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Historische und politische Hintergründe der Quotendebatte auf dem SPD-Parteitag 1988 in Münster

Historische und politische Hintergründe der Quotendebatte auf dem SPD-Parteitag 1988 in Münster
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Simone Wilhelm
  • Abgabedatum: Mai 1999
  • Umfang: 107 Seiten
  • Dateigröße: 815,0 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-4709-0
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-4709-0 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-4709-0 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Wilhelm, Simone Mai 1999: Historische und politische Hintergründe der Quotendebatte auf dem SPD-Parteitag 1988 in Münster, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Frauenbewegung, SPD, Quotenregelung, Deutsche Geschichte

Magisterarbeit von Simone Wilhelm

Einleitung:

Frauen, verlaßt euch nicht auf die Männer!

Mit diesem sinngemäßen Aufruf August Bebels in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts sollten eigentlich die Arbeiter, für welche die Frau als Synonym stand, motiviert werden, gegen die Bourgeoisie zu kämpfen. Heute jedoch steht der Ausspruch als Synonym für den Kampf der Frauen um die Partizipation in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Warum aber sollte eine Partei, die schon seit ihrer Gründung vor mehr als 100 Jahren die Freiheit und Gleichheit auf ihre Fahnen geschrieben hatte, diese innerhalb ihrer Strukturen nur für ihre Brüder durchsetzen? Warum entwickelte sich die Gleichheit für die Frauen als besonderes Ziel? Den Frauen stand ein langer und kräftezehrender Weg bevor. Die Erkenntnis der strukturellen Ausgrenzung war der erste Schritt, den die Frauen aus dem Schatten ihrer männlichen Kollegen hinaustraten. Partizipation am politischen Prozeß war gefordert, und die Quote sollte diese endlich gewährleisten, da alle anderen politischen und gesellschaftlichen Mittel nicht gefruchtet hatten. Aus dem Kampfruf der Brüder wurde der Kampfaufruf der Frauen: „Schwestern zur Sonne zur Gleichheit!“.

In der Diskussion um die Quote während des Münsteraner Parteitages von 1988 zeigte sich, daß die Frage der gleichberechtigten Teilnahme von Männern und Frauen am innerparteilichen Willensbildungsprozeß der SPD unweigerlich mit strukturellen Problemen der Sozialdemokraten und ihrer Geschichte verbunden war. Diese Probleme, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Partei zogen, bestanden in der internen Auseinandersetzung um den Gleichheitsbegriff, der Entwicklung zur Volkspartei und der permanent bestehenden Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis sozialdemokratischer Politik. Die traditionelle Bindung zwischen sozialdemokratischer Partei und den Gewerkschaften spielt in diesem Zusammenhang keine wesentliche Rolle.

Gang der Untersuchung:

Da die Auseinandersetzungen um die Quote innerhalb der SPD eng mit der Frauenbewegung verknüpft waren, wird als Einführung in die Problematik die theoretische und philosophische Basis der Frauenbewegung beschrieben.

Aufbauend auf diesen Grundlagen schließt sich in einem zweiten großen Kapitel die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland an. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Analyse der proletarischen und sozialdemokratischen Frauenbewegung, denn die Auseinandersetzung über Mitbestimmung von Frauen im politischen Prozeß fußt auf diesen historischen Grundlagen.

Da die Diskussion um die Quote wesentlich vom Selbstverständnis und von der Stellung der Frau innerhalb der SPD abhängt, wird dargestellt, auf welche Art und Weise sich das Selbstverständnis der sozialdemokratischen Frauen im Laufe der Zeit gewandelt hat.

Danach schließt sich die Betrachtung der Quotendebatte an, wie sie auf dem Parteitag von Münster geführt wurde. Um die Debatte in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext zu verstehen, folgt eine Darstellung der politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der achtziger Jahre. Um einen Überblick über die wichtigsten Argumente der Diskussion über die Quotierung zu geben, werden ausgewählte Argumente thematisch wiedergegeben.

Im folgenden werden die Argumente, wie sie auf dem Parteitag ausgesprochen wurden, auf ihre historischen und politischen Hintergründe hin untersucht. Folgende Thesen werden erörtert: Bis in die siebziger Jahre war die Quotierung als Mittel zum Zweck für die SPD kein bedeutendes Thema, die Quotendebatte selber kann also nicht auf einen durchgängigen historischen Entwicklungsprozeß zurückblicken.

Die Frage, ob die Quote mit den Gleichheitsprinzipien der SPD in Einklang zu bringen sei, wurde nach einer langen und kontrovers geführten Diskussion mehrheitlich bejaht.

Mit dem Wandel der SPD von einer Arbeiterpartei zu einer Volkspartei fand auch eine Veränderung der weiblichen Mitgliederstrukturen innerhalb der Partei statt, die wesentlichen Einfluß auf die Entstehung der Quote hatte.

Das Grundproblem der Partei – das Auseinanderklaffen zwischen theoretischem Anspruch und praktischer Politik – offenbarte sich auch im Verhältnis der Partei zu ihren weiblichen Mitgliedern. Die Quote sollte hier Abhilfe schaffen.

Im anschließenden Exkurs wird dargestellt, inwieweit sich die Quote bis heute durchgesetzt hat und ob der Gleichstellungsprozeß innerhalb der Partei abgeschlossen ist.

In einem Fazit werden zuletzt die wichtigsten Ergebnisse dieser Analyse über die historischen und politischen Hintergründe der Quotendebatte auf dem SPD-Parteitag 1988 in Münster zusammengefaßt.

In Wissenschaft und Forschung findet die Quotendebatte der SPD nur wenig Beachtung. Die entscheidenden Werke über die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) sind die Dissertationen von Wolfgang Pausch von 1985 über „Die Entwicklung der sozialdemokratischen Frauenorganisationen“, von Ulrike Honnen mit dem Titel „Vom Frauenwahlrecht bis zur Quotierung“ aus dem Jahr 1988 und von Gaby Brüssow zum Thema „Frauenpolitik: zum Verhältnis von Frauen und Politik am Beispiel von Frauenorganisationen der Parteien SPD und die Grünen“ von 1996. Zur Darstellung der proletarischen Frauenbewegung ist es unverzichtbar, die Schriften von Clara Zetkin und Lily Braun sowie anderer bedeutender sozialdemokratischer Frauen dieser Zeit zu lesen. Des weiteren wurden vor allem Artikel aus politischen Zeitschriften und der Tagespresse sowie die Jahrbücher der SPD zur Recherche herangezogen.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 2
I. Einführung in die Problematik: Theoretische und philosophische Grundlagen der Quotendebatte 5
1. Begriffsbestimmung 5
2. Definition des Geschlechterverhältnisses: Sind Männer und Frauen gleich? 7
2.1 Differenzansatz: Frauen und Männer sind verschieden 8
2.2 Gleichheitsansatz: Es gibt nur den einen Menschen 9
II. Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland: Der lange Weg zur Anerkennung 13
1. Veränderung der Frauenbewegung: Von Bildungsvereinen zu Selbsthilfegruppen 13
1.1 Bürgerliche Frauenbewegung 13
1.2 Die Neue Frauenbewegung 16
2. Von der proletarischen Frauenbewegung zur sozialdemokratischen Frauenbewegung 18
2.1 Spaltung der proletarischen Frauenbewegung 20
2.2 Die Stellung der Frau in der SPD vor dem 2. Weltkrieg 25
2.3 Die sozialdemokratische Frauenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland 32
III. Quotendebatte des Parteitages 40
1. Rahmenbedingungen des Parteitages 40
2. Argumente und Grundprobleme der Quotendebatte 45
2.1 Thematische Darstellung der entscheidenden Argumente 46
2.1.1 Die Quote als Ergebnis eines historischen Prozesses? 47
2.1.2 Quote kontra Demokratie? 48
2.1.3 Frauenbeteiligung als Überlebensfrage? 49
2.1.4 Quote als letztes Mittel? 51
2.2 Grundprobleme der Quotendebatte 52
2.2.1 Die Quotendebatte: ein Kind der siebziger Jahre 53
2.2.2 Die Quote als Hüterin demokratischer Prinzipien 56
2.2.3 Die Quote als Folge des Wandels zur Volkspartei 62
2.2.4 Die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis als Dilemma der Frauen 65
2.2.5 Die Gewerkschaften als letzte Bastion männlicher Dominanz 72
3. Exkurs: Wie realisiert ist die Quote heute? 73
IV. Fazit 77
Abkürzungsverzeichnis: 80
Literaturverzeichnis: 80
Anhang: 95

Automatisiert erstellter Textauszug:

Arbeitsrecht trotz der schlechten wirtschaftlichen Situation des Landes und der großen Arbeitslosigkeit der Frauen in den siebziger Jahren verbessert.251 Dennoch war die Frauenerwerbstätigkeit nicht voll anerkannt, immer noch wurden Frauen als die Reservearmee angesehen.252 Selbst heute wird noch von direkten wie auch indirekten Diskriminierung von Frauen in der Arbeitsmarktpolitik ausgegangen.253 Nicht nur im Erwerbsleben waren Frauen in den sechziger Jahren aber auch später noch eher Ausnahmeerscheinungen in Führungspositionen,254 sondern auch in der politischen Vertretung waren sie, obwohl sie mindestens die Hälfte der Bevölkerung stellten, unterrepräsentiert. Wegen des Wiederaufblühens und der Modifizierung des Ideals der Weiblichkeit zu Beginn der achtziger Jahre sahen viele Frauen die Notwendigkeit einer Verstärkung ihrer politischen Arbeit und der Forderung nach Partizipation gegeben. 255 Ein Jahr vor dem Münsteraner Parteitag der SPD fielen von insgesamt 519 Sitzen im 11. Bundestag von 1987 direkt nach der Wahl nur 81 Sitze auf Frauen, das entspricht 15,6%. 16,9% der Abgeordneten, die die SPD stellte waren weiblich.256 Geschlecht und Partei der Abgeordneten des 11. Bundestages [...]

schaffung des „patriarchalischen Geschlechterverhältnisses und der Frauenunterdrückung“244 zum Ziel. Während der Beginn der achtziger Jahre in der Innenpolitik der Bundesrepublik von Spannungen gekennzeichnet war, zeichnete sich außenpolitisch immer mehr die Reformierung der UdSSR und die Entspannung der Ost-West-Konfliktes an. Der INF-Vertrag245 von 1987 hatte den Rüstungsabbau besiegelt, und der Staatsbesuch Honneckers im September 1987 deutete auf eine Verbesserung des deutsch-deutschen Verhältnisses hin. Betrachtet man die internationale Frauenbewegung, so hatten nur die Entwicklungen in Norwegen wesentlichen Einfluß auf die Quotendebatte der SPD.246 Die Sozialistische Fraueninternationale, die 1987 ihren 80. Geburtstag gefeiert hatte, verstärkte ihre Forderungen nach Gleichheit, und bestimmte das 1981 eingeführte Statut der norwegischen Arbeiterpartei als Vorbild.247 Die Gleichstellung der Geschlechter in den der Sozialistischen Fraueninternationale angeschlossenen Parteien war sehr unterschiedlich; in den Niederlanden, Italien oder Österreich wurden zum Beispiel zahlenmäßig festgelegte Frauenanteile beschlossen, in Ecuador und Venezuela hingegen wurden sie abgelehnt.248 In Italien fand die Frauenbewegung ihren Höhepunkt in den siebziger Jahren.249 Wie schon beschrieben, hatten sich die verschiedenen Strömungen der Frauenbewegung immer mehr etablierten. Ähnlich wie die Umweltpolitik durch die Grünen gesellschaftsfähig geworden war, waren auch durch die Protestaktionen gegen den § 218 die Frauenorganisationen zu einer Massenbewegung herangewachsen, die alle gesellschaftlichen Schichten durchdrang.250 Auch hatte sich nach dem Regierungswechsel zur sozialliberalen Koalition die juristische und soziale Situation der Frauen durch verändertes Familienrecht und [...]

1987 wurde Hans-Jochen Vogel im Laufe der zunehmenden innerparteilichen Auseinandersetzungen auf dem Sonderparteitag auch als neuer Vorsitzender für den zurückgetretenen Willy Brandt gewählt. Trotz des herben Verlustes für die SPD kann die Wahl von 1983 als Zäsur gesehen werden: Die Erneuerungsfähigkeit des politischen Systems wurde durch den Einzug der Grünen in den Bundestag bewiesen. Neue soziale Bewegungen, zu der Pausch auch die Neue Frauenbewegung zählt,239 schienen durch diese parlamentarische Legitimation der Grünen erstmals auf gesellschaftliche Akzeptanz gestoßen zu sein. Die Bundestagswahl vom Januar 1987 schien diesen Trend zu bestätigen, die großen Parteien verzeichneten Stimmenverluste, die kleineren Parteien bekamen mehr Stimmen als in den Bundestagswahlen zuvor. Zu einem Regierungswechsel führte dies allerdings nicht. Allgemein ist von einem „Wertewandel“240 in dieser Zeit die Rde, einer Abkehr von den traditionellen Werten wie Ruhe, Ordnung und Fleiß. „Statt dessen wurden nun Forderungen nach umfassender Demokratisierung, einer Erneuerung und Ausweitung des Emanzipationsgedankens, Betonung der Reformierbarkeit des Gesellschaftssystems und konkretes Einfordern gesellschaftlicher Veränderungender privaten Lebensführung (sexuelle Liberalisierung, steigende Scheidungsraten) und tendenzielle Angleichung der Geschlechterrolle zu relevanten neuen Werten erhoben.“241 Dieser Wertewandel äußert sich auch in einer Politikverdrossenheit und dem Unmut der Bürger gegen die etablierten Organisationen der Politik, die ihre Bestätigung in tatsächlichen Affären und Spionagefällen fanden. Der Wandel in der Gesellschaft brachte für die traditionellen Parteien und vor allem für die SPD einen Druck von außen zu Reformen, dem man sich nur schwer entziehen konnte.242 Es zeigte sich, daß vor allem das Jungwählerpotential zu den Grünen tendierte und daß auch die Frauen in der grünen Partei ihre Rechte stärker vertreten sahen.243 Die Grünen strebten über die Gleichstellung der Geschlechter die Umgestaltung der Gesellschaft in allen Bereichen an und setzten sich die Ab- [...]

Arbeit zitieren:
Wilhelm, Simone Mai 1999: Historische und politische Hintergründe der Quotendebatte auf dem SPD-Parteitag 1988 in Münster, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Frauenbewegung, SPD, Quotenregelung, Deutsche Geschichte

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