Heinrich Heine und Friedrich Nietzsche
Eine Untersuchung zur Kongruenz im Denken beider Autoren
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Karl Knispel
- Abgabedatum: August 1997
- Umfang: 128 Seiten
- Dateigröße: 799,5 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Gerhard-Mercator-Universität Duisburg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-0646-2
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-0646-2 P - ISBN (CD) :978-3-8324-0646-2 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Knispel, Karl August 1997: Heinrich Heine und Friedrich Nietzsche, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Christentum, Dualismus, ewige Wiederkunft, Sprache, Tod Gottes
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Magisterarbeit von Karl Knispel
Einleitung:
Parallelen oder sogar Kongruenz im Denken von Heinrich Heine und Friedrich Nietzsche? Mutet das zunächst nicht paradox an...?!
Heine, der furchtlose Kämpfer mit der spitzen Feder, der sich für Werte wie soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Revolution stark gemacht hat - er, der "linke Dichter", soll etwas gemein haben mit dem "Gottesmörder", dem "Wertezertrümmerer" Nietzsche, der in elitärer Weise den "Untergang" der Menschen und die Heraufkunft eines "Übermenschen" verkündete? Worin sollen sie denn bestehen, diese Gemeinsamkeiten zwischen Heine, dem revolutionären Geist, dem schwärmerischen Dichter der Liebe, der von seinen Freunden geliebt wurde, bei seinen Feinden und Neidern hingegen verhaßt war ob seines scharfzüngigen Spottes über die Menschen und die Gesellschaft seiner Zeit...? Und auf der anderen Seite Nietzsche, dem Dekonstrukteur des gesellschaftlich Überkommenen, mit seinen zum Teil nur schwer verdaulichen "Tiraden", die den "strikten Egoismus" verkündend die "Härte" gegen sich selbst ebenso einforderten wie die "Härte" gegen Andere...?
Die vorliegende Untersuchung hat sich zum Ziel gesetzt, durch eine schwerpunktorientierte Analyse ausgewählter Denkinhalte beider Autoren dieser in Frage stehenden und in der literaturwissenschaftlichen Forschung m. E. bis dato allenfalls unbefriedigt beantworteten "Problematik" nachzugehen. Zwar hat die literaturwissenschaftliche Forschung eine Unmenge an Material über die hier zur Diskussion stehenden Autoren zusammengetragen und viele Winkel ihres Denkens eingehend "durchleuchtet". Aber der "blinde Fleck" ist nicht zu leugnen: In der Auseinandersetzung um den ideengeschichtlichen Kontext des 19. Jahrhunderts werden Heine und Nietzsche nur selten in einem Atemzug genannt. Wo doch - wie später zu zeigen sein wird - Nietzsche in einigen charakteristischen Bereichen in Heine eine Art unmittelbaren Vorläufer, wenn nicht gar ein "Vorbild" seines Denkens gefunden zu haben scheint... Klar ist hierbei nur, daß sich Nietzsche in seinem Werk allein da explizit auf Heine bezieht, wo es sich um die Würdigung der Heineschen Dichtkunst handelt. Lediglich dort, was im ersten Kapitel der Arbeit aufgewiesen wird, ist von einer direkten "Vorbildwirkung" die Rede. Ansonsten schweigt sich Nietzsche über Heine aus. Um so augenfälliger sind die punktuellen Übereinstimmungen zwischen beiden Autoren, insofern sich doch so manches, was Nietzsche später für sich reklamiert, bereits bei Heine in nahezu wortgetreuer und gedanklicher "Vorfertigung" aufspüren läßt.
Die literaturwissenschaftliche Forschungsrichtung hat diesen "Anhaltspunkten" m. E. bisher nur ansatzweise Rechnung getragen: Zwar erschien im Jahre 1972 ein Aufsatz von Hanna Spencer, der viele einander entsprechende Elemente im Werk der beiden deutschen Literaten aufzählt. Aber eben nur aufzählt! Es folgt keine tiefergehende Analyse nach. - Fast 20 Jahre später, anläßlich der Benennung der Düsseldorfer Universität nach Heinrich Heine, erinnerte Prof. Dr. Herwig Friedl an die geistige Nähe im Schaffen beider Dichter und Denker. Die rar gesäten Aufsätze des englischsprachigen Raumes hingegen sind ihrer Intention nach vor allem den Gemeinsamkeiten in der Lyrik Heines und Nietzsches gewidmet.
Gang der Untersuchung:
Leider kann die folgende Untersuchung nur die "wichtigsten" verwandten Elemente im Gesamtwerk Heines und Nietzsches vergleichend in den Blick nehmen. Eine Überblicksdarstellung ist demgemäß also nicht beabsichtigt, würde doch die Fülle des zur Verfügung stehenden Materials den durch die Aufgabenstellung notwendigerweise knapp gesteckten Rahmen dieser Arbeit sprengen. So müssen zentrale Aspekte wie beispielsweise die Funktion von "Ironie" und "Lachen", das Deutschlandbild beider Autoren, die Bedeutung des "Tanzes" und Elemente der Lyrik unberücksichtigt bleiben.
Vielmehr ist daran gelegen, die sinnfälligen und essentiellen Momente der Kongruenz zwischen Heine und Nietzsche aufzugreifen und dann eingehender zu analysieren, um so die Hauptlinien der stilistischen bis weltanschaulich-philosophischen Affinitäten im Denken und Schaffen der beiden deutschen Autoren explizieren zu können. Die hier getroffene Auswahl trägt m. E. diesem Anliegen Rechnung.
Am Anfang der Arbeit steht die Analyse der Gemeinsamkeiten im sprachlichen Stil. Es wird dargestellt, daß sich Sprachform und Gedankeninhalt gegenseitig bedingen, daß aphoristischem Ausdruck sowie metaphorischer Verschlüsselung von beiden Dichtern ein hoher Stellenwert eingeräumt wird. Beide sehen in einem "prä-rationalen", vorbegrifflichen Bereich die eigentliche und kreative Erkenntnisleistung schöpferischer Menschen angesiedelt. An dieser Stelle wird auch die philosophische Herleitung des Sprachproblems durch Nietzsche ihre Berücksichtigung finden.
Das zweite Kapitel ist dem zentralen Moment der "Kritik am Christentum" gewidmet, wobei Heines und Nietzsches jeweilige Versionen vom "Tode Gottes" im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Diese These wird im landläufigen Sinne beständig Nietzsches Urheberschaft zugeschrieben, und er selbst beanspruchte dies ja auch für sich! Anhand fast wortgetreuer Entsprechungen, wie sie bei Heine bereits ein halbes Jahrhundert zuvor zu finden sind, wird jedoch die Bedenklichkeit dieser Zuschreibung aus wissenschaftlicher Perspektive ersichtlich. Weiterhin werden die sich aus dieser These für beide Autoren ergebenden Konsequenzen erörtert, wobei abermals dargelegt werden kann, daß Heine wie Nietzsche auch in dieser Hinsicht durchaus "in eine Richtung" weitergedacht haben. Da sich aus Nietzsches radikalerem Denken aber sehr wohl auch deutliche Unterschiede zu Heine ergeben, wird die These vom "Tode Gottes" abschließend noch im ideengeschichtlichen Kontext betrachtet.
Aus methodischen Gründen erfolgt im dritten Kapitel ein Wechsel der Betrachtungsperspektive. Untersucht wird hier das Denken beider Autoren anhand einander adversativer Prinzipien. Jedoch kann dabei nicht nur eine formale, sondern in Zusammenhang mit der engen inhaltlichen Verknüpfung mit dem Gegenstand des zweiten Kapitels eine substantielle Kongruenz gerade da aufgezeigt werden, wo Heines und Nietzsches Reflexionen um die "Lebensfeindlichkeit des Christentums" kreisen. Beide versuchen, antithetische Prinzipien in einer höheren Einheit aufzulösen. Das klingt zunächst nach dialektischem Denken, meint aber eine Synthesis mit Übergewicht eines determinierenden Momentes, welches bei ihnen beiden im "Primat des Lebens" und im "kreativ-schaffenden" Menschen zu finden ist: Hier treffen sich Nietzsches "Übermensch" und Heines "göttlicher Mensch".
Im vierten Teil der Abhandlung schließlich wird der Gesichtspunkt der "Wiederkunftslehre" im Denken dieser beiden Dichter in den Fokus der Untersuchung gerückt. Diesem Gedanken fällt im Schaffen Heines und Nietzsches jeweils unterschiedliche Gewichtung zu. Während bei Heine die Wiederkunftslehre eher "am Rande" behandelt wird und dem "zweifelnden Denken" zuzuordnen ist, stellt sie bei Nietzsche das zentrale und wichtigste Moment seiner Philosophie dar. Diesem Umstand den angebrachten wissenschaftlichen Respekt zollend, endet die vorliegende Untersuchung auch mit der philosophischen Herleitung und Erörterung dieser "Universalfrage".
Philosophische, kulturkritische und gesellschaftsgenealogische Überlegungen sind vor allem beim "Philosophen" Nietzsche, aber auch beim "Dichter" Heine grundsätzlich über das gesamte Werk verteilt. Jedoch sind an dieser Stelle zwei zentrale Aufsätze Heines zu nennen, in welchen er sich - expliziter als in seinen übrigen Schriften - in theoretischer Ausformung gezielt diesen Themen zuwendet: einmal "Die Romantische Schule" von 1833, zum anderen "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" von 1834.
Abschließend sei noch betont, daß mit - oder besser: trotz der thematischen Zusammenführung in dieser wissenschaftlichen Arbeit keinesfalls die Intention verfolgt werden soll, die Dichter und Denker Heinrich Heine und Friedrich Nietzsche in ihrem Schaffen etwa "gleichzuschalten"! In ihren Werken überwiegen zuletzt die divergenten Töne. Nur steht die Behandlung dieser Frage hier nicht zur Aufgabe. Vielmehr liegt es im Bestreben dieser Arbeit, durch die analytische Herausarbeitung der vielfältigen Affinitäten im Denken Heines und Nietzsches auch einen Beitrag zu leisten zur Relativierung der üblichen Kategorisierungen, welche durch die unselige Inanspruchnahme von Schriftstellern durch die verschiedensten ideologischen Richtungen hervorgerufen wurden.
Inhaltsverzeichnis:
| EINLEITUNG | 04 | |
| KAPITEL I | AFFINITÄT IN SPRACHE, AUSDRUCK UND STIL | 08 |
| I.1. | Die aphoristische Ausdrucksform | 09 |
| I.2. | Die essayistische Ausdrucksform | 14 |
| I.3. | Techniken des Aphorismus | 16 |
| I.3.1. | Witz und Paradox | 16 |
| I.4. | Metaphorische und parabolische Grundzüge der Sprache | 19 |
| I.4.1. | Philosophische Analyse des Sprachproblems | 20 |
| I.4.2. | Beispiel: das parabolische Gleichnis bei Friedrich Nietzsche | 25 |
| I.4.3. | Beispiel: die metaphorische Tierfabel bei Heinrich Heine | 28 |
| KAPITEL II | KRITIK AM CHRISTENTUM | 33 |
| II.1. | Die Dekonstruktion der Gottesvorstellung | 33 |
| II.1.1. | Das Motiv vom Tod Gottes | 33 |
| II.1.2. | Gründe für den Tod Gottes | 37 |
| II.2. | Konsequenzen aus der These vom Tod Gottes | 41 |
| II.2.1. | Schlußfolgerungen bei Heinrich Heine | 41 |
| II.2.2. | Die religiöse Wende bei Heine | 46 |
| II.2.3. | Schlußfolgerungen bei Friedrich Nietzsche | 48 |
| II.3. | Grundprobleme der Dekonstruktionsphilosophie | 53 |
| II.4. | Kritik der christlichen Moral | 55 |
| KAPITEL III | ANTITHETISCHE PRINZIPIEN UND SYNTHESISVERSUCHE | 66 |
| III.1. | Der Dualismus von Spiritualismus und Sensualismus | 66 |
| III.1.1 | Synthesis: Sensualistischer Pantheismus | 69 |
| III.1.2 | Die Rolle der Phantasie | 72 |
| 2. | Der Leib-Geist-Dualismus | 74 |
| III.2.1. | Die Zerrissenheit der Welt | 74 |
| III.2.2. | Synthesis im Postulat des Übermenschen | 80 |
| III.2.2.1. | Die Leiblichkeit des Ich | 80 |
| III.2.2.2. | Das Projekt des Selbst | 82 |
| III.3. | Nazarener und Hellenen | 86 |
| KAPITEL IV | DIE EWIGE WIEDERKUNFT DES GLEICHEN | 92 |
| IV.1. | Heinrich Heine: Zyklische Geschichtsvorstellung und trostloses Wiederholungsspiel | 92 |
| IV.1.1. | Das zyklische Geschichtsmodell | 92 |
| IV.1.2. | Wiederkunft als Metempsychose und Wiederholungsspiel | 95 |
| IV.2. | Friedrich Nietzsche: Der Wiederkunftsgedanke als erkämpfte Einsicht | 98 |
| IV.2.1. | Das Verhältnis des Machtwillens zur Zeit | 98 |
| IV.2.2. | Zeitimmanenz: Der Augenblick als Jetztpunkt | 101 |
| IV.2.3. | Zeittranszendenz: Der zeitlos kreative Augenblick | 103 |
| SCHLUSSBEMERKUNGEN | 108 | |
| ABBILDUNGEN | 109 | |
| ABKÜRZUNGSVERZEICHNISS | 110 | |
| BIBLIOGRAPHIE | 111 | |
| ERKLÄRUNG | 119 |
II. 4. Kritik der christlichen Moral „Es ist bisher am schlechtesten über Gut und Böse nachgedacht worden: es war dies immer eine zu gefährliche Sache. Das Gewissen, der gute Ruf, die Hölle, unter Umständen selbst die Polizei erlaubten und erlauben keine Unbefangenheit; in Gegenwart der Moral soll eben, wie angesichts jeder Autorität, nicht gedacht, noch weniger geredet werden: hier wird - gehorcht!“125 An diesem Punkt der Untersuchung wird die Kritik an der Moral des Christentums thematisiert, nicht die möglichen Lösungsvorschläge oder Versöhnungskonstruktionen, wie sie uns im Pantheismus bzw. der menschlichen Selbsttranszendenz im Übermenschenpostulat schon begegneten. Wird das Thema der Kritik des Christentums angesprochen, liegt die erste Assoziation naturgemäß wiederum bei Nietzsche, da dieses eines der zentralen Themen in seinem Werk ist und sich in Variationen über seine gesamte Schaffenstätigkeit hinzieht. Eines seiner Bücher, der „Antichrist“, trägt den bezeichnenden Untertitel „Fluch auf das Christentum“.126 Nietzsches Beschäftigung mit Moral, mit moralischen Vorurteilen und ihrer Analyse beginnt mit der Aphorismensammlung „Menschliches, Allzumenschliches“, und führt über die „Morgenröte“ bis hin zu der Streitschrift „Zur Genealogie der Moral“.127 Ich möchte zeigen, daß Heine in wesentlichen Elementen der Kritik durchaus als Nietzsches Vorgänger anzusehen ist. Beide haben sich nachdrücklich gegen die Praxis der religiösen Institutionen gewandt, d.h. sie haben Kritik an der Kirche als Institution geübt. Diese Kritik an der Praxis der jüdischen und christlichen Religion hat Heine viele Feinde eingebracht, weil er die Zustände als Mißstände entlarvte. Er bezieht zwar eindeutige Positionen, man kann ihn aber dennoch keiner der damals bestehenden Interessengruppen zuordnen.128 Eine Kritik an der Kirche als christliche Institution ist sehr schwer von der Kritik an den christlichen Moralvorstellungen zu trennen. Beides geht ineinander über, bedingt sich gegenseitig. Wilhelm Gössmann hat den Versuch gemacht, die Kritik Heines, die sich mit Religion im weitesten Sinne befaßt, in mehrere Themenkreise einzuordnen. Er kommt dabei zu folgendem Ergebnis: [...]
rigen als apriorisch geltenden Universalien und Werte. Wenn aber solche universalen Werte, so verdächtig sie auch sind, bloße Projektionen des Lebens der Menschen (Nietzsche), Resultate des Überbaus der Gesellschaft (Marx) oder sublimierte Ausformungen des Sexualtriebes (Freud) darstellen, ergibt sich ein methodisches Grundproblem: Wie ist es denn möglich, daß aus etwas Vitalem, Vorübergehenden und Partiellen etwas Ideales, Ewiges und Komplexes entsteht? Hier liegen eindeutig kategoriale Vermischungen vor, die unzulässig sind. Neben dieser unzulässigen Rückführung von Universalem auf Zufälliges und Partikulares ergibt sich aber noch ein weiteres Problem: Die tradierten Universalien sind, da sie unglaubwürdig und suspekt zu sein verdächtigt werden, schon von vornherein einer Wertung ausgesetzt, und zwar einer Wertung im Sinne einer Abwertung, einer Denunziation. Solche ethische Diffamierungen kommen aber einer Reduktion gleich, sie leisten keine „objektive“ Phänomenbeschreibung. Ein Grund für diesen naturalistischen Reduktionismus auf psychologische Triebelemente oder Machtprojektionen mag in der fehlenden Differenzierung zwischen Entdeckungszusammenhang, Lernzusammenhang und Geltungszusammenhang liegen, wie ihn die spätere Sozialwissenschaft geleistet hat. Ein drittes Problem gilt es zu benennen: Wie wir sahen, hat Heine angefangen und Nietzsche konsequent fortgesetzt, die Natur von Werten, Ideen und Vorstellungen auf menschliche Projektion, auf geistige Kreationen zurückzuführen, die dem Menschen immanent sind. Aber Ideen wie „Gott“ oder die „selbstgesetzgebende Vernunft“ im kategorischen Imperativ Kants124 können selber nur „Werte“ und „Normen“ sein, indem sie wiederum durch einen geistigen Akt, durch Vollzug immer wieder neu angeeignet werden. Entlarvt Nietzsche solche Aprioritäten als selbst hervorgebrachte, als menschliche Willkür, bleibt doch das Problem, daß sie nicht tot sind, indem sie entlarvt werden und lediglich als „Schatten“ weiterexistieren, sondern durch den ständigen menschlichen Vollzug immer wieder aufs neue ihre Existenz gewinnen. Aber neben diesen angerissenen Problemen bleiben die prophetische Sicht auf die Brüchigkeit und Werteheuchelei im 19. Jahrhundert, die beide Autoren auf ihre Weise erkannten, sowie die Zeitkritik, die beide übten, bestehen. [...]
II. 3. Grundprobleme der Dekonstruktionsphilosophie Im folgenden werden einige Grundprobleme angesprochen, die sich aus den dargestellten radikalen Dekonstruktionsabsichten ergeben. Bei der Analyse der Sprachentstehung im Punkt I. 4. 1. haben wir gesehen, daß ein wesentlicher Punkt darin besteht, daß die Problematik der künstlerischen und kreativen Sprachschöpfung aus lebendigen Anschauungsmetaphern nur in einer begrifflichen, „positivistischen“ Sprache beschreibbar ist. Diese wurde aber als inkompetent disqualifiziert, da sie ihren Entstehungszusammenhang vergaß und mit dem Anspruch auf Absolutheit auftritt, die alleinigen Mittel der „objektiven“ Wahrheitsbeschreibung zu besitzen, obwohl „Wahrheit“ erst durch sie entsteht und gesetzt wird. Nun ist es aber unbestreitbar, daß sich ideelle Sachverhalte wie Ideen (zum Beispiel „Gott“), Ideale (zum Beispiel „Freiheit“), Werte, Normen und Erkenntnisse nicht einfach ändern, sondern daß sie unter Umständen Jahrtausende bestehen, also mit Recht als „universal“ zu bezeichnen sind. Im 19. Jahrhundert ist nun eine breite Bewegung zu verzeichnen, die den Versuch machte, solche ideellen Momente, apriorische Begriffe etc. auf eine naturale Basis, auf bloßes utilitaristisches Denken in Rubriken der Nützlichkeit oder psychologische Triebkategorien zurückzuführen. Neben Nietzsche muß hier vor allem an Feuerbach, Marx und Freud gedacht werden. Der Grund liegt in der fundamentalen Verdächtigung aller bishe54 [...]
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Arbeit zitieren:
Knispel, Karl August 1997: Heinrich Heine und Friedrich Nietzsche, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Christentum, Dualismus, ewige Wiederkunft, Sprache, Tod Gottes



