Heilpädagogisches Voltigieren in der Praxis
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Nina Macher
- Abgabedatum: Februar 2008
- Umfang: 143 Seiten
- Dateigröße: 631,4 KB
- Note: 1,5
- Institution / Hochschule: Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Deutschland
- Bibliografie: ca. 107
- ISBN (eBook): 978-3-8428-0521-7
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Macher, Nina Februar 2008: Heilpädagogisches Voltigieren in der Praxis, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Therapie, Sonderpädagogik, Anthropologie, Pferd, Sozialpädagogik
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Magisterarbeit von Nina Macher
Einleitung:
Die heutige Arbeits- und Lebenswelt der Menschen ist durch tief greifende Veränderungen gekennzeichnet, die das ehemals stabile soziale Gefüge aus den Angeln heben. Die Normalbiographien von früher existieren für einen Großteil der Menschen von heute nicht mehr. War die berufliche Lebenswelt des Einzelnen früher klar strukturiert - erst Schulbesuch, dann Ausbildung und Erwerbstätigkeit in ein und demselben Betrieb bis hin zum Ruhestand - sieht der Mensch von heute sich immer schneller verändernden Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt gegenüber, und auch in der privaten Lebenswelt scheinen die klaren Strukturen von früher, d.h. ein lebenslanger Bund mit einem Ehepartner als Normalfamilie mit gemeinsamen Kindern, nicht mehr zuzutreffen. In Zeiten von steigenden Scheidungsraten, Patchwork-Familien und hoher Arbeitslosigkeit wird die Zukunft des Einzelnen weniger vorhersehbar. Diese Entwicklung gibt dem Menschen Raum für individuelle Pläne und die Möglichkeit der Selbstgestaltung des eigenen Lebens.
War das Leben noch vor 100 Jahren von der immer gegenwärtigen Unsicherheit bezüglich der eigenen Lebensdauer und der ständigen Vorbereitung auf den eigenen Tod, der jederzeit eintreten konnte, geprägt, ist das Leben von heute aufgrund der verbesserten medizinischen Versorgung viel gesicherter und die durchschnittliche Lebenserwartung des Einzelnen ist im Gegensatz zu damals stark angestiegen. Die drei Geiseln der Menschheit - Epidemien, Hunger und Krieg - stellen für den Großteil der westlichen Zivilisation keine Bedrohung mehr dar. Die Weichen für ein planbares und erfülltes Leben wären damit gestellt. Jeder Mensch ist seines eigenen Glückes Schmied und übernimmt somit mehr Eigenverantwortung für die Gestaltung seines Lebens. Die Biographisierung der Lebensläufe betrifft alle Lebensbereiche und setzt schon bei Kindern an. Sie können sich, im Gegensatz zu früheren Generationen, nicht mehr am Vorbild ihrer Eltern orientieren, sondern müssen von Anfang an ihren eigenen Weg gehen. Es entsteht eine pluralistische Gesellschaft mit den verschiedensten individuellen Lebensformen.
Die Individualisierung birgt für die Menschen sowohl Chancen als auch Risiken. Die persönliche Freiheit sich selbst zu verwirklichen, seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und das eigene Leben individuell zu gestalten ist nun größer denn je. Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. Die durch die fortschreitende Zivilisierung, die Globalisierung und den technischen Fortschritt bewirkten Strukturveränderungen vervielfältigen nicht nur die Handlungs- und Entscheidungsspielräume, sondern verstärken auch zunehmend den Druck auf das Individuum zu mehr Eigenverantwortung und drängen fast zur Selbstverwirklichung. ‘Die Erweiterung der Möglichkeitsräume zwingt den Einzelnen zu immer mehr Entscheidungen, bei gleichzeitig wachsender Unsicherheit über die Richtigkeit und den Ausgang einmal getroffener Entscheidungen’.
Die negativen Folgen liegen in der Angst vor einer ungewissen Zukunft, den damit verbundenen Existenzängsten, sowie allgemeiner Verunsicherung. Man entfremdet sich von der eigenen Sinn- und Körperlichkeit und sucht nach Identität, nach echten Erfahrungen, nach Wichtigkeit, nach Spürbarkeit, nach Leiblichkeit und danach, die Möglichkeit zur Selbstbestimmung des eigenen Lebens auch wahrzunehmen. Urvertrauen als erste Vorraussetzung einer befriedigenden Entwicklung des Menschen ist angesichts der gesellschaftlichen Situation schwer zu erlangen. Die in der Postmoderne stattfindende Entfremdung des Menschen und der damit einhergehende Vertrauensverlust führt laut Liebau zu einem Ausschluss von Bildung und zu einem Ausschluss von der Entwicklung der Sinne und der Sinnlichkeit, und damit zu einem Ausschluss von der Teilhabe an der Hochkultur.
Daneben können auch die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt negativ interpretiert werden. ‘Die Grundparadoxie liegt darin, dass Produktivität und Wertschöpfung sich immer stärker vom ‚Faktor Arbeit’ auf den ‚Faktor Kapital’ (und hier besonders auf den ‚Faktor Wissen’) verlagern’. Aus dem einstigen Gemeinschaftsgut ‚Bildung’ wird eine Ressource, um die konkurriert wird und die von der Wirtschaft nicht mehr allgemein, sondern individuell und selektiv gefordert wird.
Der neue Markt ist durch Internationalität und hohe Spezialisierungsgrade gekennzeichnet und wird immer kurzfristiger: Die Lebensdauer von Produkten nimmt laufend ab. Fortwährend entwickeln sich neue Marktsegmente und Branchen, die natürlich auch ständig neue Anforderungen an den Personalmarkt und die Ausbildung des Personals stellen.
Auch in anderen Bereichen kommt es zu einer Pluralisierung der Angebote. Ob im Bereich Religion, Kultur oder im Alltagsleben, nie zuvor lagen dem Einzelnen so viele Gestaltungs- und Entfaltungsmöglichkeiten offen. Dadurch wächst aber zugleich der Anspruch an das Individuum, die von ihm gewählten sozialen Rollen auszufüllen und miteinander in Einklang zu bringen. Für den Fall, dass die verschiedenen Rollen nicht vereinbar sind, kann das zu Identitätsproblemen führen, denn ‘Rollenaneignung und Identitätsbildung hängen […] eng zusammen’. Der postmoderne Mensch lebt in einer ständigen Ambivalenz zwischen dem Annehmen und Ausleben verschiedener Rollen, sowohl auf der Verhaltens- als auch auf der Beziehungsebene, und der dauernden Suche nach einer sicheren und stringenten Komponente in seiner persönlichen Biographie Modernisierung führt […] zu einer dreifachen ‘Individualisierung’: Herauslösung aus historisch vorgegeben Sozialformen und –bindungen im Sinne traditionaler Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge (‘Freisetzungsdimension’), Verlust von traditionalen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen (‘Entzauberungsdimensionen’) und – womit die Bedeutung des Begriffes gleichsam in ihr Gegenteil verkehrt wird – eine neue Art der sozialen Einbindung (‘Kontroll- bzw. Reintegrationsdimensionen’).
Dementsprechend geht die Individualisierung paradoxerweise Hand in Hand mit einer zunehmenden Standardisierung und Institutionalisierung der Lebenslagen. Der Mensch ist auf das soziale Miteinander angewiesen und braucht das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe.
Individualisierung ist nach Liebau also nicht gleichzusetzen mit dem Gewinn von Autonomie, und Freizeit ist nicht gleichzusetzen mit Freiheit. Es entstehen nur andere Formen der Abhängigkeit.
Liebau sieht in der Modernisierung der Gesellschaftsstruktur und den damit einhergehenden Umgestaltungen innerhalb der menschlichen Lebenswelt zugleich eine Veränderung der Vorraussetzungen für die Pädagogik.
Die postmoderne Entwicklung hat die Menschen vor neue Herausforderungen gestellt. Lebensführung und Lebensbewältigung werden vor dem Hintergrund umfassender Erfahrungen von Verschiedenheit und Zufälligkeit zu Aufgaben, die nur noch reflexiv wahrgenommen werden können.
Die neuen Anforderungsprofile zeichnen sich durch mehr Flexibilität aus. Der Mensch muss auch im höheren Alter noch bereit sein, Neues zu lernen und sich auf ungewohnte Situationen einzulassen.
Persönlichkeits- und Selbstorganisationskompetenz werden somit zu zentralen Voraussetzungen, um mit dem Wandel Schritt halten zu können. ‘Entwicklung kreativer Ideen, vorausschauendes Denken und Planen, Problemlösen, Selbstorganisation, Flexibilität und geistige Mobilität zählen zu den heute als notwendig geltenden Befähigungen’.
Die Pädagogik steht indes vor der Aufgabe, den ambivalenten Forderungen der Gesellschaft nachzukommen.
Auf der einen Seite gerät sie in den Sog ökonomischer Instrumentalisierung, in dem sie angehalten wird, dem neuen Sozialcharakter des digitalen Kapitalismus, dem flexiblen, leistungsoffenen und sozial ungebundenen ‘abstract worker’ zuzuarbeiten, andererseits und gleichzeitig aber als Integrationspädagogik für die Masse der Überflüssigen und Ausgegrenzten zu fungieren. […] Aus der Gestaltungsaufforderung ist ein Bewältigungszwang für die Menschen geworden.
Die Pädagogik muss sich also die eben beschriebenen Rahmenbedingungen einlassen und, um die Individuen zu befähigen mit dem gesellschaftlichen Wandel Schritt zu halten, bestehende Konzepte überdenken und eventuell Neue entwickeln.
Besonders für Menschen, deren Dispositionen von denen der Allgemeinheit abweichen, die spezielle Bedürfnisse haben für die in der postmodernen Gesellschaft kein Platz ist, können die genannten Lebensbedingungen zum Problem werden.
Nichtsdestotrotz ist es die Aufgabe der Pädagogik allen Individuen eine Perspektive für ihr gegenwärtiges und zukünftiges Leben aufzeigen und ihnen im Rahmen ihrer individuellen Fähigkeiten zu helfen, funktionierende Mitglieder der Gesellschaft zu werden, die aktiv am kulturellen, sozialen und politischen Leben teilhaben können.
Das heilpädagogische Voltigieren ist ein pädagogisches Konzept, das sich hauptsächlich den Individuen mit von der Norm abweichenden Ausgangsbedingungen verschrieben hat.
Beschreibung der Fragestellung:
In diesem Sinne ist es Ziel dieser Arbeit, anhand einer Beschreibung und anschließender Analyse der Praxis aufzuzeigen, was das heilpädagogische Voltigieren zu einer erfolgreichen Bewältigung der Gegenwart und der Zukunft der teilnehmenden Kinder beitragen kann.
Dazu soll keine Beschreibung dessen, was das heilpädagogische Voltigieren an Veränderungen im Verhalten des einzelnen Kindes bewirkt, vorgenommen werden. Es ist nicht das Ziel, aufzuzeigen, wie das heilpädagogische Voltigieren an den Schwächen des einzelnen Kindes ansetzt, um eventuell festgestellte Defizite aus der Vergangenheit zu beheben. Dies ist bereits in vielen anderen Arbeiten zu diesem Thema unternommen worden und nicht die Aufgabe und der Ansatzpunkt dieser pädagogischen Arbeit.
Die Frage, die dieser Arbeit zugrunde liegt, ist, wie die Praxis des heilpädagogischen Voltigierens dem Menschen - angesichts all der einleitend beschriebenen Probleme mit denen er im Zuge des Lebens in der ‘Risikogesellschaft’ (Beck 1986) konfrontiert ist – helfen kann, sich zu einem zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben befähigten Individuum zu entwickeln.
Welche Elemente enthält das heilpädagogische Voltigieren, die für den Menschen und seine Bildung wichtig sind und wie werden diese Elemente in der Praxis umgesetzt?
Aufbau und Vorgehensweise der Arbeit:
Um dieser Frage nachzugehen, soll im ersten Teil der Arbeit ein theoretischer Grundstock gelegt werden, auf den sich die spätere Analyse der Beobachtung bezieht. Zuerst werden zentrale Überlegungen zu Bildung und Erziehung dargestellt, die im Zusammenhang mit der Fragestellung relevant sind und aufzeigen, welche Inhalte für Erziehungs- und Bildungsprozesse elementar sind. Zum einen wird das Konzept der Allgemeinbildung umrissen. Allgemeinbildung beschreibt den Teil der Bildung, der für jeden Menschen unentbehrlich ist und deswegen in allen pädagogischen Konzepten, also auch dem des heilpädagogischen Voltigierens, berücksichtigt werden sollte. Das Konzept der Schlüsselqualifikationen, welches anschließend vorgestellt wird, zielt darauf ab, den Menschen, durch die Vermittlung grundlegender Kompetenzen, für das Leben in der heutigen Gesellschaft zu qualifizieren. Ein weiterer pädagogischer Ansatz, der sich auf ästhetische Momente bezieht und ebenfalls besonders relevant für den untersuchten Bereich ist, wird im Anschluss kurz skizziert. Als letztes pädagogisches Konzept soll schließlich noch die Werteerziehung dargestellt werden.
Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, was der Mensch ist, was er sein soll, was in seinen Erziehungs- und Bildungsprozessen vorkommen und demnach auch für das heilpädagogische Voltigieren relevant sein sollte. Dazu wird eine Art der anthropologischen Herangehensweise skizziert, die fünf Dimensionen beinhaltet, die den Menschen ausmachen und die Analyse seiner Erziehungs- und Bildungsprozesse erleichtern. Die Dimensionen, nämlich Leiblichkeit, Kulturalität, Sozialität, Subjektivität und Historizität, werden vorgestellt und es wird erläutert, was sie für den Bereich Bildung und Erziehung bedeuten. Dabei wird ein besonderer Fokus auf die Leiblichkeit gelegt. Heilpädagogisches Voltigieren als pädagogisches Konzept, das die leibliche Beziehung des Educanden zum Pferd in den Vordergrund rückt, muss in einer Analyse insbesondere auf diese leibliche Beziehung hin untersucht werden.
Da das Pferd demnach im Prozess des heilpädagogischen Voltigierens einen hohen Stellenwert einnimmt, wird im dritten Kapitel die Beziehung des Menschen zum Pferd erläutert. Es wird die Historie der Beziehung beschrieben und verschiedene Besonderheiten, die der Beziehung zugrunde liegen, werden aufgezeigt.
Im Anschluss daran wird, zum besseren Verständnis der gesamten Arbeit, ein allgemeiner Überblick zum heilpädagogischen Voltigieren gegeben. Die Entwicklung, die Zielgruppen, die Vorgehensweise und der eigentlicher Sinn und Zweck des Einsatzes des Pferdes werden dargelegt.
Das nächste Kapitel beleuchtet die Vorgehensweise des empirischen Teils der Arbeit. Die ausgewählten Erhebungs- und Auswertungsmethoden werden kurz beschrieben und ihr Einsatz wird begründet. Daraufhin wird das Konzept vorgestellt, auf dem die Auswertung beruht.
Im folgenden Kapitel werden die beobachteten Gruppen vorgestellt und, um die später folgende Auswertung besser zu verstehen und die als Beispiel genannten Textstellen besser einordnen zu können, jeweils ein typischer Stundenablauf beschrieben.
Die anschließende Interpretation der Ergebnisse wird anhand von drei sehr weit gefassten Schlüsselkompetenzen vorgenommen und stützt sich auf die zu Beginn der Arbeit vorgestellten theoretischen Überlegungen.
Inhaltsverzeichnis:
| A) | Einleitung | 4 |
| 1. | Gesellschaftliche Rahmenbedingungen | 4 |
| 2. | Beschreibung der Fragestellung | 8 |
| 3. | Aufbau und Vorgehensweise der Arbeit | 8 |
| B) | Theoretische Grundlagen | 10 |
| 1. | Überlegungen zu Bildung und Erziehung | 10 |
| 1.1 | Allgemeinbildung | 10 |
| 1.2 | Begriff der Schlüsselkompetenzen | 11 |
| 1.3 | Ästhetische Erziehung und Bildung | 13 |
| 1.4 | Werteerziehung | 14 |
| 1.5 | Zusammenfassung | 15 |
| 2. | Anthropologische Grundbetrachtung | 16 |
| 2.1 | Allgemeines | 16 |
| 2.2 | Leiblichkeit | 18 |
| 2.3 | Kulturalität | 22 |
| 2.4 | Sozialität | 27 |
| 2.5 | Subjektivität | 29 |
| 2.6 | Historizität | 31 |
| 2.7 | Zusammenfassung | 31 |
| 3. | Beziehung Mensch – Pferd | 33 |
| 3.1 | Historische Entwicklung | 33 |
| 3.2 | Die Besonderheit in der Beziehung des Menschen zum Pferd | 35 |
| 3.2.1 | Natur- und Realitätserlebnis | 36 |
| 3.2.2 | Identifikation, emotionale Bindung und Projektion | 37 |
| 3.2.3 | Macht und Unterwerfung | 39 |
| 3.2.4 | Das Pferd als Spiegel des menschlichen Verhaltens | 40 |
| 3.2.5 | Das Pferd als Handlungsanlass | 41 |
| 4. | Heilpädagogisches Voltigieren | 42 |
| 4.1 | Entwicklung | 42 |
| 4.2 | Verortung | 42 |
| 4.3 | Zielgruppen | 44 |
| 4.4 | Vorgehensweise | 44 |
| 4.5 | Ziel und Zweck des heilpädagogischen Voltigierens | 45 |
| 4.5.1 | Individueller Bereich | 46 |
| 4.5.2 | Sozialer Bereich | 47 |
| 4.6 | Das Beziehungsdreieck Kind – Pferd – Pädagoge | 47 |
| C) | Methodisches Vorgehen | 49 |
| 1. | Methodische Grundlagen | 49 |
| 1.1 | Qualitative Forschung | 49 |
| 1.1.1 | Grundannahmen qualitativer Forschung | 50 |
| 1.1.2 | Kennzeichen qualitativer Forschungspraxis | 51 |
| 1.2 | Erhebungsmethode | 51 |
| 1.2.1 | Untersuchungsplan: (Einzel-)Fallanalyse | 51 |
| 1.2.2 | Untersuchungsverfahren: teilnehmende Beobachtung | 52 |
| 2. | Erstellung, Planung und Durchführung der Erhebung | 53 |
| 2.1 | Stichprobenauswahl und –beschreibung | 53 |
| 2.2 | Durchführung der Beobachtung und Aufbereitung der Daten | 54 |
| 3. | Auswertung | 56 |
| 3.1 | Qualitative Inhaltsanalyse | 56 |
| 3.2 | Vorgehensweise | 57 |
| 4. | Grenzen der Methode | 58 |
| D) | Ergebnisse | 59 |
| 1. | Vorstellung der Gruppen | 59 |
| 1.1 | Verein A | 59 |
| 1.1.1 | Rahmenbedingungen | 59 |
| 1.1.2 | Fallbeispiel I: Maria | 60 |
| 1.1.3 | Fallbeispiel II: Kai und Felix | 62 |
| 1.1.4 | Fallbeispiel III: Lisa und Katja | 65 |
| 1.2 | Verein B | 67 |
| 1.2.1 | Rahmenbedingen | 67 |
| 1.2.2 | Fallbeispiel IV: Andreas, Tanja, Daniela und Julia | 67 |
| 2. | Interpretation | 72 |
| 2.1 | Selbstkompetenz | 72 |
| 2.1.1 | Selbstbewusstsein | 72 |
| 2.1.2 | Eigeninitiative | 74 |
| 2.1.3 | Primärerfahrungen | 75 |
| 2.1.4 | Selbstwahrnehmung durch Fremdwahrnehmung | 76 |
| 2.1.5 | Leibliche Erfahrung | 77 |
| 2.2 | Sozialkompetenz | 79 |
| 2.2.1 | Einfühlungsvermögen | 79 |
| 2.2.2 | Kooperationsfähigkeit | 81 |
| 2.2.3 | Wertschätzung | 83 |
| 2.2.4 | Kommunikationsfähigkeit | 84 |
| 2.3 | Methodenkompetenz | 85 |
| 2.3.1 | Lernfähigkeit | 85 |
| 2.3.2 | Organisationsfähigkeit | 86 |
| 2.3.3 | Reflexionsfähigkeit | 88 |
| 2.3.4 | Medienkompetenz | 89 |
| E) | Fazit | 91 |
| Literaturverzeichnis | 93 | |
| Abbildungsverzeichnis | 99 | |
| Anhang |
Textprobe:
Kapitel 3.2, Die Besonderheit in der Beziehung zum Pferd:
Doch worin liegt die Besonderheit dieses Tieres? Warum ist es nicht aus der westlichen Welt verdrängt oder in Tierparks verbannt worden, als es für Landwirtschaft, Militär und Transportwesen unbedeutend geworden war? Warum wächst der Pferdebestand in Deutschland und anderen Ländern stetig, obwohl das Tier dort keinen wirtschaftlichen Zweck mehr erfüllt und für seine Halter eine nicht unbedeutende finanzielle Belastung darstellt?
Natur- und Realitätserlebnis:
‘In vielfältiger Hinsicht stellt das Pferd eine Alternative zur üblichen Lebenswelt in der technischen Gesellschaft dar, es ist das Ungewöhnliche im Gegensatz zum Alltäglichen, das Kraftvolle im Gegensatz zum Schwachen, das Dynamische im Gegensatz zum Matten, das Schöne im Gegensatz zum Hässlichen, das Edle im Gegensatz zum Gewöhnlichen, das Angesehene im Gegensatz zum Unbeachteten, das Lebendige im Gegensatz zum Toten, das Organische im Gegensatz zum Technischen, das Unreflektierte im Gegensatz zum Absichernden, das Spontane im Gegensatz zum Reaktiven, das Unberechenbare im Gegensatz zum Kalkulierten, schließlich das Fordernde im Gegensatz zur Routine’.
Meyer sieht im Umgang mit dem Pferd einen Ausweg des Menschen aus der hoch technisierten Welt von heute, eine Wendung in die Vergangenheit, in die heile Welt von früher, zurück in die ländliche Idylle.
‘Im Zuge der Endkulturation, der Individuation und der Sozialisation lernen wir, unsere Bindung zueinander abzuwerten und zu ignorieren. Erst die Tiere lassen uns wieder erkennen, daß wir mit anderen Lebewesen verbunden sind. Durch sie erinnern wir uns, wer wir sind. […] Tiere erlauben uns, die Maske abzunehmen und uns ganz natürlich zu verhalten’.
Durch den unmittelbaren Kontakt mit dem Lebewesen, durch die Bewegungen, die er spürt, die Wärme des Pferdekörpers, sein spontanes und unvorhersagbares Verhalten, seine Reaktionen und auch seinen Widerstand, erlebt der Reiter das Pferd als leibhaftiges und reales Dasein.
Auch das gesamte Umfeld des Pferdes ermöglicht dem Menschen die Flucht aus der technischen Welt. Man kommt in Kontakt mit der Natur - auf der Weide, im Stall -, überall eröffnen sich Eindrücke, die alle Sinnesorgane des Menschen ansprechen. Der Geruch von Pferdemist, von Hafer, Heu und Stroh, das Gefühl, wenn der Hafer durch die Hand rinnt, das Putzen der verschmutzten und verschwitzen Pferde, bei dem die Hand das warme Lebewesen berührt und spürt – all diese Sinneseindrücke gewähren dem Menschen eine Begegnung mit der Wirklichkeit.
Die Domestizierbarkeit und Toleranz lässt das Pferd zu einem Wesen werden, das man anfassen kann und – im direkten Sinne des Wortes – begreifen kann. Anders als die tote und kalte Maschine ist das Pferd lebendig: das große warme und weiche Leben, dem man sich unterordnet, das man berührt, streichelt und liebkost, an das man sich anschmiegt, mit dem man schmust, das man küsst – das große, warme, weiche Leben, von dem man sich berühren und bereiben, zupfen, beißen und belecken lässt’.
Identifikation, emotionale Bindung und Projektion:
Der Mensch fühlt sich wohl in der Nähe des Pferdes, er kümmert sich darum fast wie um ein Familienmitglied, und bindet es in sein gesellschaftliches Leben ein. Vor allem bei Reiterinnen sieht man z.B. das Phänomen, dass Satteldecke, Bandagen und sonstiges Reitzubehörperfekt mit der eigenen Reitbekleidung abgestimmt sind. Der Markt für ‘Reitmode’ ist riesig. In der Weihnachtszeit ist es keine Seltenheit mehr, Reiter anzutreffen, die ihr Pferd als Rentier mit großem Geweih oder als Weihnachtsmann mit roter Mütze, verkleidet haben. Auch für nicht-aktive Reiter ist der Markt für Pferdeartikel schier unbegrenzt. Es gibt Pferdebücher, Kleidung mit Abbildungen von Pferden, Bettwäsche, auf der Pferde zu sehen sind, Schmuck, Uhren, Kinderspielzeug, Geschirr, Schlüsselanhänger, Aufkleber und vieles mehr, alles zum Thema Pferd. All das weist darauf hin, dass der Mensch das Pferd nicht nur als Sportgerät betrachtet, sondern eine emotionale Bindung zu ihm aufbaut und sich teilweise mit ihm identifiziert.
‘Identifikation und Projektionen sind nur möglich, wenn eine emotionale Basis in Form von Wertschätzung und wenigstens ein Ansatz von Ähnlichkeit zwischen Subjekt und Identifikationsobjekt gegeben ist. Es müssen sich also zwischen Mensch und Pferd entsprechende Analogien oder Vertrautheiten auffinden lassen, die es gestatten, daß zum Pferd ähnliche Beziehungsformen entwickelt werden, wie im zwischenmenschlichen Bereich’.
Analogien zwischen Mensch und Pferd lassen sich in viele Bereichen erkennen.
Dem Pferd als Herdentier ist die Art des Menschen, seine Zuneigung zu anderen mit Berührungen und Körperkontakt zu äußern, nicht fremd. Von Pferden wird die Fellpflege genutzt, um Beziehungen zu stärken. So vermittelt die Mutter ihrem Fohlen damit z.B. ein Gefühl von Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit. Selbst die ausgewachsenen Artgenossen pflegen und kraulen ihr Fell untereinander, auch wenn dies aus rein hygienischen Gründen nicht nötig wäre. Diese freundschaftliche Beziehung kann das Pferd auch auf den Menschen übertragen. Es lässt die körperliche Nähe seitens des Menschen nicht nur zu, sondern vermag sie auch zu erwidern, was zum Aufbau einer emotionalen Bindung beim Menschen beiträgt.
Doch nicht nur seine Geselligkeit entspricht dem Sozialverhalten des Menschen. Trotz seiner Anpassungsfähigkeit und seinem starken Bedürfnis nach sozialen Kontakten ist jedes Pferd, genau wie der Mensch, ein eigenständiges Individuum. Es hat einen eigenen Platz innerhalb seiner sozialen Gruppe, es erfüllt eine eigene Funktion innerhalb des Gruppengeschehens und es entwickelt individuelle Sympathien. Diese Abgrenzung als eigenständiges Individuum wird auch in der Beziehung zum Menschen deutlich.
Analogien zwischen Pferd und Mensch sind nicht nur im Sozialverhalten, sondern auch rein äußerlich zu finden. Vergleicht man die Statur des Pferdes mit der des Menschen fällt auf, dass sie ihm in Höhe, Breite und in der Beinlänge so ähneln, wie kein anderes Tier. Auch die Anordnung von Kopf, Augen, Nase und Maul entsprechen der des Menschen. Der Bewegungsrhythmus im Schritt und im Trab des Pferdes ist identisch mit dem des Gehens und Laufens des Menschen, weswegen die Bewegungen des Pferdes leicht von der Hüfte und der Wirbelsäule des Reiters aufgefangen werden können und bei richtiger Ausführung ein Gefühl der Verschmelzung erlebt wird, das ausschließlich über den Körper erfahren und deshalb sehr intensiv wahrgenommen wird. Das Pferd wird als ‘Verlängerung unseres eigenen schnell laufenden Körpers’ empfunden. Der Reiter wird ‘ein einziges, dahingaloppierendes, unbezwingliches Wesen, geradezu der berühmte Zentaur der antiken Mythologie’.
Dass nicht die Unterwerfung des Pferdes und seine Nutzung als Reittier Grundlage für die Identifikation und Verehrung waren, zeigt sich daran, dass es dem Menschen schon lange vor seiner Domestizierung als Identifikationsobjekt diente, wovon z. B. die kultischen Verehrungen des Pferdes und der frühere Glaube an Götter in Rossgestalt zeugen. Mit der Erfindung des Reitens und Fahrens intensivierte sich jedoch die Beziehung zum Pferd und es wurde noch mehr zum Objekt menschlicher Projektion von Wünschen und Vorstellungen.
Auch formale Analogien sorgen dafür, dass das Pferd für den Menschen eine angenehme, vertraute und gefällige Erscheinung hat. Als Pflanzenfresser hat es, anders als beispielsweise der Hund, keine übel riechenden Ausscheidungen. Es weist eine starke Hautaktivität und –sensibilität auf und ist außer dem Menschen das einzige Geschöpf, welches über die komplette Hautoberfläche schwitzt. Diese ‘tatsächliche[n] oder vermeintliche[n] charakterliche[n] Analogien sind die Grundlage für seelische Inhalte, die in das Pferd projiziert werden’.
Nimmt man die Freudsche Betrachtung des Pferdes als Archetypus als Ausgangspunkt, so ist auch für alle Lebenslagen der Menschen etwas dabei: es kann die Rolle des hilflosen Kindes einnehmen, die der umsorgenden Mutter, der weisen alten Frau, des weisen alten Mannes, die des beschützenden Vaters oder die Rolle des aggressiven und potenten Partners, um nur einige zu nennen. Es kann als ‘Projektionsleinwand für die verschiedensten Wünsche, Ängste, Gefühle und Träume’ dienen.
Erleichtert wird diese Art der Projektion zudem noch durch das geheimnisvolle Wesen des Pferdes, das vom Menschen nie komplett durchschaubar ist. Sein mystisches Verhalten, seine Verschlossenheit ähnlich einer Katze, lässt Raum für eigene Interpretationen – emotionale Fehlinterpretationen, Anthropomorphisierung und eine Überinterpretation seiner Reaktionen sind die Folge.
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Macher, Nina Februar 2008: Heilpädagogisches Voltigieren in der Praxis, Hamburg: Diplomica Verlag
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