Heterosexualität: Naturgegebenes Faktum oder kulturelle Norm?
Theorien über das System der Zweigeschlechtlichkeit
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Anja Frädrichsdorf
- Abgabedatum: September 2005
- Umfang: 110 Seiten
- Dateigröße: 438,6 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Leibniz Universität Hannover Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-9318-9
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-9318-9 P - ISBN (CD) :978-3-8324-9318-9 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Frädrichsdorf, Anja September 2005: Heterosexualität: Naturgegebenes Faktum oder kulturelle Norm?, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Ethnanethodologie, Sozialkonstruktivismus, Gendering-Ansatz, Feminismus
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Magisterarbeit von Anja Frädrichsdorf
Gang der Untersuchung:
Ist die bipolare Geschlechterkonstellation „Frau/ Mann“ eine universale Gegebenheit, die als ein natürliches Phänomen anzusehen ist, oder ist die Kategorie „Geschlecht“ eine menschliche Erfindung, die je nach Kultur und Gesellschaft anders ausgelegt, anders gelebt und anders bewertet wird? Mit dieser Frage beschäftigt sich diese Arbeit.
Der Berechtigung dieser Frage wird in der Arbeit nachgegangen. Es gibt historische, anthropologische und soziologische/sozialpsychologische Ansätze, die eine Erschütterung des Zwei-Geschlechter-Prinzips bewirken. „Geschlecht“ ist als soziales Gliederungsprinzip zwar in allen uns gekannten Gesellschaften von Bedeutung, die lebenslange Festlegung auf ein Geschlecht – ein männliches oder ein weibliches – ist dagegen nicht ubiquitär: Es gibt Ethnien, in denen es kein Tabu ist, wenn ein Mann sich entscheidet, eine Frau zu werden und einen Mann zu heiraten, oder wenn eine Frau Sexualität mit einer Frau teilen will. Allgemeingültig für alle Kulturen dieser Erde ist allein, dass die Menschen in Geschlechter klassifiziert werden sowie die Existenz der einander ausschließenden männlichen und weiblichen Geschlechter. So ist es nicht selbstverständlich, wenn Heterosexualität als Norm gesetzt und das System der Zweigeschlechtlichkeit als bipolares verordnet wird.
Anhand vor allem sozialkonstruktivistischer Ansätze wird geklärt, wie das weltweit dominierende Konzept einer dichotomen Zweigeschlechtlichkeit diskursiv begründet wird, was hinter den naturalisierenden Argumentationen steckt, mit welchen Mechanismen es aufrecht erhalten wird und welchen Interessen es dient. Im US-amerikanischen Feminismus wurde diese Diskussion angestoßen durch Harold Garfinkels Studie über eine Transsexuelle, die als Fall „Agnes“ in der Geschlechterforschung Furore gemacht hat. Die dort entbrannte Problemstellung wird in sozialkonstruktivistischen Ansätzen aufgegriffen: Sind nur die gesellschaftlich-kulturellen Konzepte über das „Frau-“ bzw. „Mannsein“, das „Gender“ also als sozial konstruiert zu betrachten gelten haben oder ist bereits das biologische Geschlecht, die Kategorie „Sex“, die zunächst nicht hinterfragt worden war, eine gesellschaftliche Konstruktion. Entlang dieser Debatte wird einleitend die Entwicklung der feministischen Theoriebildung im anglo-amerikanischen und im deutschsprachigen Raum nachgezeichnet. In einem Exkurs, in dem Studien über die unterschiedliche Begrifflichkeit von „Geschlecht“ in verschiedenen Sprachen aufgearbeitet wird, wird noch einmal deutlich, wie vieldeutig und wirksam und Geschlechterkategorien sind.
Im Hauptteil der Arbeit werden jene Theoriestränge genauer behandelt, welche die alltägliche Herstellung von „Geschlecht“ zum Fokus haben. Bevor feministische ethnomethodologische Ansätze zu diesem Thema vorgestellt werden, wird sorgfältig den traditionellen Vorgaben aus der Transsexuellen–Forschung (Garfinkel, Stoller) nachgegangen, an denen sich nachfolgende Studien orientieren. Auch die Vorläufer eines feministischen Sozialkonstruktivismus (Goffman, Schütz, Luckmann u.a.) werden detailliert zur Diskussion gestellt. Deren Beiträgen wird der ihnen gebührende Tribut gezollt. Es werden weiter die epistemologischen Engführungen angesprochen, die in der Anlage und Weiterführung phänomenologisch-soziologischer Ansätze auf Kritik gestoßen sind (Reduktion auf beschreibende Verfahren, die Abkehr von der Frage nach dem „Warum“, und nach Problemkonstellationen sowie die phänomenologische Wertneutralität und Indifferenz).
Dieser Teil der Arbeit ist besonders ausführlich und stellt differenziert und detailliert die Rekonstruktion der Geschichte von Gendering- Ansätzen dar.
Es folgen dann die US-amerikanischen und deutschen feministischen Beiträge zum „ethnomethodological approach“ bzw. zum Sozialkonstruktivismus (West/Zimmerman, Kessler/McKenna, Hagemann-White, Gildemeister/Wetterer). Die Verdienste und Grenzen dieser Ansätze zum Phänomen der „Zweigeschlechtlichkeit“ werden vorgestellt und diskutiert. Die Anstrengung, einen Weg zu öffnen, die Zwangsidentitäten zu durchbrechen, die mit der Kategorisierung von Menschen als „Frauen“ als „Männer“ verbunden sind, wird deutlich hervorgehoben.
Die mangelnde subjekt- und gesellschaftheoretische Fundierung der Argumentationen wird abschließend kritisch betrachtet. Diese Kritik wird in einem Ausblick in sofern konkretisiert, als zum Schluss andere feministische Theorien zur Zweigeschlechtlichkeit zu Wort kommen, die dem Zusammenhang von „Individuation, Vergesellschaftung und Geschlecht“ im Rahmen von Sozialisationstheorien und einer psychoanalytisch orientierten Sozialpsychologie beizukommen versuchen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 2 |
| 1.1 | Das Sex-Gender-System und die Frage nach der Relevanz von Geschlechtskategorien | 3 |
| 1.2 | Entwicklung feministischer Theoriebildung im anglo-amerikanischen und im deutschen Raum | 11 |
| 1.3 | Exkurs: Der Begriff “Geschlecht“ in anderen Sprachen | 13 |
| 2. | Theorien über die Aneignung des Symbolsystems der Zweigeschlechtlichkeit | 21 |
| 2.1 | Einleitung | 21 |
| 2.2 | Die alltägliche Herstellung von Geschlecht (Gendering-Ansätze) | 25 |
| 2.2.1 | Ethnomethodologische Ansätze | 27 |
| 2.2.1.1 | Die Entstehung der Ethnomethodologie | 29 |
| 2.2.1.2 | Zentrale Begriffe und Thesen | 38 |
| 2.2.1.3 | Transsexualität: Garfinkels Analyse des Falles „Agnes“ | 47 |
| 2.2.1.4 | Nachfolgende Ethnomethodologische Studien | 57 |
| 2.2.2 | Sozialkonstruktivismus in der BRD (Hagemann-White, Gildemeister/Wetterer) | 64 |
| 2.2.3 | Der Ansatz von Goffman: Interaktion und Verstetigung von interaktiv gewonnenem Alltagswissen in Institutionen und Geschlechterarrangements | 75 |
| 2.3 | Judith Butlers Geschlechtertheorie | 84 |
| 3. | Andere feministische Überlegungen zur Zweigeschlechtlichkeit | 87 |
| 3.1 | Gender und Society: Sozialisationstheoretischer Ansatz | 87 |
| 3.2 | Innersubjektive Theorien der Psychoanalyse | 90 |
| 4. | Schlussbetrachtungen | 95 |
| 5. | Literaturverzeichnis | 97 |
einmal festgestellt, bleibt bestehen; unabhängig von Zeit, Anlass, Umstand oder Überlegungen praktischer Art. 8. Wechsel in der Geschlechterverteilung einer Gesellschaft sind nur auf drei Wegen möglich: Geburt, Tod oder Migration. 9. Auch für den Fall von Uneindeutigkeiten: Die Klassifikation in eines der beiden Geschlechter muss geschehen. Es gibt keine Möglichkeit, ohne die Einteilung in der Zweiteilung zu existieren, etwa durch ein oder weitere Geschlechter oder durch das Fehlen einer Zuordnung. 10. Der legitime Besitz einer Vagina oder eines Penis ist wesentlich. Es ist nicht relevant, ob eine Person ihr Geschlecht durch Alter, Krankheit, Unfall oder Operation verliert, sondern wichtig ist allein ihr normaler und legitimer bei der Geburt festgelegte Status. (A.a.O. S. 122 ff.) [...]
Jedes normale Gesellschaftsmitglied (natural, normally sexed person) geht von Folgendem aus: 1. Die Gesellschaft besteht aus zwei – und nur zwei – Geschlechtern. 2. Es handelt sich um eine moralisch dichotomisierte Gesellschaft und nicht um eine biologische, medizinische, urologische, soziologische oder psychologische Teilung. 3. Das erwachsene Gesellschaftsmitglied betrachtet sich selbst als Teil dieser Welt. 4. Mitglieder unserer Gesellschaft sind entweder männlich oder weiblich und zwar, dem Wesen nach, ursprünglich, von Anfang an, immer gewesen, werden es immer sein, ein für allemal und letzten Endes. 5. Es gibt bestimmte Geschlechts-Insignien, die als wesentlich für ein normales Gesellschaftsmitglied gelten: Das ist der Penis für den Mann und die Vagina für die Frau. Allerdings ist dies eine ganz und gar kulturelle Vorstellung. Es geht nicht um die tatsächliche Existenz einer Vagina, sondern um die Insignie Vagina. Vergleiche Punkt 10. 6. Die gesellschaftliche Zuordnung zu einem der beiden Geschlechter erfolgt bereits vor der Geburt und ändert sich auch mit dem Tod nicht. 7. Für normale Gesellschaftsmitglieder ist die Einteilung in zwei Geschlechter ein Naturtatbestand. Weil die Natur es so eingerichtet hat, gibt es Männer und Frauen. Sie betrachten deshalb die wissenschaftliche Vorstellung von Zoologen oder Biologen über die Existenz eines Kontinuums, anstelle von zwei klar voneinander unterscheidbaren Geschlechtern, als unglaubwürdig. Das Geschlecht, [...]
sie „[...] insisted that her male genitals were a trick of fate, a personal misfortune, an accident, above all ‘it was beyond my control’ whose presence she never accepted.“ (A.a.O: S. 131) Beide, Agnes und Bill, waren ungeachtet der Tatsache von Agnes’ körperlicher Ausstattung wie alle anderen engagierten und vertrauenswürdigen Gesellschaftsmitglieder davon überzeugt, dass das menschliche Geschlecht aus einem weiblichen und einem männlichen besteht, und dass alle, die von dieser Vorstellung abweichen „incompetent, criminal, sick, and sinful„ (a.a.O. S. 122) – eben „Freaks“ – sind (a.a.O. S. 125). GARFINKEL hat aufgelistet, welche Auffassungen diese engagierten und vertrauenswürdigen Gesellschaftsmitglieder bezüglich des Geschlechts miteinander teilen. [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832493189
Arbeit zitieren:
Frädrichsdorf, Anja September 2005: Heterosexualität: Naturgegebenes Faktum oder kulturelle Norm?, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Ethnanethodologie, Sozialkonstruktivismus, Gendering-Ansatz, Feminismus



