Gegen Hitler und den Krieg: Der Attentäter Johann Georg Elser
Eine biographische Untersuchung und Vorschläge für eine Behandlung des Themas im Geschichtsunterricht der Hauptschule
- Art: Staatsexamensarbeit
- Autor: Olaf Schauder
- Abgabedatum: Januar 1997
- Umfang: 114 Seiten
- Dateigröße: 677,5 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-5874-4
- Sprache: Deutsch
- Prämierung: Die Studie wurde mit dem Wissenschaftlichen Förderpreis der Hochschule Schwäbisch-Gmünd ausgezeichnet.
- Arbeit zitieren: Schauder, Olaf Januar 1997: Gegen Hitler und den Krieg: Der Attentäter Johann Georg Elser, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Attentat, Erfahrungswelt, Nachkriegszeit, Nationalsozialismus, Widerstand
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Staatsexamensarbeit von Olaf Schauder
Einleitung:
Am 9. November 1939 wurde bei einer nationalsozialistischen Propagandaveranstaltung im Bürgerbräukeller in München ein Attentat verübt, das Adolf Hitler galt, ihn durch Zufall jedoch unverletzt ließ. Als Täter wurde Johann Georg Elser (Rufname: Georg) ermittelt, ein Schreinergeselle aus Königsbronn (Landkreis Heidenheim), der kurze Zeit später verhaftet und unmittelbar vor Kriegsende im Konzentrationslager Dachau von den Nationalsozialisten liquidiert wurde.
Mit dem Attentat wie mit dem Attentäter hat sich bis heute nur ein kleiner Kreis von Historikern beschäftigt, der Öffentlichkeit ist Elser als Mensch ebenso unbekannt geblieben wie Motive, Durchführung und Hintergründe seiner Tat, die auch nach dem Zusammenbruch der Hitlerdiktatur verschwiegen, verdrängt und mit Legenden umwoben wurde. Dies trifft insbesondere für den Heimatort des Attentäters und dessen unmittelbare Umgebung zu.
Hier gilt es, ein Stück nationalsozialistischer Vergangenheit zu entdecken, die auch im Hinblick auf den Geschichtsunterricht an Hauptschulen von Interesse ist. Die didaktische Bedeutung des Themas bestimmt sich nicht nur aus dem regionalgeschichtlichen Aspekt, sondern reicht weit darüber hinaus. Persönlichkeit, Lebensumstände und Motive des Attentäters fordern zur persönlichen Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit heraus, die im weitesten Sinne hinführen soll zur Erkenntnis der Grundwerte einer humanen und demokratischen Gesellschaft. In einer Zeit, in der neofaschistisches Gedankengut und entsprechende Verhaltensrituale von manchen Jugendlichen wieder zunehmend akzeptiert werden, ist dies von besonderer pädagogischer Bedeutung.
Das Thema beinhaltet somit fachwissenschaftliche wie fachdidaktische Aspekte.
Gang der Untersuchung:
Im fachwissenschaftlichen Teil wird sich diese Arbeit mit drei Fragekomplexen zu befassen haben.
Im ersten Kapitel sollen die Umstände dargestellt werden, die Elser zu dem Attentat auf Hitler veranlassten. Geht man davon aus, dass der Entschluss zur Tat ebenso seiner Persönlichkeit entsprang wie der Lebenswelt, die seinen Erfahrungshorizont bestimmte, wird man sich zunächst diesen beiden Faktoren zuwenden. Die Lebensgeschichte Elsers bis zur Planung des Attentats, seine Wesenszüge und Einstellungen werden einerseits zu beleuchten sein; andererseits fordern seine Stellungnahmen zu den real erlebten gesellschaftlichen und politischen Bedingungen seiner Zeit zur Reflexion darüber heraus. Die Auswirkungen nationalsozialistischer Politik auf das Leben der Arbeiterschaft, der sich Elser zugehörig fühlte, sollen deshalb in die Darstellung einbezogen werden (Kapitel 1.2). Aus persönlichen wie politischen Bedingungen erklären sich die Motive für das Attentat. Sie zu beleuchten ist Voraussetzung für jede Stellungnahme (Kapitel 1.4), ob sie nun die Einzeltäterschaft Elsers oder die Wertung seiner Tat betrifft.
An zweiter Stelle (Kapitel 2) wird darzustellen sein, wie Elser das Attentat plante und ausführte, welche persönlichen Folgen es für ihn hatte und welche Reaktionen und Wirkungen es auslöste. Um die Bedeutung der Tat einschätzen zu können, muss Elsers Aktion in engem Zusammenhang gesehen werden mit der Reaktion der Menschen seiner Umgebung, der Presse, verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen - auch im Ausland - bis hin zur nationalsozialistischen Führung.
Kapitel 3 widmet sich schließlich den Interpretationen und Deutungen, die Elsers Tat bis heute erfahren hat. Manches wird hier in den Bereich der Spekulationen zu verweisen sein, doch sollten diese Dinge gerade dann, wenn man sich um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Attentäter bemüht, nicht ausgeblendet werden. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang auch die Rolle, die Elser innerhalb der Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus einnahm und wie seine Rolle im Laufe der Nachkriegsgeschichte bewertet wurde. Insbesondere möchte ich hier eingehen auf die Frage, warum Elser die gesellschaftliche Anerkennung und Würdigung als Widerstandskämpfer sowohl in seiner unmittelbaren Umgebung als auch in der Öffentlichkeit und in der Geschichtsschreibung weitgehend versagt blieb. Nicht nur um das Dorf Königsbronn scheint sich hier ein Stück „Vergangenheitsbewältigung“ abzuzeichnen, das für den Umgang Nachkriegsdeutschlands mit der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur symptomatisch erscheint.
Als wichtigste Quelle für den fachwissenschaftlichen Teil meiner Arbeit stand mir eine Veröffentlichung der Historiker Lothar Gruchmann und Anton Hoch vom Institut für Zeitgeschichte in München zur Verfügung. Sie entdeckten 1969 in den Akten des ehemaligen Reichsministeriums die Protokolle, die die Verhöre der Gestapo mit Elser dokumentieren. Sie wurden noch im selben Jahr veröffentlicht und sind bis heute die wichtigsten Quellen für die Elser-Forschung. Der Attentäter schildert in den Verhören seinen Lebenslauf, seine Motive für die Tat und die Durchführung des Attentats. Fast alle späteren Veröffentlichungen beziehen sich auf diese Protokolle.
Bis heute wird die Echtheit des Dokuments immer wieder in Zweifel gezogen, Hoch und Gruchmann sind jedoch aus mehreren Gründen von seiner Authentizität überzeugt. Die Motive, die Elser im Verhör nannte, scheinen ihnen ein erster Beleg dafür zu sein: sie sind völlig konträr zu den Darstellungen, die in der nationalsozialistischen Presse dem Volk unterbreitet wurden. Das Protokoll wurde als „Geheime Reichssache“ deklariert und blieb der Öffentlichkeit vorenthalten. Diese Maßnahme ist aus Sicht des NS-Regimes nicht verwunderlich, da Elser im Verhör die nationalsozialistische Politik scharf anprangerte. Weiterhin stellten die beiden Historiker Nachforschungen in Elsers Umfeld an, um die von ihm gemachten Angaben zu überprüfen. Sie stellten dabei in wesentlichen Punkten Übereinstimmungen fest. Auch in den Redewendungen kann man deutlich den schwäbischen Dialekt Elsers erkennen.
Diese einzige Quelle, die Informationen aus „erster Hand“ enthält, reichte jedoch nicht aus, um die Zusammenhänge umfassend darzustellen. Bisher unveröffentlichtes Material ergänzte die vorliegende Literatur und lieferte weitere interessante Einblicke in die damaligen Ereignisse. Zudem versuchte ich, durch Recherchen „vor Ort“, in Gesprächen mit Zeitzeugen und deren Nachkommen und mittels einer Vielzahl von Presseveröffentlichungen an Informationen zu gelangen.
Als wenig ergiebig erwies sich die fachdidaktische Literatur bezüglich dieses Themas: in den gängigen Schulbüchern wird Elser kaum erwähnt, die zu diesem Thema verfassten pädagogisch-didaktischen Abhandlungen sind spärlich.
Aus dieser Situation entstand die Idee, im Rahmen dieser Arbeit nicht nur die pädagogische und didaktische Bedeutung des Themas für den Geschichtsunterricht an Hauptschulen zu untersuchen, sondern darüber hinaus vielseitig verwendbares Material als Grundlage für die Unterrichtsarbeit zu erstellen. Dies soll an die Stelle eines Unterrichtsentwurfs treten, dessen praktische Erprobung mir im Augenblick nicht möglich wäre. Dabei möchte ich versuchen, unterschiedlichen didaktischen und methodischen Modellen gerecht zu werden und mir nicht nur Grundlagen für meinen eigenen späteren Unterricht schaffen, sondern vielleicht auch interessierten Kollegen eine Hilfestellung anbieten.
Um dieses Unterrichtsmaterial für den praktischen Einsatz leichter verfügbar zu machen, wurde eine Mappe mit Arbeitsmaterialien erstellt, die ich dieser Arbeit beilege.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 2 | |
| 1. | Voraussetzungen für das Attentat: Person und Erfahrungswelt Elsers | 5 |
| 1.1 | Lebenslauf | 5 |
| 1.1.1 | Kindheit und Jugend | 5 |
| 1.1.2 | Ausbildung und Gesellenjahre in Königsbronn | 7 |
| 1.1.3 | Jahre der Wanderschaft | 9 |
| 1.1.4 | Rückkehr nach Königsbronn | 10 |
| 1.2 | Lebenswirklichkeit im Zeichen der Hitler-Diktatur | 13 |
| 1.2.1 | Lage und Stimmung der Arbeiterschaft | 13 |
| 1.2.2 | Hitlers Weg in den Krieg | 21 |
| 1.3 | Persönlichkeitsmerkmale und Einstellungen | 30 |
| 1.3.1 | Wesenszüge und soziale Beziehungen | 30 |
| 1.3.2 | Einstellung zum Beruf | 34 |
| 1.3.3 | Einstellung zur Politik | 36 |
| 1.3.4 | Einstellung zur Religion | 40 |
| 1.3.5 | Zusammenfassung und kritische Anmerkungen | 42 |
| 1.4 | Versuch einer Deutung | 43 |
| 2. | Das Attentat: Vorbereitung, Durchführung, Folgen | 47 |
| 2.1 | Die Planung des Attentats | 47 |
| 2.1.1 | Die ersten Vorbereitungen in Königsbronn und Schnaitheim | 47 |
| 2.1.2 | Fortsetzung der Vorbereitungen in München | 51 |
| 2.2 | Der Tag des Attentats | 53 |
| 2.2.1 | Der Hitler-Ludendorff-Putsch am 8. November 1923 | 53 |
| 2.2.2 | Der 8. November 1939 | 54 |
| 2.3 | Verhöre und Ermittlungen | 58 |
| 2.3.1 | Die Ermittlungen in München | 58 |
| 2.3.2 | Verhöre in Königsbronn und Umgebung | 60 |
| 2.4 | Reaktionen und Wirkungen | 64 |
| 2.4.1 | Reaktionen der Reichsführung | 64 |
| 2.4.2 | Darstellung des Attentats in der Presse | 65 |
| 2.4.3 | Reaktionen der Kirchen und anderer gesellschaftlicher Gruppen | 67 |
| 2.4.4 | Reaktionen in Elsers Heimat | 68 |
| 2.4.5 | Reaktionen des Auslandes | 69 |
| 2.5 | Persönliche Folgen: Elsers Leidenszeit und Tod | 69 |
| 2.5.1 | Die Zeit im Konzentrationslager Sachsenhausen | 70 |
| 2.5.2 | Letzter Aufenthalt im Konzentrationslager Dachau | 71 |
| 3. | Deutungen und Wertungen | 73 |
| 3.1 | Mythen und Legenden: Georg Elser - ein Einzeltäter? | 73 |
| 3.1.1 | Ein inszeniertes Attentat der Gestapo? | 75 |
| 3.1.2 | Die „Hintermännertheorie“ Georg Vollmers | 77 |
| 3.1.3 | Die neuen „Erkenntnisse“ des Günter Peis | 83 |
| 3.1.4 | Hypothesen zum Tode Georg Elsers | 84 |
| 3.1.5 | Anmerkungen | 85 |
| 3.2 | Der Umgang mit Elser in der Nachkriegszeit | 87 |
| 3.2.1 | Einordnung Elsers in die Widerstandsbewegung | 88 |
| 3.2.2 | Wertung und Würdigung des Attentats von 1945-1989 | 93 |
| 3.2.3 | Die Entwicklung seit 1988 | 97 |
| 3.2.4 | Die aktuelle Diskussion um den Widerstand | 99 |
| 4. | Behandlung des Themas im Geschichtsunterricht | 102 |
| 4.1 | Pädagogische Bedeutung | 102 |
| 4.2 | Didaktische Überlegungen | 103 |
| 4.3 | Methodische Überlegungen | 104 |
| Zusammenfassung und Ausblick | 100 | |
| Literaturverzeichnis | 102 |
54 in schwere Bedrängnis. In Bayern verhängte man aufgrund der angespannten Lage am 26. September den Ausnahmezustand. Gustav von Kahr wurde von der bayrischen Regierung mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet. Kahr, General Lossow, Seisser, der Befehlshaber der Landespolizei, und General Ludendorff beabsichtigten, mit Hilfe des Militärs die Regierung in Berlin zu stürzen. Am 8. November hatten sich Kahr und seine Anhänger zu einer Kundgebung im Bürgerbräukeller versammelt. Der Deutsche Kampfbund um Hitler, Hess und Goering plante ebenfalls einen Staatsstreich und wollte Kahr zuvorkommen. Eine Gruppe von Nationalsozialisten riegelte den Bürgerbräukeller ab. Eine Vielzahl von rechten Verbänden mit einer Gesamtstärke von etwa 4300 Mann unterstützten Hitler bei seiner Aktion. Hitler stürmte den Saal, als Kahr mit seiner Rede begann, und feuerte mit einer Pistole an die Decke, um sich Gehör zu verschaffen. Anschließend rief er die „nationale Revolution“ aus. Nach einer kurzen Rede forderte er Kahr, Lossow und Seisser in einem Nebenzimmer ultimativ auf, mit ihm gemeinsam den „Marsch nach Berlin“ anzutreten. Die Überrumpelten gingen scheinbar auf diese Forderung ein. Nach dieser Unterredung erklärte Hitler die Regierung für abgesetzt. Ludendorff, Seisser, Lossow, Kahr und Hitler sollten vorübergehend die neue Regierung bilden. Die Menge, in der sich auch Ludendorff befand, applaudierte begeistert. Als Hitler den Saal verließ, konnten sich auch die Erpreßten freimachen und Gegenmaßnahmen einleiten. Kahr und Lossow verlegten die Regierung nach Regensburg, alarmierten Polizei und Militär und verboten die NSDAP am darauffolgenden Tag. Den Putschisten gelang es nicht, wichtige Positionen in München zu besetzen. Der Putsch drohte zu scheitern, nachdem republiktreue Reichswehreinheiten und Polizeiverbände massiv in das Geschehen eingriffen. Eine Straßendemonstration durch die Münchener Innenstadt sollte die Wende herbeiführen. An der Feldherrnhalle eröffnete die Polizei auf die Demonstrierenden das Feuer. Sechzehn Anhänger Hitlers kamen dabei ums Leben. Hitler selbst wurde später verhaftet und in Landsberg inhaftiert. Sein Buch „Mein Kampf“, das während seiner Haftzeit entstand, widmete er den sechzehn gefallenen „Märtyrern“ seiner Bewegung. Seit der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde dieses Ereignisses als Beginn der „nationalen Revolution“ in alljährlich pompösen Propagandainszenierungen gedacht, bei der sich die „alten Kämpfer“ und die nationalsozialistische Führung in Szene setzten. Die Zeremonie wurde jedes Jahr nach dem gleichen Muster abgehalten. In einem Marsch zogen die braunen Kolonnen von der Innenstadt zum Bürgerbräukeller. Hitler hielt jedes Jahr eine ungefähr zweistündige Propagandarede. Ein Marsch zur Feldherrnhalle bildete den Abschluß der Inszenierung. [...]
53 nes Uhrwerkes verlassen, so daß er in seinen Apparat zwei getrennt laufende Werke einbaute. Er gab sich auch nicht mit einem Schlagbolzen, der die Explosion auslösen sollte, zufrieden. Er verwendete drei Schlagbolzen, die drei Sprengkapseln entzünden sollten. Um zu vermeiden, daß man von außen das Ticken der Uhren hören konnte, versah Elser die Innenwand des Kastens mit Korkplatten, die den Schall verringerten. Teile der Korkplatten, die er in einem Münchener Geschäft erworben hatte, sollten später in den Trümmern entdeckt werden und ebenfalls Verdachtsmomente auf ihn lenken. Am 1. November 1939 begann Elser, seine Apparatur in die Säule einzubauen. Er setzte zunächst die Sprengstoffbehälter ein. Als er in der Nacht vom 4. auf den 5. November die Uhren einsetzen wollte, mußte er feststellen, daß der Uhrenkasten zu groß geraten war. Der Kasten mußte nochmals zu Hause an die Aushöhlung angepaßt werden. Am 5. November ließ er sich nach einer im Saal abgehaltenen Tanzveranstaltung erneut einschließen und baute den Zündmechanismus ein. „Zum Schluß mußte ich noch die beiden Uhren, die auf dem Transport selbstverständlich stehengeblieben waren, wieder in Gang setzen und die Uhrzeit auf diesen Uhren durch Vergleich mit einer Taschenuhr wieder richtig stellen.“1 Die Sprengung sollte am Mittwoch, dem 8. November, um 21.20 Uhr erfolgen. Elser wählte diesen Zeitpunkt, da er wußte, daß Hitler mit seiner Rede in den vergangenen Jahren immer gegen 20.30 Uhr begonnen und diese gegen 22.00 Uhr beendet hatte. Am Morgen des 6. November waren seine Arbeiten beendet. Er verließ München noch am selben Tag und fuhr zu seiner Schwester nach Stuttgart. Bereits am 2. November hatte er ihr seine Habseligkeiten zugesandt, weil er ohne Gepäck in die Schweiz fliehen wollte. Die Schwester schöpfte keinerlei Verdacht. Elsers Perfektionismus ließ ihn jedoch nicht zur Ruhe kommen, und er fuhr am 7. November zurück nach München, um zu prüfen, ob die Uhrwerke richtig liefen. In der Nacht überzeugte er sich vom ordnungsgemäßen Gang seiner Uhren. Alle Vorbereitungen für den kommenden Tag waren getroffen. [...]
52 am Oberschenkel, und diesen habe er unbeobachtet ausdrücken wollen. Außerdem habe er in dem Abstellraum in Ruhe einen Brief schreiben wollen. Der Pächter verwies ihn daraufhin lediglich des Saales, ohne daß es zu weiteren Konsequenzen kam. Die Arbeiten an der Säule verrichtete Elser mit einer Reihe von Werkzeugen, die er zum Teil von verschiedenen Münchener Handwerkern speziell zu diesem Zweck anfertigen ließ. Die Säule, die er aushöhlen mußte, war mit Backsteinen ausgefüllt. „Die Backsteine konnte ich nur dadurch entfernen, daß ich in die mit hartem Mörtel ausgefüllten Backsteinfugen mittels Bohrgewinde und Meißelbohrer nahe beieinanderliegende Löcher bohrte, den stehengebliebenen Mörtel mit dem Meißel ausbrach und dann die Backsteine mittels längerem Meißel (Hebelarm) stückweise ausbrach.“1 Elser arbeitete unter schwierigen Bedingungen. Das Aushöhlen der Säule verrichtete er stets im Schein seiner mit einem Tuch umwickelten Taschenlampe. Da er alle Arbeiten auf den Knien ausführen mußte, begannen sich diese zu entzünden. Diese Verletzungen waren später für die Sonderkommission ein wichtiges Indiz dafür, daß Elser der Täter gewesen sein mußte. Der nächtliche Arbeiter mußte darauf bedacht sein, die Steine möglichst leise auszubrechen. Das Behauen verursachte in dem Saal einen lauten Widerhall. Um möglichst wenig Lärm zu verursachen, wickelte er ein Tuch um den hinteren Teil des Meißels. So konnte der Schall gedämpft werden. Zu Hilfe kam ihm hierbei die automatische Klospülung des Hauses, die alle zehn Minuten einsetzte. Besonders laute Arbeiten wie das Herausbrechen der Steine konnte er in diesen kurzen Phasen verrichten. Auch für den anfallenden Schutt hatte Elser eine gute Lösung gefunden. Die Gesteinsbrocken fing er in einem Sack auf, der an der Öffnung der Aushöhlung befestigt war. Dessen Inhalt leerte er nach der Arbeit in einen Karton, den er in der Abstellkammer abstellte. Gegen Mittag betrat er mit einem Koffer den Saal von der Kellerstraße aus, leerte den Schutt hinein und schüttete ihn in die Isar. Elsers Planungen gingen so weit ins Detail, daß er auch einkalkulierte, jemand könnte einen Hohlraum hinter der Verkleidung vermuten, der durch das Abklopfen der Säule oder durch das Einschlagen eines Nagels für Dekorationszwecke entdeckt werden könnte. Elser hatte einen solchen Nagel an der Säule entdeckt. Er verringerte dieses Risiko, indem er eine Metallplatte an die Innenseite der Türverkleidung montierte. Während Elser nachts an der Säule arbeitete, widmete er sich am Tage seinem Apparat. Die genauen Größenverhältnisse konnte er erst Anfang Oktober bestimmen. Bei der Konstruktion der Apparatur ging ihr Erbauer mit äußerster Präzision vor. Er wußte, je tiefer er in die Säule vordringen konnte, desto größer war die zu erwartende Sprengwirkung. Verschiedene Einzelteile ließ er wiederum von Handwerkern fertigen. Elser versuchte, bei der Konstruktion seiner Apparatur alle möglichen Probleme, die sein Unternehmen gefährden könnten, zu berücksichtigen. So wollte er sich nicht auf das Funktionieren ei- [...]
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Arbeit zitieren:
Schauder, Olaf Januar 1997: Gegen Hitler und den Krieg: Der Attentäter Johann Georg Elser, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Attentat, Erfahrungswelt, Nachkriegszeit, Nationalsozialismus, Widerstand



