichnis | 93 | |
| Quellenverzeichnis | 93 | |
| Literaturverzeichnis | 94 | |
| Anlagen | 100 |
Inhaltsverzeichnis:
| Inhaltsverzeichnis | ||
| 1. | Einleitung | 5 |
| 2. | Gedenken auf Friedhöfen (1947-1952) | 10 |
| 2.1 | Zeitumstände | 10 |
| 2.2 | Die Ehrenanlage auf dem Osterholzer Friedhof (1947/51) | 15 |
| 2.2.1 | Nichtjüdisches Erinnern oder die Denkmalszäsur nach 1945 | 15 |
| 2.2.2 | Beschreibung der Ehrenanlage | 16 |
| 2.2.3 | Grundsteinlegung 1947 | 17 |
| 2.2.4 | Die Reden zur Grundsteinlegung | 18 |
| 2.2.5 | Die Einweihung des Ehrenmals „Brüderlichkeit im Tod“ (1951) | 20 |
| 2.2.6 | Die Einweihung der Steintafeln (1951) | 22 |
| 2.3 | Das Ehrenmal auf dem Jüdischen Friedhof (1952) | 23 |
| 2.3.1 | Jüdisches Erinnern | 23 |
| 2.3.2 | Das Ehrenmal | 26 |
| 2.3.3 | Die Reden zur Einweihungsfeier | 28 |
| 2.3.4 | Jährliche Gedenkfeiern | 31 |
| 3. | Gedenken ohne Holocaust-Denkmäler (1953-1978) | 32 |
| 3.1 | Einführung | 32 |
| 3.2 | Die Zeit von 1953-1978 | 32 |
| 3.2.1 | Die Zeit von 1953-1958 | 32 |
| 3.2.2 | Die Zeit von 1958-1968 | 33 |
| 3.2.3 | Die Zeit von 1968-1978 | 38 |
| 4. | Gedenken im Fokus „Reichskristallnacht“ (1978-1988) | 41 |
| 4.1 | Die Zeitumstände 1978 – 1988 | 41 |
| 4.2 | Die Gedenktafel für die Synagoge in Aumund (1978) | 45 |
| 4.3 | Die Gedenktafel für die Synagoge im Schnoor (1982) | 49 |
| 4.4 | Die „Gedenkstätte Reichskristallnacht“ (1982) | 50 |
| 4.4.1 | Das Projekt „Gedenkstätte Reichskristallnacht“ | 50 |
| 4.4.2 | Die acht Entwürfe | 52 |
| 4.4.3 | Der ausgelobte Entwurf | 63 |
| 4.4.4 | Zur Kritik und Gegenwart der „Gedenkstätte Reichskristallnacht“ | 65 |
| 4.5 | Die Gedenktafel am ehemaligen jüdischen Altenheim (1983) | 67 |
| 4.6 | Der Gedenkstein auf dem Goldbergplatz (1985) | 69 |
| 4.7 | Die Gedenksteine vor der Synagoge (1988) | 72 |
| 4.8 | Der Gedenkstein vor der Justizvollzugsanstalt (1988) | 73 |
| 5. | Gedenken am Ende der Zeitzeugenschaft (1991-2001) | 75 |
| 5.1 | Zeitumstände | 75 |
| 5.2 | Die Gedenktafel am Hauptbahnhof | 79 |
| 5.3 | Die Gedenktafel am Barkhof | 81 |
| 5.4 | Die Gedenktafel am Leibnizplatz | 82 |
| 6. | Die Fortsetzung des Gedenkens im 21. Jahrhundert | 84 |
| 6.1 | Eine Gedenktafel, die fehlt | 84 |
| 6.2 | Das Bremer Projekt „Stolpersteine“ | 85 |
| 7. | Fazit | 89 |
| Quellen- und Literaturverzeichnis | 93 | |
| Quellenverzeichnis | 93 | |
| Literaturverzeichnis | 94 | |
| Anlagen | 100 |
Textprobe:
Kapitel 3.2.2, Die Zeit von 1958-1968:
Ab dem 9.11.1958, dem 20 Jahrestag der „Reichskristallnacht“, kam es zu einer sich zu-nehmend ritualisierenden Gedenktagspraxis am 9. November. Diese Gedenktagspraxis koinzidierte mit drei großen NS-Prozessen. Zusammen erzeugten sie eine „neue NS-Erinnerungskultur“. In den Jahren zwischen 1958 und 1968 wurde die Bundesregierung und die Bevölkerung mehrfach mit der bislang öffentlich nicht thematisierten nationalsozialistischen Vergangenheit konfrontiert. Nach den „Nürnberger Prozessen“ standen erneut Täter vor Gerichten und mussten sich öffentlich zu dem Grauen bekennen, dass das deutsche Volk über andere und über sich gebracht hatte. Neben der gerichtlichen, kommemorativen und zaghaften politischen Aufarbeitung der Vergangenheit löste die wissenschaftliche und künstlerische Aufarbeitung des Nationalsozialismus eine Erinnerungskultur aus, die die Voraussetzung dafür schuf, dass das „materielle“ Gedenken Ende der 1970er Jahre wieder einsetzen konnte.
Das Jahr 1958 war in vielerlei Hinsicht ein herausragendes Jahr. Am 28./29. August kam es nach dreijähriger Vorbereitungsdauer der Staatsanwaltschaft zu dem zweiten großen „Kriegsverbrecherprozess“126 nach den „Nürnberger Prozessen“, dem „Ulmer Einsatzgruppenprozess“. „Erstmals wurde hier eine neue Kategorie des Massenverbrechens offenbar, die bislang nur ungenügend bekannt geworden war. Dabei hatte diese spezielle Verfügungstruppe (die SS-Einsatzgruppe A; A.d.V.) Hitlers, Himmlers und Heydrichs den eigentlichen Weltanschauungskrieg geführt und die Ausrottung der 'Fremdvölkischen im Osten' so radikal betrieben, dass ihre Vernichtungsbilanz derjenigen der Tötungszentren von Auschwitz, Treblinka, Majdanek u.a. mindestens gleichkommt.“ Nach dem „Ulmer Einsatzgruppenprozess“ gründete sich eine zentrale Ermittlungsbehörde in Ludwigsburg, die „Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltung zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“, die weitere NS-Prozesse ermöglichte. Michael Greve hebt die Ludwigsburger Ermittlungsbehörde als ein maßgebliches Instrumentarium zur Aufklärung über NS Verbrechen hervor, ohne die keine „weitere(n) Strafverfahren wie der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess, (...) denkbar gewesen“ wären.
Die Ludwigsburger Ermittlungsbehörde war ein Beweis dafür, dass Teile der Justiz und Politik in Deutschland gewillt waren, nach den Prozessen der Alliierten selber NS-Verbrecher zu verurteilen. Der „Ulmer Einsatzgruppenprozess“ und die zentrale Ermittlungsbehörde in Ludwigsburg versetzten dem Geschichtsbild der Adenauer-Ära immer kräftigere Risse. Die von K. Adenauer betriebene Integrationspolitik wurde konterkariert, und es trat so eine Wende in der von ihm geprägten konservativen Geschichts- und Vergangenheitspolitik ein. Das spiegelte sich in den erstmaligen Erklärungen zum 9. November 1958 des Bundespräsidenten Theodor Heuss und des Bundeskanzlers K. Adenauer wider.
Auch die Bevölkerung fing nun an, sich dem Thema „Nationalsozialismus“ und „Holocaust“ durch organisierte Erinnerungsakte zuzuwenden. Dies geschah durch Organisationen und Vereine, die Gedenkfeiern organisierten, oder in Form von medialen Erzeugnissen (Publizistik, Ausstellungen, Fernsehen, Kino). In Bremen fanden anlässlich des 20. Jahrestages des 9. Novembers 1958 drei Gedenkakte statt. Im Herbst 1961 feierte die jüdische Gemeinde Bremen nach jahrelangem Ringen das Richtfest ihrer neu errichteten Synagoge mit Gemeindezentrum in der Schwachhauser Heerstraße. „Das denkwürdige Fest zur Einweihung des Gemeindezentrum im August 1961 verläuft ungestört – vielleicht ein gutes Zeichen“, nachdem es im Jahr 1959, als das Vorhaben, eine Synagoge zu bauen, bekannt gegeben worden war, zu antisemitischen Vorfällen gegen den Senat in Form von Protestschreiben und gegen den ersten Vorsitzenden der Gemeinde, C. Katz, in Form von Drohbriefen gekommen war.
Ein steigender Antisemitismus ist für diese Zeit nicht nur in Bremen belegt; in der ganzen Republik kam es zu einer antisemitischen 'Schmierwelle' 1959/60 mit insgesamt 470 Fällen. Politiker und Öffentlichkeit waren geradezu gezwungen, eine klare Stellung zu dem „alten“ und „neuen“ Nationalsozialismus zu beziehen: Bundeskanzler K. Adenauer suchte in dieser Zeit erstmals ein KZ zu einer Gedächtnisfeier auf. Aufgrund der sich neu ergebenden Antisemitismusproblematik und der darauf erfolgenden Reaktionen kann man jedoch nicht von einer Veränderung in der Vergangenheitsbewältigung sprechen. H. Schmid sieht darin lediglich den Vorgang, dass sich der „Anti-Antisemitismus“ als ein „wichtige(r) Faktor der politischen Kultur“ etablieren konnte.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836602600
Arbeit zitieren:
Lohse, Jürn April 2005: Die Holocaust-Denkmäler in Bremen, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Bremen, Judenvernichtung, Gedenkstätte, Vergangenheitsbewältigung, Kollektives Gedächtnis



